Nachtruf

Conny Hannes Meyer

(Geboren 1931, österreichischer Schriftsteller)

NACHTRUF

so bist du mein bleichendes kind nun 
wo über die treppen das blut rinnt 
wo finsterer rauch in die nacht steigt 
der mond hinter stacheldraht frierend versinkt 
in den gierigen wellen der zeit
dort türmen sie auf unsre haare die waren 
der stolz der uralten verdammten nation
dort gehst du ein träumender sklave im schlaf 
durch den buchenwald meines gebeins 
sie schlachteten all deine schwestern dahin 
auf den steinigen feldwegen sanken sie nieder
die brüder sie wurden zu asche wie ich –
wann nur wann sehn wir uns wieder

Aus: Welch Wort in die Kälte gerufen. Die Judenverfolgung des Dritten Reiches im deutschen Gedicht. Hrsg. Heinz Seydel. Berlin: Verlag der Nation, 1968, S. 356

Mehr siehe Lyrikwiki https://lyrikwiki.de/mediawiki/index.php/Kategorie:Meyer,_Conny_Hannes

Ich will ein guter Vogel sein

Heinz Peter Geißler

Ich komme heute nicht mehr heim
Ich habe einen Traum
Ich will ein guter Vogel sein

Nachts schlafe ich in meinem Baum
Dann esse ich vom Winterbrot
Auf einem alten Weidezaun

Am Himmel wird es früher rot
Ich fliege über einen Weg
Unten liegt ein Ruderboot

Ich weiß nicht, wie es weitergeht 
Jemand zieht an einem Strick 
Die Morgenglocken läuten spät

Da öffnet sich die Tür ein Stück
Ich hole meine Federn ein
Und zieh mich in mein Nest zurück

Aus: Heinz Peter Geißler: Ich geh mir einen Vogel fangen u.a. Schupfart: Engeler, 2021, S. S. 8

Dichter-Müll

Beliebt sind auch Schmähgedichte auf Dichterkollegen. Zumindest wenn die Geschmähten lange tot sind und uns nicht viel bedeuten. Hier eins von Georg Heym. (Entwarnung: lange tot!)

Georg Heym

(* 30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; † 16. Januar 1912 in Gatow)

NOVEMBER

Der wilden Affenscheiße ganze Fülle
Liegt auf der Welt in den Novemberkeiten.
Der Mond ist dumm. Und auf den Straßen schreiten 
Die Regenschirme. Daß man warm sich hülle

In starke Unterhosen schon beizeiten.
Nur Bethge* haust noch auf dem Dichter-Mülle.
Man nehme sein Geschmier. Zum Arschwisch knülle
Man das Papier zum Dienst der Hinterseiten.

Die Martinsgans glänzt in der braunen Pelle.
Stefan george steht in herbstes-staat. 
an Seiner nase hängt der perlen helle.

Ein gelbes Rotztuch blinkt. Ein Auto naht.
Drin sitzt mit Adlerblick die höchste Stelle.
Fanfare tutet: Sellerie Salat.

* oder Benzmann oder Hesse – nach Belieben!

Aus: Georg Heym, Das Werk. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2005, S. 790f

Der Schrei

Heiner Bastian

(* 1943 in Rantau, Kurische Nehrung)

IN JENEM IKONISCHEN BILD eines entsetzten Schreis 
das Edward Munch 1893 unter einem roten Himmel malte
gerät die Sprache, die wir für das Bild suchen, auf einmal in das Reich 
der Unklarheit und wird Gegenstand eines unsinnigen Fabulierens

Ein seltsam umgreifendes Diktum des Erlebens spricht 
und die Möglichkeit einer Illusion all unserer Zeichen erfaßt uns 
als etwas Unbegrenztes außerhalb aller Regeln

Heute Abend wäre es angemessen, ganz und gar zu schweigen 
aber in der Sinnlichkeit des Bildes verwerfen wir diesen Gedanken 
denn wir glauben an die unverbrüchliche Klarheit der Ästhetik 
und doch ist sie nur das Reich der Unverbindlichkeit

Das »Unsagbare«, sagt Ludwig Wittgenstein,
»ist das, was sich zeigt im Sagen des Sagbaren«

Heute Abend treiben die Plejaden die Wolken hin und her 
unter einem roten Himmel ein mystisches Schauspiel ohne Worte

Aber das Bild des entsetzten Schreis ist das Bild einer wahren Empfindung
es ist das Bild einer einzigen Welt, die wir als Sprache haben

Aus: Poesiealbum 376. Heiner Bastian. Auswahl Michael Krüger. Bilder von Cy Twombly. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2023, S. 12f

Mehr zu schaun

Ulf Annel

Beobachter am Strand 
                             für Eugen Gomringer

Große Leute, kleine Leute, 
dicke Leute, dünne Leute 
und dazwischen ein paar Bräute.

Schmale Frauen, breite Frauen, 
Stangenfrauen, Kugelfrauen.
Höchste Zeit, hier abzuhauen!

Nein, er bleibt am Strand. Natürlich 
ändert sich der Blick figürlich.
Schönheit ist oft singulär.
Er kommt täglich wieder her.

Weiße Segel, rote Segel, 
spitze Segel, runde Segel.
Er ist ja kein Spannerflegel.
Es gibt noch viel mehr zu schaun.

Doch am schönsten sind die Frau'n.

Aus: Poesiealbum 375. Ulf Annel. Auswahl Matthias Biskupek† und Siegfried Nucke. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2023, S. 8.

Herr Stimmung

Eins von Keith Waldrop wollte ich noch.

Herr Stimmung über Transparenz

Für Menschen eines bestimmten Temperamentes gibt es nichts Schlimmeres, als die Vorstellung, es gäbe etwas Verstecktes, Geheimes, ihnen Vorenthaltenes. Besonders wenn sie vermuten, dass jemand anderer davon weiß und es vielleicht sogar heimtückisch zurückhält.

D. H. Lawrence scheint der Gedanke furchtbar irritiert zu haben, dass andere Menschen Sex hätten und ihm nichts davon sagten.

Freud auch.

Tja, und dann hat es Freud so eingerichtet, dass jeder drüber sprechen musste.

Seine Psychoanalyse bringt Licht in die Tiefen und Transparenz in unsere verworrenen Windungen, und das bis zu dem Punkt, an dem das ICH alles bis runter zum ES sehen kann.

Und der Vorgang setzt sich nach außen in sich vergrößernden Ringen fort:

Der Meister analysiert seine Schüler, die dabei – jetzt transparent – auch Meister werden und sich ihrerseits Patienten oder Schülern zuwenden und sie analysieren.

Sodass es irgendwann keine Geheimnisse mehr gibt.

Außer natürlich die des ersten Meisters, des Selbst-Analysierten.

In anderen Worten:
Er, der einzig Private, der einzig Undurchleuchtete. Das opake Zentrum Seines universellen Panoptikums.

Während wir nur Seine Worte sehen, Seine Tochter, Seine Zigarre.

Armer Lawrence.

Deutsch von David Frühauf. Aus: keith waldrop: gravitationen 2. ausgewählte gedichte (2000-2009). herausgegeben von david frühauf und jan kuhlbrodt. Frankfurt/Main: gutleut, 2018, S. 24ff

Herr Stimmung on Transparency

To those of a certain temperament, there is nothing worse than the thought of something hidden, secret, withheld from their knowing— especially if they suspect that another knows about it and has even, perhaps, connived at keeping it concealed.

D. H. Lawrence seems to have been irritated no end by the thought that people were having sex and not telling him.

Freud too.

—Ah but then Freud arranged it so that everyone had to tell.

His psychoanalysis lights up the depths, makes our tangled web transparent, to the point where I can see all the way down to It.

And the process moves outward in increasing rings:

The Master analyses his disciples. Who thereby—transparent now—become masters and, in turn, take on others, patients or disciples, to analyse.

So that eventually there are no secrets.

Except, of course, those of the first Master, the Self-Analysed.

Which is to say, the only private One, sole Unrevealed. Opaque center of His universal panopticon.

While we see only His words, His daughter, His cigar.

Poor Lawrence.

Logikbuch

Hans Flesch-Brunningen 

(* 5. Februar 1895 in Brünn, Österreich-Ungarn; † 1. August 1981 in Bad Ischl, Oberösterreich)

Am Rande eines Logikbuches steht:

Freundin – –
Meine Beziehungen zu dir sind seltsam.
Ich liebe dich – – 
Soweit ich über dies Leben urteilen kann.
Jedenfalls freut es mich wahnsinnig, 
Wenn du mich anschaust – –

Schenk' mir, bitte, deinen blaßgelben Handschuh, 
Denn ich bin Fetischist
–––––
Und einmal wirst du mich auch sicher küssen.

Oh, deine Kinderaugen.

Aus: Hartmut Geerken (Hg.): Dich süße Sau nenn ich die Pest von Schmargendorf. Erotische Gedichte des Expressionismus. München: btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House, 2006 (Originalausgabe 2003 yedermann Verlag), S. 111

Bei den Seneca

Jerome Rothenberg

A SENECA MEMORY

At Harry Watt's old place 
above the Allegany River
Leo Cooper tells me:
"I could have been the first
"American Indian
"rabbi         were it not for my love
"of pork
EINE SENECA-REMINISZENZ

Im alten Haus von Harry Watts 
oben am Allegany River 
erzählt mir Leo Cooper:
»Ich hätte der erste
»amerikanisch-indianische
»Rabbi werden können       wäre da nicht meine Liebe
»zu Schweinefleisch

Deutsch von Barbara Felicitas Tax und Norbert Lange, aus: Jerome Rothenberg: A Seneca Journal (1978). Ein Seneca-Journal. Aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Felicitas Tax und Norbert Lange. Moloko Print, 2022, S. 152f.

Die Seneca sind einer der sechs Stämme der Irokesenliga im Staat New York.

Alkmans Nachtlied

Mit dem alten Sparta verbindet man im allgemeinen die Vorstellung von einer Art permanentem Heerlager, in dem man die Kinder sobald wie möglich den Müttern wegnahm, um sie allem erdenklichen Drill und grausamen Mutproben zu unterwerfen und zwischendurch nur kärglich mit der berüchtigten schwarzen Suppe zu füttern – Sparta, das ist der Gleichschritt marschierender Heere, die Heimat der unüberbietbar knappen, ›lakonischen‹ Antworten, der Staat, der große Teile der Peloponnes brutal versklavte. Können wir es uns vorstellen, daß es einmal eine Zeit gab, zu der in diesem Staatswesen ein Dichter und Musiker höchstes Ansehen genoß, der zarte Lyrik schrieb, der Mädchenchöre für Götterfeste einstudierte und Gesang und Tanz auf der Kithara begleitete? Diesen Mann gab es tatsächlich; er lebte in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr., hieß Alkman…

Aus: Gerhard Fink, DIE GRIECHISCHE SPRACHE. Eine Einführung und eine kurze Grammatik des Griechischen. Düsseldorf: Patmos, 2006, S. 37.

Aus diesem Buch stammt auch das heutige Gedicht von Alkman. Es ist vielleicht das schönste Beispiel griechischer Naturlyrik (und wird oft mit Goethes „Wanderers Nachtlied“ verglichen – Goethe könnte es sogar gekannt haben, es wurde 1773 veröffentlicht). 

Alkman 

(Ἀλκμάν Alkmán) war ein altgriechischer Chorlyriker des 7. Jahrhunderts v. Chr. aus Sparta. Er ist der älteste Dichter des alexandrinischen Kanons der neun Lyriker. (Wikipedia)

Ebd. S. 38

Wir

Li Lichun

(Geboren 1961 in Guangzhou, China)

Diese Schar

Wir diese Schar von Leuten sind keine Dichter 
Wir haben weder allzu übertriebene Illusionen 
noch allzu viele verwirrte Gedanken 
Wie leben? Darüber müssen wir nicht reden 
Wir streben nach Geld und verabscheuen es zugleich 
Wir strengen uns sehr an es zu verdienen und wieder 
    auszugeben
Wir rauchen, trinken und tanzen wie Cowboys
Wir schlendern auf der Straße, amüsieren uns und singen 
    Schlager
Ab und zu gehen wir mit Frauen ans Seeufer, in den Schatten 
     der Bäume, und erfreuen uns des Liebesspiels 
Deswegen sagen manche Leute wir suchten nur das
    Vergnügen
Sie sagen sogar es sei eine latente Krise vorhanden
Laßt das! Durch Tadeln kann das Leben nicht ersetzt werden 
Von Depression und Melancholie wissen wir nichts 
Fade Belehrungen mögen wir nicht
Jeden Tag leben wir auf unsere Art und Weise auf dieser Welt
Manchmal sind wir sehr dick manchmal aber sehr dünn 
Ab und zu sind wir sehr fleißig, dann auch wieder ziemlich
    faul
Tagsüber streunen wir ungekämmt und ungewaschen durch 
    die Gegend, abends sind wir dann schön und 
    sorgfältig gekleidet
Manchmal sind wir sehr böse manchmal sehr zärtlich
Wir fühlen uns grundlos glücklich
Wir fischen aus der Tasche einen zerbrochenen Spiegel und
    sehen
den plötzlich gewachsenen harten Bart und bemerken erst
    jetzt
wie reif wir geworden sind und voller Leidenschaft
Wir entsinnen uns plötzlich vor langen Jahren einige
    Schriftzeichen gelernt zu haben
Schon damals haben wir versucht zu dichten 
ohne viel an Reim und Motiv herumzufeilen 
Wir diese Schar von Leuten sind alle Dichter

Aus dem Chinesischen von Zhang Yi aus: Chinesische Lyrik der Gegenwart. Chinesisch/Deutsch. Ausgewählt, kommentiert und herausgegeben von Lü Yuan und Winfried Woesler unter Mitwirkung von Zhang Yushu. Stuttgart: Reclam, 1992, S. 152ff

Er ist Bauarbeiter in Shenzhen, der Wirtschaftssonderzone, und schreibt in der Freizeit Gedichte. Vom Stil her gehört er zu der »Studentendichter-Gruppe«. Er hatte wenig Kontakt zu literarischen und künstlerischen Kreisen. Mit seinem Gedichtzyklus Diese Gruppe gewann er die Aufmerksamkeit der Autoren und des Publikums.

Aus: Arbeiterzeitung der Wirtschaftlichen Sonderzonen. 28. Mai 1986. (Ebd. S. 359)

Viele Sprachen

Bei Dao

(chinesisch 北岛, Pinyin Běidǎo; * 2. August 1949 in Peking)

SPRACHE

Viele Sprachen
sind in der Welt unterwegs
Beim Zusammenstoß entstehen Funken 
mal Haß, 
mal Liebe

Das hohe Haus der Vernunft 
bricht gerade stumm in sich zusammen 
Ein Korb, geflochten aus Gedanken 
flach wie Bambussplitter 
ist vollgestopft mit blinden Giftpilzen

Vierfüßler auf der Felswand 
huschen über Blumen
Ein Löwenzahn wächst heimlich 
in irgendeinem Winkel
Der Wind hat seinen Samen fortgetragen

Viele Sprachen
sind in der Welt unterwegs
Ihre Produkte
machen das stille Leid der Menschheit 
weder leichter noch schwerer

Aus dem Chinesischen von Wolfgang Kubin, aus: L•U•F•T•F•R•A•C•H•T. Internationale Poesie 1940 bis 1990. Ausgewählt von Harald Hartung. Frankfurt am Main: Eichborn, 1991, S. 347

Himmlische Phänomene

Noch ein Text von Keith Waldrop aus „Potential Random“, übersetzt von Tim Holland und Barbara Tax. Etwas über Himmelskörper.

Potential Random X

        Kein Zählen der 
        Toten und derer, 
        die sterben werden.

Kant dachte, die Erde hätte einmal wie Saturn einen Ring gehabt. Dieser hätte aus wässrigen Schwaden bestanden und umkreiste die Erde in einer Schönheit, die von den Bewohnern der Erde betrachtet und bewundert wurde.

Verloren ging damit für die Überlebenden, das heißt für uns, der Anblick dieses Rings in der höheren Atmosphäre, und damit das allerschönste Bild, vom Boden des Paradieses oder von einem jungen Planeten aus gesehen. Was geblieben ist, ist der Regenbogen – eine matte Erinnerung an den verlorenen Glanz.

Im Lauf der Zeit, durch die Bewegung eines Kometen oder aus einem anderen Grund, lösten sich die Wasser des Rings und stürzten zur Erde. In dieser Sintflut ging der größere Teil der sündigen Menschheit unter.

        Im Mittelpunkt von jedem 
        System steht ein brennender
        Körper.

        Helle Sonne zwischen
        Weinstock und Feigenbaum.

        Zufällig haben
        Sonne und Mond
        genau die gleiche Größe.

        Himmlische Phänomene – es gibt 
        so viele Sterne – verschmelzen entlang 
        meiner Blickachse.

        Direkt vor meinen Augen lässt sich 
        eine Spinne herunter – langsam, total 
        weit weg, bis runter auf Augenhöhe.

        Die Erde dreht sich im
        Kranz der Sonne.

        Hochebenen im 
        Staub, und auch 
        Elefanten, ach.

        Hundert Meilen Umbra
        über unzähligen
        Flächen Tundra.

        Ich versuche, mir einen 
        Reim zu machen, in dem dahinter 
        nicht hinterrücks ist.

        Es deutet auf die 
        Idee eines Vogels hin.

        Monströse Farben 
        bestimmter Dinge.

        Monströse Dinge 
        unbestimmter Farbe.

        Man muss sich entscheiden zwischen 
        dem Leben
        und dem, was das Leben birgt.

        Sonnenflecken gefrieren auf der Stelle.

        Einen Strom entlang reisen, 
        die Straße unberechenbar.

        Prassern und Henkern
        geht es gut in der eroberten 
        Stadt.

        Was wollte ich nur immer 
        sagen, aber 
        wie, in diesem Moment.

Potential Random X

        No counting the
        number of the dead, the number 
        of those who will die.

Kant thought Earth had at one time, like Saturn, a ring. Composed of watery vapors, it encircled the world in beauty, to be regarded and appreciated by Earth’s inhabitants.

In the course of time, from the action of a comet or other cause, the waters composing that ring were loosed and fell upon Earth and in that deluge the greater part of a sinful mankind perished.

Lost thereby, for the survivors, which is to say, for us: the sight of that ring in the upper air, the most exquisite view from the surface of Paradise or a young planet – our rainbow a faint reminder of the glory lost.

        At the center of every 
        system is a flaming 
        body.

        Bright sun between 
        grapevine and fig tree.

        By coincidence, 
        sun and moon
        are exactly the same size.

        Celestial phenomena – there are 
        so many stars – merge along 
        my line of sight.

        Directly before my eye descends 
        a spider – slowly, a ways 
        away, just down to eye-level.

        Earth spins in the 
        sun's corona.

        High countries in the 
        dust, and also 
        elephants, alas.

        A hundred miles of 
        umbra over un-
        counted acres of tundra.

        I try to find some 
        sense in which behind is 
        not in back of.

        It suggests the 
        idea of a bird.

        Monstrous colors on 
        certain things.

        Monstrous things in 
        uncertain colors.

        One has to choose between 
        life
        and what life contains.

        Sunspots freeze in place.

        Traveling some current, the 
        road imponderable.

        Wastrel and hangman 
        thrive in the conquered 
        city.

        What have I ever wanted to 
        say, but
        how at this moment.

Aus: keith waldrop: gravitationen 2. ausgewählte gedichte (2000-2009). herausgegeben von david frühauf und jan kuhlbrodt. Frankfurt/Main: gutleut, 2018, S. 24ff

Zum Tod von Keith Waldrop

Ich blättere lange im zweiten Band der Gedichtauswahl „Gravitationen“ des amerikanischen Dichters Keith Waldrop, der am 27. Juli gestorben ist. Ich müsste das Buch abschreiben. Kompromiss: wenigstens 3 Texte. Heute ein kurzer.

Potential Random XV

Three lists remain: The first 
is a list of the living,

who are now dead. The second records 
the saints and martyrs, those

who laid down their lives to 
be with Jesus. They fly to Him,

to miss the long repose.
The third list

is a list of the dead.
Potential Random XV

Drei Listen bleiben: Die erste 
ist eine Liste der Lebenden,

die jetzt tot sind. Auf der zweiten Liste: 
die Heiligen und die Märtyrer, die

ihr Leben hingaben, um mit 
Jesus zu sein. Sie steigen zu ihm auf,

um der langen Grabesruhe zu entgehen.
Die dritte Liste

ist eine Liste der Toten.

Der Zyklus „Potential Random“ wurde von Tim Holland und Barbara Tax übersetzt. Aus: keith waldrop: gravitationen 2. ausgewählte gedichte (2000-2009). herausgegeben von david frühauf und jan kuhlbrodt. Frankfurt/Main: gutleut, 2018.

Alba, Loschwitz

L&Poe featuring Versnetze. Heute:

Bertram Reinecke

Alba, Loschwitz

Vereinzelt schwimmen Lichter von den Hängen 
Wie Weinstein der sich setzt in trüben Flaschen
Erstorben sind die hektischen und raschen 
Bewegungen der Stadt, nur Nebel drängen

Man ahnt mehr als man sieht, paar Armeslängen
Entfernt die Äste anskizziert mit laschen 
Pinseln, selbst die Vögel sind verwaschen 
Nur gries getupfte Reste von Gesängen.

Ein fremder Àther hat die Stadt gefressen
Von drunten wälzt sich stumm der große Fluss
Als Nebel hoch und höher unermessen.

Hier blieb ich gerne, nicht bloß mit Verdruss 
Wüsst ich nicht heimlich ebenso indessen 
Dass solche Pracht auch wieder schwinden muss.

Aus: Versnetze_zehn. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2017. S. 27

das Einhorn in seinem Garten

Silke Peters

Das Einhorn

das Einhorn in seinem Garten / wir sind eingestiegen / 
eingebrochen / die lockeren Ziegel fallen / unter der Mauer / 
der Efeu an ihren Händen / die Wirbel / die Stimme rutscht aus 
/ dies ist kein leck geschlagenes Beisammensein / und du 
zahlst Dieter / diesmal nehmen wir den Rest / der Regen 
rauscht glatt durch / wie geschmiert / messerscharfes Klirren
/ der eingelegte Guppy ist das Typusexemplar / er hat sich 
entfärbt / das leichte Aufleuchten wenn sie sich in ihrem Glas 
drehen / die reinste Teleskopage ist das / dann gilt alles als 
ein Blatt in der Heraldik / es gibt Chancen / die du dir von 
der anderen Seite aus ansehen kannst / wie nachträgliche
Satzzeichen

Aus: Versnetze fünf. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Herausgegeben von Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2012, S. 47