L&Poe Journal #03
Reiner Kunze (* 16. August 1933 in Oelsnitz/Erzgeb.)
1968 erschien als Nummer 11 der Heftreihe Poesiealbum ein Heft mit Gedichten von Reiner Kunze. Es wurde ein Geheimtipp unter Eingeweihten, Verse als Schibboleth:
einladung zu einer tasse jasmintee Treten Sie ein, legen Sie Ihre traurigkeit ab, hier dürfen Sie schweigen
Verse als Trost. Von Kunze hatte man Vages gehört, er galt als halb verboten oder zumindest unbequem. Im ersten Gedichtband von Volker Braun, Provokation für mich (1965) gibt es ein Gedicht mit dem Titel R. In einer dem Buch vorangestellten Anmerkung schreibt Braun: „R. ist meinem Freund Reiner Kunze, gebürtig zu Oelsnitz im Erzgebirge, gewidmet.“ Das Gedicht spricht vom Verlorengehen, es endet so:
2 Darf auch nur ein Mensch Allein treiben im Schiff seiner Lust? Darf auch nur ein Mensch Fliegen am Mast seiner Ungeduld? Darf auch nur ein Mensch Verlorengehn? 3 Hier?
Lesenlernen konnte heißen, den intertextuellen Verweisungen der Dichter nachzugehen. Speziell bei Volker Braun auch, die Veränderungen von Auflage zu Auflage zu kollationieren (das Wort lernte ich später im Germanistikstudium, aber ich praktizierte es schon). (Manche meiner westdeutschen Freunde mögen meinen Hang zur Philologie für altmodisch-ideologisch halten – ich glaube, dass er im Zwang meiner damaligen Lektüre wurzelt, durch genaues Hinsehen zu verstehen, was kein Lehrer und kein Spiegel erklärte.) 1973 erschien Brauns Band in vierter Auflage, der Waschzettel sagt nur: „Vierte Auflage. Die Sammlung in ihrer endgültigen Gestalt.“ Das Gedicht für Kunze ist noch drin, im Wortlaut unverändert, nur heißt der Titel jetzt „Einer“ statt „R.“ Die Anmerkungen stehen jetzt nicht mehr vorn, sondern hinten im Buch, diese eine lautet jetzt „Einer erinnert an Reiner Kunze.“ Wichtig für den DDR-Leser war nicht, ob die Freundschaft in die Brüche gegangen war, sondern dass der Name noch genannt wird. Das übliche stalinistische Verfahren, das auch im Poststalinismus meiner Jugend noch unverändert praktiziert wurde, war, missliebige Namen zu verschweigen.
Ich lebte in der Provinz, in der Region Weißenfels, Poesiealbum gab es für 90 Pfennig am Zeitungskiosk. Das Poesiealbum 11 wurde übrigens im August 1968 ausgeliefert, exakt am Tag des Einmarsches der „Bruderstaaten“ in die Tschechoslowakei, um den dortigen Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz abzuwürgen. Bestimmt gab es viel Stress im Verlag dann.
Ein weiteres Schlüsselgedicht aus dem Poesiealbum.
sensible wege Sensibel ist die erde über den quellen: kein baum darf gefällt, keine wurzel gerodet werden Es sei bei strafe des versiegens Wie viele bäume werden gefällt, wie viele wurzeln gerodet in uns
Seit jener Zeit habe ich die Angewohnheit, Gedichte so oft zu lesen, dass Fragmente und ganze Gedichte im Gedächtnis haften. So auch dieses. Deshalb stolpere ich jedes Mal, wenn ich dieses Gedicht in einer anderen Ausgabe als dem Poesiealbum von 1968 lese, über eine kleine Abweichung. In dem bei Rowohlt zuerst 1969 erschienenen Band Sensible Wege (den ich erst viel später kaufen konnte) lauten die Zeilen 5 und 6:
Die quellen könnten versiegen.
Kein großer Unterschied, aber mein Rhythmusgedächtnis schlägt Alarm.
Ein paar Jahre später, im Studium in Rostock, gab es einen Literaturklub, eine Freundin arbeitete dort mit. Volker Braun, Bernd Jentzsch, Jurek Becker, Fritz Rudolf Fries, viele lasen dort. Ich schlug der Freundin vor, Kunze einzuladen. Der Vorschlag wurde angenommen, Träger des Literaturklubs war die Jugendorganisation FDJ (die Macher waren aber eben Studenten). Kunze antwortete auf die Einladung: er sei es nicht gewöhnt, dass die FDJ ihn einlade, und wohl auch, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen könne. Wenige Jahre später wurde er aus dem Land getrieben.


Volker Sielaff
Poetik VI Ich frage den Kellner: »Kennst du Ismail Kadare?« »Junge, das ist unser Größter, aber lies auch Naim Frashëri!« Man muss die Leute fragen, ob sie ihre Dichter kennen. Das ist gut für die Dichter: So wächst ihr Ruhm.
Aus: Volker Sielaff: Ovids Würfelspiel. Epigramme und andere kurze Gedichte. Leipzig: Poetenladen, 2023, S. 21
L&Poe Journal #03
Lyrik zum Schmökern
Das pralle peinliche Leben verdichtet im Kompendium „Der Osten leuchtet. Poetische Töne aus Europa“, hg. v Ralf-Rainer Rygulla und Marco Sagurna
Von Paula C. Georges
Im Dorf / bleibt der Mensch mit sich selbst allein (Gleb Schulpjakow)
Dafür knallt der Schmerz Nummer dreizehn richtig (Waleri Semskich)
Ein Lesemarathon sei das gewesen. Jedes einzelne in Frage kommende Gedicht abgeschrieben, vorgelesen, der besonderen poetischen Töne wegen, die im Westen so nicht praktiziert würden.
92 Autor:innen mit Wurzeln aus 21 Ländern und ihre Übersetzer:innen haben die Herausgeber schließlich ausgewählt in ein 400 Seiten schweres, großzügig gesetztes Kompendium. Und das Schönste: Es wird nie langweilig zu lesen!
Witz, Wut, Widerstand prägen den Beat dieser erzählenden Verse.
Wortbabys suchten mit dem Mund die Brüste der Dinge. (Rodica Draghincescu). Und die Dinge phantasmagorieren: Ottó Tolnai, findet in einem Handschuh ein fünfgliedriges Engelsgeschlechtsteil. Gleb Schulpjakows Mantel macht sich über einen Menschen her: und der Mensch hängt in der Garderobe, /vergessen, nutzlos, / und atmet schwer, / mit dem ausgestreckten / rosafarbenen Futter
Mütter und Väter werden besungen, Alltag, der Nonsens der Politik.
Meine Mutter ist mein Kind: Lasst uns unsere Mutter wie ein Kind adoptieren […] Lasst sie ihre grauhaarigen Köpfe an unsere Brust lehnen … ein Wiegenlied für die Hände meiner Mutter. ( Likokeli, Albanien)
Der Dichter Nschan Abasjan aus Armenien schreibt ein Gedicht über seinen Vater, der sich nicht mit wichtigen Weltfragen befasst. Vielmehr versuche er mit einer Kerze die jungen Gemüsepflanzen vor dem Erfrieren zu retten.
Keine Angst vor dem Gewöhnlichen: Ein Apfelstrudelrezept sei die Lyrik, die seine Mutter lese, so Georgi Gospodinov: bäckst du es, wird es Strudel, doch bis dahin ist es ein Gedicht. Grüß dich, Drillbohrer – Semjon Hanin über eine Kunden-Handwerker-Situation. Nicht aufgeben, nicht aufgeben, ermuntert Jan Faktor einen jungen Georg, dessen leer gebliebene Folgen vergeblicher Lyrikversuche komisch gelistet werden.
Manche Gedichte entstehen, indem sie ihr Verhindern beschreiben: Selbstironisch zählt Eka Kewanischwili in einem langen Haushaltstagstext auf, wie ein Gedicht dann schließlich nichtsdestotrotz entsteht: Und wusch / und bügelte und räumte auf / und wischte ab. / Und schrieb dies hier, dieses Gedicht das Eka Kewanischwili / schon den ganzen lieben Tag lang schreiben wollte.
Staat und Gesellschaft kommen nur despektierlich oder als Tortur vor: in der Nähe tagte das Kroatische Parlament, / deshalb ist mir nur Unsinn eingefallen, / gefährlicher Unsinn. (Marco Pocaĉar)
Andrei Sen-Senkow, berichtet von ausgeklügelten minimalinvasiven Methoden der Stasi, die Menschen in ihren Wohnungen um den Verstand bringen … über Monate hinweg. In Arpi Woskanjans, Seminar über Staatsführung wird vor Rückzug und Einsamkeit gewarnt, weil der einsame Mensch nachdenkt und daraus kein / Nutzen erwächst, sondern nur Gefahr.
Gewalt, Krieg – so präsent, dass Bela Chekurishvilis Stimmen behaupten: Das ist doch gar kein echter Krieg […] Wir haben uns an diesen Krach gewöhnt./ Sie schießen ja auch nicht rund um die Uhr / und die Milizen lernen langsam, wie man sich benimmt, / sie sind jetzt schon viel netter als am Anfang.
Anna Terék aus Serbien findet die zerschossenen Scheiben /der Autos am schönsten. lma Rakusa betrachtet eine Brille: ein Flaumgewicht / der es trug, fiel auf einem / Feld in Galizien neunzehn / hundertsechzehn […] Blicke, die sich in keinem Jenseits treffen.
Diese Nacht, wie Panzer rollt sie / über mein Hirn, schreibt Amanda Aizpuriete, Lettland. Miodrag Pavlović aus Serbien ist sich sicher: sie werden dem neuen Sterben ihre Jugend leihen. Von unseren Sofatruppen spricht der Ukrainer Alexander Kabanow in Facebook-Post. Aber: wir hören nicht auf zu singen / über dem Abgrund des Krieges, versichert (sich?) der Belarusse Dimitri Strozew.
Eine auf Alkoholismus konditionierte uniformierte Männlichkeit bedroht Frauen, Kinder, Andersartige. Scharen von Neonazis schwankten wie Algen. (Sergej Tenjatnikow). Anna Teréks Jelena hofft, nie wieder einen Jungen zu bekommen, damit dieses Kind keinen Schnaps trinken muss.
Für Sergej Tenjatnikow ist auch der Tourist ein Eroberer und Zerstörer: du ziehst in eine Stadt wie der Sieger ein /[…] probierst die Lebensweise eines Aristokraten.
Den Ländern des Balkan sei es unmöglich / das gleiche zu träumen (Luljeta Lleshanaku). In Georgi Gospodinovs Abzählreim reimt sich: Bulgarien ist ein Löwe / vor einem Schälchen Meer / der Ozean blutig ringsumher
Ihr Klagevorrat sei in diesen Tagen wie geplündert, konstatiert Dagmara Kraus. In ihrem wehbuch entwirft die polnisch-deutsche Lyrikerin einen mehrteiligen Zyklus antiker Klageriten. Bei einer Staatsbestattung habe man sich professionelle Träner gegönnt, um angemessen durchzujammern.
Poesie, Tiere und das Vergehen dauern.
In manchen Gegenden gebe es mehr Poeten / als alle Raubtiere zusammen genommen Eugeniusz Tkaczyszyn-Dyckis Schmetterling […] beglückt oder beunglückt in Anbetracht / der Tatsache dass er von nirgendwo herflog. Dimitri Wodennikow schreibt seitenlang Verse auf eine Hündin, nach deren Tod sich Gott über ihn beugen werde mit seinem riesigen, listigen Maul wie ein himmlischer Bernhardiner.
Aber wer schert sich heute noch um Lyrik: wie schade, dass man wegen Gedichten /nicht mehr verbannt, getötet wird wie früher (Alexander Kabanow)
So viele Dinge habe man gelernt in diesem Bildungsroman mit Ende, der Tod komme darin nicht vor: zu seinen Schmerzen zu sprechen / an einer Krücke zu gehen / […] und jetzt geht er / vorbereitet auf etwas / das wir nicht kennen (Georgi Gospodinow). meine rippen vermache ich gott zu künftigen evas (Faruk Ŝehiĉ). Wir hatten eine kleine Teenytochter, klagt Nese Yasin. Ein Glaubenwollen [..] Wenn ich sterbe / werde ich so tun als wenn es nicht so wäre / damit du nicht traurig sein musst.
Die Herausgeber deuten es im Vorwort bereits an. Diese Gedichte würden in den hiesigen Lyrikpreismoden vermutlich eher ignoriert: zu wenig ziseliert, zu wenig Pop, zu wenig autonom von den Mühen und dem Saft des gelebten Lebens. Ich finde sie spannend.
Ralf-Rainer Rygulla / Marco Sagurna (Hge.) Der Osten leuchtet: Poetische Töne aus Europa. Axel Dielmann-Verlag Frankfurt, 2022 , großformatiges Paperback 400 Seiten, (ISBN 978-3-86638-306-7)
Heute vor 40 Jahren starb der Schweizer Lyriker Rainer Brambach (* 22. Januar 1917 in Basel; † 14. August 1983 ebenda).
Mond So einfache Sachen wie Kühe melken, Begonien begießen, damit sie nicht welken, Kopfsprung ins Wasser, Rasen mähen, beim Pistonblasen die Backen aufblähen, beim Überqueren der Straße auf Autos achten und nachts den Mond wie Klopstock ihn sah und nachts den Mond wie Goethe ihn sah und nachts den Mond wie Claudius ihn sah und nachts den Mond wie Hebel ihn sah, betrachten.
Aus: Rainer Brambach: Wirf eine Münze auf. Gesammelte Gedichte. Nachwort Hans Bender. Zürich: Diogenes, 1977, S. 42
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
(* um 1622 in Gelnhausen; † 17. August 1676 in Renchen, Hochstift Straßburg)
Lob der guten Käse Simplex: Ich kam einstmals in ein Wirtshaus und fand an der Wand das Lob der gute Käse in folgenden Reimen, die ich meiner Schreibtafel einverleibte: Weißer Texter und Holländer Parmesan-Käs und Friesländer Grüner Käs ist gut und frisch; Voigtländischer Kräuter-Käse, So sie weich, sind gar nicht böse, Alle taugen wohl zu Tisch. Hiernächst Schaf- und Ziegenkäsen Bleibt das Lob im frischen Wesen Auch den, von der Kuh gemacht, Wann sie mit der Milch noch streiten, So sind diese allen Leuten Samt dem Quark für gut geacht. Eier-Käse wohl gewürzet Gelb gemacht, in Topf gestürzet, Ist belobt, gesund und gut. Und die runden Käse-Küchlein Wohlgebacken können gut sein, Machen alle frisch den Mut.
Aus: Poeten tischen auf. Ein kulinarischer Streifzug durch die Weltliteratur, unternommen von Günther Cwojdrak. Eulenspiegel Verlag Berlin 1978, S. 52
Conny Hannes Meyer
(Geboren 1931, österreichischer Schriftsteller)
NACHTRUF so bist du mein bleichendes kind nun wo über die treppen das blut rinnt wo finsterer rauch in die nacht steigt der mond hinter stacheldraht frierend versinkt in den gierigen wellen der zeit dort türmen sie auf unsre haare die waren der stolz der uralten verdammten nation dort gehst du ein träumender sklave im schlaf durch den buchenwald meines gebeins sie schlachteten all deine schwestern dahin auf den steinigen feldwegen sanken sie nieder die brüder sie wurden zu asche wie ich – wann nur wann sehn wir uns wieder
Aus: Welch Wort in die Kälte gerufen. Die Judenverfolgung des Dritten Reiches im deutschen Gedicht. Hrsg. Heinz Seydel. Berlin: Verlag der Nation, 1968, S. 356
Mehr siehe Lyrikwiki https://lyrikwiki.de/mediawiki/index.php/Kategorie:Meyer,_Conny_Hannes
Heinz Peter Geißler
Ich komme heute nicht mehr heim Ich habe einen Traum Ich will ein guter Vogel sein Nachts schlafe ich in meinem Baum Dann esse ich vom Winterbrot Auf einem alten Weidezaun Am Himmel wird es früher rot Ich fliege über einen Weg Unten liegt ein Ruderboot Ich weiß nicht, wie es weitergeht Jemand zieht an einem Strick Die Morgenglocken läuten spät Da öffnet sich die Tür ein Stück Ich hole meine Federn ein Und zieh mich in mein Nest zurück
Aus: Heinz Peter Geißler: Ich geh mir einen Vogel fangen u.a. Schupfart: Engeler, 2021, S. S. 8
Beliebt sind auch Schmähgedichte auf Dichterkollegen. Zumindest wenn die Geschmähten lange tot sind und uns nicht viel bedeuten. Hier eins von Georg Heym. (Entwarnung: lange tot!)
Georg Heym
(* 30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; † 16. Januar 1912 in Gatow)
NOVEMBER Der wilden Affenscheiße ganze Fülle Liegt auf der Welt in den Novemberkeiten. Der Mond ist dumm. Und auf den Straßen schreiten Die Regenschirme. Daß man warm sich hülle In starke Unterhosen schon beizeiten. Nur Bethge* haust noch auf dem Dichter-Mülle. Man nehme sein Geschmier. Zum Arschwisch knülle Man das Papier zum Dienst der Hinterseiten. Die Martinsgans glänzt in der braunen Pelle. Stefan george steht in herbstes-staat. an Seiner nase hängt der perlen helle. Ein gelbes Rotztuch blinkt. Ein Auto naht. Drin sitzt mit Adlerblick die höchste Stelle. Fanfare tutet: Sellerie Salat. * oder Benzmann oder Hesse – nach Belieben!
Aus: Georg Heym, Das Werk. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2005, S. 790f
Heiner Bastian
(* 1943 in Rantau, Kurische Nehrung)
IN JENEM IKONISCHEN BILD eines entsetzten Schreis das Edward Munch 1893 unter einem roten Himmel malte gerät die Sprache, die wir für das Bild suchen, auf einmal in das Reich der Unklarheit und wird Gegenstand eines unsinnigen Fabulierens Ein seltsam umgreifendes Diktum des Erlebens spricht und die Möglichkeit einer Illusion all unserer Zeichen erfaßt uns als etwas Unbegrenztes außerhalb aller Regeln Heute Abend wäre es angemessen, ganz und gar zu schweigen aber in der Sinnlichkeit des Bildes verwerfen wir diesen Gedanken denn wir glauben an die unverbrüchliche Klarheit der Ästhetik und doch ist sie nur das Reich der Unverbindlichkeit Das »Unsagbare«, sagt Ludwig Wittgenstein, »ist das, was sich zeigt im Sagen des Sagbaren« Heute Abend treiben die Plejaden die Wolken hin und her unter einem roten Himmel ein mystisches Schauspiel ohne Worte Aber das Bild des entsetzten Schreis ist das Bild einer wahren Empfindung es ist das Bild einer einzigen Welt, die wir als Sprache haben
Aus: Poesiealbum 376. Heiner Bastian. Auswahl Michael Krüger. Bilder von Cy Twombly. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2023, S. 12f
Ulf Annel
Beobachter am Strand
für Eugen Gomringer
Große Leute, kleine Leute,
dicke Leute, dünne Leute
und dazwischen ein paar Bräute.
Schmale Frauen, breite Frauen,
Stangenfrauen, Kugelfrauen.
Höchste Zeit, hier abzuhauen!
Nein, er bleibt am Strand. Natürlich
ändert sich der Blick figürlich.
Schönheit ist oft singulär.
Er kommt täglich wieder her.
Weiße Segel, rote Segel,
spitze Segel, runde Segel.
Er ist ja kein Spannerflegel.
Es gibt noch viel mehr zu schaun.
Doch am schönsten sind die Frau'n.
Aus: Poesiealbum 375. Ulf Annel. Auswahl Matthias Biskupek† und Siegfried Nucke. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2023, S. 8.
Eins von Keith Waldrop wollte ich noch.
Herr Stimmung über Transparenz
Für Menschen eines bestimmten Temperamentes gibt es nichts Schlimmeres, als die Vorstellung, es gäbe etwas Verstecktes, Geheimes, ihnen Vorenthaltenes. Besonders wenn sie vermuten, dass jemand anderer davon weiß und es vielleicht sogar heimtückisch zurückhält.
D. H. Lawrence scheint der Gedanke furchtbar irritiert zu haben, dass andere Menschen Sex hätten und ihm nichts davon sagten.
Freud auch.
Tja, und dann hat es Freud so eingerichtet, dass jeder drüber sprechen musste.
Seine Psychoanalyse bringt Licht in die Tiefen und Transparenz in unsere verworrenen Windungen, und das bis zu dem Punkt, an dem das ICH alles bis runter zum ES sehen kann.
Und der Vorgang setzt sich nach außen in sich vergrößernden Ringen fort:
Der Meister analysiert seine Schüler, die dabei – jetzt transparent – auch Meister werden und sich ihrerseits Patienten oder Schülern zuwenden und sie analysieren.
Sodass es irgendwann keine Geheimnisse mehr gibt.
Außer natürlich die des ersten Meisters, des Selbst-Analysierten.
In anderen Worten:
Er, der einzig Private, der einzig Undurchleuchtete. Das opake Zentrum Seines universellen Panoptikums.
Während wir nur Seine Worte sehen, Seine Tochter, Seine Zigarre.
Armer Lawrence.
Deutsch von David Frühauf. Aus: keith waldrop: gravitationen 2. ausgewählte gedichte (2000-2009). herausgegeben von david frühauf und jan kuhlbrodt. Frankfurt/Main: gutleut, 2018, S. 24ff
Herr Stimmung on Transparency
To those of a certain temperament, there is nothing worse than the thought of something hidden, secret, withheld from their knowing— especially if they suspect that another knows about it and has even, perhaps, connived at keeping it concealed.
D. H. Lawrence seems to have been irritated no end by the thought that people were having sex and not telling him.
Freud too.
—Ah but then Freud arranged it so that everyone had to tell.
His psychoanalysis lights up the depths, makes our tangled web transparent, to the point where I can see all the way down to It.
And the process moves outward in increasing rings:
The Master analyses his disciples. Who thereby—transparent now—become masters and, in turn, take on others, patients or disciples, to analyse.
So that eventually there are no secrets.
Except, of course, those of the first Master, the Self-Analysed.
Which is to say, the only private One, sole Unrevealed. Opaque center of His universal panopticon.
While we see only His words, His daughter, His cigar.
Poor Lawrence.
Hans Flesch-Brunningen
(* 5. Februar 1895 in Brünn, Österreich-Ungarn; † 1. August 1981 in Bad Ischl, Oberösterreich)
Am Rande eines Logikbuches steht: Freundin – – Meine Beziehungen zu dir sind seltsam. Ich liebe dich – – Soweit ich über dies Leben urteilen kann. Jedenfalls freut es mich wahnsinnig, Wenn du mich anschaust – – Schenk' mir, bitte, deinen blaßgelben Handschuh, Denn ich bin Fetischist ––––– Und einmal wirst du mich auch sicher küssen. Oh, deine Kinderaugen.
Aus: Hartmut Geerken (Hg.): Dich süße Sau nenn ich die Pest von Schmargendorf. Erotische Gedichte des Expressionismus. München: btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House, 2006 (Originalausgabe 2003 yedermann Verlag), S. 111
Mit dem alten Sparta verbindet man im allgemeinen die Vorstellung von einer Art permanentem Heerlager, in dem man die Kinder sobald wie möglich den Müttern wegnahm, um sie allem erdenklichen Drill und grausamen Mutproben zu unterwerfen und zwischendurch nur kärglich mit der berüchtigten schwarzen Suppe zu füttern – Sparta, das ist der Gleichschritt marschierender Heere, die Heimat der unüberbietbar knappen, ›lakonischen‹ Antworten, der Staat, der große Teile der Peloponnes brutal versklavte. Können wir es uns vorstellen, daß es einmal eine Zeit gab, zu der in diesem Staatswesen ein Dichter und Musiker höchstes Ansehen genoß, der zarte Lyrik schrieb, der Mädchenchöre für Götterfeste einstudierte und Gesang und Tanz auf der Kithara begleitete? Diesen Mann gab es tatsächlich; er lebte in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr., hieß Alkman…
Aus: Gerhard Fink, DIE GRIECHISCHE SPRACHE. Eine Einführung und eine kurze Grammatik des Griechischen. Düsseldorf: Patmos, 2006, S. 37.
Aus diesem Buch stammt auch das heutige Gedicht von Alkman. Es ist vielleicht das schönste Beispiel griechischer Naturlyrik (und wird oft mit Goethes „Wanderers Nachtlied“ verglichen – Goethe könnte es sogar gekannt haben, es wurde 1773 veröffentlicht).
Alkman
(Ἀλκμάν Alkmán) war ein altgriechischer Chorlyriker des 7. Jahrhunderts v. Chr. aus Sparta. Er ist der älteste Dichter des alexandrinischen Kanons der neun Lyriker. (Wikipedia)

Li Lichun
(Geboren 1961 in Guangzhou, China)
Diese Schar
Wir diese Schar von Leuten sind keine Dichter
Wir haben weder allzu übertriebene Illusionen
noch allzu viele verwirrte Gedanken
Wie leben? Darüber müssen wir nicht reden
Wir streben nach Geld und verabscheuen es zugleich
Wir strengen uns sehr an es zu verdienen und wieder
auszugeben
Wir rauchen, trinken und tanzen wie Cowboys
Wir schlendern auf der Straße, amüsieren uns und singen
Schlager
Ab und zu gehen wir mit Frauen ans Seeufer, in den Schatten
der Bäume, und erfreuen uns des Liebesspiels
Deswegen sagen manche Leute wir suchten nur das
Vergnügen
Sie sagen sogar es sei eine latente Krise vorhanden
Laßt das! Durch Tadeln kann das Leben nicht ersetzt werden
Von Depression und Melancholie wissen wir nichts
Fade Belehrungen mögen wir nicht
Jeden Tag leben wir auf unsere Art und Weise auf dieser Welt
Manchmal sind wir sehr dick manchmal aber sehr dünn
Ab und zu sind wir sehr fleißig, dann auch wieder ziemlich
faul
Tagsüber streunen wir ungekämmt und ungewaschen durch
die Gegend, abends sind wir dann schön und
sorgfältig gekleidet
Manchmal sind wir sehr böse manchmal sehr zärtlich
Wir fühlen uns grundlos glücklich
Wir fischen aus der Tasche einen zerbrochenen Spiegel und
sehen
den plötzlich gewachsenen harten Bart und bemerken erst
jetzt
wie reif wir geworden sind und voller Leidenschaft
Wir entsinnen uns plötzlich vor langen Jahren einige
Schriftzeichen gelernt zu haben
Schon damals haben wir versucht zu dichten
ohne viel an Reim und Motiv herumzufeilen
Wir diese Schar von Leuten sind alle Dichter
Aus dem Chinesischen von Zhang Yi aus: Chinesische Lyrik der Gegenwart. Chinesisch/Deutsch. Ausgewählt, kommentiert und herausgegeben von Lü Yuan und Winfried Woesler unter Mitwirkung von Zhang Yushu. Stuttgart: Reclam, 1992, S. 152ff


Er ist Bauarbeiter in Shenzhen, der Wirtschaftssonderzone, und schreibt in der Freizeit Gedichte. Vom Stil her gehört er zu der »Studentendichter-Gruppe«. Er hatte wenig Kontakt zu literarischen und künstlerischen Kreisen. Mit seinem Gedichtzyklus Diese Gruppe gewann er die Aufmerksamkeit der Autoren und des Publikums.
Aus: Arbeiterzeitung der Wirtschaftlichen Sonderzonen. 28. Mai 1986. (Ebd. S. 359)
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