Weiter mit der kleinen Serie der Gedichte aus dem Deutschen von Felix Philipp Ingold. Die Gedichte dieses Büchleins (aus dem legendären Rainer Verlag) sind Umdichtungen, Parodien oder Übersetzungen von deutschen Gedichten aus dem klassischen und modernen Kanon jener Jahre aus dem Deutschen ins Deutsche. Wer die Vorlage weiß oder rät, kann gerne Kommentare anfügen. Ansonsten werde ich sie gegen Abend nachliefern.
Felix Philipp Ingold
Wer Hoffen sagt ist Menschen fern wie Bildern Wer erst was blüht aus Minenfeldern meidet Noch geht er abends Licht 'ne Lästerung bekleidet Und immer sanft den Gang der Huren: wildern. Oft scheint die Innenseite Welt zu klein verschlossen Dem dessen Sinn zu zweifeln auch der bloßen So prächtigen Natur erheitert seine Frage Und gerne steht er durch die untern Tage.
Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 88
Eine kleine Serie aus dem Buch „Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen“ von Felix Philipp Ingold. Bei manchen ist die Vorlage leicht zu erraten oder -spüren, bei anderen vielleicht schwerer. Das heutige Gedicht gehört zu den leichteren. Vielleicht findet jemand die „Vorlage“, wenn nicht, werde ich sie gegen Abend nachliefern.
Felix Philipp Ingold
Schwache Gedanken Kommt daher das Wanken Von Worten getragen? Länger zu fragen Verzögert das Ende Verhindert den Sinn. Feisten Gestalten Zum Gruß an sich halten (Schlimmer: sich beugen). Statt auszusteigen Hebt ihr die Hände Lebt weiter so hin ...
Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 48
Friedrich Wilhelm Wagner
(* 16. August 1892 in Hennweiler, Hunsrück; † 22. Juni 1931 in Schönberg, Schwarzwald)
In einer deutschen Stadt Hier haben die Frauen müde Münder Und einen bescheidenen Blick. Sie meinen: Dienen ist viel gesünder Als ein großes Geschick. Und die Männer haben dicke Bäuche Und reden von Politik. Und schwärmen für die alten Bräuche Und suchen verbotenes Glück. Und Kinder haben große Augen Und verzweifeln an der Welt – Sie sollen alle mal was taugen Für König und Geld.
Aus: Poesiealbum 374. Friedrich Wilhelm Wagner. Auswahl von Wilfried Ihrig. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 9
Hermann Plagge
(11. Juni 1888 Weener / Ostfriesland – 16. September 1918 bei Mainz)
Heimgang im Regen Die Dunkelheit hockt, eine graue Wachtel, Auf den Gerüsten eines Riesenbaus. Die Bahn stößt mich unter den Bäumen aus Und surrt – und wird fern klein wie eine Schachtel. Der Asphalt schimmert regenschwarz, wie Eis, Darin man Wassertümpel eingeschlagen. Gestalten stelzen fort in hohen Kragen. Ein Auto spritzt brutal durch das Geschmeiß. Ich bin so plötzlich aus der Stadt entrückt. Der böse Regen pladdert auf den Park. Kieswege werden weich und weiß wie Quark. Bänke stehn leer und schroff zurechtgerückt. Ferne schrein Autos hilflos und verirrt. Ein Teich im Park glänzt tintig und verdickt. Die goldenen Fische sind im Schlamm erstickt ... Ein Denkmal steht am Ufer weiß und friert.
Aus: Versensporn 53. Hermann Plagge. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2023, S. 6.
Hans Arnfrid Astel
(* 9. Juli 1933 in München; † 12. März 2018 in Trier)
Zur Hölle mit dem kurzen Gedicht. Zu Höllerer mit dem langen.
Aus: Arnfrid Astel, Kläranlage. Hundert Epigramme. München: Hanser, 1970
Heute mal Plattdeutsch. Das ist ja gar nicht „platt“. Besonders einige Lieder, wie das großartige „Dat du min leevsten büst“, zeigen, wie hochpoetisch diese Sprache sein kann. Ein anderes ist diese „Anke van Tharaw“. Simon Dach hat den Text verfasst, Heinrich Albert hat es vertont. Die beiden gehörten zur „musikalischen Kürbishütte“ in Königsberg zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Der große Erfolg kam allerdings erst, nachdem Johann Gottfried Herder es in seine Volksliedsammlung „Stimmen der Völker in Liedern“ aufnahm. So kam der Text im hochdeutschen Sprachraum ins kulturelle Gedächtnis. Durchgesetzt hat sich die musikalische Fasssung Friedrich Silchers (1827). Alle großen und kleinen Sänger haben es gesungen, nicht zu vergessen tausend Männerchöre. Es gibt zwar auch viele Originallieder von Heinrich Albert im Netz, nur Anke / Ännchen habe ich leider nicht gefunden. Silcher scheint das Original ausgelöscht zu haben. Hier zunächst eine Aufnahme in Silchers Fassung. Unter den beiden Textfassungen dann als kleine Hörprobe ein anderes Lied original von Albert / Dach.
Simon Dach Anke van Tharaw. Trewe Lieb' ist jederzeit Zu gehorsamen bereit. 1 Anke van Tharaw öß, de my geföllt, Se öß mihn Lewen, mihn Goet on mihn Gölt. 2 Anke van Tharaw heft wedder eer Hart Op my geröchtet ön Löw' on ön Schmart. 3 Anke van Tharaw mihn Rihkdom, mihn Goet, Du mihne Seele, mihn Fleesch on mihn Bloet. 4 Quöm' allet Wedder glihk ön ons tho schlahn, Wy syn gesönnt by een anger tho stahn. 5 Kranckheit, Verfälgung, Bedröfnös on Pihn, Sal vnsrer Löve Vernöttinge syn. 6 Recht as een Palmen-Bohm äver söck stöcht, Je mehr en Hagel on Regen anföcht. 7 So wardt de Löw' ön onß mächtich on groht, Dörch Kryhtz, dörch Lyden, dörch allerley Noht. 8 Wördest du glihk een mahl van my getrennt, Leewdest dar, wor öm dee Sönne kuhm kennt; 9 Eck wöll dy fälgen dörch Wöler, dörch Mär, Dörch Yhß, dörch Ihsen, dörch fihndlöcket Hähr. 10 Anke van Tharaw, mihn Licht, mihne Sönn, Mihn Leven schluht öck ön dihnet henönn. 11 Wat öck geböde, wart van dy gedahn, Wat öck verböde, dat lätstu my stahn. 12 Wat heft de Löve däch ver een Bestand, Wor nich een Hart öß, een Mund, eene Hand? 13 Wor öm söck hartaget, kabbelt on schleyht, On glihk den Hungen on Katten begeyht. 14 Anke van Tharaw dat war wy nich dohn, Du böst mihn Dühfkē myn Schahpkē mihn Hohn. 15 Wat öck begehre, begehrest du ohck, Eck laht den Rack dy, du lätst my de Brohk. 16 Dit öß dat, Anke, du söteste Ruh' Een Lihf on Seele wart uht öck on Du. 17 Dit mahckt dat Lewen tom Hämmlischen Rihk, Dörch Zancken wart et der Hellen gelihk.
Hochdeutsche Übertragung von Johann Gottfried Herder 1 Annchen von Tharau ist, die mir gefällt, Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld. 2 Annchen von Tharau hat wieder ihr Herz Auf mich gerichtet in Lieb' und in Schmerz. 3 Annchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut, Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut! 4 Käm alles Wetter gleich auf uns zu schlahn, Wir sind gesinnet, bei einander zu stahn. 5 Krankheit, Verfolgung, Betrübniß und Pein Soll unsrer Liebe Verknotigung seyn. 6 Recht als ein Palmenbaum über sich steigt, Je mehr ihn Hagel und Regen anf[eu]cht; 7 So wird die Lieb' in uns mächtig und groß Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Noth. 8 Würdest du gleich einmal von mir getrennt, Lebtest, da wo man die Sonne kaum kennt; 9 Ich will dir folgen durch Wälder und Meer, Durch Eis, durch Eisen, durch feindliches Heer. 10 Annchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn, Mein Leben schließ' ich um deines herum. 11 Was ich gebiete, wird von dir getan, Was ich verbiete, das läßt du mir stahn. 12 Was hat die Liebe doch für ein Bestand, Wo nicht Ein Herz ist, Ein Mund, Eine Hand? 13 Wo man sich peiniget, zanket und schlägt, Und gleich den Hunden und Katzen beträgt? 14 Annchen von Tharau, das woll'n wir nicht thun; Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn. 15 Was ich begehre, ist lieb dir und gut; Ich laß den Rock dir, du läßt mir den Hut! 16 Dies ist uns Annchen die süsseste Ruh, Ein Leib und Seele wird aus Ich und Du. 17 Dies macht das Leben zum himmlischen Reich, Durch Zanken wird es der Hölle gleich.
Alter Kazisne (Jiddisch אַלטער קאַציזנע, Polnisch Alter Kacyzne, Russisch Алтер Кацизне)
(* 31. Mai 1885 in Wilna, Russisches Kaiserreich; ermordet am 7. Juli 1941 auf dem jüdischen Friedhof in Tarnopol, heutige Ukraine)
Ohne Heim O traute kleine Welt, mit Stroh und Lehm gedichtet, die wir uns hingestellt und heimisch eingerichtet ... Jetzt wehen böse Winde, es kommen schon die Fröst, wir haben nur noch Wind und Weh und sind verjagt vom Nest. Ohne Heim, ohne Dach, hier am Tag und da zur Nacht – wie nur sollen wir in Schnee und Kält erwarmen, wer nur wird sich unser noch erbarmen? Ohne Heim, ohne Recht, leere Tage, schwarze Nächt, unser Nest so lang zerschmettert, unsre Flügel sind gelähmt, ohne Heim, ohne Weg, und verfolgt, und verfemt. Wir irrn umher und wandern all über Meer und Land von einem Ort zum andern auf Wegen unbekannt, von allen finstern Ecken bläst eine böse Kält, aus allen öden Winkeln plagt eine böse Welt. Ohne Heim, ohne Dach, hier am Tag und da zur Nacht – wie nur sollen wir in Schnee und Kält erwarmen, wer nur wird sich unser noch erbarmen? Ohne Heim, ohne Recht, leere Tage, schwarze Nächt, unser Nest so lang zerschmettert, unsre Flügel sind gelähmt, ohne Heim, ohne Weg, und verfolgt, und verfemt.
Aus: Der Fiedler vom Getto. Jiddische Gedichte aus Polen. Ausgewählt und aus dem Jiddischen übertragen von Hubert Witt. Leipzig: Reclam, 1993 (5., neu durchgesehene u. veränderte Aufl.), S. 39f.
Jenny Schon
Birdless summer Für Franz Kafka zum 140. Geburtstag (3. Juli 1883 – 3. Juni 1924) Wolkenfäden wie vergriffene Buchstaben am Himmel Drohnen fetzen die Lüfte Tote Vögel kotzen Ins Geäst Samsa Aasgeier machen Überstunden Gefurcht die Felder Kein Platz für Käfer Aufklatschend Der Lehm an den Panzerketten Kein Vogelkonzert Der vier Jahreszeiten Am Dnjepr
Quelle: Geest-Verlag
Die Autorin schreibt dazu:
„ Birdless summer“ ist der Titel eines Buches der chinesisch-belgischen Autorin Han Suyin (1917-2012), die darin ihre Zeit von 1938-1948, die letzten Jahre der Kuomintang auf dem chinesischen Festland, beschreibt. 1949 muß sich Tschiang Kai-sheck nach Taiwan zurückziehen und Mao zieht als Führer in Peking ein. Diese immer noch bestehende Trennung Chinas wird gegenwärtig im Russlandkrieg gegen die Ukraine als nächstmögliche Weltkrise apostrophiert.
Franz Kafka ist ein Autor, nach dem – einzig – ein Adjektiv gebildet wird: kafkaesk.
Gregor Samsa ist der Protagonist in Kafkas Meistererzählung „Die Verwandlung“, die ich mit 17 im Jahr 1960 las, in dem Jahr, als Nikita Chruschtschow in der Uno-Vollversammlung mit dem Schuh auf den Tisch eingedroschen hat. Das ist für mich der Beginn, Dinge und Ereignisse kafkaesk zu bezeichnen. Dieses öffentliche Schuh-Event war für mich absolut kafkaesk, und zeigte die Absurdität einer Supermacht (von der Gefährlichkeit abgesehen).
Gregor Samsa verwandelt sich über Nacht in ein Ungeziefer. Obwohl nicht Käfer bei Kafka steht, hat sich die Vorstellung, Samsa sei nun ein Käfer, eingebürgert.
„Vierjahreszeiten“ ist ein Konzertzyklus von Vivaldi.
Dnjepr ist der Hauptfluss in der Ukraine.
L&Poe Journal #03
Gastkommentar von Elke Engelhardt zur Klagenfurter Rede zur Literatur 2023 von Tanja Maljartschuk
Das Spektakel um das Bachmann-Wettlesen habe ich dieses Jahr so wenig verfolgt, dass selbst das Adjektiv „sporadisch“ sich wie eine Übertreibung anhört. Dabei gab es unter den eingeladenen Autor:innen durchaus Dichter, die ich interessant finde, die mein Interesse hätten wecken können, und es war auch nicht die Zeit, die fehlte, schließlich gibt es die Möglichkeit alles on demand nachzulesen und zu verfolgen, wann immer es einer passt. Vielleicht lag es ein wenig an der bestürzenden Rede von Tanja Maljartschuk, einer großartigen Schriftstellerin, von der ich erst vor wenigen Monaten ihren Essayband “Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus”, gelesen hatte. Die Ernsthaftigkeit, nein die Anspannung, unter der Wut und Schmerz, Schmerz und Verzweiflung liegen mussten, mit der sie gelesen hat, war wie ein Schlag ins Gesicht. Es ging mir dabei sehr ähnlich wie nach dem Lesen von Yevgeniy Breygers Gedichtband „Frieden ohne Krieg“. Eine direkte Konfrontation mit dem, was Krieg bedeutet, der Krieg der anderen, an den ich mich immer wieder gewöhne. Ich verfolge die Nachrichten, bin entsetzt, ich versuche die Hoffnung nicht zu verlieren, aber eigentlich geht mein Leben genauso weiter wie vorher. Dieser Krieg ist schrecklich, aber er ist kein Teil meines Lebens. Und das macht mir die Rede von Maljartschuk erneut deutlich.
Aber diese Rede geht über die persönliche Ebene hinaus. Tanja Maljartschuk spricht von der Sprache. Davon, dass sie (gerade sie, die die Sprache so großartig beherrscht) das Vertrauen in die Sprache verloren habe, dass sie Angst habe vor der Sprache und sich daher als ehemalige, als gescheiterte Autorin betrachtet. Weil sie die Ohnmacht der Sprache erkennt, vielleicht auch ihre Verfügbarkeit. Dass Sprache Wundervolles hervorbringen kann, Utopien, Kunstwerke, aber eben auch Marschbefehle, Demagogie, Verführung der Massen. Sie spricht davon, wie wenig wehrhaft die Sprache ist, wie hilflos und ohnmächtig. Wie leicht sie sich in den Dienst von „Umbringern, Auslöschern, Verbrechern und Gaunern“ stellen lässt.
„Ich verdanke alles in meinem Leben der Literatur, die ich mir als Blüte am Ast eines Baumes vorstelle. Einerseits ermöglicht sie die Fortpflanzung der Ideen, und doch fällt sie bei einem Unwetter als erste ab.“
Die Möglichkeit zu erzählen, auch von den blinden Flecken der Geschichte, von der anderen Seite, von den Opfern, ist zwar eine Möglichkeit der Beschädigung etwas entgegen zu setzen. Viel zu häufig ist es aber die Beschädigung dich sich letztendlich durchsetzt.
„Denn aus der Schlacht gegen jene, die uns vernichten, verschlucken, versklaven, kontrollieren und demütigen wollen, kehren wir immer ein bisschen kaputt zurück. Manche erholen sich davon, manche nicht, manche, wie Aglaja Veteranyi, erzählen Märchen und gehen zugrunde.“
Denn das Schlimmste ist, dass die Sprache, die Geschichten und die Poesie scheinbar immer den bösen Mächten der Wirklichkeit unterlegen sind. Lange Jahre hat Maljartschuk zu einem verheerenden Massaker in ihrem Heimatort geforscht. Dort wurden jüdische Menschen zusammengetrieben und verbrannt. In einem Feuer, das acht Stunden lang brannte. Es gab lediglich einen einzigen Überlebenden. Und es gab das völlige Schweigen über diese Tat.
Das Feuer brannte acht Stunden, wiederholt Maljartschuk im Gespräch mit ihrem Vater, und jeder, der diese Sätze liest, spürt, wie es weiterbrennt in ihr und nur der mögliche „Schnee im Kopf“ es vielleicht hätte einfrieden können. Was jetzt unmöglich scheint.
„Sie kamen zu uns und zündeten ein Feuer an, das acht Stunden brannte, ist das viel oder wenig, Vater«, sagte ich, worauf mein Vater antwortete, ich sei verrückt und solle ihn in Ruhe lassen, 150.000 russische Soldaten stünden an der Grenze zur Ukraine. Und so treffen sie sich: die Literatur und die Realität. Und die Realität gewinnt jedes Mal, und die Literatur verliert, denn sie bietet die Rettung für einzelne, aber nie für alle zusammen. Sie ist schön, aber hilflos wie ein Wald der blühenden Bäume.“
Dem kann man scheinbar nichts entgegensetzen. Und doch sind diese Sätze der Beweis, dass die Literatur, die Sprache stark ist in ihrer Hilflosigkeit. Von diesem Widerspruch lebt vielleicht jegliche Kunst. Und man kann sich nur wirklich mit aller Macht wünschen, dass Tanja Maljartschuk mit ihrer Begabung vom Schrecklichen so zu erzählen, dass die Zuhörer:innen es annährend begreifen, sich irgendwann so weit von ihrer Beschädigung erholt, dass sie weiterschreiben kann. Hoffentlich auch den Roman mit dem Titel „Schnee im Kopf“, den sie seit dem Februar 2022 als endgültig unvollendet betrachtet. Denn wir, die wir leicht gleichgültig werden können und eigentlich immer in der Gefahr sind, Mitläufer zu werden, brauchen solche Geschichten. Immer wieder.
Die Zeitschrift „Sinn und Form“ erscheint zur Zeit im Monatsrhythmus, um den Ausfall aufzuholen. In der Nummer 3 Gedichte von David Keplinger, Kornelia Koepsell, Uta Gosmann, Sándor Tatár und Durs Grünbein sowie Beiträge von Yoko Tawada und Rudolf Borchardt und die Laudatios auf Birgit Kreipe (Nico Bleutge) und Dinçer Güçyeter (Insa Wilke) (hier mehr). Daraus ein Gedicht.
Durs Grünbein
ZUR INTERPRETATION VON GEDICHTEN Beim Anblick des Dichters im weißen Kittel kam die Frage auf: wie viele Abtreibungen der wohl eigenhändig vorgenommen hat. Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, da ließ sich einiges machen. Bekannte brachten ihm ihre Frauen in Not, »denen ich ärztlich mehrfach behilflich war ...«. Nach Praxisschluß kamen dann die Gedichte zustande, beim Radiohören, beim Blättern in Lexika oder Bildbänden des Genres Über die Schönheit des weiblichen Körpers. Der Mann mit den goldenen Händen, der sanfte Beschwörer: Wie Odysseus habe er aus Neugier bewußt die Hölle besucht, hieß es, und dabei keine Einzelheit ausgelassen. Nachzuweisen war ihm indessen nichts.
Aus: Sinn und Form 3/2023, S. 350
Wiktorija Amelina
(ukrainisch Вікторія Юріївна Амеліна; * 1. Januar 1986 in Lwiw; † 1. Juli 2023 in Dnipro)
Sirenen Luftalarm für das ganze Land Es fühlt sich an, als müssten jetzt alle raus Zu ihrer Hinrichtung Aber treffen wird es nur eine Person Gewöhnlich die ganz am Rande Dieses Mal bist du es nicht; Entwarnung 5. April 2022
Nach Anatoly Kudryavitskys englischer Fassung ins Deutsche übertragen von Michael Augustin.
Die 37jährige ukrainische Schriftstellerin Wiktorija Jurijiwna Amelina aus Lwiw starb am vergangenen Sonnabend im Mechnikov-Krankenhaus von Dnipro an ihren schweren Verletzungen, die sie bei dem russischen Angriff auf ein Restaurant in Kramatorsk am 27. Juni erlitten hatte. Sie ist das 13. Todesopfer des Angriffs, bei dem auch der kolumbianische Schriftsteller Hector Abad Faciolince sowie der ehemalige Friedensbeauftragte des Landes, Sergio Jaramillo, verwundet wurden.
Auf der Seite des ukrainischen PEN habe ich den Originaltext gefunden:
Тривога Повітряна тривога по всій країні Так наче щоразу ведуть на розстріл Усіх А цілять лише в одного Переважно в того, хто скраю Сьогодні не ти, відбій 5 квітня 2022
Sie nannte sich eine «Kriegsverbrechen-Forscherin», doch nun ist die ukrainische Schriftstellerin Wiktoria Amelina selbst Opfer eines Kriegsverbrechens geworden. In Kramatorsk zerstörten die Russen ein Restaurant, wo sich gerne auch Intellektuelle und Journalisten trafen. (…) Erste Analysen deuten darauf hin, dass die russischen Streitkräfte höchstwahrscheinlich eine Iskander-Rakete für den Angriff verwendet haben. Diese besitze eine hohe Treffsicherheit – die Russen wussten also genau, was sie treffen wollten. / Neue Zürcher Zeitung, https://www.nzz.ch/feuilleton/gezielter-raketenangriff-auf-intellektuellen-lokal-in-kramatorsk-ld.1745190

Nachruf in der FAZ / im Deutschlandfunk (Audio) / im Spiegel / beim ukrainischen PEN-Club (engl.)
Ihre Facebookseite mit vielen Texten (auch Gedichten) und Fotos.

In dieser Ausgabe: EDITORIAL | NEUE TEXTE (Lange) | ALTER TEXT | DOSSIER: (EXPERIMENTELLES) ÜBERSETZEN (Lange) | BETRACHTUNG UND KRITIK (Ames/Spyra, Ames, Engelhardt) | TABU
Journal #03 ist eröffnet und wird in den nächsten Monaten in Einzelbeiträgen in loser Folge erscheinen. Es gibt neue und alte Texte, die Rubrik TABU wird weitergeführt, nicht nur und nicht zuletzt mit dem LESETABU Ulysses. Ein Dossier zu experimenteller Übersetzung begann mit einem Text von Norbert Lange. L&Poe Journal bildet die dritte Säule der Lyrikzeitung neben dem Archiv aus 20 Jahren Lyrikzeitung und dem Gedicht des Tages, wie immer (fast) täglich um 6 Uhr in der Früh. L&Poe Journal freut sich auf neugierige Leserinnen und Leser. Mehr
Ich Sternegroß zieh gerne Sterne groß. Die Bienen säuseln: Trottel,
werd’s dir zeigen, da! Auf deine Denkerstätte knall ich dir eine,
dass nicht mehr gradestehest du – wohl verschluckt an einer Gräte, uff!
Bescheuerte Pläne bescheuerter Sphingen zitternder Stimmen
hirnverbrannter Stämme, schütterer Schwall von vergehend-sauverkehltem Stuss! / Mehr
Wie gut, dass nicht jeder ein Spindoctor ist. Wenn jeder aber als Interessenvertreter der eigenen Sprachenverwirrung auftritt, muss man sich die Frage stellen, was Verstehen dann noch ist? Welchen Sinn hätte die Information einer Mitteilung noch, außer den, von allen nicht verstanden zu werden, doch verstanden werden zu wollen? Es ist ein naiver Gedanke, weil der Vorrang von Affekten vor Fakten schon mal in einen Verstehensfuror entgleiten und zum Verlangen eskalieren kann, anderen seinen Willen aufzuzwingen. Später werden Kapitole gestürmt und Menschen auf öffentlichen Plätzen eingepfercht. Wenn Verstehen darin gipfelt, sich gegenseitig für verrückt zu erklären und aufeinander loszugehen, müsste man nicht denken, dass Aussagen weniger Gewicht haben als die Handlungsweisen, zu denen sie führen? Man bräuchte auf jeden Fall eher psychologisch als übersetzerisch geschultes Personal, um die Interessenlage umzukehren und begreiflich zu machen, dass es bei einer Differenz weniger darauf ankommt, verstanden zu werden, als verstehen zu wollen. / Mehr
Ein Mailwechsel (Teil 2)
Ja, jetzt hat dieser Briefwechsel tatsächlich was Knackiges, find ich und auch persönlich. Das macht mir Freude und vielleicht kommen wir hier doch noch auf eine Lösung, die mehr ist als: „Man muss einfach sein Ding machen und die Arschgeigen geigen lassen.“ / Mehr
Die Idee eines Schreibens, das das Denken aufzeichnet – statt nur gediegene Resultate abzubilden – war bereits vor hundert Jahren dem mittlerweile wieder als Skandalkünstler geltenden Hugo Ball einen Eintrag wert in sein später unter dem Titel ‘Sturz aus der Zeit’ publizierten Diarium, nämlich als „Kunst und den Kunstgesetzen untergeordnet zu sein: falls man seine Aufmerksamkeit dahin lenkt, gewisse Gedanken und Gedankenreihen aufzuschneiden; Grenzen zu ziehen; nur gewissen Wahrnehmungen Raum und Stoff zu geben, andere zu vermeiden.“ (Eintrag vom 7. September 1917)
Vom Stadtrand Zürichs aus setzt Elisabeth Wandeler-Deck diese Überzeugung Balls um. / Mehr
von Elke Engelhardt zur Klagenfurter Rede zur Literatur 2023 von Tanja Maljartschuk
Denn das Schlimmste ist, dass die Sprache, die Geschichten und die Poesie scheinbar immer den bösen Mächten der Wirklichkeit unterlegen sind. Lange Jahre hat Maljartschuk zu einem verheerenden Massaker in ihrem Heimatort geforscht. Dort wurden jüdische Menschen zusammengetrieben und verbrannt. In einem Feuer, das acht Stunden lang brannte. Es gab lediglich einen einzigen Überlebenden. Und es gab das völlige Schweigen über diese Tat. Mehr
Günter Bruno Fuchs
(* 3. Juli 1928 in Berlin; † 19. April 1977 ebenda)
Anfrage des Gryphius
Hier braucht niemand zu suchen? Nicht Erde
gabs, Wasser nicht, Fische? Gabs Ufer nicht, Kinder
die Blumen? Nicht Sonne, Regen und Wolken
machten das Jahr? Und Nächte wie Tage? Nicht Mütter
schöne Gesichter beim frühen Schrei ihrer
Kinder? Und Frühling, Sommer, Herbst, Winter, viel
Hoffnung, Ernte, viel Schlaf, die schönen Gesichter?
Kriege,
der letzte zerschlug sie? Kinder die Blumen? Schönen
Gesichter? Leises Gespräch? Alle Gedichte?
Aus: Günter Bruno Fuchs: Gedichte und kleine Prosa. München, Wien: Hanser, 1992, S. 172
Wisława Szymborska
(* 2. Juli 1923 in Prowent; † 1. Februar 2012 in Krakau)
Vokabeln
La Pologne? La Pologne? Dort ist es bitterkalt, nicht wahr? fragte sie mich und seufzte erleichtert auf. Denn dermaßen viele Länder gibt es inzwischen, daß harmlosester Gesprächsgegenstand heute das Wetter ist.
O Madame, möchte ich ihr entgegnen, in meinem Land schreiben die Dichter behandschuht. Ich behaupte nicht, daß sie die Handschuhe nie ausziehen; wenn sie der Mond wärmt, dann tun sies. In Strophen, zusammengesetzt aus großem Gelärm, denn nur dieses Getöse durchdringt das Heulen des Sturmwinds, singen sie einfaches Sein, Seehundhirtendasein. Klassiker wühlen mit Tintenfederspeer in eingestampfter Verwehung aus Sand. Die restlichen nämlich, die Dekadenten, beweinen das Schicksal des Schneesterns. Wer sich ertränken will, braucht die Axt, um ein Eisloch zu schlagen. O Madame, hochverehrte Madame.
So will ich parieren der Dame, aber ich habe vergessen, wie Seehund französisch heißt, und ich bin mir des Eislochs ebensowenig sicher wie der Eignung des Tintenfederspeers.
La Pologne? La Pologne? Dort ist es bitterkalt, habe ich recht?
Pas du tout, sage ich eisig.
Aus dem Polnischen von Jutta Janke, aus: Wisława Szymborska: Vokabeln. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1979, S. 33
Słówka
La Pologne? La Pologne? Tam strasznie zimno, prawda? spytała mnie i odetchnęła z ulgą. Bo porobiło się tych krajów tyle, że najpewniejszy jest w rozmowie klimat.
O pani – chcę jej odpowiedzieć – poeci mego kraju piszą w rękawiczkach. Nie twierdzę, że ich wcale nie zdejmują; jeżeli księżyc przygrzeje, to tak. W strofach złożonych z gromkich pohukiwań, bo tylko to przedziera się przez ryk wichury, śpiewają prosty byt pasterzy fok. Klasycy ryją soplem atramentu na przytupanych zaspach. Reszta, dekadenci, płaczą nad losem gwiazdkami ze śniegu. Kto chce się topić, musi mieć siekierę do zrobienia przerębli. O pani, o moja droga pani.
Tak chcę jej odpowiedzieć. Ale zapomniałam, jak będzie foka po francusku. Nie jestem pewna sopla i przerębli.
La Pologne? La Pologne? Tam strasznie zimno, prawda?
Pas du tout odpowiadam lodowato.
Liao Yiwu
WORTE
Ich sage, lass die Finger von diesen Gedichten, den Steinen, der Sonne, dem Wasser, den erfundenen Himmeln, ich sage, kümmere dich um die zaghaften Hände. In ihnen ist jedes Schriftzeichen gewachsene Haut, sie stellen sich selbst zusammen, vollenden einen schönen Menschen, ein unerreichtes Meisterwerk, aber bevor sie Mensch und Meisterwerk vollenden, sind sie alt, schwach, hauchdünn.
Als werde Seide zerrissen, sprichst du schweigend einen Vers, als werde ein Stück Haut verletzt, du wirst sehen, wie die Wunde anschwillt, rot, wie sie eitert, größer wird, am Ende verfault dein Idol bei lebendigem Leibe. Das Schöne ist dünn, immer, hauchdünn wie gut klingende Worte, Papier etwa, Schnee, Federn, Seide, Blütenblätter, Wei Li und Fei Fei. Was du besitzen willst, lässt sich nicht besitzen. Hinter der zerstreuten Schönheit Leere, endlose, schweigende Leere, Schönheit ist Leere, blendende Leere.
Ich sage, kümmere dich um die zaghaften Hände!
Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann, aus: Liao Yiwu, Massaker. Frühe Gedichte. hochroth Berlin, 2011, S. 4.
Das chinesische Original erschien zuerst 1993 in Sichuan unter dem Titel „Postobskure Dichtung“.
Liao Yiwu 2023
Liao Yiwu (chinesisch 廖亦武, Pinyin Liào Yìwǔ, * 4. August 1958 in Yanting, Sichuan)
Wegen eines Gedichts über das Massaker auf den Tian’anmen-Platz in Peking im Juni 1989 wurden er und seine schwangere Frau verhaftet, Liao wurde wegen „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda mit ausländischer Hilfe“ zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. 2011 konnte er über Vietnam nach Deutschland fliehen, wo er seitdem im Exil lebt.
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