Heinrich Nowak
(* 26. Jänner 1890 in Wien; † 1955 in Zürich)
Kino
Halbheller Raum, von Menschen angefüllt.
Der Perolintau senkt sich auf die Scharen
Von Kindern, Burschen, Frauen und Liebespaaren,
Die warten bis das Dunkel sie umhüllt.
Ein weißer Fleck verschlingt vier Musikanten,
Die vorne ihre Instrumente stimmen,
Und jetzt mit einem Marsch ins Lachen rannten.
(Ein Geigenton will bis zur Decke klimmen)
Plötzlich verschlingt die Dunkelheit die Wände;
Die weiße Leinwand vorne glänzt und scheint.
Die Pärchen finden leise ihre Hände –.
Ein großes Drama: Asta Nielsen weint
In tragischer Gebärde – später Lachen:
Max Linder geht grotesk durch tolle Sachen.
Aus: Heinrich Nowak: Die Sonnenseuche. Das gesamte Werk (1912-1920). Wien, Berlin: Medusa, 1984, S. 16.
Ein Langzeitprojekt. Aus jedem Buch von Bert Papenfuß, das sich in meiner Bibliothek befindet, ein Gedicht. In chronologischer Reihenfolge des Erscheinungsjahrs (die Chronologien der Entstehung der Gedichte und des Eingehens in meine Bibliothek weichen stark davon ab. Das früheste Buch in meiner Sammlung, harm. arkdichtung 77, Westberlin: KULTuhr Verlag 1985 (siehe L&Poe vom 27. August), konnte ich erst in den 90er Jahren kaufen.)
Das erste Buch, das in der DDR offiziell erscheinen durfte, nachdem (nach wenigen verstreuten Veröffentlichungen) ein Buch im Aufbau-Verlag geplant und gestorben worden war, erschien im gleichen Verlag unter dem bezeichnenden Reihentitel „Außer der Reihe“. Der Verlag teilte damals mit, dass die Autoren dieser Bücher nicht für die Veröffentlichung weiterer Bücher vorgesehen seien. Es ist natürlich eine Diskriminierung, aber die von Gerhard Wolf herausgegebene Reihe ermöglichte trotz und unter dieser Einschränkung die Veröffentlichung einer Autorengeneration in der (wusste sie das schon?) untergehenden DDR. Kurz vor und nach der sogenannten Wende in der DDR erschienen zwischen 1988 und 1990 Bücher von Autoren wie Stefan Döring, Gabriele Kachold, Reinhard Jirgl, Jan Faktor oder eben Bert Papenfuß gewissermaßen im Käfig, aber doch im Aufbau-Verlag, der der kulturpolitisch führende Verlag der DDR war.
Das Gedicht ist titellos und steht im Abschnitt wortflug.
die sich nichts fer-gaelen lassenden iren schotten bretonten ausdruekklich walis der wirrus diesmal nicht endgueltig bekaempft werde, wuerden sie sich er-kelten : die eih-ahr-ehj militanzte den endsieg dazu dass die armeen menschen basken sich dem meuterland ab-spanien hauns die korsen den frank&frei-reichen drauf den bombaskischen handschlag des linksuntersten fluegels der eta : fuer neue irre laender
Aus: Bert Papenfuß-Gorek: dreizehntAnz. Berlin und Weimar: Aufbau, 1988, S. 102
Ulrich von Hutten
(* 21. April 1488 auf Burg Steckelberg bei Schlüchtern; † 29. August 1523, heute vor 500 Jahren, auf der Ufenau im Zürichsee)
Aus Johann Gottfried Herders Denkmal Ulrichs von Hutten (1793):
Seit Hutten bey diesem Freunde war, schrieb er fürs Volk, hie und da auch in Volksreimen.
Wenn sie uns Knüttelverse dünken, so waren sies damals nicht: sie waren Verse, die das Volk
lesen und behalten sollte; daher besetzte er hie und da auch andre seiner Werke mit solchen Reimen.
Die Wahrheit ist von neu gebohren, Betrug hat seinen Schein verlohren, Deß sag Gott jeder Lob und Ehr Und acht nicht förder Lügen mehr. Ja, sag’ ich, Wahrheit war verdrückt, Ist wieder nun hervorgerückt, Deß sollt man billig genießen lon, Die dazu haben Arbeit gethon. Die faulen Pfaffen lobens nit – – Ach fromme Deutschen haltet Rath, Da’s nun so weit gegangen hat, Daß nicht geh wieder hinter sich. Mit Treue hab’s gefördert ich, Und begehr deß anders keinen Genieß. Denn – wo mir g’schäh deßhalb Verdrieß – Daß man mit Hülf mich nicht verläst, So will ich auch geloben, daß Von Wahrheit ich will nimmer lahn, Das soll mir bieten ab kein Mann. Auch schafft, zu stillen mich, kein Wehr, Kein Bann, kein’ Acht, wie fest und sehr Man mich damit zu schrecken meint. Wiewohl mein’ fromme Mutter weint, Da ich die Sach hatt g’fangen an, Gott woll sie trösten! Es muß gahn, Und sollt es brechen auch fürm End, Wills Gott, so mags nicht werden gwendt. Drum will ich brauchen Füß und Händ’. Ich habs gewagt!
Ich weiß, fängt er in der Beklagung der Freystäte Deutscher Nation an:
Ich weiß, ich werd noch Lands verjagt, Um daß ich solchs nicht schweigen kann, Und nehm des Dings allein mich an. Doch ist es wahr; und ist nicht recht, Daß man woll machen krumm zu schlecht. –
Heute vor 20 Jahren starb der Dichter Peter Hacks (* 21. März 1928 in Breslau; † 28. August 2003 bei Groß Machnow).
TAGTRAUM Ich möchte gern ein Holperstein In einer Pflasterstraße sein. Ich stell mir vor, ich läge dort Jahrhunderte am selben Ort, Und einer von den Kunsteunuchen Aus Medien und Kritik Käm beispielsweise Hacks besuchen Und bräch sich das Genick.
Aus: Peter Hacks, Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus, 1998, S. 235
Gestern starb in Berlin der Dichter Bert Papenfuß. Ferdammt Noch Mal Du Warst Doch Noch Gar Nicht Dran Mensch!
Zum traurigen Anlass ein Gedicht aus seinem ersten Buch harm. arkdichtung 77 (KULTuhr Verlag 1985).
Erleben Wirklich Erleben Als Erleben Wirklich Erleben Meinte Weil Blosses Erleben Mehr Bedeutete Als Nur Erleben Als Man Sich So Zwischen Himmel & Erde Traeumen Liess Als Die Tueren Offen Standen Als Man Fom Nachhausegehen Sprach Doch Nicht Wusste Wohin Als Man Keinen Schritt Ruekkwaertz Ging Wohin Denn Auch Es Erlebte Als Nach & For Erleben & Nach Mehr Licht Schrie Es Erlebte Als Nach & For Erleben & For Dem Licht Sich Wand Die Rosen Ferrosteten Damals Man Stand Abseits Im Diesseits Als Die Zeit Zerpulwert Wurde Im Kirchgarten Unten Am Fluss Komm Mich Bexuchen Wie Gruen Du Auch Seist Find Meinen Stein Dann Reden Wir Drueber Wir Werden Dieser & Jenem Nachtrauern
In der Ausgabe 48 der Zeitschrift Abwärts! Zweite Stufe der Vorarbeit rufen Henryk Gericke, Andreas Hegewald und Kristin Schulz dem am 16. Mai verstorbenen Lyriker Andreas Koziol nach. Dazu dieses Gedicht von Koziol.
Nachschrift Herbste haben aufgehört zu malen Nackte Ufer. Blätter auf dem Dach Nebelwände. Echos von Signalen Augenlose Träume liegen wach Wolken wie die Asche großer Tiere Sterne fallen lautlos in den Müll Schweigen ist ein Spiel das ich verliere Heimweg ein romantisches Fossil Baumskelette. Schwarze Hieroglyphen Monde narbenglühenden Gesichts Baugelände wo einst Tote schliefen Herzerbarmen. Warnung vor dem Nichts
Andreas Koziol, aus: Gedichte, Das Zündblättchen 92, Heft 2, Edition Dreizeichen Meißen, 2019.
Jan Skácel
(* 7. Februar 1922 in Vnorovy; † 7. November 1989 in Brünn)
DOBROVSKÝS TOD * Er glaubte er würde im Wald eine Pflanze finden die alle Kranken heilen die Toten zum Leben erwecken könnte Er selbst glich jenem Gewächs ließ die tschechische Sprache aus dem Reich der Toten auferstehn Damals im Winter als er bei uns in Brünn im Sterben lag erblühten rings um die Stadt die Maiglöckchen bevor der erste Schnee fiel Was bleibt über ihn sonst noch zu berichten Er hatte blaue Augen trug blaues Schuhwerk Mantel einen blauen Schal Ein Gelehrter war er und ein schöner Mann Und mußte doch so einsam sein als er in jenem einzigen ganz großen Augenblick alles zu wissen bekam und alles Wissen für immer verlor
*) Josef Dobrovský (1753- 1829), Literatur- und Sprachhistoriker, verfaßte u. a. eine »Geschichte der böhmischen Sprache und Literatur« (1792; 1818).
Aus dem Tschechischen von Felix Philipp Ingold, aus: Jan Skácel: Ein Wind mit Namen Jaromír und andere Gedichte. Aus dem Tschechischen von Felix Philipp Ingold. Salzburg und Wien: Residenz, 1991 (2. Auf.), S. 21
Jannis Ritsos
(Γιάννης Ρίτσος Yiannis Ritsos, * 1. Mai 1909 in Monemvasia; † 11. November 1990 in Athen)
Sie sprechen, lachen, schrein,
streiten sich.
Entrollte Fahnen.
Explodierende Kisten.
Du
löstest dein Haar,
deponiertest im Schubfach
deine Uhr,
legtest dich hin.
Das Bett wuchs
bis zu zwei Drittel der Welt.
Nach dem Beischlaf
nahmst du wieder deine Uhr,
schautest darauf.
Nichts war mit der Zeit.
Kleine Gesten,
unbedeutende,
internationale,
und die Nelken
und dein Blut.
Kalamos, 17.10.81
Deutsch von Asteris Kutulas, aus: Jannis Ritsos: Halbkreis. Erotika. Griechisch-Deutsch. (Griechische und deutsche Erstveröffentlichung). Tübingen: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 1989

Theobald Hock (oder Hoeck)
(* 23. August 1573, heute vor 450 Jahren, in Limbach bei Homburg; † nach 1624)
Theobald Hock war ein Diplomat und ein Pionier der neueren deutschen Dichtung. Er wollte sie – vor Opitz – durch sein Beispiel reformieren. Ein kräftigerer Dichter war er auch. Dafür spricht dieses, sein wohl bekanntestes Gedicht.
Von Art der Deutschen Poeterey DIe Deutschen haben ein bsonder art und weise / Daß sie der fremden Völcker sprach mit fleisse / Lernen und wöllen erfahrn / Kein müh nicht sparn / In jhren Jahren. Wie solches den ist an ihm selbs hoch zloben / | ihm: sich Drauß man ihr geschickligkeit gar wol kan proben / Wenn sie nur auch ihr eygene Sprachen / Nit vnwerth machen / Durch solche sachen. Denn ander Nationen also bscheide / Ihr Sprach vor andern loben und preisen weidte / Manch Reimen drin dichten / So künstlich schlichten / Vnd zsammen richten. Wir wundern vns daß die Poeten gschriben / So künstlich Vers vnnd Meisterstück getrieben / Daß doch nicht ist solch Wunder / Weil sie gschrieben bsunder / Ihr Sprach jetzunder. Den sein Ovidius vnd Maro Glerte / | M.: Vergil. G.: Gelehrte Nit gwesen Reimer also hoch geehrte / | Reimer: Dichter Die sie in der Mutter Zungen / Lateinisch gsungen / Daß jhnen glungen. Warumb sollen wir den vnser Teutsche sprachen / In gwisse Form und Gsatz nit auch mögen machen / Und deutsches Carmen schreiben / Die Kunst zutreiben / Bey Mann vnd Weiben. So doch die Deutsche Sprach vil schwerer eben / Als ander all / auch vil mehr müh thut geben / Drin man muß obseruiren / Die Silben recht führen / Den Reim zu zieren. | R.: Vers Man muß die Pedes gleich so wol scandiren / Den Dactilum vnd auch Spondeum rieren / | r.: rühren Sonst wo das nicht würd gehalten / Da sein dReim gespalten / Krumb und voll falten. Vnd das noch schwerer ist so sollen die Reime / Zu letzt grad zsammen gehn vnd gleine / | die Verse sollen hinten reimen Das in Lateiner Zungen / Nit würdt erzwungen / Nicht dicht noch gsungen. | d.: gedichtet Drumb ist es vil ein schwerer Kunst recht dichten / Die Deutsche Reim alls eben Lateinisch schlichten / Wir mögen new Reym erdencken / Vnd auch dran hencken / d.h.: danach trachten Die Reim zu lencken. Niembt sich auch billich ein Poeten nennet / | N.: Niemand Wer dGriechisch und Lateinisch Sprach nicht kennet / Noch dSingkunst recht thut richen / | ri.: beherrschen Vil Wort von Griechen / Ins Deutsch her kriechen. Noch dürffen sich vil Teutsche Poeten rühmen / Sich also schreiben die besser zügen am Riemen / Schmiden ein so hinckets Carmen / | h.: hinkendes Ohn Füß vnnd Armen / Das zuerbarmen. Wenn sie nur reimen zsammen die letzte Silben / Gott geb wie die Wörter sich vberstilben / Das jrret nicht ihre zotten / | z.: Gewirr Ein Handt voll Notten / | Noten Ist bald versotten. O wenn sie sollen darfür an dHacken greiffen / Vnd hacken Holtz / wenn es nit khride zu Pfeiffen / | k.: geriete Khridts doch zu Poltzen selber / | P.: Taktstock Sie trügen doch gelber / | g.: heller, besser Für Lorber Felber. | statt Lorbeer Weidenkränze
Aus: Schönes Blumenfeld. Ausgewählte Gedichte, hrsg. Bernd Philippi und Gerhard Tänzer. Frühneuhochdeutscher Text mit einer Version in moderner Schreibweise. Saarbrücken: Conte Verlag 2007, S. 42ff
Martin Pohl
(* 28. März 1930 in Festenberg, Schlesien, heute Twardogóra; † 23. September 2007 in Neubrandenburg)
DAS DEIN-UND-MEIN-LIED oft gesungen mit Heiner, dem Müllerburschen Dein Bauch ist ein voller Bauch, Meiner ist ein leerer. Voller Bauch und leerer Bauch Welcher Bauch ist schwerer? Dein Schuh ist ein ganzer Schuh, Meiner ein entzweier. Deiner einen Sechser kost', Meiner einen Dreier. Dein Bett ist ein reines Bett, Meins ist ein beflecktes. Du schläfst rein, ich schlafe raus: Freilich beiden schmeckt es. Dein Sorg ist 'ne kleine Sorg, Meine eine große. Wenn dir's um den Braten geht, Geht's mir um die Soße. Dein Gott ist ein reicher Gott, Meiner ist ein armer. Deiner ist ein Halsabschneid', Meiner ein Erbarmer. Dein Hund ist ein braver Hund, Meiner ist ein böser. Deiner bellt und meiner pißt An die Welterlöser.
Aus: Martin Pohl, Gedichte 1950-1995. Berlin: UVA, 1995, S. 16f
Jörg Fauser
(* 16. Juli 1944 in Bad Schwalbach, Taunus; † 17. Juli 1987 in München)
Ich Ich bin er der ihr nicht sein wollt der Verletzlichste eingeübt in das Ungeordnete ein Finger über die Schmerzgrenze gestreckt und alles was ihr mir anhabt habe ich mir selbst angetan bin mit meinen Füßen gelaufen wundenbesohlt im Traumscheideland seht mich Abschied nehmen und getrost auf Verlassenheit bauen meine winzige Hütte aus Herbststroh und einem Rauchfaden unausgesprochener Hoffnung der über die Grenze zieht 1966
Aus: Jörg Fauser, Ich habe große Städte gesehen. Die Gedichte. Mit einem Vorwort von Björn Kuhligk. Zürich: Diogenes, 2019, S. 35
Thorsten Krämer
Von Parkplatz zu Parkplatz, lost in
transition: Für den Passanten beginnt die Dichtung
beim Aussteigen. Die Zielgerichtetheit der Schritte sei
dagegen eine Fehlinformation, ein Ablenkungsmanöver
ungewissen Ausgangs. Oder ist das Gehen gar nicht die
Bewegung, nur deren Auftakt? So sagen es
die rhythmisch leicht Beschränkten, die sich im
Sicheren wiegen. Doch sie irren. Da ist kein
Überblick, kein Handlungshorizont. Bloß diese
fatale Neigung zur Halbtotalen, ein Fußabdruck
im Hirn.
NASHVILLE, TENNESSEE
Aus: Thorsten Krämer, The Democratic Forest. Gedichte. Berlin: BRUETERICH PRESS, 2018, S. 25
Elisabeth Kottmeier
(* 31. Juli 1902 in Sandowitz (Schlesien); † 11. Januar 1983 in Stuttgart)
Stilleben (Georges Braque) Sie lassen sich von jeder Hand ergreifen, gewöhnlich, zum Gebrauch – die Frucht, der Krug. Bis einer fühlt: Daß sie sich nie verweigern, ist Warten nur, ob anders sie begreifen das Auge und die Hand, einmal genug, sie ganz in ihres Wesens Sinn zu steigern. Das ist der Krug: Gefülltsein. Frucht ist: Reifen. Denn alle Dinge wollen uns ergreifen.
Aus: Elisabeth Kottmeier: Die Stunde hat sechzig Zähne. Gedichte posthum. Ausgewählt und herausgegeben von Reiner Kunze. Mit einem Vorwort von Petra Köhler. Hauzenberg: Edition Toni Pongratz, 1984 (unpag.)
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