64. Sutzkever 100

Am 15.7. vor 100 Jahren wurde Abraham Sutzkever in Smorgon (heute Weißrußland) geboren, einer der größten jiddischen und israelischen Dichter. Hier einige aktuelle Nachrichten und ein Gedicht

Durch Frejdke Levitan lernte Abraham Sutzkever den Direktor des Instituts Max Weinreich kennen, der ihn mit den wider­strei­tenden Strömungen der jiddischen Avantgarde bekannt­machte. Da gab es »Di chaliastre« (Die Bande), die von romanti­sie­render Städtllyrik Abschied nahm, um den deutschen Expressionisten mit ihrer Groß­stadt­realis­tik nach­zueifern. Zum nicht­natu­ralis­tischen Schöpfungs­akt eines bilder­trunkenen Subjekts wurde das Dichten von den über Europa und Amerika verstreuten »Inzichistn« (Introspektivisten) erklärt. Die links­gerichtete Gruppe »Jung Wilne« (Junges Wilna) faßte Dichtung als politischen Auftrag auf. Ihr schloß Sutzkever sich an, bemühte sich jedenfalls darum. Sein Freund Shmerke Katsherginski sollte rückblickend sagen: »Es war für Sutzkever nicht leicht, in unsere junge Autorenfamilie aufge­nommen zu werden. Deshalb nicht leicht, weil er uns fremd war. Genauer gesagt: sein Werk war uns fremd. Unser Auge war an ausgetretene Wege gewöhnt«. (…)

In Abgrenzung zur Lyrik der klassischen Moderne des Westens entwickelte Sutzkever eine der alter­nativen Moderne des Ostens. »Das progressive Menschen­pack« von Marx sollte mit dieser Dichtung jene Revolution initiieren, in deren Verlauf eine im »universellen Austausch erzeugte Univer­salität der Bedürfnisse, Fähig­keiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen« alltäglich würde. In der Dichtkunst hatte Arthur Rimbaud das multiple Dasein des Individuums erprobt: »Ich – das ist ein anderer.« Was aber ist die Invariante, die in diesem univer­sellen Austausch von Fähig#-keiten und Bedürf­nissen Bestand haben wird?

Sutzkever beantworte diese Frage im Rückgriff auf außer­gewöhn­liche Erfah­rungen: »Ich – das ist die Kind­heit«. Er hatte die Symbo­listen studiert, auch Rimbaud. Der hatte seine Kindheit gehaßt. Sutzkever hingegen entdeckte die Fluß­land­schaft am Irtysch in Sibirien, wohin seine Familie im Ersten Weltkrieg ver­bracht worden war, als Ort des ekstati­schen Aufbruchs. Voll kindlicher Dank­barkeit berauschte er sich am ungebär­digen Leben der Altein­gesessenen und meinte später: »Jeder Mensch, aber besonders ein Schrift­steller, hat in seinem Leben und Schaffen seine Sehnsucht, seine Phantasie. Meine Phantasie ist Sibirien. Ich glaube, daß ich dort schon zum Schrift­steller wurde, obwohl ich damals noch keine Gedichte geschrieben habe.« / Antonín Dick, Poetenladen (auch in junge Welt)

1913: Birthdate of Avrom Sutzkever. Born in Russia, this Holocaust survivor is variously described as “an acclaimed Yiddish poet,” “one of the great poets of the 20th century” and „the greatest poet of the Holocaust.“ According to David G. Roskies, Sutzkever was the greatest poet of the Holocaust, who was also a leader of the Vilna ghetto and a partisan fighter. It would have been enough, he tells us, had Sutzkever been only “a symbol of hope and creative power for the powerless Jews of the ghetto,“ but he was much more. As “the foremost among Jewish poets“ Sutzkever “made the memory of the dead the nexus of his artistic expression.“ In his major prose poem, “Green Aquarium,“ Sutzkever accomplishes the transcendence of the dead by proposing the victory of poetry over death, art over destruction, neo-classical form over chaos, and the beauty of what remains in the universe after barbarism has done its terrible work He passed away in Tel Aviv.  There is no way to do justice to his work, which you can read in English here. / Cleveland Jewish News

Andree Ochodlo: Abraham Sutzkever to jeden z najbardziej cenionych poetów, piszący w jidysz. Przez wiele lat był kandydatem do Nagrody Nobla, był przyjacielem Czesława Miłosza i Polski. W dniu 15 lipca świętowałby swoje setne urodziny. Jeśli ktoś chciałby dowiedzieć się więcej, polecam książkę: „Wilno Jerozolimą było – rzecz o Abrahamie Sutzkeverze“, autorstwa Daniela Kaca, opublikowaną przez Wydawnictwo Pogranicze. / cjg.gazeta.pl

Abraham Sutzkever survived the Holocaust, immigrated to Palestine and was the only Yiddish poet awarded the Israel Prize / Haaretz

In den ersten Jahrzehnten des jüdischen Staates stand die jiddische Sprache nicht hoch im Kurs. Erst 1985 erhielt er als erster jiddischer Dichter den Israelpreis, 2005 erschien eine Ausgabe mit Übersetzungen ins Hebräische.

1948 schrieb er das Gedicht „Jiddisch“ als Reaktion auf Behauptungen, es handle sich um eine tote Sprache.

yidish
(farfast 1948)

zol ikh onheybn fun onheyb?
zol ikh vi avrohom
oys brudershaft tsehakn ale getsn?
zol ikh zikh a lebedikn lozn iberzetsn?
zol ikh aynflantsn mayn tsung
un vartn biz farvandlen
vet zi zikh in oves|dike
rozhinkes mit mandlen?
vos far a katovesdike
vitsn
darshnt mayn poezye-bruder mit di baknbardn,
az mayn mame-loshn geyt bald unter?
mir veln nokh in hundert yor arum do kentik zitsn
un firn di diskusye bay dem yarden.
vayl a shayle noglt un noglt:
oyb er veys genoy vu
di tfile fun berditshever,
yehoyeshes lid
un kulbaks
voglt
tsu dem untergang –
to zol er mir, a shteyger,
onvayzn – vuhin – di shprakh geyt-unter?
efsher bay dem koysel-marovi?
oyb yo, vel ikh dort kumen, kumen,
efenen dos moyl,
un vi a leyb,
ongeton in fayerdikn tsunter,
aynshlingen dem loshn vos geyt-unter,
aynshlingen un ale doyres vekn mit mayn brumen!

ייִדיש

זאָל איך אָנהײבן פֿון אָנהײב?
זאָל איך װי אַװראָהאָם
אױס ברודערשאַפֿט צעהאַקן אַלע געצן?
זאָל איך זיך אַ לעבעדיקן לאָזן איבערזעצן?
זאָל איך אײַנפֿלאַנצן מײַן צונג
און װאַרטן ביז פֿאַרװאַנדלען
װעט זי זיך אין אָבֿותדיקע
ראָזשינקעס מיט מאַנדלען?
װאָס פֿאַר אַ קאַטאָװעסדיקע
װיצן
דאַרשנט מײַן פּאָעזיע־ברודער מיט די באַקנבאַרדן,
אַז מײַן מאַמע־לשון גײט באַלד אונטער?
מיר װעלן נאָך אין הונדערט יאָר אַרום דאָ קענטיק
זיצן
און פֿירן די דיסקוסיע בײַ דעם ירדן.
װײַל אַ שאלה נאָגלט און נאָגלט:
אױב ער װײס גענױ װוּ
די תּפֿילה פֿון בערדיטשעװער,
יעהױעשעס ליד
און קולבאַקס
װאָגלט
צו דעם אונטערגאַנג ־
טאָ זאָל ער מיר, אַ שטײגער,
אָנװײַזן ־ װוּהין ־ די שפּראַך גײט־אונטער?
אפֿשר בײַ דעם קױסעל־מאַראָװי?
אױב יאָ, װעל איך דאָרט קומען, קומען,
עפֿענען דאָס מױל,
און װי אַ לײב,
אָנגעטאָן אין פֿײַערדיקן צונטער,
אײַנשלינגען דעם לשון װאָס גײט־אונטער,
אײַנשלינגען און אַלע דורות װעקן מיט מײַן
ברומען!

/ Bibliotheca Augustana

Jiddisch

Soll ich von Anbeginne anbeginnen? / Soll ich wie Abraham / aus Bruderschaft alle Götzen zertrümmern? / Soll ich mich noch beim Leben übersetzen lassen? / Soll ich meine Zunge einpflanzen / und darauf warten, / bis sie sich in urväterliche / Rosinen und Mandeln verwandelt? / Welche vor Unsinn strotzenden / Witze / predigt mein Poesie-Bruder mit dem Backenbart darüber, / dass meine Muttersprache bald untergehen würde? / Klar ist, dass wir noch in hundert Jahren hier sitzen / und am Jordan die Diskussion führen werden. / Denn eine Frage bohrt und bohrt: / Weiß er denn tatsächlich, wo / das Gebet des Berditschewers, / Jehoasch‘ Dichtung / und die von Kulbak / dem Untergang / entgegenzieht – / Soll er mir also etwa / zeigen, wohin die Sprache untergehend verschwindet? / Vielleicht bei der Klagemauer? / Wenn dem so ist, werde ich dorthin kommen / und den Mund auftun / und wie ein Löwe, / gehüllt in feurigen Zunder, / die Sprache, die da untergeht, verschlingen, / verschlingen – und alle Generationen mit meinem Brüllen wecken!

Deutsch von Armin Eidherr in: Armin Eidherr, Sonnenuntergang auf eisig-blauen Wegen: Zur Thematisierung von Diaspora und Sprache in der jiddischen Literatur des 20. Jahrhunderts
Band 1 von Poetik, Exegese und Narrative / Poetics, Exegesis and Narrative
V&R unipress GmbH, 2012
ISBN 3899719948, 9783899719949
Länge 382 Seiten hier

Yiddish

Shall I start from the beginning?
Shall I, a brother,
Like Abraham
Smash all the idols?
Shall I let myself be translated alive?
Shall I plant my tongue
And wait
Till it transforms
Into our forefathers‘
Raisins and almonds?
What kind of joke
Preaches
My poetry brother with whiskers,
That soon, my mother tongue will set forever?
A hundred years from now, we still may sit here
On the Jordan, and carry on this argument.
For a question
Gnaws and paws at me:
If he knows exactly in what regions
Levi Yitzhok’s  prayer,
Yehoash’s poem,
Kulbak’s song,
Are straying
To their sunset —
Could he please show me
Where  the language will go down?
May be at the Wailing Wall?
If so, I shall come there, come,
Open my mouth,
And like a lion
Garbed in fiery scarlet,
I shall swallow the language as it sets.
And wake all the generations with my roar!

1948

Transl. by Barbara and Benjamin Harshav, in: Sutzkever, A. A. Sutzkever: Selected Poetry and Prose. Berkeley:  University of California Press,  c1991 1991. http://ark.cdlib.org/ark:/13030/ft5q2nb3z7/

63. Kein Abseits

Sechs Wochen lang, bis Ende August, dauert der Lyriksommer im Deutschlandradio Kultur. Während dieser Zeit hören Sie morgens vor 8.00 Uhr und nachts in Fazit – jeweils ein zeitgenössisches deutschsprachiges Gedicht. Außerdem präsentieren wir in den unterschiedlichsten Sendungen, auch in den Lesungen am Samstag immer wieder Lyrik. / Deutschlandradio

Mittwoch, 17. Juli
Gedicht des Tages
Ursula Krechel: „Ein Gedicht entsteht“

Donnerstag, 18. Juli
Gedicht des Tages
Ginka Steinwachs: „Yogalaute II“

Freitag, 19. Juli
Gedicht des Tages
Irmela Brender: „Was ein Kind braucht“

62. Dichtersoll

Eine Version aus der früheren und frühen DDR. 1960 schrieb der Dichter Paul Wiens ein Gedicht im Kontext seiner „Neuen Harfenlieder des Oswald von Wolkenstein“, mit denen er 1957 schon einmal untergegangen war. 1962 druckte es das „Neue Deutschland“, aber der für 1963 angekündigte Band erschien dann doch nicht. Erst 1968 kam ein neuer Band mit einer Auswahl der „Neuen Harfenlieder“, aber ohne „Dichtersoll“ und manche andere. 1972 erschien  in anderem Verlag eine größere Auswahl, umfangreicher wenn auch nicht komplett, aber nun mit dem „Dichtersoll“:

Dichtersoll

Ein spaß für die kleinen,
ein rauch für die reinen,
ein lied für die leisen,
ein blitz für die weisen
und für die jugend
ein traum ohne tugend …

Wenns wir poeten
doch wagten und täten,
nicht selbst uns belögen,
daß wirs zwar vermögen,
daß aber…
……………. Ja, ja,
der staat ist noch da!

Paul Wiens: Vier Linien aus meiner Hand. Gedichte 1943-1971. Leipzig: Reclam, 1972, S. 96.

Von Vian auf Wiens kam ich über einen Reim, der unverhofft aus dem Gestrüpp des Gedächtnisses auftauchte: „Lebte der gute Goethe / er wüßte, was er täte!“ Der Staat? Ist immer  da.

61. Rough

Urs Engeler rezitiert im Radio Boris Vian, sagt Dinge über seinen „Mäzen“, die man so noch nicht hörte und spricht über roughbooks:

Bürger: Roughbooks heißt Ihr neues Projekt, ein Internetportal, über das Sie im Direktvertrieb Lyrikbänder vertreiben. Welche Übersetzung schlagen Sie vor für rough?

Engeler: Ich glaube, ich schlage gar keine vor. Mir reicht der Klang, man muss nicht immer alles verstehen. Rough, das klingt schon rough.

Bürger: Das kann elend sein, rau, hart, grob, schroff, stürmisch.

Engeler: Ja, damit hat es auch tatsächlich was zu tun. Im Konzept war mir wichtig, dass ich die Sachen nicht hundertmal hin und her drehe und noch mal überlege und nachfeile. Wir machen die Sachen relativ schnell, wir wollen reagieren können, wenn etwas drängt.

Die Enden vorne und hinten, im Radio werden die ja immer sauber geschnitten, bei uns werden sie unsauber geschnitten. So könnte man vielleicht rough übersetzen.

Bürger: Wie hat sich Roughbooks in den drei Jahren entwickelt?

Engeler: Ich finde es sehr überraschend. Ich hätte vor drei Jahren nicht gedacht, dass ich 20 Titel – die haben wir, glaube ich, oder es sind schon mehr als 20 Titel, 22 – in drei Jahren veröffentliche. Die Abonnenten sind auch erstaunlich treu, darüber funktioniert die Reihe ja wesentlich ökonomisch, dass es Leute gibt, die die ganze Reihe abonnieren, die das Neue zugeschickt bekommen.

Es sind sehr viele, sehr verschiedenartige Dinge gesehen. Wir haben Erstveröffentlichung von jungen Autoren, wir haben Übersetzungen gemacht, also da erscheinen sehr, sehr unterschiedliche, sehr bunte Dinge, und sie erscheinen ohne jeden Druck auch, das ist für mich sehr wichtig gewesen. Ich mache das, wenn etwas da ist, und wenn nichts da ist, machen wir nichts. Das geht, glaube ich, für viele Leute sehr gut auf.

Über gute Gedichte

Bürger: Welche Kriterien legen Sie an an ein gutes Gedicht?

Engeler: Das mit dem Gut – das passiert mir wahrscheinlich selber, dass ich von gut rede, aber es passt mir nicht wirklich. Wer ist so souverän, wirklich zu urteilen, was die Dinge taugen. Ich rede lieber von interessant, und für mich ist ein Text interessant, wenn er mich beschäftigen kann.

Interessante Gedichte, die haben bei jedem Lesen neue Erlebnisse auf Lager für uns. Es gibt ganz viele Dinge zu beobachten, das heißt, man muss schon sehr geduldig sein, um hinter diese Qualitäten zu kommen, aber quasi je nachhaltiger ich beschäftigt werde durch einen Text, desto interessanter scheint er mir, und unterm Strich würde ich dann auch sagen, desto mehr Qualitäten scheint er mir zu haben, sprich, desto besser ist er.

Und das ein oder andre Interessante noch. Wie gut daß das Radio bremst 😉 :

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.**)

**) Sollten Sie in meiner Formulierung Spuren von Ironie finden, wiewohl mir solches Verfahren wie hinlänglich bekannt zutiefst fremd ist, so richtet sie sich gegen Institutionen die sich aus welchen rechtlichen Gründen immer von Äußerungen ihrer Interviewpartner meinen abgrenzen zu müssen als wär der Zuhörer sonst zu blöd um selber zu merken daß da wo B davorsteht B spricht und nicht der Pressesprecher des Senders. Na wenns der Wahrheitsfindung dient… M.G.

Die letzten roughbooks-Titel:

  • Paul Bogaert: Der Soft-Slalom. Das Jahr der Suppe. Das Atmosphäre im Büro ist angespannt. Namen müssen erdacht werden und die Klimaanlage funktioniert nicht wie sie soll. Im Badeparadies herrscht ein enthusiastisches, ja erregtes Klima, vor allem in den Rutschen. Bis der Bademeister in Schwierigkeiten gerät. Er wird verhört von Ertrunkenen und persönlichen Coaches. Der Bademeister versucht sich zu konzentrieren. Aber das Niveau ist gesackt. Das Böse ist geschehen. In „der Soft-Slalom“ richtet Paul Bogaert den Fokus auf den diplomierten Arbeiter in seiner erhitzten Glocke, der bei jedem kleinen Scheiß auf Abruf von hier nach da sputet, in der „possierlichen Langes-Schöpfnetz-Choreographie“. „Der Soft-Slalom“ ist ein langes, eng gefügtes Gedicht, bequem aufgeteilt in lauter einzelne Gedichte, die sich dann aber wiederzu einem ungeheuren, krakenarmigen Ganzen gruppieren. Herausgegeben und übersetzt von Christian Filips.
    Bestellen: Paul Bogaert, Der Soft-Slalom: 66 Seiten, Euro 9,-/ sFr. 11.-
  • Elke Erb: Das Hündle kam weiter auf drein. Die neue Sammlung von Texten umfasst die Jahre 2005 bis 2012. Sie erscheint aus Anlass der Verleihung des Ernst-Jandl-Preises für Lyrik an Elke Erb, herausgegeben von Urs Engeler.
    Bestellen

60. Gestorben

Der haitianische Lyriker und Vortragskünstler Lavaud Alexandre, genannt Pyè Lajoa, starb am 5.7. Seit seiner Jugend beteiligte er sich an Kämpfen um die Autonomie der Universitäten. In einem Nachruf wird er ein engagierter Dichter und „Verteidiger der kreolischen Sprache“ genannt. In ihr veröffentlichte er zwei Gedichtbände: « Men de twa kozman/se twokèt la » und « Sou twokèt la nou depoze yon bokit koze ».

/ AlterPresse

59. Der in Versen denkt

Un poète
C’est un être unique
A de tas d’exemplaires
Qui ne pense qu’en vers
Et n’écrit qu’en musique
Sur des sujets divers
Des rouges ou des verts
Mais toujours magnifique.

Boris Vian, aus:  Je voudrais pas crever (1962)

Grob übersetzt:

Ein Dichter
Ist ein einmaliges Wesen
In rauhen Mengen
Der nur in Versen denkt
Und in Rhythmen schreibt
Über allerlei Zeugs
Rotes und Grünes
Aber immer Großes.

Das Gedicht entstand 1951 oder 1952 und erschien zuerst zuerst postum 1962 in dem Band “Ich möchte nicht krepieren” (Je voudrais pas crever). Es findet sich Französisch und Deutsch (von Eugen Helmlé) in dem Band: Boris Vian: Ich möchte nicht krepieren. Gedichte, Lieder und Texte. Frankfurt/ Main: Zweitausendeins, 1985, S. 168f. (Die Rohübersetzung hier ist von mir, M.G.)

58. Zehntausend Lieder

Den Komponisten gaben seine Gedichte die schönste Vorlage für ein Liedschaffen, das zu einer deutschen Besonderheit geworden ist. Mit 10.000 Liedern haben nicht weniger als 2500 Komponisten dem Lyriker Heinrich Heine gehuldigt. Damit wurde er zum meistvertonten deutschen Dichter. Jetzt widmet das Heinrich-Heine-Institut seiner Vaterstadt Düsseldorf diesem Klangwerk eine kleine, feine Ausstellung, in der auch Heines Verhältnis zu seinen Musikern aufgerollt wird. Es stellt sich als keineswegs so ungetrübt heraus, wie man annehmen müsste. / Dankwart Guratzsch, Die Welt

57. Gegen den Krieg

Lass dich, Leser, vom Äußern nicht blenden. Was für Bücher gilt, gilt auch für dieses Heft, das »Poesiealbum neu«, herausgegeben von Ralph Grüneberger im Auftrag der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik. »Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle« lautet sein Titel, in schrillem Cyan auf Grau gestellt, so dass die Schrift wortwörtlich in die Augen sticht, die Autorenliste auf der Rückseite, von Wilhelm Bartsch über Róža Domašcyna und Peter Gosse bis Johano Strasser und Brigitte Struzyk, zu entziffern Mühen kostet. / Jens-Fietje Dwars, ND 16.7.

Poesiealbum neu: Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle. Herausgegeben von Ralph Grüneberger. Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013, 60 S., br., 6 €. Zu beziehen über den Buchhandel oder kontakt@lyrikgesellschaft.de Im September erscheint die Ausgabe als Hörbuch unter dem Titel »Schwarze Ängste«.

56. Ohne Überblick sein dürfen

Für „Howl“ ist Ginsbergs Vortragsart zentral. Er kultivierte eine Art Sprechgesang, der entfernt an Rap erinnert. 2010 erschien ein Film, der den Gerichtsprozess um „Howl“, das als anstößig empfunden wurde, zum Gegenstand hatte. Ginsberg wird als Begründer der Beat-Generation gefeiert. Ihre Geschichte ist inzwischen längst zur Legende geronnen, die als Block im Regal zwischen Che Guevara und Andy Warhol liegt. Lässt sich über Ginsberg überhaupt noch etwas Neues erfahren? Verdecken einem nicht all die populären Ginsberg-Bilder die Sicht?

Der Kurator der Schau, der 1936 in Paris geborene Künstler und Autor Jean-Jacques Lebel, gibt einen sehr direkten Einblick in die Geschehnisse. Etwa zeitgleich zu Ginsberg in Amerika entwickelte Lebel das Happening, Aktionen zwischen Kunst und Politik in Frankreich. Er war mit Ginsberg gut befreundet und übersetzte viele seiner Bücher ins Französische. (…)

Die Presse kritisierte die Ausstellung vielfach als beliebig und kontextfrei. Manchmal aber ist der Kontext tödlich für das Wiederverstehen eines Werkes. Wer Kontext will, soll sich ein Buch kaufen. Vielleicht die kritische Biografie von Michael Schumacher. Für einen neuen Zugang gibt es diese Ausstellung. Schön ist diese Weite, schön ist es, ohne Überblick sein zu dürfen. / RADEK KROLCZYK, taz 8.7.

„Beat Generation/Allen Ginsberg“, noch bis 1. September, Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe

55. Poems by Repetition

Die fotografischen Arbeiten von Natalie Czech (*1976, lebt in Berlin) bewegen sich zwischen konkreter Poesie und konzeptueller Fotografie. Sie thematisiert die Verhältnisse und Wechselwirkungen zwischen Bild und Text, Poesie und bildender Kunst und sucht nach dem lyrischen Potenzial in unterschiedlichen Medien. In ihrer Ausstellung im Kunstverein Hamburg werden nun erstmals die zwei neuen Werkserien „Poems by Repetition“ (Gedichte durch Wiederholung) sowie „Voyelles“ (Vokale) präsentiert.
„Poems by Repetition“ bezieht sich auf Gertrude Steins Theatertext „Saints and Singing“ (1922), in dem diese sich ausführlich dem Wesen und Zweck der Wiederholung widmete. Am Ende des Textes, in dem sie sich ausdrücklich für die Wiederholung ausspricht, offeriert sie verschiedene Möglichkeiten des Umgangs und bezieht sich vor allem auf eine dynamische, prozessuale und rhythmisierende Darstellungsform von Erzählung. Gleichzeitig beinhaltet die Wiederholung des scheinbar Selben hier auch eine klangliche Komponente, ähnlich des Refrains eines Songs oder eines Echos.
Vor diesem Hintergrund wählte Natalie Czech existierende Gedichte aus, die selbst bereits von einem rhetorischen Stilmittel der Wiederholung gekennzeichnet sind, u.a. von Aram Saroyan, Hart Crane, Allen Ginsberg oder Gertrude Stein. (…)

Die zweite neue Arbeit „Voyelles“ geht zurück auf das gleichnamige Sonnet von Arthur Rimbaud aus dem Jahr 1871 sowie auf seine „Lettres des Voyant“ (Briefe des Sehers). In „Voyelles“ weist er jedem Vokal eine bestimmte Farbe zu und versucht dadurch die Verbindung zwischen Ton und Farbe herzustellen. Es ist in dieser Hinsicht sicherlich eines der bekanntesten Gedichte, das sich mit dem Thema der Synästhesie auseinandersetzt. Natalie Czech geht der Frage nach, wie eine Fotografie aussehen könnte, die eine solche Sinnesverschmelzung hervorrufen würde oder ob dieses Phänomen (letztendlich) nur sprachlich wiedergegeben werden kann. Dafür hat sie 10 AutorInnen (Erica Baum, Julien Bismuth, Christian Bök, Federica Bueti, Övül Durmusoglu, Jean-Pascal Flavien, John Holten, Barry Schwabsky, Paul Stephens und Judith Vrancken) eingeladen, sich selbst einen Brief im Namen der Künstlerin zu schreiben. Darin beschreiben sie ein fiktives Foto, welches für sie den Moment von Synästhesie beinhaltet. / art-in.de

Der Kunstverein, seit 1817.
Klosterwall 23
20095 Hamburg
http://www.kunstverein.de/

54. Wär ich ein Pohete

Boris Vian

Si j’étais pohéteû
Je serais ivrogneû
J’aurais un nez rougeû
Une grande boîteû
Où j’empilerais
Plus de cent sonnais
Où j’empilerais
Mon noeuvreû complait.

Google übersetzt:

Wenn ich pohéteû
Ich würde ivrogneû
Ich habe eine Nase rougeû
Viel boîteû
Ich empilerais
Mehr als hundert klingelte*
Ich empilerais
Meine noeuvreû schwelgt.

Der Text wird von den verfremdeten Wörtern vorangetrieben, fast eins in jeder der kurzen Zeilen, so daß diese quasi das voranstürmende Metrum formieren – zusammen mit dem Haufenreim aaaabbbb. Google übersetzt schon einen Teil der Struktur einfach indem es die Neuwörter übernimmt nach dem Motto, nicht das Französische verdeutschen, sondern das Deutsche verfranzösischen. Aus dem Vianfranzösisch von Google, könnte man das nennen.

(Beim Vorlesen der Googlefassung sprech ich automatisch den Reim „Ich empilereh – mehr als hundert klingelteh: Zeichen, daß sich der Motor des Gedichts durchsetzt.)

Ich versuche diesen Motor aus dem Original genauer zu beschreiben. Das Metrum benutzt keine Jamben oder Trochäen, sondern nur Silbenzählung dergestalt, daß vier auf -eû reimende Sechssilber von vier auf -ais reimenden Fünfsilbern gefolgt werden. Der Rhythmus ist energisch vorwärtsdrängend:

toktoktok toktoktok
toktoktok toktoktok
toktok toktok toktok
toktok toktok toktok
tiktik tiktiktik
tiktiktik tiktik
tiktik tiktiktik
tik tiktik tiktik

In französischen Versrhythmen spielen Silbenzahl und Wortgrenzen** offenbar die entscheidende Rolle. Deshalb ist der Unterschied zwischen „metrisch geregelten“ und metrisch ungeregelten Rhythmen nicht so spürbar wie im Deutschen. Der Vater der modernen französischen Lyrik, Charles Baudelaire, verwendet überwiegend gereimte Alexandriner, es tut seiner Modernität keinen Abbruch.

Der zweifache Haufenreim trägt zum Rhythmus bei, aber auch, wie schon oben angedeutet, die Wortverfremdung.  Bildet sie doch ein Gerüst, das in fast jeder Zeile ein tragendes Wort aufweist, in der letzten dann zwei, so entsteht Rhythmus:

– pohéteû
– ivrogneû
– rougeû
– boîteû
– (empilerais)
– sonnais
– (empilerais)
– noeuvreû complait.

Diese Struktur – mehr als die Semantik – bildet das Gedicht. Mit Fausts Schwung („Im Anfang war die Tat“) übersetz ich getrost:

Wär ich ein Pohete
Wüßt ich was ich täte***
Hätt ne rote Neese
Große Gefäße
Darein ich täte
Hundert Sonätte
Darein ich täte
Mein Werk komplätte****

Aus dem Vianfranzösisch von Michael Gratz

Versteht man das? Ich glaube ja.

*) Die Verfremdung der Schreibweise von sonnet zu sonnais bringt Googles Maschine auf den schönen Gedanken, darin das Verb klingeln zu hören, sonner. Tatsächlich ist Klinggedicht ein Eindeutschungsversuch und verkommen deutsche Sonette wegen der Reimarmut unserer Sprache leicht zu Reimklingeleien (während die Reime in den Sonetten in romanischen Sprachen, wo sie offensichtlich unter arabischem Einfluß entstanden, nur ein leichter Gedichtmotor sind).

**) Auch im Deutschen könnte das relevant sein. Klopstock machte mit seinen „Wortfüßen“ einen entsprechenden Vorschlag, dem indes nicht gefolgt wurde. Darüber an anderer Stelle mehr.

***) Eigentlich: Würd ich ein Trinker

****) Unübersetzt  bleibt leider der Viansche Scherz, dem französischen Klang folgend das Werk, das Œuvre, mit dem Auslaut-n des mon zu verbinden, in diesem Fall das n durch seine Schreibweise zu verdoppeln: mon nœuvre, und damit gleichzeitig zu negieren: nœuvre, Unwerk.

Das Gedicht entstand 1951 oder 1952 und erschien zuerst zuerst postum 1962 in dem Band „Ich möchte nicht krepieren“ (Je voudrais pas crever). Es findet sich Französisch und Deutsch (von Eugen Helmlé) in dem Band: Boris Vian: Ich möchte nicht krepieren. Gedichte, Lieder und Texte. Frankfurt/ Main: Zweitausendeins, 1985, S. 142f.

53. Wer versteht hier alles?

„dr paraburi rodt sech im schnee / dr schpallamander ghörsch chyche / ds schwipsell triumphiert barockal / und alli analogiele chömed uf ds mal“. Wer versteht hier alles? Und wer hätte vermutet, dass es sich um Verse von Boris Vian handelt, die Kurt Marti aus dem Französischen in die Berner Mundart übersetzt hat?

Frank Milautzcki in der Fix zone über viceversa 7, das Jahrbuch der Schweizer Literaturen.

52. Moldauische Literatur

Nur sehr selten trifft man im deutschen Sprachraum auf Zeugnisse moldauischer Literatur und daher ist es äußerst verdienstvoll, dass die jüngste Nummer der Grazer Zeitschrift „Lichtungen“ nun Texte einiger repräsentativer Autoren und Autorinnen aus der Republik Moldau vorstellt. So lautet der offizielle Landesname, daneben kursieren auch die Bezeichnungen Moldawien, Moldova oder gar Bessarabien. Gerhardt Csejka bezeichnet dieses Land im Vorwort zu seiner Auswahl als „Ungelöstes Kreuzworträtsel“. Die Verwirrung weiter treiben die Sprachen, in denen die dortigen Schriftsteller ihre Lyrik, Prosa und Dramatik schreiben: Rumänisch, in Abgrenzung zur Amtssprache in Rumänien auch als Moldauisch bezeichnet, oder Russisch, beide in der Vergangenheit abwechselnd zur Staatssprache erhoben. (…)

Gegen die armselige Realität hilft dem beschädigten Menschen die Flucht – allein oder mit Gleichgesinnten – in die Fiktion, sei es schreibend oder lesend, wie es Gârneţ in seinen Gedichten betreibt. „dieses gemeinschaftliche Verseschmieden / nannte ich die schulische Passage unserer Existenz / unser Zwergendelirium / das Trampolin hin zur Lektüre / die allein uns Schutz bietet“.

(…) Intertextualität und Intermedialität sind Kennzeichen des Dichters Emilian Galaicu-Păun, dessen Wortkunst sich aus vielen Quellen speist. Hier kommuniziert er über Heimatlosigkeit zwischen Paris und Czernowitz, zwischen Seine und Pruth. Seine Gesprächspartner sind Paul Celan und die rumänische Avantgarde. Den Auftritt eines ihrer Vertreter, Gherasim Luca, bezieht er direkt in sein Gedicht ein, und zwar durch ein Video, auf das er über einen entsprechenden, als Zeile in das Gedicht eingebunden Internetlink verweist.

schreibt Anke Pfeifer bei Fixpoetry.

Daß nicht alles dort anders ist als hierzulande, zeigt folgender Satz:

Der Dichter Vasile Gârneţ schreibt nicht umsonst: „Meine Generation, die den Glauben an die Poesie hochhält / zog in die Welt hinaus mit dem Fotoapparat in der Hand / und wird doch stets bezichtigt, das Gedichtelesen / in ein Kreuzworträtsel zu verwandeln.“

Neue Literatur aus der Republik Moldau. Idee: Botschafter Dr. Martin Eichtinger, BMEIA, Auslandskultur; Wien Mitarbeit: Karin Cervenka, BMEIA, Auslandkultur; Wien

Auswahl und Übersetzung der rumänischsprachigen AutorInnen: Gerhardt Csejka, Frankfurt/M., Übersetzung des Textes von Nicoleta Esinencu: Eva Ruth Wemme, Berlin, Übersetzung des russischsprachigen Autors: Erich Klein, Wien/Susanne Macht, Kiew. In: Lichtungen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik. 134/XXXIV. Jg./2013, S. 70-119. ISSN 1012-4705. 8 €

51. Poetopie

auf dem stillen Waldwanderweg schreit eine Stimme ihre Verlassenheit ins Mobiltelefon

Hansjürgen Bulkowski

50. Sofagestalt

„Haiku“ heißt das neue Sofa vom dänisch-italienischen Architektenduo Stine Gam und Enrico Fratesi für Fredericia. Und die fanden die Vorlage für „Haiku“ in den gleichnamigen, ultrakurzen Gedichten aus Japan. Die Lyrik fängt sinnliche Wahrnehmungen ein – ein Gefühl, etwas Gesehenes oder Gehörtes – und kleidet sie in Worte. Gam Fratesi lässt sie Sofagestalt annehmen. / Schöner wohnen