90. ausleuchten eintauchen pics schießen

Das Private liegt Marquardt näher als der „arabische volksaufstand“, und neben den vielen Medienzitaten steht ein begrenztes Bildvokabular mit Elementen wie Baum, Blick, Hand, Hund, Schatten, Tisch. Erstaunlich bleibt, wie die drei Texte „blickinsassen“, in der Mitte des Bands und als einzige aus Zeilenpaaren gebaut, aus dem scheinbar schlichten Repertoire die Grundlage einer „geschichte des blicks“, seiner Selbstreflexivität und seiner Potentiale zu schaffen vermögen. Wo zum Ich ein Du ins Spiel kommt, gelingen dichte, assoziationsreiche Texte, die synästhetische Qualitäten entfalten und mit gewissem Recht auf Widmungsträger wie Ulf Stolterfoht und Andrej Tarkowski verweisen. Hier wird der Jargon klangsensibel eingesetzt und mehrsinnig gebrochen.

Marquardt weiß, dass Metaphern Sinn und sinnliche Erfahrung kaum noch kurzschließen, wenn die Grenze zwischen Realität und Virtualität ständig übersprungen wird. Vielleicht bleibt dem Lyriker da tatsächlich nichts anderes als „das interieur ausleuchten. erhöh die pixelzahl, schraub das tempo runter, schau genau hin“ – oder gleich die resignative Variante des Mediennomaden: „einfach eintauchen, schnorcheln, augenweiden klarmachen, pics schießen“. „ich bin nackt, du trägst haut“ – wer die Asymmetrie von Selbst- und Fremd- wahrnehmung so prägnant zu fassen vermag, kann aber auch mehr als das eigene „interieur“ aus dem globalen Mediennetz fischen. / MARTIN MAURACH, FAZ 20.6. (S. 26)

Tristan Marquardt: „das amortisiert sich nicht“. Gedichte.
Verlag kookbooks, Berlin 2013. 76 S., br., 19,90 €.

89. Braucht die Lyrik ein Zentrum?

Florian Kessler in einem streitbaren Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 17.6. (S.12):

Gleich am ersten Abend des größten Lyrikfestivals, das es in Europa gibt, hatte der eigentlich eher spröde Dichter Oswald Egger einen Auftritt, wie ihn das Berliner Poesiefestival liebt: Hinter Oswald Egger flimmerten seine Gedichtzeilen auf einer Großleinwand, vor ihm saß ein wild gemischtes Riesenpublikum, und Egger selbst wirkte zumindest nach tradierten Lyriklesungsmaßstäben wie ein Bühnenvulkan: Ein schlauer Wurzelsepp im Anzug, der Kryptosätze skandiert und mittendrin plötzlich minutenlang auf Klingonisch flucht.

Beim Poesiefestival wird seit jeher viel programmatische Lust auf die mündliche Darbietung von Dichtung verwendet. Schnöde Schriftlichkeit zählt wenig. Texte seien lediglich die Partitur der Dichtung, behauptete Festivalleiter Thomas Wohlfahrt in seinen Einführungen immer wieder. Gedichte sollen also gerne auch einmal vertanzt oder verfilmt werden. Lesungen unter freiem Himmel in den Stadtteilen und ungewöhnliche Bühnenbegegnungen stehen hoch im Kurs. Man träumt vom publikumsaffinen Verflüssigen von ansonsten viel zu trockener Kost. Wunderbarerweise gelingen diese Unternehmungen immer wieder, oft in spektakulärer Weise: In diesem Jahr etwa, als die hochverdienten deutschen Dichter Volker Braun und Michael Krüger aufgefordert wurden, sich über die Poetiken der heutigen Lyrikszene zu beugen. Kopfschüttelnd und fasziniert rezitierte daraufhin der fünfundsiebzigjährige Braun die Zeilen der dreißigjährigen Ann Cotten.

Das Poesiefestival ist ein großartiger Arrangeur solcher abenteuerlichen Kollisionen. In diesem Jahr ist es aber auch ein eher abschreckendes Beispiel dafür, wie seine Organisatoren das Gesamtarrangement deutschsprachiger Dichtung verändern wollen. Auch ohne größere Leserschaft geht es der zeitgenössischen Dichtung gegenwärtig gut. Es wird wild geschrieben, diskutiert und veröffentlicht, das zeigt schon jeder Blick auf die vielen Verlags-Neugründungen der letzten Jahre – und jeder Blick auf die Veröffentlichungen oder auf die Auszeichnungen. Die Berliner Literaturwerkstatt, die das Poesiefestival veranstaltet, propagiert darum schon länger, es fehle eigentlich nur noch ein beherzter Schritt zum richtig großen Glück: Eine mit Bundesmitteln ausgestattete zentrale Schaltstelle müsse her, ein „Deutsches Zentrum für Poesie“. Klappern gehört zur Kulturpolitik, hochtönende Namensgebungen sollten nicht abschrecken. Dennoch kann man ruhig einige Male durchatmen, um die bloße Idee der Notwendigkeit eines solchen Zentrums sacken zu lassen, auf dem Festival zum Beispiel während der furiosen, dringlichen Begegnung der Weißrussin Valzhyna Mort mit dem Jamaikaner Ishion Hutchinson. (…)

Als nationales „Kompetenzzentrum“ will sie Stipendien und einen Buchpreis ausrufen, ein gewichtiges Veranstaltungsprogramm auf die Beine stellen und dichterische Quellen in einem multimedialen Archiv organisieren. Gemessen an den anderen Künsten geht es bei dieser Vision zwar um winzige Summen. Die Rede ist von 3,1 Millionen Euro an Bundes- und Landesmitteln. Verglichen mit den ebenfalls geringen sonstigen Möglichkeiten von Literaturförderung in Deutschland aber verschiebt sich die Perspektive.

Die Literaturwerkstatt will der eine zentrale Ansprechpartner für Lyriker und Öffentlichkeit werden. Mitten in eine horizontal organisierte, netzwerkartige, ebenso lebhafte wie prekäre Ökonomie hinein soll ein einzelner starker Akteur gepflanzt werden. Das hätte natürlich Auswirkungen auf alle anderen Mitspieler. So sehr Thomas Wohlfahrt auch betont, man wolle niemandem etwas wegnehmen, „wir haken uns alle unter“, sowenig besteht der fromme Wunsch auch nur erste Ansätze zu Realitätstests: Kurz nachdem Wohlfahrt dem Literaturwissenschaftler Jan Bürger vom Literaturarchiv Marbach (das Literaturarchive der Literatur des 20. und 21. beherbergt) äußerst nonchalant erklärt hatte, die bestehenden Archive könnten keine Gegenwartsdichtung sammeln, das müsse zwingend an einem neuen Ort geschehen, verkündete der Dichter Eugen Gomringer mit viel Geschäftssinn,wenn er bislang Manuskripte nach Marbach verkauft habe, sei das ohnehin immer „zu billig“ gewesen.

88. Gestorben

Alexander Pehlemann schreibt:
Filip Topol ist tot.
Sänger und Pianist der Psi Vojaci, der 1979 gegründeten Hundesoldaten aus Prag, Soloartist und Poet, jüngerer Bruder von Jáchym Topol.
Hier eines seiner herzzerstückelndsten Stücke (mit eingebauten Super8-Aufnahmen der ganz frühen Psi Vojaci)

87. Genug

Wenn Zülfü Livaneli spricht, hört die ganze Türkei ihm zu. Mit den politischen Verhältnissen des Landes kennt der 67-jährige Schriftsteller sich aus wie kaum ein zweiter. Er begann als linker Verleger und entging 1973 im Gefängnis der Folter, indem er mit einem Grippemedikament einen allergischen Schock bei sich auslöste. Viele seiner mehr als 500 Lieder, die er im schwedischen Exil zu schreiben begann, sind Volkshymnen geworden, „Özgürlük“ (Freiheit) wurde zuletzt von den Demonstranten im Gezi-Park gesungen.

Im Gespräch mit der „Welt“ sagt er über Erdoğan und die Proteste:

Die Jugend, und nicht nur die Jugend, hat genug von Premierminister Erdogan. Genug davon, wie er in ihre Lebensweise eingreifen will. Der Lebensstil ist von zentraler Bedeutung in der Türkei, weil dort sehr verschiedene Lebensweisen nebeneinander existieren. Und jetzt will Erdogan eine einzige durchsetzen. Er will den jungen Leuten vorschreiben, wie sie leben, was sie trinken und wie viele Kinder sie haben sollen – darum geht es bei diesen Protesten.

86. Kavafis

Kafavis-Poesie in der Musik von Quatuor Danel

Am 19.6. um 21.30 Uhr findet im Akropolis Museum der Auftakt der Veranstaltungsreihe „With Exquisite music, with Voices – 150 years from the birth of C. P. Cavafy“ statt. Der ebenso musikalische wie poetische Abend wird von dem Streichquartett Quatuor Danel gestaltet. Es werden Stücke gespielt, die vom Kavafis-Gedicht „Fones“ inspiriert wurden. Zu hören sind Kompositionen von Knaifel, Raskatov, Shostakovich und Tchaikovsky. Die Sopransängerin Elena Vassilieva tritt auf und der Schauspieler Dimitris Lignadis wird dem Publikum eine Auswahl an Kafavis-Gedichten vorlesen.

Ort: Akropolis Museum. Dionysiou Areopagitou Street 15. Weitere Infos unter www.theacropolismuseum.gr

85. Xuanji

Here’s part of a very old classical Chinese poem, one from the Six Dynasties period that was written somewhere around or a little bit before 400 CE:

平始璇

蘇  璣

氏詩圖

The poem’s loop structure isn’t normal for old Chinese poems, which were usually written in blocks of text, with the ends of poetic lines indicated by the rhymes. The unfamiliar structure produces a question about where to start. If you begin in the upper right-hand corner and read down and to the left, as most Chinese poetry of the time was written, you get a rhyming couplet that you might translate like “The beginning of the chart of the star gauge; a poem made by Lady Su” (璇璣圖始詩平蘇氏). It’s a bit odd as a sentence, especially that “start” or “beginning” in the first line, as well as a strange word for “made.” If you read it going down the right column, then move over a character, then start directly above it and rotate counterclockwise, you get a more balanced couplet: “‘The Star Gauge,’ a poem / by Lady Su from Shiping County” (璇璣圖詩始平蘇氏). If you’re willing to overlook the rhyme and jump around a little, you can get something more or less like this: “Lady Su’s poem / Is the first one written like a star gauge” (蘇氏詩圖璇璣始平). There are lots more possibilities, with varying levels of likelihood and resemblance to standard poems.

It’s an enjoyable game — a “star gauge” or xuanji (I’m borrowing David Hinton’s translation of the term, here) was a kind of ancient astronomical instrument that was used to map the revolution of the constellations, something that looked like this… / Nick Admussen, Boston Review (mit tollen Bildern)

Hier ein Bild ihres Palindromgedichts von Wikisource (in modernisierter und traditioneller Schreibweise):

84. Quartett

Heute abend in München, Lyrik Kabinett! Das Lyrische Quartett tagt zu Ashbery, Flow Chart, Domin, Sämtliche Gedichte, Scheuermann, Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen und Uljana Wolf/ Christian Hawkey, Sonne from Ort … mit Heinrich Detering, Harald Hartung, Kristina Maidt-Zinke und Sebastian Kleinschmidt… nischt wie hin!

Das Lyrische Quartett
Heute um 20:00
Lyrik Kabinett München

83. In Ankara

Achim Wagner berichtet in der Stuttgarter Zeitung aus Ankara:

Seit dem 31. Mai wird in der türkischen Hauptstadt Ankara demonstriert, mittlerweile meistens in der Nacht; getragen werden diese nächtlichen Demonstrationen von der jungen Generation. In Zentrumsnähe und im Zentrum kommt es jetzt regelmäßig zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei. Ein Ausgangspunkt dieser täglichen Demonstrationen ist der Schwanenpark im Ausgehviertel Tunalı, etwa 1,5 Kilometer oberhalb des Stadtzentrums Kızılay gelegen. Normalerweise beherbergt dieser Park mit seiner Wasserfläche vier Schwanenpaare, neun Wildgänse und drei Wildenten, ist er ein innerstädtisches Idyll. Nach Beginn der Demonstrationen wurden die Vögel in einen entfernter gelegenen Park gebracht.

Auf der Tunalı Hilmi Caddesi, der zentralen Straße des Viertels, die zum Park führt, verkaufen inzwischen Straßenhändler Atemschutzmasken, Schwimmbrillen, Trillerpfeifen, Vuvuzelas, türkische Fahnen mit und ohne Konterfei des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk, T-Shirts mit Widerstandsparolen. Der Park selbst wurde von Protestierenden besetzt, zwischendurch von der Polizei geräumt, wieder besetzt, wieder geräumt und dann wieder besetzt.

Verschiedene Protestinitiativen haben im Park Stände eingerichtet, mit Informationsmaterial zu ihren jeweiligen Anliegen. Eine Protestplattform wurde gegründet. Für einige Tage gab es eine von Studenten betreute sogenannte Volksbibliothek, mit auf Planen ausgelegten Büchern. Der Park hing voller handgeschriebener Plakate mit politischen Slogans, ironischen Kommentaren und immer wieder auch mit Gedichten respektive Gedichtzeilen bekannter türkischer Dichter.

82. Mikrokosmos

Konstantin Ames schreibt:

Das 2. Konstanzer Poesiefestival war ein Mikrokosmos des Lyrikbetriebs und seiner literarischen Grüppchen. Hier wird fehlender Ernst der Jugend bejammert, da lassen dich Metamorphosen Trigorins das Verrinnen von Lebenszeit spüren und die Allgemeinplätze des Erwerbslyrikerdaseins dürfen natürlich nicht unbeschritten bleiben; man erkennt die Absicht und ist enttäuscht … wie aber ein Ulrich Koch und eine Ursula Krechel den altdeutschen Rheintorturm rockten; wie ungeziert das jungsche Alemannische (durchaus dialektisch beraten) unsere Gehörgänge betrat, wie quicklebendig Zsuzsanna Gahse das Publikum in der Philharmonie zerstreute und wieder versammelte, das miterlebt haben zu dürfen, hat mir große Freude bereitet!

81. Lyrikpreis Meran 2014

Meran – 19/06/13. Der Südtiroler Künstlerbund/Literatur und der Verein der Bücherwürmer Lana schreiben den zwölften Lyrikpreis Meran aus. Die Lesungen finden am 16. und 17. Mai 2014 in Meran statt. Der Einsendeschluss für eingereichte Gedichte ist der 31. Oktober 2013.

Teilnahmeberechtigt sind Deutsch schreibende Autorinnen und Autoren, die wenigstens einen eigenständigen Lyrik- oder Prosaband in einem Verlag veröffentlicht haben. Das Sekretariat des Lyrikpreises Meran (Verein der Bücherwürmer/Literatur Lana – Lyrikpreis Meran, Hofmannplatz 2, I-39011 Lana) nimmt die Beiträge – zehn unveröffentlichte Gedichte in fünffacher Ausfertigung – entgegen. Die Gedichte gelten als veröffentlicht, wenn sie in Buchform, in einer Anthologie, in einem anderen Printmedium oder in elektronischer Form erschienen sind. Die Texte müssen ein Kennwort tragen. Der Name des Einsenders oder der Einsenderin muss, ergänzt durch Adresse und Bio-Bibliographie, in einem eigenen Umschlag mit gesandt werden. Die Jury wählt neun Autorinnen und Autoren aus, die im Mai 2014 nach Meran eingeladen werden.

Der Lyrikpreis Meran der Südtiroler Landesregierung ist mit 8.000 Euro dotiert, der Preis der Stiftung Südtiroler Sparkasse mit 3.500 Euro.

Lyrikpreis Meran 2012 Lesung Uwe Kolbe
Lyrikpreis Meran 2012 Lesung Uwe Kolbe

80. Wiedergefundenes Gedicht

In einer schlaflosen Juninacht beim Zwitschern Trillern Krähnen der Vögel, von wenigen Autos und einem Zug begleitet, fallen mir Zeilen aus einem Gedicht von E.E. Cummings ein

now that,more nearest even than your fate
and mine(or any truth beyond perceive)
quivers this miracle of summer night
her trillion secrets touchably alive

und gehen um im Kopf und switchen unkontrolliert zu einem anderen Gedicht des Autors, das ich vor 40 Jahren gelesen und übersetzt habe. Erst als ich aufstand und nachsah, bemerkte ich, daß es ein Sonett ist – in meinem Kopf schien es ganz rund und aus etwa 10 Zeilen zu bestehen, die mir Englisch und Deutsch da waren. Das Gedicht arbeitet nach dem Paarreim des ersten Verspaars nur mit feinen Anklängen, aber mit geradezu wuchtigem Rhythmus, es strömt und suggeriert mir halbwach ein Ganzes.

Ich las es vor 40 Jahren in Rostock, wo die Anglistik zwei Bücher des Autors besaß, den Roman The enormous room und 73 poems. Da ich es nicht kaufen und auch nicht kopieren konnte, schrieb ich es mit Schreibmaschine ab, und in der nachfolgenden Zeit versuchte ich mich an Übersetzungen, die Typoskripte hab ich beim letzten Umzug zuletzt gesehen, längst irgendwo vergraben. Da ich es eh fast komplett im Gedächtnis habe, besinne ich mich auf Mickel („daß Selberdenken [dichten] schneller ist als Nachlesen“), hole mir die Complete Poems und schreibe es neu.

Now i lay(with everywhere around)
me(the great dim deep sound
of rain;and of always and of nowhere)and
what a gently welcoming darkestness—

now i lay me down(in a most steep
more than music)feeling that sunlight is
(life and day are)only loaned:whereas
night is given(night and death and the rain

are given;and given is how beautifully snow)

now i lay me down to dream of(nothing
i or any somebody or you
can begin to begin to imagine)

something which nobody may keep.
now i lay me down to dream of Spring

—-

Ich leg (und überall rundum)
mich (jener dunkle tiefe klang
von regen; und von stets und nirgends) und

wie freundlich mich begrüßend dunkelstheit –

ich leg mich hin (in einer steilst
mehr als musik) und fühl die sonne ist
(der tag das leben sind) geborgt nur: doch
die nacht gegeben (nacht und tod und der regen

gegeben; und gegeben schön der schnee)

ich leg mich hin und träum von (nichts das
ich oder irgend jemand oder du
beginnen zu beginnen nur zu ahnen kann)

etwas das keiner hat er es behält.
ich leg mich hin und träum vom Frühling

Das versuche ich jetzt auch. Und übermorgen wird Sommer.

79. Doppelkonferenz

Auf eine poetische Doppelkonferenz darf man sich morgen im Literaturhaus am Inn freuen. Die Deutsche Nora Gomringer bringt zu diesem lyrischen Schlagabtausch ihren noch druckfrischen Band Monster Poems mit. Ihre Kollegin Olga Martynova hält ihren Lyrikband Tschwirik und Tschwirka und ihren jüngsten Roman Mörikes Schlüsselbein dagegen. Die beiden Autorinnen werden sich gegenseitig dem Publikum vorstellen. Nora Gomringer (geb. 1980) zählt zu den Shootingstars der deutschen Lyrikszene. Sie wurde bereits mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache (2011) und dem Joachim-Ringelnatz-Preis (2012) ausgezeichnet. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte die quirlige Deutsche in den USA. Dort knüpfte sie enge Kontakte zur Performance-Poesie-Szene. Zurück in Deutschland, etablierte sie in Bamberg das vielbeachtete Poetry Slam Festival. / Der Standard 19.6.

20. 6., Literaturhaus am Inn, Innsbruck, 20.00

78. Folgen

In seiner Rubrik Wochengedicht schreibt Rudolf Bussmann über ein Gedicht von Elke Erb, Auszug aus dem Kommentar:

Die Suche des erwachsenen Du nach dem Du der Kindheit hat kein bestimmtes Ziel, sie endet bei der vielleicht schon oft abgerufenen Szene mit dem Hund. Es könnte die Angst sein, welche die beiden Du miteinander in Beziehung setzt, wenn es nicht Tierliebe oder Neugier ist. Dass die Erinnerung gerade diese eine Szene heraufholt, ist wohl kein Zufall. Der Titel jedenfalls deutet einen kausalen Bezug an. Zum einen bezieht sich «Folgen» auf den Hund, der dem Kind folgt, und auch darauf, dass die Suche nach der Kindheit nicht ohne Folgen bleibt. «Folgen» könnte zum andern eine bestimmte Stimmungslage meinen, die vom Damals ins Jetzt herüberschwappt, etwa die Angst, die treu wie ein Hund das Leben begleitet. Die Schlusszeile wäre dann als die leicht ironische Erkenntnis zu lesen, dass sich die Angst verselbständigt hat und ohne klare Motive einfach hintennach trottet – Spätfolge weit zurückliegender, im Dunkel bleibender Ursachen.

Am 15. Juni konnte Elke Erb den diesjährigen Ernst-Jandl-Preis entgegennehmen. Aus diesem Anlass erschien bei Urs Engeler das Bändchen «Das Hündle kam weiter auf drein» als roughbook 028.

77. Gernhardt für Böhmer

Der Robert Gernhardt Preis 2013 geht zu gleichen Teilen von je 12.000 Euro an Ricarda Junge für ihr Romanprojekt Die letzten warmen Tage und an Paulus Böhmer für sein Lyrikprojekt Zum Wasser will / alles / Wasser will weg. Das hat Staatsministerin Eva Kühne-Hörmann heute in Wiesbaden bekanntgegeben:

Mit dem Preis werden ein renommierter sprachgewaltiger Lyriker und eine noch junge doch im Literaturbetrieb fest etablierte Romanautorin, die ihre ersten literarischen Erfahrungen im Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen sammelte, ausgezeichnet.

Der Preis wird am 5. September 2013 in der Naxoshalle in Frankfurt übergeben. Das Preisgeld wird von der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen gestiftet (www.wibank.de).

Paulus Böhmer wurde 1936 in Berlin geboren, studierte Jura, Architektur und Literatur, arbeitete in unterschiedlichen Bereichen und leitete über viele Jahre das Hessische Literaturbüro in Frankfurt. Seit 50 Jahren schreibt und malt Böhmer, seine jüngsten Veröffentlichungen sind Kaddish XI – XXI (2007), 21 Briefe an Froilleins (2008) und Am Meer. An Land. Bei mir (2010). Für sein lyrisches Gesamtwerk erhielt er 2010 den Hölty-Preis für Lyrik in Hannover. „Paulus Böhmer ist ein sprachmächtiger Solitär in der deutschen Gegenwartslyrik, der seit Jahrzehnten an einem großen Opus arbeitet“, hob die Jury in ihrer Begründung zu dem ausgezeichneten lyrischen Projekt Zum Wasser will / alles / Wasser will weg hervor.

Die 1979 in Wiesbaden geborene Ricarda Junge studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Nach dem Diplom studierte sie evangelische Theologie in Frankfurt am Main. Für ihr Debüt, den Erzählband Silberfaden, erhielt sie 2003 den Grimmelshausen-Förderpreis. Bisher veröffentlichte Junge drei weitere Romane: Kein fremdes Land (2005), Eine schöne Geschichte (2008) und Die komische Frau (2010). Für ihr bisheriges Werk erhielt sie verschiedene Auszeichnungen und Stipendien. „Ricarda Junges Romane erzählen von deutscher Gegenwart und Vergangenheit, ohne einem platten Realismus zu verfallen. Stets ist ihnen ein doppelter Boden eigen“, betonte die Jury in ihrer Begründung zu dem ausgezeichneten Romanprojekt Die letzten warmen Tage.

Der Robert Gernhardt Preis soll Autorinnen und Autoren aus Hessen die Realisierung eines größeren literarischen Vorhabens ermöglichen. Er ist nach dem 1937 in Reval geborenen und 2006 in Frankfurt am Main gestorbenen Autor, Zeichner und Maler Robert Gernhardt benannt. Seit 2009 wird die Auszeichnung einmal jährlich an zwei Preisträger mit einem Preisgeld von je 12.000 Euro vergeben. Bisherige Gernhardt-Preisträger sind u.a. Andreas Maier, Peter Kurzeck, Thomas Gsella, Matthias Göritz, Pete Smith und Frank Witzel.

76. dichter dran

Zur Eröffnung des Konstanzer Poesiefestivals dichter dran erklärt Daniela Seel den Lesern des Südkurier, warum es gar nicht so schwer ist, Lyrik zu verstehen:

Braucht die Welt Lyrik heute noch?

Brauchen ist das falsche Stichwort. Lyrik schafft eine große Bereicherung in der Welt. Einerseits dadurch, dass sie mit Sprache, dem alltäglichsten Lebensmittel unserer Welt, agiert. Sprache funktioniert auf eine so intuitive Weise und wir schaffen es oft gar nicht zu reflektieren, was die Sprache eigentlich macht, und wie Sprache Denken und Handeln gleichzeitig ermöglicht und behindert. Lyrik reibt an diesen so verinnerlichten Konventionen. Lyrik schafft Momente, in denen man sehen kann, wie Sprache funktioniert und dadurch kann sich ein anderes Bewusstsein entwickeln. Auch darüber, wie Sprache manipulieren kann. In Werbung, Propaganda oder Politik.

Können Sie Menschen verstehen, die mit Gedichten nichts anfangen können?

Ja, na klar. Die Menschen sind ja alle verschieden. Warum sollen alle mit einer Sache etwas anfangen können? Das wäre ja fast geradezu entsetzlich.

Kann man Gedichte verstehen lernen?

Ich glaube, man kann sein Verständnis davon, was ‚verstehen‘ ist, verändern. Eine große Berührungsangst bei Gedichten hat auch damit zu tun, dass man über die Schule oder überhaupt über die Gesellschaft vermittelt bekommt, es gibt bei der Beurteilung von Sachen immer richtig und falsch. Und man müsste ein Gedicht richtig, im Sinne von so oder so verstehen, damit man es auch wirklich verstanden hat. Lyrik funktioniert aber nicht nach dem Motto, dass man bestimmte Dinge einfach einordnen kann, dass sie so oder so zu sein haben. Gedichte spielen ja gerade damit, Erwartungen zu unterlaufen, beziehungsweise zu irritieren. Jede Irritation ist schon eine Form von Verstehen. Man sollte als Leser lieber selbst auf die eigene Reaktion, die eigenen Irritationen vertrauen, das ist glaube ich der Punkt, wo dann viele sagen: Ich verstehe das nicht, weil sie so ein eintrainiertes Verständnis davon haben, was ‚verstehen‘ überhaupt ist. Das ist oft so nutzenorientiert und das ist bei Kunst immer ein eher fraglicher Zugang.

Daniela Seel liest am Sonntag, 16. Juni, 11 Uhr, im Innenhof des Rosgartenmuseums gemeinsam mit den Lyrikerinnen Svenja Hermann, Simone Kornappel und Nathalie Schmid. „Sprachfall“ heißt hier die Überschrift. Die vier Vorleserinnen sollen den Blick auf die Poesie öffnen und weiten.

Das Festival „dichter dran“ wird heute, 20 Uhr, mit einer Ausstellung beziehungsweise einer Videoinstallation im Innenhof des Kunstvereins Konstanz eröffnet. „aqua in bocca!“ nennen Hedwig Huber & Elvira Isenring ihre Inszenierung einer Lesererfahrung. Das komplette Programm gibt es zum Nachlesen im Internet: www.konstanz.de