54. Wär ich ein Pohete

Boris Vian

Si j’étais pohéteû
Je serais ivrogneû
J’aurais un nez rougeû
Une grande boîteû
Où j’empilerais
Plus de cent sonnais
Où j’empilerais
Mon noeuvreû complait.

Google übersetzt:

Wenn ich pohéteû
Ich würde ivrogneû
Ich habe eine Nase rougeû
Viel boîteû
Ich empilerais
Mehr als hundert klingelte*
Ich empilerais
Meine noeuvreû schwelgt.

Der Text wird von den verfremdeten Wörtern vorangetrieben, fast eins in jeder der kurzen Zeilen, so daß diese quasi das voranstürmende Metrum formieren – zusammen mit dem Haufenreim aaaabbbb. Google übersetzt schon einen Teil der Struktur einfach indem es die Neuwörter übernimmt nach dem Motto, nicht das Französische verdeutschen, sondern das Deutsche verfranzösischen. Aus dem Vianfranzösisch von Google, könnte man das nennen.

(Beim Vorlesen der Googlefassung sprech ich automatisch den Reim „Ich empilereh – mehr als hundert klingelteh: Zeichen, daß sich der Motor des Gedichts durchsetzt.)

Ich versuche diesen Motor aus dem Original genauer zu beschreiben. Das Metrum benutzt keine Jamben oder Trochäen, sondern nur Silbenzählung dergestalt, daß vier auf -eû reimende Sechssilber von vier auf -ais reimenden Fünfsilbern gefolgt werden. Der Rhythmus ist energisch vorwärtsdrängend:

toktoktok toktoktok
toktoktok toktoktok
toktok toktok toktok
toktok toktok toktok
tiktik tiktiktik
tiktiktik tiktik
tiktik tiktiktik
tik tiktik tiktik

In französischen Versrhythmen spielen Silbenzahl und Wortgrenzen** offenbar die entscheidende Rolle. Deshalb ist der Unterschied zwischen „metrisch geregelten“ und metrisch ungeregelten Rhythmen nicht so spürbar wie im Deutschen. Der Vater der modernen französischen Lyrik, Charles Baudelaire, verwendet überwiegend gereimte Alexandriner, es tut seiner Modernität keinen Abbruch.

Der zweifache Haufenreim trägt zum Rhythmus bei, aber auch, wie schon oben angedeutet, die Wortverfremdung.  Bildet sie doch ein Gerüst, das in fast jeder Zeile ein tragendes Wort aufweist, in der letzten dann zwei, so entsteht Rhythmus:

– pohéteû
– ivrogneû
– rougeû
– boîteû
– (empilerais)
– sonnais
– (empilerais)
– noeuvreû complait.

Diese Struktur – mehr als die Semantik – bildet das Gedicht. Mit Fausts Schwung („Im Anfang war die Tat“) übersetz ich getrost:

Wär ich ein Pohete
Wüßt ich was ich täte***
Hätt ne rote Neese
Große Gefäße
Darein ich täte
Hundert Sonätte
Darein ich täte
Mein Werk komplätte****

Aus dem Vianfranzösisch von Michael Gratz

Versteht man das? Ich glaube ja.

*) Die Verfremdung der Schreibweise von sonnet zu sonnais bringt Googles Maschine auf den schönen Gedanken, darin das Verb klingeln zu hören, sonner. Tatsächlich ist Klinggedicht ein Eindeutschungsversuch und verkommen deutsche Sonette wegen der Reimarmut unserer Sprache leicht zu Reimklingeleien (während die Reime in den Sonetten in romanischen Sprachen, wo sie offensichtlich unter arabischem Einfluß entstanden, nur ein leichter Gedichtmotor sind).

**) Auch im Deutschen könnte das relevant sein. Klopstock machte mit seinen „Wortfüßen“ einen entsprechenden Vorschlag, dem indes nicht gefolgt wurde. Darüber an anderer Stelle mehr.

***) Eigentlich: Würd ich ein Trinker

****) Unübersetzt  bleibt leider der Viansche Scherz, dem französischen Klang folgend das Werk, das Œuvre, mit dem Auslaut-n des mon zu verbinden, in diesem Fall das n durch seine Schreibweise zu verdoppeln: mon nœuvre, und damit gleichzeitig zu negieren: nœuvre, Unwerk.

Das Gedicht entstand 1951 oder 1952 und erschien zuerst zuerst postum 1962 in dem Band „Ich möchte nicht krepieren“ (Je voudrais pas crever). Es findet sich Französisch und Deutsch (von Eugen Helmlé) in dem Band: Boris Vian: Ich möchte nicht krepieren. Gedichte, Lieder und Texte. Frankfurt/ Main: Zweitausendeins, 1985, S. 142f.

4 Comments on “54. Wär ich ein Pohete

  1. Pingback: 61. Dichtersoll | Lyrikzeitung & Poetry News

  2. »complait«: dank der schreibung auch noch ein zusammenfallen von »complet« und »complaire«

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