Cummings interessierte sich sehr früh für die Kunst: Er begann mit 8 Jahren Gedichte zu schreiben und zu zeichnen schon ein paar Jahre früher. Angst vor der leeren Seite kannte er nicht: bis zum 22. Jahr schrieb EE Cummings jeden Tag ein Gedicht.
In seinem Frühwerk mag der Kenner schon Züge seiner späteren Kunst entdecken, etwa die eigenwillige Art der Zeichensetzung. Auf einer Zeichnung stellt der 6- bis 7jährige sich als eine Art Buffalo Bill mit Schnurrbart vor. Als Erwachsener schrieb er ein ironisches Gedicht über den Helden, „who used to / ride a watersmooth-silver / stallion / and break onetwothreefourfive pigeonsjustlikethat“ (hier ganz).
/ Slate
More of Cummings’ early drawings, along with a few written works of juvenilia, are on display at the Massachusetts Historical Society in Boston through Aug. 30.
Roberto Bolaño berichtet in „Stern in der Ferne“, Deutsch von Christian Hansen, wie der Dichter und Literaturvermittler Juan Stein in Chile zu Beginn der siebziger Jahre an den Dichter Nicanor Parra schrieb und ihm
einige der Witze zum Vorwurf machte, die er sich in diesem kritischen Moment des revolutionären Kampfes in Lateinamerika geleistet habe.
Parra antwortete ihm auf der Rückseite einer Postkarte von Artefakte, er solle sich keine Gedanken machen, es gäbe weder unter den Linken noch unter den Rechten jemanden, der läse (…)
Auch gut der Ratschlag, daß
es allemal vorzuziehen ist, Rabelais zu lesen (…)
(Mitgeteilt von Stan Lafleur)
In seiner INTERVIEW-REIHE: KÖPFE DER BUCHBRANCHE stellt Leander Wattig Fragen an Leute aus der Buchbranche. Heute dabei Bertram Reinecke, Auszüge:
Als „Fachverlag für Horizonterweiterung“ wurde der Verlag „Reinecke & Voß“, den ich seit vier Jahren betreibe, vom Kritiker Dirk Uwe Hansen bezeichnet: Er bringt Texte in Deutschland weniger bekannter Schriftsteller, die in irgendeiner Hinsicht für die Entwicklung der internationalen Moderne (und ihrer Vorgeschichte) von Bedeutung waren, teils in deutscher Erstübersetzung heraus (z.B. Quevedo, Marino, Bertrand, Krutschonych, Białoszewski). Daneben nehme ich Gegenwartsdichtung ins Programm, die sich vor allem stilistisch vom Üblichen abhebt. (…)
Ich muss zusehends an mehreren völlig verschiedenen Projekten gleichzeitig werkeln. Das liegt daran, dass gerade das Feld der Lyrik in immer mehr Initiativen und Grüppchen fragmentiert. Als Lyriker begrüße ich diese gewachsene Vielfalt, andererseits muss man immer besser strukturiert sein, was Mehrfachnutzungen der eigenen Arbeit und effektive Ressourceneinsatz betrifft. Diese Vielfalt und Veränderlichkeit macht Planungen schwieriger, da sich mögliche Partner ebenfalls weniger gern längerfristig festlegen lassen, weil sie letztendlich ja vor dem selben Problem stehen. (…)
Der Trend des Buchhandels, auf weniger dafür teurere Bücher zu setzen, (in Vorderansicht präsentiert), mag zunächst den Umsatz steigern, arbeitet aber an der Krise des stationären Buchhandels mit, weil ein immer kleinerer Teil der vorhandenen Vielfalt im Laden abgebildet wird. Der Buchhandel als öffentlicher Ort für den Austausch über Bücher ist heute schon marginal. Eigentlich kann das Taschenbuch, früher ein Spezialmedium für große Auflagen, heute seine Qualitäten ebensogut und besser ausspielen als das bibliophile Objekt (Die haptisch-ästhetische Qualitäten bleiben ja erhalten, auch wenn man sie nicht eigens betont): Ein völlig zuverlässiger plattformunabhängiger Informationsträger für alle Gelegenheiten. Man kann ihn am Strand, in der Wanne, beim Wein verwenden, kann ihn sorglos verborgen, in der Kneipe liegengelassen … Dabei strahlt das Cover so viel Individualität aus, dass selbst der Besitzer des hippsten Appleprodukts vergleichsweise dagegen in einer breiten Masse untergeht. Insofern verleiht das Buch einem Text auch eine öffentliche Qualität, die ihm der Reader nicht bieten kann.
Alle diese Vorteile sind durch die relative Wertlosigkeit des materiellen Trägers bedingt. Insofern ich also eine andere Auffassung von der Funktionsweise des Mediums Buch habe als viele stationäre Buchhändler, stellen diese leider nur bedingt natürliche Verbündete im Kampf gegen Giganten wie Amazon dar, mit denen ich nicht zusammenarbeite. Bedeutsamer ist die Netzöffentlichkeit. (…)
Mein Verlag wendet sich an ein gebildetes Publikum oder spezialisierte Vermittler (Fachbuchhandlungen, Kritiker mit besonderem Profil). In diesem Publikum ist eine nicht immer ganz begründete Haltung zu beobachten, die man in folgendem Satz zusammenfassen könnte: „Wenn es gut (relevant, wichtig) wäre, dann müsste ich davon bereits gehört haben.“ Als wie berechtigt sich diese Haltung auch immer ansonsten erweisen mag, führt sie doch oft dazu, dass Leute auf Neues nicht als mögliche Bereicherung zugehen, sondern zunächst ihre eigene Expertise als hinterfragt empfinden. Zum berechtigten Misstrauen „Da ist einer, der mir etwas verkaufen will“ kommt also noch ein emotionaler Missklang hinzu, der es weiter erschwert mit seinen Gegenständen durchzudringen.
In meiner Lyrik stellt sich mitunter ein ähnliches Problem. Hier werden Probleme der Verständlichkeit oder Zugänglichkeit nicht darauf zurück geführt, dass besondere Strategien am Werk sind, sondern lieber dem Autor als Mangel an Fertigkeit in die Schuhe geschoben.
www.planetlyrik.de/bertram-reinecke-sleutel-voor-de-hoogduitsche-spraakkunst/2012/03/
She was an Ojibwe woman of many names. And one choice she made helped result in the first poetry anyone knows of to be written in a Native language.
Ozhagusodaywayquay (also known as Susan Johnston, Woman of the Green Glade, and Neengay) was the mother of Jane Johnston Schoolcraft (1800–1842), the pioneering Ojibwe/Irish poet whose three surviving poems in the Ojibwe language set a template for all who followed her.
How did Ozhagusodaywayquay help usher these first Native language poems into the world? Besides nurturing Jane, this mother also made the choice not to speak the English she heard (and understood) each day from business associates and guests of her Irish husband, John Johnston, a prominent fur trader.
Because of that choice, Jane (Bamewawagezhikaquay) grew up a Native speaker who thought of the Ojibwe language as she wrote her long-neglected but now celebrated poetry (she wrote many English language poems as well), collected in 2007 in The Sound the Stars Make Rushing Through the Sky, by Robert Dale Parker.
Read more at http://indiancountrytodaymedianetwork.com/2013/06/23/jane-johnston-schoolcrafts-ojibwe-mother-started-native-poets-literary-journey-150065BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
It’s a difficult task to accurately imagine one’s self back into childhood. Maybe we can get the physical details right, but it’s very hard to recapture the innocence and wonder. Maureen Ash, who lives in Wisconsin, gets it right in this poem.
Church Basement
The church knelt heavy
above us as we attended Sunday School,
circled by age group and hunkered
on little wood folding chairs
where we gave our nickels, said
our verses, heard the stories, sang
the solid, swinging songs.
It could have been God above
in the pews, His restless love sifting
with dust from the joists. We little
seeds swelled in the stone cellar, bursting
to grow toward the light.
Maybe it was that I liked how, upstairs, outside,
an avid sun stormed down, burning the sharp-
edged shadows back to their buildings, or
how the winter air knifed
after the dreamy basement.
Maybe the day we learned whatever
would have kept me believing
I was just watching light
poke from the high, small window
and tilt to the floor where I could make it
a gold strap on my shoe, wrap
my ankle, embrace
any part of me.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Maureen Ash. Reprinted by permission of Maureen Ash. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Am 21. Juni wurden ins Finale gewählt:
Dominic Angeloch, Berlin
Kerstin Becker, Dresden
teilt die Website des Lyrikpreises München mit. Dort auch ein Bericht über den ersten Leseabend (vgl. auch Nachricht # 59 dieses Monats)
Ist das dichtende Wort denn Produkt der Weigerung des Menschen gegenüber den Menschen wie der Herrschaft des Menschen über den Menschen? Oder Entsprechung natürlicher Anliegen in einer übersteigerten, weiterdrängenden, übernatürlichen Welt oder Funktion? Oder Gestammel bzw. Gemurmel des Unbegreifbaren bzw. nicht hinlänglich Erhellten?
Doch, letzterem müßte man zustimmen, auch um der neu heraufgezogenen Überheblichkeitsstruktur zu entsprechen, die man kritisch im eigenen Denken zuerst aufsuchen müßte, also im Sinne von Skepsis. (…)
Auch das Gedicht, die Dichtung legt Rechenschaft ab, für Einsicht. Einsicht in die Aktenlage des Geistes: und dabei kann sich gute Relation einstellen.
Wer die letzten Dinge aufgibt, kann nicht verstehen – oder hat vermutlich schon genug verstanden. So rufen die Gedichte als Miniaturen – zu Wem? – zur Erlösung aus der Welt der Dämonen, die Gedanken wurden. Abfall vom falschen Denken, als Geschenk und als Versuch, einen Eigensinn zu bewahren. Wie gleich muß das Denken noch der Lüge werden, um sie zu begreifen?
Retten tun beide vielleicht, Gesetz wie Gedicht. Mag doch die Denkmaschine mal um die Ohren fliegen, so war geheime Kraft, neuzubilden oder wieder zu fügen, wie schlau die Heilkräfte der Natur eingerichtet sind: Lobpreis der natürlichen Klugheit wie Schönheit, nicht der Narretei. So sucht man beständig nach Verzeihen für das Unverzeihliche. Dafür jedenfalls benötigt man nicht unbedingt Beistand. Aber wer weiß, wo sich der fruchtbare Boden noch finden wird. Nur eine kleine Auszeit, um sich selbst zu verzeihen, um im Selbstmitleid zu baden.
Damit erschöpft sich der Sinn nicht.
/ ROESIKE AXEL, der Freitag – Community
was du zerreißt, wenn du verreist, verbindet sich dort, wo du bleibst
Hansjürgen Bulkowski
Die Kunst erleuchtet die Welt. Aber sie tut es auf zwielichtige Weise. (…)
Die Kunst und das Fest treffen sich also im Akt der Verschwendung. Wie es keine organisierte Gesellschaft gibt ohne Fest, gibt es auch keine organisierte Gesellschaft ohne Kunst. Kunst und Fest sind nicht identisch, aber in ihrem Wesen verwandt. Wer das Fest erforscht, stößt auf Dinge, die auch für die Kunst gelten und umgekehrt. Daher kann man vom einen auf das andere schließen. Sigmund Freud hat das Fest bestimmt als die zeitweise Aufhebung des Verbotenen. Was sonst nicht gestattet ist, darf jetzt sein – in zeitlichen Grenzen, die oft auf die Sekunde genau gesetzt sind und streng überwacht werden. Wenn das stimmt, dann muss auch die Kunst an dieser Dynamik von Verbot und Willkür ihren Anteil haben. Gerade die zwielichtige Weise, in der die Kunst die Welt erleuchtet, erscheint dabei als ein unabdingbares Element. Das sieht man am deutlichsten an der Verschwendung. Insofern als die Kunst Verschwendung ist, hebt sie die Gebote der Askese auf, sei es im bürgerlichen oder im religiösen Sinn. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass die Künstler die Regeln der Ökonomie oft maßlos missachten und gegen den obersten Grundsatz der wirtschaftlichen Vernunft verstoßen, wonach der Wert eines Produkts von der dafür aufgewendeten Arbeitszeit abhängt. Da schreibt einer zwei Jahre an einem Roman, dann verbrennt er das Manuskript, beginnt von vorn, verbrennt es wieder und schreibt schließlich etwas ganz anderes. Drei Jahre Arbeitszeit sind verschleudert. Ein anderer bringt überhaupt nie einen Roman zu Ende; er hinterlässt nur drei Bruchstücke, das eine heißt „Der Process“, das zweite „Das Schloss“, das dritte „Der Verschollene“, und überdies befiehlt er, dass sie nach seinem Tod vernichtet werden müssen. Welche Verschwendung von Lebenszeit! Doch das Gebot wird missachtet, und die drei Zeugnisse des Scheiterns zählen plötzlich zu den vollkommensten Kunstwerken ihres Jahrhunderts. Auch diese Normverstöße hängen zusammen mit dem Festcharakter der Kunst, nicht weniger als die Tatsache, dass in allen Diktaturen die Künstler, die ihren eigenen Weg verfolgen, grundsätzlich verdächtig sind.
/ Peter von Matt, aus der Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2012, Oe1
„Kann Spuren von Poesie und Lyrik enthalten“ – So warnt die Redaktion des „Schnipsel“ die Leser gleich auf der Titelseite. Und diese Warnung ist ernstzunehmen. Das kostenlose rund 62 Seiten dicke Literaturmagazin der vier Kieler Germanistik-Studenten Zara Zerbe (24), Cihan Köse (26), Nikolai Ziemer (25) und Andre Jonas (27) enthält sogar sehr viel Poesie und Lyrik. Am Donnerstag erschien die mittlerweile fünfte Ausgabe (Auflage 400 Stück). Gleichzeitig feierte das Magazin sein einjähriges Jubiläum. „Es scheint, als hätte die Kieler Underground-Literaturszene auf so etwas gewartet“, meint Nikolai Ziemer. / shz
Der Dichter, Essayist, Übersetzer, Verleger und Dozent Alexandru Mușina starb vorgestern in Bukarest kurz vor seinem 59. Geburtstag.
Alexandru Mușina (n. 1 iulie 1954, – d. 19 iunie 2013)
XVIII. Ode – „Sol“
Wir haben überlebt. Wie der Dachs,
der im Schlaf die grüne Knospe erblickt und seufzt.
Das Blut weiß die Regeln besser … und die Zelle
hat eine direkte Verbindung zu Gott.
So siegten wir: die Hand betäubt,
das Bein betäubt, der Mund betäubt.
Die Augen hörten auf zu schlagen. Das Gehirn vergaß.
So siegten wir: die Lymphe wurde zu Gelatine,
die Knochen wurden zu Gelatine, die Nerven wurden zu Gelatine.
Vergeblich schrieen sie, wie Besessene,
bleckten die schwarzen Zähne, klein und zahlreich,
die Zeichen, die gedruckten Storys. Die Furcht ist eine Mutter.
Die Furcht ist ein gute Mutter, voller Liebe.
In ihrem Bauch lernst du zu leben. In ihrem Bauch
gibt es andere Regeln, andere Götter, geht eine andere Sonne auf.
Eine blau angelaufene, wärmliche Sonne, eine Tier-Sonne.
Verständnisvoller als jede andere Sonne.
So siegten wir: wir schliefen.
Draußen verflossen die Zeitungen, Panzer, Gefühle,
Reiche wetzten sich ab, Reiche tauchten aus dem Meer empor.
Wir haben überlebt. Wir haben gesiegt. Hier bin ich.
Hier, neben dir.
(aus dem Rumänischen von Klaus F. Schneider)
Der Übersetzer und Verleger Rüdiger Fischer starb am 4.6. Er übersetzte zahlreiche Titel der französischen Literatur, die er in zweisprachigen Bänden in seinem „Verlag im Wald“ verlegte. Theo Breuer zitierte ihn 2005: „Rüdiger Fischer vergleicht die Situation mit der in Frankreich, wo die Bücher seines Verlags zehnmal so oft besprochen werden wie hierzulande“. Verbleibende Bücher seines Verlags wurden im November 2012 in München verschenkt. Auf der Website des Verlages findet man heute leider nur noch die Mitteilung, daß der Verlag wegen einer Erkrankung die Produktion einstellt. Nicht einmal mehr eine Liste der Titel darf bleiben, so läuft es.
Er verlegte u.a. Lyrik aus Belgien, Polen, Luxemburg, Frankreich, den USA, der Tschechischen Republik, von Werner Lambersy, Liliane Wouters, Yves Namur, Hélène Dorion, Odile Caradec, Gérard Bayo u.v.a.
Die Reihe Poesiealbum bereitet gerade eine Auswahl von Gérard Bayo vor, bei der er nun nicht mehr zur Verfügung steht. Falls jemand dabei helfen kann, Mitteilung erwünscht.
Jochen Arlt im Gespräch mit Rüdiger Fischer, Januar 2012 (Lyrikwelt):
Arlt: Lieber Rüdiger Fischer, Sie mühen sich redlich um Ihr berufliches Fortkommen als Verleger zeitgenössischer Lyrik in mehrsprachigen Buchausgaben. Wie werden Ihnen jene Mühen honoriert vom Buchhandel oder aus dem Gedichte-Leser-Rund?
Fischer: Zuerst: es handelt sich überhaupt nicht um Mühen. Und von „beruflichem Fortkommen“ kann beim Verlegen von fremdsprachiger Lyrik auch nicht die Rede sein. Ich gönne mir ein großes Vergnügen und suche Leute, die das mit mir teilen wollen, und einige finde ich.
Dass kaum noch ein Buchhändler ein Lyrik-Regal hat, das den Namen verdient, ist wohl so bekannt, dass ich es nicht zu erwähnen brauche. Und dass nichts bis nicht viel geschieht (von Seiten der Schule, der Medien, der Kulturinstitutionen), um die Zahl der Lyrik-Leser stabil zu halten oder zu erhöhen, ist auch bekannt.
Seit jeher, dies wissen Sie wie ich, sind Lyriktitel höchst selten in den von Prosa dominierten Bestseller-Listen zu finden.
Deshalb mag ich ja auch keine Prosatitel verlegen. Ich will ja nicht machen, was schon Dutzende anderer besser können, sondern entdecken und bei all diesem Entdecken auch meine Linie finden, das, was mir gefällt, was mir Wichtiges zu sagen hat.
Was motiviert Sie immer wieder zu neuen lyrischen Gratwanderungen?
Ich spaziere nicht auf Graten herum, sondern gehe angenehme Pfade am Hang entlang, ziemlich nahe bei den Häusern im Tal. Das heißt: die Lyrik, die mir gefällt, ist nicht notwendigerweise avantgardistisch, intellektuell, modern, schwierig, hermetisch; das kann sie hin und wieder auch sein, aber vor allem soll sie intensiv, direkt, drängend, ergreifend und für Amateur-Leser wie mich brauchbar sein, die Lesen nicht als Vollzeit-Beruf betreiben oder ein Literaturstudium hinter sich haben (hab ich auch, aber ich hab nicht den Eindruck, daß mir das sehr behilflich war und ist).
Una Pfau, die seit Jahrzehnten Werke der französischen Moderne ins Deutsche übersetzt, zeichnet anschaulich die Stationen jener Bewegung nach, und sie folgt den Spuren, die der Kubismus vor allem in der Lyrik hinterlassen hat, bei Apollinaire, Blaise Cendrars etwa. Wie in der Malerei, die gleichzeitig die Bildgegenstände aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, macht sie auch in der Poesie Techniken aus, die nach dem Prinzip des Collagierens und der Simultaneität verfahren.
Kalligramme und Bildgedichte kommen in Mode, in denen Buchstaben und Worte eine Vase etwa, ein Pferd oder wie bei Apollinaire den Eiffelturm nachzeichnen. Cocteau, der jüngste unter den Dichtern, übersetzt den Rhythmus des Ragtime in die Verse des Langgedichts „Cap de Bonne-Espérance“. Oder Gertrude Stein, eine Picasso-Afficionada der ersten Stunde, setzt in ihrem antipsychologischen Roman „The Making of Americans“ auf das Prinzip der variierenden Wiederholung,
(…)
Auch wenn die kubistische Phase für die meisten Protagonisten, wie Pfau zeigt, nur ein Durchgangsstadium war, so ist ihr europaweiter Einfluss unverkennbar: auf die Surrealistentruppe um André Breton, Dada in Berlin oder die russischen Konstruktivisten um Malewitsch und Majakowski. Dass sich ihre Spuren bis in die 1980er-Jahre verfolgen lassen, weist sie schlüssig nach, bis zur Wiener Schule Ernst Jandls – und, so wäre zu ergänzen, bis zum Hip-Hop und dem Rap unserer Tage.
/ Edelgard Abenstein, DLR
Neueste Kommentare