Das Literaturfest München stellt sein diesjähriges Programm vor:
Das Programm des vierten Literaturfests München (6. bis 24. November 2013) wurde heute auf einer Pressekonferenz im Literaturhaus München vorgestellt. Über 80 Autorinnen und Autoren aus aller Welt besuchen im November die Landeshauptstadt. […]
Das Kuratorenprogramm forum:autoren […] gestaltet die Schriftstellerin Dagmar Leupold. „Stadt Land Fluss. Geschichten von der Gegenwart“ heißt der Titel ihres Programms. Dagmar Leupold erklärte dazu: „Es wird um die ganz großen Metropolen dieser Welt gehen, aber auch um abgeschiedene Landstriche wie etwa das alte Galizien und die neue Ostukraine. Städte, Länder und Gegenden können uns literarische Texte auf besondere Weise nahebringen; mit ihrer Hilfe werden wir zu Entdeckern, wo wir vorher Pauschaltouristen waren. Das Stichwort Fluss habe ich der Lyrik zugeordnet. Da geht es im metaphorischen Sinn um Flüssiges, um Verbindendes, aber auch um Wasser in allen seinen Erscheinungsformen.“ / Literaturportal Bayern
Wenn ich richtig gezählt habe, gibt es in diesem Jahr drei (von 57) Lyrik-Veranstaltungen im Programm. Das sind immerhin 200% mehr als im Vorjahr.
Oft ist es ein winziger, fast unterschwelliger Anstoß, ein Rauschen, ein Wort, diskursfest vielleicht oder glattgebügelt, vielleicht mit abgehangenem Fleisch kombiniert. Und schon ist das Gedicht da. Ernst Jandl rettet meinen Tag. Wo hängen sie denn?
im delikatessenladen
bitte geben sie mir eine maiwiesenkonserve
etwas höher gelegen aber nicht zu abschüssig
so, dass man darauf noch sitzen kann.
nun, dann vielleicht eine schneehalde, tiefgekühlt
ohne wintersportler. eine fichte schön beschneit
kann dabeisein.
auch nicht. bliebe noch – hasen sehe ich haben sie da.
zwei drei werden genügen. und natürlich einen jäger.
wo hängen denn die jäger?
Ernst Jandl (1925-2000)
Neben dieser bunt schillernden Theorie-Collage sind in „Edit“ noch zwei weitere essayistische Glanzstücke zu besichtigen. Da ist zum einen die schöne Laudatio Insa Wilkes auf die Peter Huchel-Preisträgerin Monika Rinck und zum anderen auch der Versuch von Christian Schulteiz über den 1966 verstorbenen Komponisten, Dichter und Landschaftsforscher Jürgen von der Wense. Zu Lebzeiten hat der Universalgelehrte Wense gerade mal achtzig Seiten mit Aufzeichnungen veröffentlicht. Aber dreißigtausend Seiten blieben unveröffentlicht, daneben noch vierzig Tagebücher, sechstausend Briefe und mehrere tausend Fotografien. Bis heute ist Jürgen von der Wense eine Ikone des Privatgelehrtentums geblieben, obwohl sein Werk bislang nur rudimentär zur Kenntnis genommen worden ist. / Michael Braun, Poetenladen
Edit 62 (2013)
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Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 112 Seiten, 5 Euro.
Wer sich heute nach Literaturzeitschriften umsieht, die eine strenge Poetik des sprachreflexiven Schreibens favorisieren, der muss zuallererst zur „Mütze“ greifen, zu der auf anregende Weise unberechenbaren Essay- und Poesie-Zeitschrift des Schweizer Lyrik-Editors Urs Engeler. Die Nummer 4 der „Mütze“ ist ein Wunderwerk an erzählerischer und lyrischer Sprachempfindsamkeit, die sich in diesem Fall mit Extremformen visueller Poesie verbindet. Der französische Dichter Jean-René Lasalle präsentiert hier einige faszinierende „Quadratgedichte“, die historisch bis in die frühe römische Antike zurückreichen und bis zu Gegenwartspoeten wie Oswald Egger führen. Besonders eindrucksvoll ist hier die Gegenüberstellung eines Figurengedichts von Hrabanus Maurus, eines Mönchs aus dem frühen Mittelalter, mit einer quadratisch-labyrinthisch konstruierten Sure aus dem Koran. / Michael Braun, Poetenladen
Mütze 4 (2013)
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c/o Urs Engeler, Obere Steingrubenstrasse 50, CH-4500 Solothurn. 50 Seiten, 6 Euro.
Ein Dichter wie Rainer Schedlinski, der in den späten 1980er Jahren als kritischer Kopf der sogenannten „Prenzlauer Berg-Connection“ galt, hat in den Jahren nach der Wende seinen literarischen Kredit vollkommen verspielt. Seit 1992 ruchbar wurde, dass er als inoffizieller Mitarbeiter den Staatssicherheitsdienst der DDR mit brisanten Informationen über seine Dichterkollegen versorgte, hat er innerhalb der Dichter-Community keine Freunde mehr. In der Zeitschrift „Zonic“, einem ketzerisch aufgelegten Periodikum für dissidente Subkulturen aus Osteuropa, ist nun ein höchst lesenswerter Beitrag zur bizarren Neupositionierung Schedlinskis erschienen. Henryk Gericke analysiert in der aktuellen Ausgabe No 20 von „Zonic“ die Lebenswende Schedlinskis, der sich Mitte der 1990er Jahre aus dem Galrev Verlag zurückzog und anschließend eine Firma für thermoelektrische Generatoren gründete. Schedlinski, einst ein bekennender Strukturalist, beschäftigte sich fortan mit Kühlkörpern, Wärmeleitmitteln, Messgeräten und sonstigem Zubehör der thermoelektrischen Gerätschaften. Als Dichter kultivierte Schedlinski einst eine kühle, bis zur Tonlosigkeit und Indifferenz ausgenüchterte Gedichtsprache. Nun ist aus dem Stasi-Spitzel nicht nur ein abgeklärter Einzelhändler geworden. Nun stehen wir auch dem schönen Paradoxon gegenüber, dass sich „der Dichter eines kühlen Sprechens dem Handel von Wärmeleitmitteln widmet.“ Auch wenn er sich nicht mehr auf Poesie versteht, so doch zumindest auf Business.
Michael Braun, Zeitschriftenlese
Zonic, No. 20 (2013) Almanach für kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente.
Ventil Verlag, Mainz 2013, Boppstr. 25, 55118 Mainz. 224 Seiten, 18 Euro.
Ich zitiere aus Michael Brauns Zeitschriftenlese:
Der scharfsinnigste und unversöhnlichste Beitrag in „Text+Kritik“ stammt indes von dem Dichter Gerhard Falkner, der in sehr undiplomatischer Weise die „Infantilisierung“ und den „Vampirismus“ in Kunst und Literatur attackiert. Nach einer überaus schroffen Einleitung zur Anschmiegsamkeit, mit der sich gestandene Künstler und Dichter von einschlägigen Förderinstitutionen durchfüttern lassen, benennt Falkner zwei elementare Merkmale der nach seiner Ansicht substantiell geschwächten Literaturproduktion. Da ist zum einen „das Versiegen des inneren Monologs“, der einst die Kraftquelle der schöpferischen Phantasie war. Als Ursache für diesen Verlust sieht Falkner die Dominanz des Internets und die Herrschaft der „superkurzen Einsatz- und Bereitschaftssprachen“. Das Subjekt, so Falkner, wird heute in einem ständigen Stand by-Modus gehalten, es wartet ununterbrochen auf Nachricht. Der Mensch existiert auf Abruf und ist keine Minute mehr bei sich selbst. Sein geschrumpfter Lebensraum ist der „mediale Vollkontakt“, er bewegt sich im öffentlichen Raum durch eine riesige „Kommunikationstoilette“. Da sich das Subjekt im dauernden Alarmzustand befinde, vollziehe sich eine pausenlose „Ich-Entleerung“ – und der innere Monolog werde stillgelegt. Das Versiegen des inneren Monologs wird nach Ansicht des Polemikers Falkner flankiert durch eine markante „Insuffizienz“ der Literaturkritik, die sich mit der „Selbstherrlichkeit von Sultanen“ gegenüber Gedichten oder Romanen aufspreize. Am Beispiel einer Kritik seines Gedichtbands „Pergamon Poems“ moniert Falkner die Verkürzung des kritischen Vermögens auf „die Plakativität eines Weinflaschenetiketts“. In einer Nebenbemerkung verweist Falkner spöttisch auf die Eilfertigkeit, mit der speziell jüngere Dichter „mit DDR-Hintergrund“ um Stipendien buhlen.
Naja, vielleicht wäre scharfzüngig das treffendere Adjektiv gewesen?
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
One of the first things an aspiring writer must learn is to pay attention, to look intently at what is going on. Here’s a good example of a poem by Gabriel Spera, a Californian, that wouldn’t have been possible without close observation.
Grubbing
The jay’s up early, and attacks the lawn
with something of that fervor and despair
of one whose keys are not where they always are,
checking the same spots over and again
till something new or overlooked appears—
an armored pillbug, or a husk of grain.
He flits with it home, where his mate beds down,
her stern tail feathers jutting from the nest
like a spoon handle from a breakfast bowl.
The quickest lover’s peck, and he’s paroled
again to stalk the sodgrass, cockheaded, obsessed.
He must get something from his selfless work—
joy, or reprieve, or a satisfying sense
of obligation dutifully dispensed.
Unless, of course, he’s just a bird, with beaks—
too many beaks—to fill, in no way possessed
of traits or demons humans might devise,
his dark not filled with could-have-beens and whys.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Gabriel Spera from his most recent book of poems, The Rigid Body, Ashland Poetry Press, 2012. Poem reprinted by permission of Gabriel Spera and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Die Simpeldichter
Die Simpeldichter hör ich ewig flennen,
Sie tuten alle in dasselbe Horn
Und nie packt sie der dreimal heilge Zorn,
Weil sie das Elend nur aus Büchern kennen.
Arno Holz

Google meldet einen Artikel über Ron Winkler:
Die Welt 02.10.13
Junge Lyrik
Ron Winkler und die „Bloodymaryness des Abends“
Zwischen Schmetterling und Untergang: Der Berliner Lyriker Ron Winkler hat einen neuen Band vorgelegt. Darin erweist er sich als eleganter und kluger Flaneur über den Prospekt der Poésiephilie. Von Herbert Wiesner
Aber kenn ich das nicht schon? Rein ins Archiv, Ron, Ron Winkler, ah da:
Die Welt 31.08.13
Hier fällt der Regen himmelwärts
Ron Winkler flaniert über den Prospekt der Poésiephilie Von Herbert Wiesner
Vom ersten zum letzten Satz identisch, nur die Überschrift wechselt. Und das Datum. Wahrscheinlich machen dort längst Computer selbständig Zeitung, nur der Autor scheint noch echt. Aber, sagt sich der Computer, warum den Content nur einmal verwenden? Hat doch eh nicht jeder gelesen und wenn doch, wer merkt sich denn alles? Und die Funktion, Klicks auf die Werbeträger zu lenken, erfüllt er allemal. Drunter steht ohnehin immer dasselbe:
© Axel Springer AG 2013. Alle Rechte vorbehalten
Einschließlich des Rechts auf Wiedervorlage. Wetten daß er Anfang November wiederkommt.
Am kommenden Freitag gibt es eine ganz besondere Lesung in unserer Lesereihe „Poetische Wahlverwandtschaften“ mit Jan Kuhlbrodt und Martina Hefter!
Über die Lesereihe:
Autorinnen und Autoren des Verlagshaus J. Frank | Berlin laden ihre Wunschautor_innen ein, mit deren Literatur sie eine besondere Beziehung verbindet. Diesseits ihrer Schreibtische ergibt sich so für jeden Abend ein neues poetisches Paar, findet in der intimen Atmosphäre der Z-Bar eine literarische Begegnung statt: Die Autor_innen stellen sich einander und dem Publikum in Lesungen vor, lassen ihre Gedichte miteinander in Austausch treten. Sie sprechen über ihre Poetiken, über das, was ihrem Schreiben zugrunde liegt, diskutieren über Gegenwartslyrik und Lyrik in der Gegenwart, über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Sprache, kurz: sie gewähren einen Blick hinter die Kulissen und zwischen die Zeilen.
Jan Kuhlbrodt und Martina Hefter
Freitag, 4.10., 21:00 Uhr
Z-Bar, Bergstr. 2, Berlin-Mitte
Eintritt: 5,- €
Jan Kuhlbrodt
Geboren 1966 in Chemnitz, lebt als Autor und Herausgeber in Leipzig. Er studierte Ökonomie, Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaften in Leipzig und Frankfurt/Main sowie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.
Jan Kuhlbrodt hatte verschiedene Lehraufträge und Gastdozenturen für Literatur und Kreatives Schreiben und war Redakteur bei EDIT und Ostragehege.
Von Kuhlbrodt erschienen mehrere Prosa- und Lyrikbände (u. a. die Romane Schneckenparadies, 2008, und Vor der Schrift, 2010).
Auszeichnungen u.a.: Arbeitsstipendium der Kulturstiftung Sachsen; Autorenförderungsprogramm der Stiftung Niedersachsen.
Zuletzt erschienen:
Geschichte. Essay (Band 1 der Edition Poeticon), Verlagshaus J. Frank 2013
Stötzers Lied. Gesang vom Leben danach, Verlagshaus J. Frank 2013
Martina Hefter
Geboren 1965 in Pfronten/Allgäu, lebt als Dichterin und Performerin in Leipzig. Neben ihrer literarischen Arbeit beschäftigt sich Martina Hefter mit Projekten, die Text und Bewegung zusammenbringen. Zuletzt veröffentlichte sie die Gedichtbände „Nach den Diskotheken“ (kookbooks, Berlin 2010) und „Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch“, (kookbooks, Berlin 2013). 2012 war sie Initiatorin und künstlerische Leiterin von „Bewegungsschreiber. Dichtung trifft Tanz“ am Dock 11, Berlin. Martina Hefter zeigte in der Lofft-Werkstatt Leipzig die Tanz-Gedicht-Performance „Vier Gedichte mal vier Tanzsequenzen“ (2010) und hielt am Deutschen Literaturinstitut Leipzig sowie im offenen Programm der Scala Leipzig den Vortrag in Bewegung „Im Liegen lesen“ (2009/10).
Im August 2013 gestaltete sie im Rahmen des Projekts „Sprechende Gänge. KOOKwalks durch Berlin“ ein choreografisches Spiel, in dem Meinungen und Haltungen zu Gedichten eine räumliche Installation bilden.
Zuletzt bei KOOKbooks erschienen:
Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch · Gedichte
DAS AMORTISIERT SICH NICHT · 10 Jahre kookbooks. Das Jubelprogramm.
Nach den Diskotheken · Gedichte
Die Rückert-Gesellschaft lädt anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens zu einer Tagung in das Museum Otto Schäfer ein. Thema sind Friedrich Rückerts „Kindertodtenlieder“, die 1872 von dessen Sohn Heinrich anonym aus dem Nachlass herausgegeben wurden. Friedrich Rückert selbst hatte diese mehr als 400 Gedichte in dem Jahr nach dem Tod seiner beiden jüngsten Kinder Luise und Ernst verfasst und sie nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Hans Wollschläger, der die „Kindertodtenlieder“ 1988 wieder herausgegeben hat nannte sie eine „Schmerzsprache eines Schicksals über den Schicksalen, jetztlos und nie endend“. / Mainpost
Wie gehen heute Lyrik, Herzlichkeit und Bewahrung der Schöpfung zusammen. Auf eine franziskanische Spurensuche begeben sich die Teilnehmer einer Veranstaltung am Freitag um 20 Uhr im Kelheimer Orgelmuseum … / Donaukurier

In einem Nachruf von Zwerenz auf Erich Loest im Poetenladen
Immer, wenn Peter Handke übersetzt, will er uns auch einen Autor, den er schätzt, ins Bewusstsein bringen; es sind in einem guten Sinne «Freundschaftsdienste». Das gilt auch für Dimitri T. Analis, den 2012 verstorbenen griechischen Dichter, der französisch schrieb; Handkes Analis-Auswahl heisst «Präludium zur neuen Kälte der Welt» (Jung und Jung), Handke las sie zusammen mit seiner französischen Frau Sophie Semin. Er könne Analis‘ Gedichte ganz ernst nehmen, es gebe «nichts Herrlicheres». René Char zum Beispiel sei ein «herrischer Dichter», Analis dagegen spreche mit sich selbst, vielleicht seien seine Selbstgespräche an «verlassene Zimmer» gerichtet, um einen Roman von Hermann Lenz zu nennen.
Schliesslich las er noch mit seinem serbischen Übersetzer Žarko Radaković (der ausdrücklich sagte, er übersetze ins Serbokroatische, es sei eine Sprache) das Gedicht «Vielleicht schläft sie» des serbischen Symbolisten Vladislav Petrović Dis (1880–1917), ein Gedicht, das sich selbst strukturiere, weil es keine rhythmischen und seelischen Grenzen kenne; Radaković und Handke haben es zusammen ins Deutsche übertragen. / Peter Urban-Halle, NZZ 25.9.
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