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Raymond Roussel
„The President of the Republic of Dreams“
curated by François Piron
June 28th 2013 – September 7th 2013
Galerie Buchholz, Berlin 2013
Raymond Roussel (1877-1933), the author of The View (1904), Impressions of Africa (1909) and Locus Solus (1913), is still one of the least-known and most mysterious writers of the 20th century, despite the fact that his profound and often subterranean influence spread far among the literary and artistic avant-gardes of the 20th century. In the ten works he published during his lifetime — poems, novels in verse, narratives or plays— he made supreme efforts to create a world from scratch where “imagination is everything”, with nothing real to get in the way of the writing. Rapt in a singular poetic enterprise and convinced of his own genius, he passed through the first third of the 20th century like a man poised between two worlds, paying no attention to political upheavals and their aesthetic consequences, but never quite understanding why the academic public he thought he was writing for showed such indifference to his works or why they were so scandalized by his dramatic adaptations for the stage.
Until 1914, Raymond Roussel lived in the Parisian high society, as described in Marcel Proust’s novels. In his mother Marguerite Roussel’s salon, it was all a form of theatre, with frequent festivities and costumed balls as seen in the photographs of the Roussel family in fancy dress. This society made Roussel aware that social relationships were a form of representation, while his homosexuality led him to distance himself from society, progressively dedicating his entire life to his literary work.
It was above all to channel an unstoppable imagination that Roussel wrote some of his books by resorting to a “very special procedure”, based on combinations of homophonic words and expressions with double meanings. The path traveled between these words, deliberately situated at the beginning and end of a text, provided Roussel with a framework for his writing and inexhaustible material in the form of unexpected images and narratives in which citation and invention are inseparable.
Although it took him a long time to realize it, Roussel won an enthusiastic following during his lifetime among generations of artists and poets. Marcel Duchamp, who, along with Guillaume Apollinaire and Francis Picabia, attended his Impressions d’Afrique at the theatre in 1912, never forgot the experience, and cited it as the main origin of his Grand Verre. For the Surrealists, Roussel was the writer who accomplished “the evasion from the sphere of Reality to that of the Concept” (Michel Leiris).
After a period of neglect, Roussel’s work attracted new interest in the 1960s, especially after the investigations of Michel Foucault and the Collège de ‘Pataphysique. Roussel, who took great care to give as little information as possible about his life, is for many the model of an artist at the heart of the labyrinth of his own work. / mehr
Samstag, 17. August 2013, 18 Uhr / Sonntag, 18. August 2013, 11 Uhr
Simone Kornappel
Unser Gang durch das Tempelhofer Feld wird von Gedichten grundiert. Zu jedem der aufgefundenen Texte können über QR-Codes weiterführende Dateien und Links abgerufen werden: Hypertext, fiktive Fußnoten, weitere Gedichte. Bei jedem nächsten QR-Code-Aufruf sind andere Dateien und Auszüge hinterlegt.
Um niemanden auszuschließen, wird Simone Kornappel die Dateien auch laut anspielen.
Mitbringen: Smartphone o.ä. mit mobilem Internet
Treffpunkt
Tempelhofer Feld, Eingang Herrfurthstraße/Ecke Oderstraße
Bezeichnend für die DDR-Zensur ist auch die Geschichte des Kinderbuches „Der Löwe Leopold“ (1970), das nach der westdeutschen Erstausgabe 1976 auch in einem DDR-Verlag erscheinen sollte. Aber gerade in diesem Jahr, als Reiner Kunze zum „Staatsfeind“ erklärt wurde und der Kulturminister ihn gesprächsweise in Ostberlin wissen ließ, nun könne nicht einmal er einen tödlichen Verkehrsunfall verhindern, wurde die Auslieferung dieses unpolitischen Buches rückgängig gemacht und 15 000 bereits gedruckte Exemplare eingestampft.
Einem mit Reiner Kunze sympathisierenden Drucker hat das nicht gefallen, er hatte konspirativ ein Exemplar abgezweigt und es auf irgendwelchen Umwegen dem Bäcker in Greiz überbracht, bei dem Ehefrau Dr. Elisabeth Kunze morgens immer die Brötchen kaufte. Als sie zu Hause die Brötchentüte öffnete, fand sie zuunterst ein Exemplar des angeblich nie gedruckten Buches. / Jörg Bernhard Bilke, Neue Presse
Jayne-Ann Igel, aus: Unversiegelte Botschaften. Anmerkungen zu Reiner Kunzes Dichtung:
Über Jahrzehnte habe ich wohl keine Gedichte von Reiner Kunze gelesen, oder sie doch nur gelegentlich in diversen Jahrbüchern, Anthologien wahrgenommen. Dabei waren sie mir in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre so dringlich und gegenwärtig gewesen, diese zumeist kurzen, streng gearbeiteten Texte, die 1973 in einer aus den in Westdeutschland publizierten Bänden „Sensible Wege“ (1969) und „Zimmerlautstärke“ (1972) kompilierten Auswahl in der DDR erschienen waren, unter dem Titel „Brief mit blauem Siegel“ im Leipziger Reclam Verlag. Zu dieser Zeit erst sollte mir auch der Name ihres Autors bekannt werden, über ein zerlesenes Reclam-Bändchen, das im Freundeskreis von Hand zu Hand ging. Mit Gedichten, von denen sich viele aus meiner Generation angesprochen fühlten, ob ihrer sprach-, zeit- und gesellschaftskritischen Haltung; in ihnen fand sich kaum verschlüsselt auf den Punkt gebracht, was die Verhältnisse in der DDR ausmachte, oft formelhaft, eingängig, zuweilen auch didaktisch (wie wenig später in „Die wunderbaren Jahre“), die Verse dabei von einer Klarheit und Klarsichtigkeit, mit einem Impetus von Aufklärung, in einer Zeit, in der es noch nicht obsolet war, in Zusammenhang mit Lyrik von Botschaften zu sprechen. Reiner Kunzes ab Mitte der fünfziger bis in die siebziger Jahre hinein entstandenen Gedichte sind ohne den Kontext des obrigkeitlich verordneten Schweigens über die tatsächliche Verfaßtheit des Landes, in dem sie verortet, kaum denkbar, sie bildeten nicht zuletzt eine poetische Antwort darauf. Bestechend ist die epigrammatische Kürze vieler Texte, ihre Pointiertheit, die sie mit wenigen Metaphern auskommen läßt – und was die Peripetie, der Umschlag in eine neue Weise des Sehens, der Wahrnehmung, die zumeist in den letzten drei vier Zeilen dieser Gedichte statthat, an veränderten Sichtweisen, Perspektiven generiert, eignet mitunter Sentenzcharakter. Beispielhaft dafür wie auch für die Arbeitsweise des Autors, der sinnliche Eindrücke zu einprägsamen Metaphern zu verdichten weiß, mag hier ein Auszug aus den 21 Variationen über das Thema „Die Post“ stehen:
1
Wenn die post
Hinters fenster fährt blühn
Die eisblumen gelb2
Brief du
Zweimillimeteröffnung
der tür zur welt du
geöffnete öffnung du
lichtschein,
durchleuchtet, dubist angekommen
3
Tochter, briefträgerin vom
briefkasten bis zum
tisch, deine stimme ist
das posthorn
[…]
Scholl: Daraufhin lud Sie der damalige Kulturminister der DDR zum vertraulichen Gespräch, Herr Hoffmann hieß der, versprach Ihnen Geld und Privilegien noch und nöcher, wenn Sie diese Wahl da in Bayern nur ablehnen würden.
Und als Sie zu allem Nein sagten, sagte der Minister – und man kann es eigentlich heute gar nicht glauben, dass so ein Satz wirklich fällt -, Herr Kunze, dann kann Sie auch der Minister für Kultur nicht mehr vor einem Unfall auf der Autobahn bewahren. Das heißt, man hat Sie wirklich mit dem Tode bedroht, Sie mussten um Ihr Leben fürchten!
Kunze: Ich weiß nicht, ob ich mich tatsächlich habe fürchten müssen, aber damals war es für mich todernst. Und ich habe danach auch vor jedem Fahrtantritt die Kühlerhaube aufgemacht, nachgeschaut, ob der Splint in der Lenkung steckt, und habe die Radkappen mit Vaseline eingerieben, um zu sehen, ob sie abgenommen worden sind …
Scholl: Ob eventuell die Muttern gelöst wurden …
Kunze: … die Muttern gelöst wurden. Daran sehen Sie, dass ich das sehr wohl ernst genommen habe. Und es war Grund, es ernst zu nehmen. Bei Jürgen Fuchs ist ja ein Unfall initiiert worden. / DLR
Kurz nach der Übersiedlung hatte er erklärt, dass die Menschheit von Ländern wie dem, aus dem er gerade gekommen war, für die Zukunft nichts Positives zu erwarten habe. Daraus wurde bald der Vorwurf, er neige zu „eher rechts- denn linksliberalen Kreisen“. Entsprechende Mutmaßungen hat er mehrmals entschieden zurückgewiesen: „Rechtsliberal ist man nicht nur nicht, mit Rechtsliberalen sympathisiert man auch nicht“, sagte er 2004 als Festredner zum Tag der deutschen Einheit in Erfurt. / Thomas Bickelhaupt, Südthüringen
„Dichter dulden keine Diktatoren neben sich“, überschrieben seine Kollegen Günter Kunert und Matthias Buth ein Lesebuch, das sie zum 80. Geburtstag im Verlag Ralf Liebe herausgegeben haben. / Berliner Zeitung
„Dichter dulden keine Autoren neben sich“ haben Buth und Kunert ihr Buch genannt. / Deutsche Welle
Mehr: literaturkritik.de /Badische Zeitung / Tagesspiegel / Die Welt / Neues Deutschland /
● Udo Scheer: Reiner Kunze. Dichter sein: Eine deutsch-deutsche Freiheit. Mitteldeutscher Verlag. 271 S., geb., 19,95 Euro
● Matthias Buth, Günter Kunert (Hrsg.): Dichter dulden keine Diktatoren neben sich. Ein Lesebuch. Verlag R. Liebe Weilerswist. 313 S., geb., 20 Euro
06.09.2013 | 19.30 Uhr
LITERATUREN DER WELT
06.09.13 19.30 HAUS DER BERLINER FESTSPIELE Seitenbühne
Poetry Night II mit Ashur Etwebi (Libyen), Hala Mohammad (Syrien), Sergio Raimondi (Argentinien) und Tzveta Sofronieva (Bulgarien / D)
Moderation: Silke Behl, Sprecherin: Marina Galic
Der 1952 in Tripolis geborene Ashur Etwebi ist einer der bekanntesten Autoren aus Libyen. Seine Lyrik ist intim, aber eindrucksvoll, sowohl innovativ als auch traditionell, beeinflusst von moderner Poesie und dennoch populistisch und zugänglich.
Die syrische Lyrikerin Hala Mohammad gehört zu einer Generation moderner arabischer Dichterinnen, die ihre individuellen Erfahrungen als Frauen und Intellektuelle in der arabischen Welt zum Ausdruck bringen. Ihre Gedichte zeugen von Spontaneität und unverfälschten Sinneseindrücken.
Der Argentinier Sergio Raimondi nimmt zwar immer wieder den Hafen seiner Heimatstadt Bahía Blanca als Ausgangspunkt, erkundet in seinen Gedichten jedoch die Welt, weit über die Grenzen Argentiniens und Südamerikas hinaus.
Tzveta Sofronieva lebt nach Aufenthalten an mehreren Orten der Welt als freie Autorin überwiegend in Berlin. Sie schreibt in bulgarischer, deutscher und englischer Sprache.
Mani Matter – in Schweizer Schulen gehören die Lieder des Berner Troubadours quasi zum Pflichtprogramm: „Dene wos guet geit“, „S Zundhölzli“ oder „Dr Ferdinand isch gstorbe“ dürften einem Großteil der Schweizer Bevölkerung weit besser bekannt sein als die eigene Nationalhymne. Matter – ursprünglich Jurist und Staatsbeamter – wurde in den 60er Jahren landesweit bekannt. Seine berndeutschen Chansons bestechen durch feine Poesie und scharfsinnigen Humor. So wird eine alltägliche Situation wie ein Friseurbesuch oder der Genuss eines belegten Brötchens ganz unvermittelt zu einem philosophischen Problem. 1972 kam Mani Matter auf dem Weg zu einem Konzert bei einem Autounfall ums Leben. Seither haben sich zahlreiche Musiker an die Neu-Interpretation seiner Werke gewagt: einige berühmte Schweizer und ein junger Tscheche. / Melanie Pfändler, Radio Prag
Die tschechischen Schriftsteller Radek Malý und Radek Fridrich lesen am 21. und 22. August in Dresden aus ihren Texten – und dies an einem ganz besonderen Ort: im Barockgarten des japanischen Palais. Organisiert wird das zweitägige Lyrik-Festival „Palais.Poesie“ vom Literaturforum Dresden. Volker Sielaff ist selbst Dichter und Leiter des Projekts:
„Zwischen dem Palais und der Elbe befindet sich eine große Wiese. Dort findet jeden August – vom ersten bis zum letzten Augusttag – der „Palais-Sommer“ statt. Das ist ein Openair-Sommervergnügen mit Live-Malerei, Klavierkonzerten, Filmen und seit drei Jahren eben auch mit dem ‚Palais.Poesie‘, wo die Dichter auf einer kleinen Openair-Bühne vor ein paar Hundert Leuten ihre Gedichte vorlesen.“
Das „Palais.Poesie“ ist ein verspieltes Gesamtkunstwerk: Nach Einbruch der Dunkelheit wird der Garten von der Lichtkünstlerin Claudia Reh verzaubert. Mithilfe von Projektoren taucht sie die Fassade des Palais in farbiges Licht. Pro Abend lesen vier Autoren aus ihren Texten vor – Radek Fridrich am Mittwoch und Radek Malý am Donnerstag.
„Auf Radek Friedrich bin ich gekommen, weil ich ihn beim Dresdner Lyrikpreis lesen gehört habe und er mich sehr beeindruckt hat. Er hat zwar dann nicht den Preis bekommen, aber war eigentlich mein geheimer Favorit und Wunschpreisträger. An Radek Fridrich finde ich persönlich sehr interessant, dass er ja aus dem Nordböhmischem kommt und die dortige Landschaft bei ihm eine große Rolle spielt.“
Radek Fridrich schreibt seine sowohl auf Tschechisch als auf Deutsch; Radek Maly wird in Dresden die deutschen Übersetzungen seiner Gedichte vortragen. Eine weitere lyrische Brückenbauerin ist Sarah Rehm, die zusammen mit Malý am Mittwoch auf dem Programm steht. Die 30-Jährige ist in Dachau geboren, lebt in Dresden und war 2011 Stipendiatin des Prager Literaturhauses. / Radio Prag
In den Siebzigern war er Kult: Wolf Wondratscheks Texte hatten eine Intensität, die tatsächlich auch Musiker anlockte. Zu seinem 70. Geburtstag hat sich der Poet nun mit dem wunderbar leichten Buch „Mittwoch“ selbst beschenkt. / Ulrich Rüdenauer, Süddeutsche Zeitung
Die Klischees wie „Dichterdiva“ oder „Rockpoet“ nimmt Wolf Wondratschek gelassen hin: „Sollen sie selig werden mit ihren Dummheiten.“ / DLR
Für die zweite Lesung zum Lyrikpreis München 2013 am 13. September wurden nominiert:
Als Juroren für die Lesung stehen fest:
Die Einreichfrist für die dritte und letzte Lesung ist der 30. Oktober 2013.
Bisher ins Finale gewählt wurden
*) Falls doch ein Michael P. aus Bad Soden gemeint ist, wie auf der Website des Münchner Lyrikpreises steht, bitte korrigieren! M.G.
Der US-amerikanische Lyriker Simon Ortiz und der Syrer Adonis erhielten den dritten International Golden Tibetan Antelope Poetry Prize beim vierten Qinghai Lake International Poetry Festival, das am Sonntag in Xining, der Hauptstadt der nordwestchinesischen Provinz Qinghai, zuendeging.
Jidi Majia, der Präsident des Festivals, sagte, Adonis sei nicht nur ein Meister des heutigen Arabischen, sondern ein Riese der zeitgenössischen arabischen Kultur.
„Mr. Ortiz, ein ehrlicher, leidenschaftlicher und kühner Dichter, ist ein unerschrockener Verteidiger der Würde und Vielfalt der Menschheitskultur, für den die Dichtung die Heimat seiner Seele und die letzte Festung der Kultur seines Volkes ist.“
Zum 75. Geburtstag hat die Lyrikerin Elke Erb in diesem Jahr den Ernst-Jandl-Preis bekommen. Ein guter Verleger reagiert natürlich mit einem neuen Buch. Der Schweizer Urs Engeler ist ein guter Verleger. Er hat soeben in seiner nur über das Internet zu beziehenden ISBN-freien Reihe „roughbooks“ Erbs gesammelte Lyrik aus den Jahren 2005 bis 2012 herausgegeben, Titel: „Das Hündle kam weiter auf drein“. (…)
Am 3. 9. 2007 schreibt sie das Gedicht „Zu gleich“:
Das eintretende Alter erheiterte mich
mit einer neuen Neugier und der Lust,
die Nase in Dinge zu stecken, die einen gar nichts angehen,
z. B. Diverses von Pflanzen:
Heimat in Mittelasien. So?
Hat eine Pfahlwurzel, ach?
Eingenommen sein im Alter ist getrennt sein zu gleich.
Ein Ich, das geht – und so kommt, wie es geht.
Prosaisch klar strömen die ersten Verse dahin. Die letzte Strophe hat es dann in sich: eine feine Minimeditation, die zum Wiederlesen einlädt. Davon hat das Buch mehrere in petto, mal bekenntnishaft-beklemmend wie in dem „Was sie will“, mal philosophisch-vielschichtig wie in dem großartigen „Ein Bild springt einem Satz bei“.
Erb eröffnet dieses Gedicht mit einem hochabstrakten Zitat des Philosophen Theodor W. Adorno und schließt das dann auf faszinierende Weise mit „Strohhalmsträhnen [ … ] / an den seitlichen Hecken“ kurz.
Dazwischen stehen viele Gedichte aus dem, was Volker Braun einmal Erbs „Reservat der poésie pure“ genannt hat – schwer zugänglichen Gedankengelände. Lyrikeinsteiger brauchen für diesen Band deshalb Mut. Fortgeschrittenen reicht die übliche Portion poetischen Wahnsinns. / André Hatting, DLR
Der einst als «Ulysses aus Charlottenburg» umjubelte Dichter besichtigt in seinen späten, zu Lebzeiten nie veröffentlichten Gedichten den Rest seiner künstlerischen Existenz. Das Resultat dieser poetischen Selbsterkundung sind bewegende, tief anrührende Gedichte eines Mannes, dem die Welt zerbrach. So verläuft die Suchbewegung des Einsamen auf einem gefährlichen Terrain: auf den Albtraumpfaden «zwischen einsam und allein», gebannt in ein ewig währendes Unglück. Dort, im Gehäus seiner Isolation, sitzt er fest, dort spürt er das Herannahen der eigenen Vergänglichkeit. Dort sehnt er sich schliesslich für einige poetische Augenblicke nach einem Aufatmen: «WAS IST DAS ZWISCHEN EINSAM UND ALLEIN: / als wär ich mir vergangen wie im Flug / rings um die Erde doch ein Stein / bin ich mir nicht geworden. Ach genug // für einen zweiten andren Flug hab ich / noch Kraft und Lüfte auch. // Dass ich mich endlich selber brauch.» / Michael Braun, NZZ
Thomas Brasch: «Die nennen das Schrei». Gesammelte Gedichte. Hrsg. von Martina Hanf und Kristin Schulz. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2013. 1030 S., Fr. 66.90.
Das sind alles verschiedene Mechanismen, die im Gedicht angetippt werden, die aber nicht – und das ist ein ganz wichtiger Punkt – die aber nicht auf die Lyrik beschränkt sind. Das heißt, unsere Alltagssprache inkorporiert, benützt all die Möglichkeiten, die die Poesie – in konzentrierter Form, wohl gesagt – präsentiert. Jede Politikerrede, jeder Werbespruch basiert auf poetischen Prinzipien, die man vielleicht nicht auf Anhieb erkennt, aber die ein geschulter Lyriker sofort kennt. Das heißt, es gibt in der Lyrik nichts, was es nicht in der Alltagssprache auch geben würde. Und das Tolle an der Lyrik ist, dass sie ein fantastisches Demonstrationsobjekt für unsere Art des Bewusstseins, unsere Art der Wahrnehmung, unsere Art des Sprachempfindens, unsere Art des Umgangs mit der Welt ist.
Auf der einen Seite ist in ihr alles, was Sprache kann, vorhanden, das zelebriert die Lyrik, zugleich ist aber auch Bildliches vorhanden. Denken Sie an Ihr Eingangszitat, die Asseln, die Maiskörner, all das ruft Bilder in uns hervor, und zum Dritten ist es noch Musik. Das heißt also, drei verschiedene Ebenen, für die wir sonst ins Kino gehen müssten oder in die Oper, um das in aller Künstlichkeit zu sehen, werden im Gedicht durch die einfachsten Möglichkeiten ohne irgendwelche fremden Hilfsmittel vorgestellt. Und nun kann die Neurologie die verschiedensten Dinge zeigen, beispielsweise, ein schönes Beispiel ist: Warum sind die Gedichtzeilen so kurz?
Wenn man sich jetzt nun, das ist literaturwissenschaftliche, statistische Arbeit, Gedichtzeilen ansieht auf der ganzen Welt, merkt man, die haben ungefähr zwölf Silben, das bedeutet Sprechzeit plus minus drei Sekunden. Und da kommt jetzt wieder die Neurologie ins Spiel, denn erst die kann uns zeigen, dass das Fassungsvermögen unseres Arbeitsspeichers drei Sekunden umfasst. Das heißt, während wir hier miteinander reden, ladet mein Gehirn im Dreisekundentakt nach, mein Mund redet raus, dann kommt oben wieder das nächste rein, Mikropause, da wird das nächste rausgeschossen. Ich höre Ihnen auf die selbe Art und Weise zu, indem ich das in Dreisekundensequenzen takte, und das bedeutet jetzt ganz praktisch gesprochen, dass eine Gedichtzeile eine ideale Verpackungsgröße für Information ist. Deshalb ist die Zeitung, die wir lesen, in diesen kurzen Spalten gedruckt, denn da ist bereits in diesem Dreisekundentakt plus oder minus bereits vorsequenziert, vorprogrammiert.
/ Raoul Schrott im DLR-Gespräch
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