Gestorben

Gestern starb der Chicano-Dichter Francisco X. Alarcón in San Francisco an Krebs. Er war 61 Jahre alt. / El Tecolote 

Homerische Szenerie

(…) Wer hat die „Odyssee“ schon einmal so gelesen? Als eine märchenhafte Ausflucht für einen Mann, der alle Welt getäuscht hat mit der Geschichte, wie unwillig er weggegangen wäre in den Krieg um Troja? / Ralf Julke, Leipziger Internetzeitung

Phoebe Giannisi Homerika, Übers. Dirk Uwe Hansen. Reinecke & Voß, Leipzig 2016, 10 Euro.

Peter-Huchel-Preis 2016 für Barbara Köhler

Der diesjährige Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik geht an die 1959 in Burgstädt bei Amerika (Sachsen) geborene und in Duisburg lebende Dichterin Barbara Köhler. Die Jury würdigte in ihrer Sitzung am 15. und 16. Januar 2016 in Freiburg ihren im Verlag Lilienfeld erschienenen Band „Istanbul, zusehends“ als herausragende Neuerscheinung des Jahres 2015. Der mit 10.000 Euro dotierte Peter-Huchel-Preis wird am 3. April 2016, dem Geburtstag Huchels, in Staufen im Breisgau verliehen. Preisstifter sind der Südwestrundfunk und das Land Baden-Württemberg. Zu den bisherigen Preisträgern gehörten u. a. Ernst Jandl, Durs Grünbein, Thomas Kling, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Paulus Böhmer.

Die Jury in ihrer Begründung: „Mit dem doppelten Blick der Fotografin und Dichterin formuliert Barbara Köhler in ihrem Gedichtband ‚Istanbul, zusehends‘ eine Liebeserklärung an eine Stadt, die ihr immer zugleich fremd und vertraut bleibt. Das Zusammenspiel von Sprache und Bild stiftet eine poetische Genauigkeit, in der mit Emphase und Empathie die Topographie der Stadt erkundet wird. Ihre Auseinandersetzung mit der eigenen Fremdheit am Bosporus zeigt, dass es keine Unschuld des Blicks gibt, aber dass die Betrachterin immer schon teilhat am Gesehenen. Ein raffiniertes Netz von Sprachbildern und Bildsprache knüpft einen fliegenden lyrischen Teppich, der ganz selbstverständlich im Alltag auch die Wucht des Politischen einfängt.“

Der vom Land Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk gestiftete Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik wird seit 1983 für ein herausragendes lyrisches Werk des vergangenen Jahres verliehen. Der Preis erinnert an den Namensgeber Peter Huchel (geboren am 3. April 1903 in Groß-Lichterfelde bei Berlin, gestorben am 30. April 1981 in Staufen im Breisgau), den bedeutenden Lyriker und langjährigen Chefredakteur der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“. Die Jury besteht aus sieben unabhängigen Literaturkritikern, -wissenschaftlern und Autoren.

Informationen zum Peter-Huchel-Preis unter peter-huchel-preis.de

Todgeweiht

Entschuldigung, „Todgeweihte“ ist sowieso ein pathetisches Wort. Aber finden Sie nicht, daß es in Anwendung auf einen zum Tode Verurteilten, wie jetzt im Fall der Solidaritätslesungen für den in Saudi-Arabien verurteilten Dichter Ashraf Fayadh, geschmacklos, feierlich-überhöhend, geradezu „sinnstiftend“ wirkt? Haben seine Richter ihn „geweiht“, wem, Allah? Wie so manche Begriffe, mit denen wir Schreckliches bemänteln und überhöhen: Im Krieg „gefallen“, ist er gestolpert? Einem Verkehrsunfall zum „Opfer“ fallen, dem Gott des Verkehrs geopfert? … Schreckliche Atavismen, finde ich.

Geistige Gummibärchen ist eine Kolumne zur Poesie des Medienspeak.

It’s about sex

Sonnet 129“ by William Shakespeare

Mad in pursuit, and in possession so,
Had, having, and in quest to have, extreme;
A bliss in proof, and proved, a very woe;
Before, a joy proposed; behind, a dream.

Shakespeare wrote a lot about sex. He just has such a highbrow reputation these days, that sometimes it’s hard to remember that he was considered lowbrow in his own time. His plays and sonnets are riddled with innuendo, but „Sonnet 129“ is especially vague in talking about physical love. He only mentions lust once, but the rest of the poem is about pursuing and then having and then kind of regretting and feeling ashamed of what you’ve had. Really, he’s talking about sex that seems like a good idea before the fact, but then turns out to have been a very bad idea. We’ve all had nights like that, Shakespeare.

/ CHARLOTTE AHLIN, bustle.com

Andere Gedichte, denen sie „es“ nachweist, sind: „Come Slowly – Eden!“ by Emily Dickinson; „Putting in The Seed“ by Robert Frost; „I Sing the Body Electric“ by Walt Whitman; „First Fig“ by Edna St. Vincent Millay; „In Adoration“ by Sappho; „To a Dark Moses“ by Lucille Clifton.

Okay: bei Whitman und Sappho wird man nicht erstaunt sein. Und im Deutschen? Probieren Sie mal, im Deutschkurs (oder im Proseminar?) zu sagen, daß dieses Gedicht von Rilke von der „Überwindung der Masturbation“ handelt, oh je! 🙂
XXIII. Sonett

O erst dann, wenn der Flug
nicht mehr um seinetwillen
wird in die Himmelstillen
steigen, sich selber genug,

um in lichten Profilen,
als das Gerät, das gelang,
Liebling der Winde zu spielen,
sicher, schwenkend und schlank, –

erst, wenn ein reines Wohin
wachsender Apparate
Knabenstolz überwiegt,

wird, überstürzt von Gewinn,
jener den Fernen Genahte
sein, was er einsam erfliegt.

Aus: Die Sonette an Orpheus, Erster Teil (1922)

Mandelstams Aktualität

Was ist heute noch aktuell an Mandelstam?

Er ist eine exemplarische Figur des von Totalitarismus und Diktatur geprägten 20. Jahrhunderts. Sein Beharren auf der Menschenwürde hat dieser Dichter der Weltkultur mit dem Leben bezahlt. Mandelstams Werk ist gerade heute wieder, angesichts nationalistischer Verblendung in Russland, Repression und Propaganda-Exzessen, von brennender Notwendigkeit. Aber die unerhörte Kraft seiner Bilder, die Musik seiner Gedichte, deren schiere Schönheit sind zeitlos. / Ralph Dutli im Gespräch it der Rhein-Neckar-Zeitung

Verhaftet

Der ägyptische Dichter Omar Hazek ist am Mittwoch auf dem Flughafen von Kairo festgenommen und an der Ausreise gehindert worden. Die österreichische Schriftstellervereinigung Pen-Club („Poets, Essayists, Novelist“) gab am Donnerstag bekannt, Hazek sei auf dem Weg nach Amsterdam gewesen, um dort den Oxfam-Literaturpreis entgegenzunehmen. Über die Hintergründe seiner Festnahme herrscht derzeit Unklarheit.

Hazek war 2013 zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt worden, weil er an einer unerlaubten Demonstration aus Solidarität zu dem von Polizisten erschlagenen Blogger Khalid Said teilgenommen hatte. Im September 2015 kam er frei und wollte auf Einladung des Pen-Clubs Wien besuchen.

Die österreichischen Behörden verweigerten ihm allerdings die Ausstellung eines Schengen-Visums, weil nicht davon ausgegangen werden könne, dass er wieder in seine Heimat zurückkehren werde. Die Niederlande hingegen stellten das Visum ohne Probleme aus. Nach seinem Auftritt in den Niederlanden wollte Hazem nach Österreich und Deutschland weiterreisen, um sein Buch „In der Liebe des Lebens. Kassiber aus der Haft“ zu präsentieren. / Der Standard

Laßt ihn frei!

«Ich werde nach einem angemessenen Trost für meine Lage suchen» – so heisst es in Ashraf Fayadhs Gedicht «Frida Kahlos Schnurrbart», das von einer gescheiterten Liebe erzählt. Die Zeile hat einen unheimlichen Nachhall angenommen, seit der junge palästinensische Lyriker vergangenes Jahr in Saudiarabien, wo seine Familie seit längerem lebt, zum Tode verurteilt wurde; auf Blasphemie und Abfall vom Glauben lautete die Anklage. Das ganze Gedicht mutet nun weniger wie ein letztes Wort an eine verlorene Geliebte an denn wie eine Elegie auf ein verlorenes Leben. (…)

Barmherzigkeit existiert nicht im Vokabular des saudischen Regimes. Wie Fundamentalisten jeglicher Couleur orientieren sich die Machthaber an einer simplen Prämisse, die das Blut gefrieren lässt und die der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka folgendermassen resümiert hat: «Ich bin im Recht – du bist tot.» Die Sprache der internationalen Realpolitik findet bei solcher Gelegenheit ebenfalls keine Worte. (…)

Heute, am 14. Januar, werden Texte des palästinensischen Dichters auf der ganzen Welt in dreiundvierzig Ländern und im Rahmen von hunderteinundzwanzig Veranstaltungen vorgetragen.

Auf Arabisch und Italienisch, Nepali, Griechisch, Kroatisch und in anderen Sprachen sollen Ashraf Fayadhs Worte erklingen und dem Versuch, ihn zum Schweigen zu bringen, trotzen. / Priya Basil, Neue Zürcher Zeitung

Haben sie seine Gedichte gelesen?

In DDR-Zeiten musste Andreas Reimann immer wieder die Willkür der Mächtigen erleben, die sehr genau lasen, was er schrieb. Jahrelang durfte von ihm nichts publiziert werden, nahmen ihm die grauen Männer genau das krumm, was richtig gute Lyrik ausmacht: das persönliche, unverwechselbare Sehen, die genaue, fein nuancierte Sprache und die Fähigkeit, im scheinbar Alltäglichen, in Liebe, Lebenslust und Welterleben seinen Widerspruch deutlich zu machen gegen Missstände, Übelstände, die verordneten Unmöglichkeiten.

Auf die Idee, so einen Mann, der für sein Lebendigsein tatsächlich leiden musste, überhaupt einmal als Ehrenbürger vorzuschlagen, kämen die heutigen Zelebritäten nicht mal im Traum. Warum auch. Haben sie seine Gedichte gelesen? Oder haben sie einen Schreck bekommen, als sie seinen Leipzig-Gedichtband „Bewohnbare Stadt“ von 2009 in die Hände bekamen? Erschrocken darüber, dass so ein Leipziger Urgestein mit sehr skeptischem Blick dem Treiben und Wandel zuschaut oder gar der manifesten Selbstbeweihräucherung auf hoher Marketing-Ebene. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

Am Donnerstag, 14. Januar, liest der Leipziger Autor Andreas Reimann um 19 Uhr in der Stadtbibliothek am Wilhelm-Leuschner-Platz aus seinem Gedichtband „Grüner Winter“. Mit diesem bibliophilen Band präsentiert der Autor neue Verse, die er 2015 während seines dreimonatigen Aufenthalts im Buch-Haus in Dresden Loschwitz schrieb. Die anmutigen aber auch aufstörenden Gedichte haben Dresden zum Gegenstand, die Landschaft und  Gebäude dieser Stadt. An seiner Seite wird der Leipziger Martin Hoepfner an der E-Gitarre die passende Begleitmelodie für diesen Abend spielen. Der Eintritt ist frei.

Andreas Reimann Grüner Winter, edition buchhaus loschwitz, Dresden 2015, 14,90 Euro.

Gestorben

Die Poetry Foundation und Copper Canyon Press teilen mit, daß die Lyrikerin C.D. Wright am 12. Januar unerwartet gestorben ist. Sie wurde 1949 in Mountain Home, Arkansas, geboren und studierte an der Memphis State University und der University of Arkansas. Ihr von der Landschaft des Südens inspiriertes Buch One With Others (Copper Canyon Press, 2010) gewann den Lenore Marshall Poetry Prize, den National Book Critics Circle Award und war Finalist des National Book Award. 2013 wurde sie zu einer Kanzlerin der Academy of American Poets gewählt. Anne Waldman nannte sie aus diesem Anlaß „eine unserer furchtlosesten Autoren“.

Ihr Gedicht “from ‘The Obscure Lives of Poets’” erscheint in der Februarausgabe von Poetry auf einer aufklappbaren Seite, um die Verse in voller Länge aufzunehmen.

C.D. Wright über die Dichtung: „Lyrik ist eine Lebensnotwendigkeit… Eine ihrer Funktionen ist, Bereiche in uns aufzufinden, die frei sein könnten, und sie für frei zu erklären.“

Villon zertrümmert

Kurt Tucholsky über ›Die Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn François Villon in deutscher Nachdichtung von Paul Zech‹

Nun, eine Nachdichtung ist das nicht. Es sind Gedichte in moderner Tonart, verfertigt nach sicherlich sorgfältiger Lektüre Villons. Zech hat keinen Stein auf dem andern gelassen, sondern er hat ein neues Hüttchen gebaut. Ist es schön?

Mittelschön. Die Ungeheuern Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte, in allen Ehren: aber hier gibt es nur zwei Wege. Entweder man macht das wie Ammer und übersetzt so wörtlich wie nur möglich – oder aber man ist dem Villon kongenial und dichtet neu. Zech hat neu gedichtet … Herausgekommen ist statt eines genialen Landstreichers aus dem katholischen Mittelalter ein versoffener Burschenschafter protestantischer Provenienz. Beispiel:

›Ballade et oraison pour l’ame du bon feu Cotart‹ – darin fleht Villon den Noah, den Loth und was sonst noch gut und teuer ist, an, den in Gott seligen Herrn Cotart gut im Himmel aufzunehmen, der Mann habe doch immer so brav gesoffen. Villon:

Nobles seigneurs, ne souffrez empecher
L’ame du bon feu maistre Jehan Cotart.

Ammer:
Ihr edlen Herrn, erbarmt euch oben seiner,
des ach! so früh verstorbenen Jehan Cotart!

Das ist gut, weil darin noch der parodistische Orgelklang des Originals nachzittert; man sieht ordentlich, wie Villon den Hals einzieht, das Kinn herunterdrückt und einen Pfaffen macht. Zech:

Ach, nehmt ihn auf, in euerm Skatverein,
er war, weiß Gott, kein schwarzes Schwein.

Das ist ein Stilfehler. So spricht cand. med. Rietzke, Thuringiae – aber nicht Villon. Es ist ein Stilfehler, »la belle Heaulmière« mit »Klempnersfrau« zu übertragen. Jene war, wie Ammer schön sagt, eine »Helmschmiedgattin«, in welchem Wort das Romantische ohne Übertreibung gewahrt ist – ›Klempnersfrau‹ aber ist: Kellerstufen, kleiner Laden, Frau Piesecke, Großstadt-Proletariat. Nein, so geht das nicht.

(…) Was haben die Leute nur immer? Wenn sie auf Villon zu sprechen kommen, dann werden die mildesten Spießer wild. Sie entdecken plötzlich, frisch der Untergrundbahn entstiegen, dass sie eigentlich – hei! – ganz tolle Kerle seien, und die polizeilich gemeldetsten Schriftsteller toben sich da aus. Das rasselt nur so in der Vorrede. Kerle … Lumpanei … toll … Schubiaks … Weibsbild … es ist ein recht preußisches Satumalienfest, das da gefeiert wird. Ludwig Thoma hat einmal von Tacitus gesagt: »Er sah die Germanen wie eine berliner Schriftstellerin die Tiroler.« Und Villon mit Johannes R. Becher zu vergleichen, dazu gehört denn doch wohl ein nicht alltägliches Manko an Literaturgefühl. So bleibt nur die wunderschöne Eingangsstrophe haften*, ein altfranzösischer Vers, von dem man nicht genau weiß, ob er von Villon stammt oder nicht. Von wem er aber auch stammt: dieser Ton kann nie vergehn.

Une fois me dictes ouy,
en foy de noble et gentil femme;
je vous certifie, ma Dame,
Qu’oncques ne fuz tant resjouy.

Vueillez le donc dire selong,
que vous estes benigne et doulche,
car ce doulx mot n’est pas si long
qu’il vous face mal en la bouche.

Soyez seure, si j’en jouy,
que ma lealle et craintive ame
gardera trop mieulx que nul ame
vostre honneur. Ave-vous ouy?
une fois me dictes: ouy.

Solange ein Mann ein Mann bleibt – »Mach das Licht aus!« … Wirklich: ich kann noch nicht schlafen. Jetzt habe ich mich wieder wachgelesen. Aber gleich, gleich.

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*) Die Zech gar nicht übersetzt hat.

Auf Kaution frei

Die am Freitag in Teheran verhaftete Dichterin Hila Sedighi wurde gegen Kaution freigelassen, nachdem man sie darüber informierte, daß sie in Abwesenheit wegen ihrer kulturellen Aktivitäten verurteilt worden war, erklärte ein Verwandter am Sonntag gegenüber Reuters. Sie hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. Ihr Reisepaß war bei der Einreise beschlagnahmt worden.

Ihre Verhaftung ist Teil einer Serie von Verhaftungen von Künstlern, Journalisten und US-Bürgern im Zuge einer verschärften Verfolgung von „westlicher Infiltration“. Die iranischen Behörden befürchten, daß der Atomdeal vom vergangenen Juli die iranische Gesellschaft gegenüber „schädlichen“ westlichen Einflüssen öffnen könnte.

Hila Sedighi hatte 2009 den reformorientierten Präsidentschaftskandidaten Mirhossein Mousavi unterstützt, der eins ihrer Gedichte als Wahlkampfslogan benutzte. Nachdem der Hardliner Mahmoud Ahmadinejad zum Wahlsieger erklärt wurde, gab es Massenproteste. Sedighi trug bei solchen Demonstrationen ihre Gedichte vor.

Auf ihrer Facebookseite schrieb die Dichterin am Sonntag, daß sie wie eine Kriminelle in einem Käfig transportiert worden sei und eine Nacht im Gefängnis Shapour verbrachte, wo gefährliche Kriminelle untergebracht sind. Sie sei in eine kleine Zelle neben acht Häftlingen gesperrt worden, die sich sehr schamlos verhielten.

Ihre Facebookseite hat über 300.000 Anhänger.

/ Bericht von Bozorgmehr Sharafedin, Reuters

TS Eliot Prize an Debütband

Der TS Eliot-Preis geht an eine junge Dichterin. Zum erstenmal in seiner Geschichte geht der mit £20.000 dotierte Preis an einen Debütband. Aus einer als sehr stark bewerteten Shortlist, zu der u.a. Don Paterson, Claudia Rankine, Sean O’Brian und Les Murray gehörten, wählte die Jury die 32jährige Sarah Howe mit ihrem Band Loop of Jade aus. Die Juryvorsitzende Pascal Petit nannte das Experimentieren der Dichterin mit der Form erstaunlich. „Ich glaube, sie wird die britische Lyrik verändern. Sie erforscht die Situation von Frauen in China auf eine sehr belesene, dichte, reiche und bildhafte Weise.“ Je öfter man in dem Buch lese, umso mehr werde man darin finden, darin liege eine der Stärken des Buchs.

Howe hat einen englischen Vater und eine chinesische Mutter und kam in ihrer Jugend von Hongkong nach England. / Mark Brown, The Guardian 12.1., S. 15

Bert Papenfuß

Sind nicht alle seine Gedichte wilde Anschläge? Auf Rechtschreibung und Grammatik, auf die reinliche Scheidung von Hoch- und Gossensprache, von Sprechen und Schreiben, auf die von Takt und Zote? Bert Papenfuß-Gorek ist ein Mann des Kampfes. Nur dass es nicht ums Gewinnen geht, die Hoffnung bleibt am Ende dünn‚ die Kämpfe aber sind unausweichlich und ewig. Man könnte glauben, es ihm anzusehen. Sein Gesicht ist das eines Gezeichneten. So einer kommt nicht von oben, und nie wird er zu den Siegern der Geschichte gehören. Nicht Revolution, nur Revolte bleibt.

„Die Freiheit wird nicht kommen, / Freiheit wird sich rausgenommen. / Durch tätige Befreiung abgetrotzt,/ in die Fresse der Peiniger gerotzt.“ Und dieser Gedanke wird durch alle Reiche von Kultur und Natur ausgeführt: durch Kapitalismus („Diktatur der Bourgeoisie“), Sozialismus, Hordengesellschaft („Die Freiheit wird nicht kommen, / Freiheit wird sich rausgenommen. / Den Hammel in die Schlucht gestürzt, / dem Gestrüpp die Zweige gekürzt“); und er endet auch nicht unter der Erde („Die Freiheit wird nicht kommen, / Freiheit wird sich rausgenommen. l Stein waren wir doch alle schon mal, / durch Empörung werden wir Metall“). / Lorenz Jäger, FAZ

Geburtstag

Greifswald vergißt seine Töchter und Söhne nicht. Zwei Prominente begehen in diesem Jahr ziemlich runde Jubiläen. Die eine, Sibylla Schwarz, wurde am 14. Februar 1621 alten Stils in Greifswald geboren. Das ist am 24. Februar genau 395 Jahre her. Die 10 Tage Differenz erklären sich aus der verspäteten Übernahme des Gregorianischen Kalenders durch die protestantischen Länder – Schweden, an das ihre Heimat gefallen war, führte den papistischen Kalender erst lange nach ihrem Tod ein. Ihr Geburtshaus gammelt vor sich hin, vernachlässigt erst durch die Mangelwirtschaft der DDR, seit über 20 Jahren durch einen privaten Eigentümer – angestoßen durch einen lokalen Verein betreiben einige Politiker inzwischen die Enteignung des Rabenvaters. Ob sie gelingt, vielleicht bis zum 400. Geburtstag der Dichterin?

Dem andern, Jungschen, wird diese Geschichte gefallen. Er ist gar kein Sohn der Stadt, ein Zugezogner nur, ein Mensch und Dichter mit Greifswaldhintergrund, die Stadt spuckte ihn irgendwann aus, als er noch sehr jung war. Heute feiert Bert Papenfuß seinen 60. Geburtstag in Berlin, in „seiner“ neuen Rumbalotte. L&Poe gratuliert sehr herzlich und erzählt zwei Geschichten, von denen eine mit Sibylla Schwarz zu tun hat. Mit Rumbalotte haben beide zu tun.

In dem 2005 bei Urs Engeler erschienenen Band „Rumbalotte. Gedichte 1998 – 2002. Zeichnungen von Roland Lippok“ gibt es eine lange Liste von Referenzpersonen, Franz Jung ist natürlich darunter, Ernst Fuhrmann, Quirinus Kuhlmann – und Sibylla Schwarz auch. 2006 erschien bei Peter Engstler der Band „Rumbalotte continua. 3. Folge“. Darin findet sich ein Minidrama mit dem Titel „Ist Lieb ein Feur“. Das ist der Titel eines gluhtvoll-coolen Sonetts von Sibylla Schwarz. Handelnde Personen sind der Biosoph Ernst Fuhrmann (1886-1956), der ostfriesische Provinzdichter Hans Biermann (H. B., geboren 1868) und Sibylla Schwarz (S. S.). Später kommt ein sowjetischer Frontbericherstatter hinzu, später u.a. Helmut Höge und Willi Bredel.  Hier eine Szene, in der der Dichter seine pathetische Lyrik vorträgt, währenddessen Sibylla Schwarz wiederholt sowie ironisch unterbricht.

H. B:  Schicksal, hau zu!
             Ich lach zu deinen Streichen!
             Glaubst du, ich werde weichen?
       Schicksal, hau zu!
S. S.:  H.L.G.!*
H. B.: [...]  Du hast mich, soweit ich zu denken vermag,
                 Mit grausamer Wollust geschunden...
              So wurde ich hart und ward gewöhnt
                 Des kärglichen, rauhen Lebens,
              Nun bin ich's selber, der spottet und höhnt –
                 Du wetterst und schreckst vergebens!
S. S.:  HWG!**
H. B:  Schicksal, hau zu!
             Ich lach zu deinen Streichen!
             Glaubst du, ich werde weichen?
       Schicksal, hau zu!
S. S .:  HGW, wozu?***

Fuhrmann versucht, die dräuende Karre aus dem Dreck zu ziehen.

* von Sibylla Schwarz verwendetes Kürzel über einigen Texten für den Anruf „Hilf lieber Gott“

** in der DDR gebräuchliche Abkürzung für „Häufig wechselnder Geschlechtsverkehr“.

*** Postwendisches Autokennzeichen der Hansestadt Greifswald.

2007 erschien im Karin Kramer Verlag die Fortsetzung „Rumbalotte continua. 4. Folge.“ Darin eine Fußnote, die sich mit einem Dresdner Publizisten auseinandersetzt, der über eine Dresdner Lesung von Papenfuß räsoniert hatte, seine neuen Gedichte ließen „auch am Fernsehen kein gutes Haar“ und arbeiteten sich mit „verbissener Wut … am Leitmedium ab“. Und dabei sei der einst „bekannteste Dichter“ leider, leider in „kraftmeierischer Vulgär-Rhetorik, platten Pamphleten und Anarcho-Agitprop“ gelandet. Papenfuß: „Hose runter: Der Dresdner an sich neigt ja nicht zu grundstürzender Kritik, geschweige denn Opposition, aber etwas Arsch sollte man unter der Bügelfalte kultivieren.“ Wer das nun (mit Blick auf die manifeste Dresdner Dauer-Opposition namens Pegida) für überholt halten will, lese weiter. Jener Journalist wird nicht mit Pegida laufen, nehme ich an. Er schreibt ja für das, was jene „Lügenpresse“ nennen. Was ihn dennoch damit verbindet, ist die Fixierung auf „Leitmedien“, nur mit vielleicht umgekehrten Vorzeichen. Papenfuß: „Wer allerdings an ein ‚Leitmedium‘ glaubt, der sollte mal in den Spiegel schauen – und verglühen ‚Wie ein Stern in einer Sommernacht‘. ‚Es ekelt. Abschalten!‘ „

Ich mag Gedichte mit Fußnoten. Und gratuliere sehr herzlich. Auf die nächsten, erst mal 40! Sto lat, sto lat, na sdrowje!

NB Was Sibylla Schwarz mit Kuhlmann zu tun hat? Nachlesen! Bei Papenfuß und demnächst auch bei S.S.