Villon zertrümmert

Kurt Tucholsky über ›Die Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn François Villon in deutscher Nachdichtung von Paul Zech‹

Nun, eine Nachdichtung ist das nicht. Es sind Gedichte in moderner Tonart, verfertigt nach sicherlich sorgfältiger Lektüre Villons. Zech hat keinen Stein auf dem andern gelassen, sondern er hat ein neues Hüttchen gebaut. Ist es schön?

Mittelschön. Die Ungeheuern Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte, in allen Ehren: aber hier gibt es nur zwei Wege. Entweder man macht das wie Ammer und übersetzt so wörtlich wie nur möglich – oder aber man ist dem Villon kongenial und dichtet neu. Zech hat neu gedichtet … Herausgekommen ist statt eines genialen Landstreichers aus dem katholischen Mittelalter ein versoffener Burschenschafter protestantischer Provenienz. Beispiel:

›Ballade et oraison pour l’ame du bon feu Cotart‹ – darin fleht Villon den Noah, den Loth und was sonst noch gut und teuer ist, an, den in Gott seligen Herrn Cotart gut im Himmel aufzunehmen, der Mann habe doch immer so brav gesoffen. Villon:

Nobles seigneurs, ne souffrez empecher
L’ame du bon feu maistre Jehan Cotart.

Ammer:
Ihr edlen Herrn, erbarmt euch oben seiner,
des ach! so früh verstorbenen Jehan Cotart!

Das ist gut, weil darin noch der parodistische Orgelklang des Originals nachzittert; man sieht ordentlich, wie Villon den Hals einzieht, das Kinn herunterdrückt und einen Pfaffen macht. Zech:

Ach, nehmt ihn auf, in euerm Skatverein,
er war, weiß Gott, kein schwarzes Schwein.

Das ist ein Stilfehler. So spricht cand. med. Rietzke, Thuringiae – aber nicht Villon. Es ist ein Stilfehler, »la belle Heaulmière« mit »Klempnersfrau« zu übertragen. Jene war, wie Ammer schön sagt, eine »Helmschmiedgattin«, in welchem Wort das Romantische ohne Übertreibung gewahrt ist – ›Klempnersfrau‹ aber ist: Kellerstufen, kleiner Laden, Frau Piesecke, Großstadt-Proletariat. Nein, so geht das nicht.

(…) Was haben die Leute nur immer? Wenn sie auf Villon zu sprechen kommen, dann werden die mildesten Spießer wild. Sie entdecken plötzlich, frisch der Untergrundbahn entstiegen, dass sie eigentlich – hei! – ganz tolle Kerle seien, und die polizeilich gemeldetsten Schriftsteller toben sich da aus. Das rasselt nur so in der Vorrede. Kerle … Lumpanei … toll … Schubiaks … Weibsbild … es ist ein recht preußisches Satumalienfest, das da gefeiert wird. Ludwig Thoma hat einmal von Tacitus gesagt: »Er sah die Germanen wie eine berliner Schriftstellerin die Tiroler.« Und Villon mit Johannes R. Becher zu vergleichen, dazu gehört denn doch wohl ein nicht alltägliches Manko an Literaturgefühl. So bleibt nur die wunderschöne Eingangsstrophe haften*, ein altfranzösischer Vers, von dem man nicht genau weiß, ob er von Villon stammt oder nicht. Von wem er aber auch stammt: dieser Ton kann nie vergehn.

Une fois me dictes ouy,
en foy de noble et gentil femme;
je vous certifie, ma Dame,
Qu’oncques ne fuz tant resjouy.

Vueillez le donc dire selong,
que vous estes benigne et doulche,
car ce doulx mot n’est pas si long
qu’il vous face mal en la bouche.

Soyez seure, si j’en jouy,
que ma lealle et craintive ame
gardera trop mieulx que nul ame
vostre honneur. Ave-vous ouy?
une fois me dictes: ouy.

Solange ein Mann ein Mann bleibt – »Mach das Licht aus!« … Wirklich: ich kann noch nicht schlafen. Jetzt habe ich mich wieder wachgelesen. Aber gleich, gleich.

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*) Die Zech gar nicht übersetzt hat.

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