Geburtstag

Greifswald vergißt seine Töchter und Söhne nicht. Zwei Prominente begehen in diesem Jahr ziemlich runde Jubiläen. Die eine, Sibylla Schwarz, wurde am 14. Februar 1621 alten Stils in Greifswald geboren. Das ist am 24. Februar genau 395 Jahre her. Die 10 Tage Differenz erklären sich aus der verspäteten Übernahme des Gregorianischen Kalenders durch die protestantischen Länder – Schweden, an das ihre Heimat gefallen war, führte den papistischen Kalender erst lange nach ihrem Tod ein. Ihr Geburtshaus gammelt vor sich hin, vernachlässigt erst durch die Mangelwirtschaft der DDR, seit über 20 Jahren durch einen privaten Eigentümer – angestoßen durch einen lokalen Verein betreiben einige Politiker inzwischen die Enteignung des Rabenvaters. Ob sie gelingt, vielleicht bis zum 400. Geburtstag der Dichterin?

Dem andern, Jungschen, wird diese Geschichte gefallen. Er ist gar kein Sohn der Stadt, ein Zugezogner nur, ein Mensch und Dichter mit Greifswaldhintergrund, die Stadt spuckte ihn irgendwann aus, als er noch sehr jung war. Heute feiert Bert Papenfuß seinen 60. Geburtstag in Berlin, in „seiner“ neuen Rumbalotte. L&Poe gratuliert sehr herzlich und erzählt zwei Geschichten, von denen eine mit Sibylla Schwarz zu tun hat. Mit Rumbalotte haben beide zu tun.

In dem 2005 bei Urs Engeler erschienenen Band „Rumbalotte. Gedichte 1998 – 2002. Zeichnungen von Roland Lippok“ gibt es eine lange Liste von Referenzpersonen, Franz Jung ist natürlich darunter, Ernst Fuhrmann, Quirinus Kuhlmann – und Sibylla Schwarz auch. 2006 erschien bei Peter Engstler der Band „Rumbalotte continua. 3. Folge“. Darin findet sich ein Minidrama mit dem Titel „Ist Lieb ein Feur“. Das ist der Titel eines gluhtvoll-coolen Sonetts von Sibylla Schwarz. Handelnde Personen sind der Biosoph Ernst Fuhrmann (1886-1956), der ostfriesische Provinzdichter Hans Biermann (H. B., geboren 1868) und Sibylla Schwarz (S. S.). Später kommt ein sowjetischer Frontbericherstatter hinzu, später u.a. Helmut Höge und Willi Bredel.  Hier eine Szene, in der der Dichter seine pathetische Lyrik vorträgt, währenddessen Sibylla Schwarz wiederholt sowie ironisch unterbricht.

H. B:  Schicksal, hau zu!
             Ich lach zu deinen Streichen!
             Glaubst du, ich werde weichen?
       Schicksal, hau zu!
S. S.:  H.L.G.!*
H. B.: [...]  Du hast mich, soweit ich zu denken vermag,
                 Mit grausamer Wollust geschunden...
              So wurde ich hart und ward gewöhnt
                 Des kärglichen, rauhen Lebens,
              Nun bin ich's selber, der spottet und höhnt –
                 Du wetterst und schreckst vergebens!
S. S.:  HWG!**
H. B:  Schicksal, hau zu!
             Ich lach zu deinen Streichen!
             Glaubst du, ich werde weichen?
       Schicksal, hau zu!
S. S .:  HGW, wozu?***

Fuhrmann versucht, die dräuende Karre aus dem Dreck zu ziehen.

* von Sibylla Schwarz verwendetes Kürzel über einigen Texten für den Anruf „Hilf lieber Gott“

** in der DDR gebräuchliche Abkürzung für „Häufig wechselnder Geschlechtsverkehr“.

*** Postwendisches Autokennzeichen der Hansestadt Greifswald.

2007 erschien im Karin Kramer Verlag die Fortsetzung „Rumbalotte continua. 4. Folge.“ Darin eine Fußnote, die sich mit einem Dresdner Publizisten auseinandersetzt, der über eine Dresdner Lesung von Papenfuß räsoniert hatte, seine neuen Gedichte ließen „auch am Fernsehen kein gutes Haar“ und arbeiteten sich mit „verbissener Wut … am Leitmedium ab“. Und dabei sei der einst „bekannteste Dichter“ leider, leider in „kraftmeierischer Vulgär-Rhetorik, platten Pamphleten und Anarcho-Agitprop“ gelandet. Papenfuß: „Hose runter: Der Dresdner an sich neigt ja nicht zu grundstürzender Kritik, geschweige denn Opposition, aber etwas Arsch sollte man unter der Bügelfalte kultivieren.“ Wer das nun (mit Blick auf die manifeste Dresdner Dauer-Opposition namens Pegida) für überholt halten will, lese weiter. Jener Journalist wird nicht mit Pegida laufen, nehme ich an. Er schreibt ja für das, was jene „Lügenpresse“ nennen. Was ihn dennoch damit verbindet, ist die Fixierung auf „Leitmedien“, nur mit vielleicht umgekehrten Vorzeichen. Papenfuß: „Wer allerdings an ein ‚Leitmedium‘ glaubt, der sollte mal in den Spiegel schauen – und verglühen ‚Wie ein Stern in einer Sommernacht‘. ‚Es ekelt. Abschalten!‘ „

Ich mag Gedichte mit Fußnoten. Und gratuliere sehr herzlich. Auf die nächsten, erst mal 40! Sto lat, sto lat, na sdrowje!

NB Was Sibylla Schwarz mit Kuhlmann zu tun hat? Nachlesen! Bei Papenfuß und demnächst auch bei S.S.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: