Gegen das vorschnell identifizierende Denken

Michael Braun: Der Zusammenherstellungs-Zwang wird doch auch von Günter Eich verweigert, er zieht sich doch auf eine Negation zurück: Leute, „es reicht“.

Jürgen Nendza: Ja, das Gedicht endet mit einer abwinkenden Geste. Aber wir wissen, Günter Eich hat weitergeschrieben. Der ursprüngliche Wahrheitssucher Günter Eich, den finden wir hier poetisch nicht mehr wieder. Die Wahrheit ist suspekt geworden, sie ist nicht sprachlich, poetisch erreichbar. Doch der Dichter Günter Eich schreibt ja weiter. Dieses „und“ ist sehr ambivalent, das sehe ich auch. Eich bleibt sich durchaus treu, er ist konsequent auch in dieser Ambivalenz. Und das ist faszinierend. Es wird zum Schluss bei Günter Eich immer wichtiger, gegen die Sprachlenkung zu schreiben, gegen die Herrschaft, die Macht des vorschnell identifizierenden Denkens. Dadurch werden auf poetische Art und Weise Dementi erreicht. Es wird aber auch neu konstelliert, das heißt: Wir haben die Möglichkeit, Ordnungen neu zu überdenken, vielleicht auch sinnentleerte, entfernte Räume neu zu sehen, wahrzunehmen. Oder, wie er auch vorschlägt: zu meditieren, indem wir die Verstandesleistung der Interpretation, des Verstehens erst einmal suspendieren und einen Schritt zurückgehen, um die Sprache wirken lassen jenseits der für uns geltenden Sinnkontexte und Sinnvorstellungen. / Mehr

Digest 11.-12.6.

Richard Pietraß 70

Jan Wagner gratuliert:

Bei aller Sinnlichkeit, die Pietraß’ Gedichte zu geradezu greifbaren Erscheinungen macht, sie duften und klingen läßt, bei aller Lebenslust, die sich sogleich auf den Leser überträgt, läßt sich der Basso continuo der Melancholie und eines großen Ernstes kaum überhören, auch nicht in einem Gedicht wie „Die Gewichte“, das einem der in wechselnden Verlagen publizierten Auswahlbände des Pietraßschen Werkes den Titel gab: „Die Muttermilch und das Vatererbe. / Mein Hunger nach Leben und das Wissen zu sterben. / Der Gang zum Weib, der Hang zum Wort. / Der Keim der Reinheit und wie er langsam verdorrt. / Das Strohfeuer und der glimmende Docht. / Aufruhr, der auf Gesetze pocht. / Die heillose Fahne im bleiernen Rauch. / Galle, verschluckt im Schlemmerbauch. / Die Statuten des exemplarischen Falls. / Mein niemals vollgekriegter Hals. / Der säuernde Rahm, der flüchtige Ruhm. / Die Grube und die Gnade postum.“ / Tagesspiegel 11.6.

Vier Dimensionen

Über einen neuen Sammelband von Jacques Roubaud schreibt Françoise Siri, La Croix 9.6.:

Seine Ausbildung als Mathematiker stellt er ganz in den Dienst des poetischen Schaffens mittels gelehrter Formenanalyse. Deshalb lud ihn Raymond Queneau 1966 in die Gruppe Oulipo ein. Im Band findet man extrem unterschiedliche Formen (vom Kalligramm bis zur Sestine) und Interessenssphären. Diese Vielfalt entspringt seiner poetischen Konzeption:

„Ein Gedicht ist ein sprachliches Kunstwerk in vier Dimensionen: für die Seite (also das Auge), für das Ohr (das was wir hören), für die Stimme (das was wir sprechen) und für eine innere Vision.“

Je suis un crabe ponctuel Anthologie personnelle 1967-2014, Jacques Roubaud, Gallimard, 192 p., 6,20 euros.

Versschmuggel

Beim „Versschmmuggel“ arbeiten fremdsprachige mit deutschen Dichtern gemeinsam an ihren Texten und übersetzen sie gegenseitig. Ziel ist es, so nahe wie möglich an dem Originaltext zu bleiben, aber auch die Poesie in dem jeweils anderen Land bekannt zu machen. Etwa ein Jahr haben nun Lyriker aus Indien, Pakistan, Sri Lanka und Bangladesh mit Dichtern aus Deutschland zusammengearbeitet und ihre Texte in 20 verschiedene Sprachen übertragen. (…) Die Übersetzungsarbeit erfolgt dabei in zwei Schritten: Zunächst werden die Texte von einem Übersetzer Wort für Wort, also rein inhaltlich übertragen, damit zumindest ein Grundverständnis des Textes vorhanden ist. Erst danach beginnt die eigentliche Arbeit der Dichterpaare. Mit der Hilfe eines professionellen Dolmetschers besprechen sie ihre Texte und übertragen sie somit Element für Element in die jeweils eigene Muttersprache. Im Laufe der letzten 15 Jahre konnte somit Lyrik aus 20 Sprachen – unter anderem Chinesisch, Hebräisch und Koreanisch – relativ originalgetreu übersetzt werden.

(…) „Die südasiatischen Sprachen sind in der Hinsicht sehr besonders, da manche Sprachen hier in Deutschland vollkommen unbekannt sind und ohne unsere Vorgehensweise gar keine gute Übersetzung möglich wäre“, so Wohlfahrt, der auch das Poesiefestival Berlin leitet. So verfasst Mamta Sagar aus der indischen Stadt Bangalore ihre Werke beispielsweise in Kannada, einer Sprache, die vornehmlich in Südindien gesprochen wird. Ihre Texte wurden von der Deutsch-Ungarin Orsolya Kalász in die deutsche Sprache „geschmuggelt“, während Sagar Kalász’ Dichtung in Kannada aufgeschrieben hat. Beide Lyrikerinnen stellen ihre Arbeiten heute vor. Außerdem wird Sajjad Sharif aus Dhaka in Bangladesch gemeinsam mit Dichterpartner Hendrik Jackson bengalische sowie deutsche Werke präsentieren. Weder Sagars noch Sharifs Gedichte wurden vorher in die deutsche Sprache übertragen und sind somit im doppelten Sinne „unerhörte Texte“, wie Wohlfahrt sagt. / Sarah Kugler, Potsdamer Neueste Nachrichten

Mehr: Deutsche Welle

Bohumil Hrabals frühe Gedichte auf Deutsch und Tschechisch

„Man kann in dem Gedichtband auch Hrabals Entwicklung gut verfolgen. Begonnen hat er mit sehr schwärmerischen, hoch sensiblen Gedichten, im Geist des Poetismus verspielt, mit sehr schönen Bildern, die er mit seiner hohen Sensitivität sehr ausgeprägt wahrgenommen hat. Das sind zu Beginn teilweise sehr melodische, sehr schöne Gedichte. Dann kam die schwierige Zeit des Protektorats, des Zweiten Weltkriegs, und da hat sich schon die Zukunft danach abgezeichnet, und auch der geschichtliche Hintergrund klingt in den Gedichten an. Ganz am Ende hat Hrabal noch einen Zyklus reingekommen, der schon 1946 entstanden. Da ist schon der spätere Hrabal enthalten, der sich jetzt für das großstädtische Milieu, das Arbeitermilieu interessiert, der das Gefühl der sozialen Verantwortung entwickelt hat.“ /Martina Schneibergová, Radio Prag

Kulturgeschichte des russischen Duells

Die Dichter anderer Nationen brechen auf der Bühne zusammen (Molière), erliegen der Cholera (Adam Mickiewicz), werden zu stark zur Ader gelassen (George Byron), ersticken an Gegenständen, die sie verschluckt haben (Tennessee Williams), oder werden von herabfallenden Ästen erschlagen (Ödön von Horváth). In Russland kommen die beiden wichtigsten romantischen Lyriker in einem Duell um – Alexander Puschkin ist siebenunddreissig Jahre alt, als er stirbt, Michail Lermontow siebenundzwanzig. Die literarische Relevanz des Duells ist in Russland also offensichtlich.

Felix Philipp Ingold hat es in einem fulminanten Buch unternommen, die Kulturgeschichte des Zweikampfs im Zarenreich nachzuzeichnen. (…)

Am 22. November 1909 schossen Nikolai Gumiljow und Maximilian Woloschin aufeinander – nicht ohne Seitenblick auf ihren Nachruhm wählten die Streithähne einen Ort nördlich von St. Petersburg, wo auch Puschkin gestorben war. Anlass des glimpflich ablaufenden Schusswechsels war Cerubina de Gabriac, eine angebliche exotische Meisterdichterin, die sich allerdings als literarische Mystifikation entpuppte. Als besonders erregbar erwies sich der esoterisch beflügelte Andrei Bely, der seine Dichterkollegen Waleri Brjussow und Alexander Blok wegen ästhetischer Meinungsverschiedenheiten in Duellforderungen verwickelte. In beiden Fällen kam es jedoch nicht zum Waffengang, sondern zu einem literarischen Turnier.  / Ulrich M. Schmid, NZZ 14.6.

Reinhard-Priessnitz-Preis für Sandra Gugić

Die 1976 in Wien geborene und in Berlin und Wien lebende Autorin Sandra Gugic wird mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis 2016 ausgezeichnet. Der mit 4.000 Euro dotierte und vom Kulturministerium gestiftete Preis erinnert an den 1985 gestorbenen Wiener Autor Reinhard Priessnitz und wird seit 1994 vergeben. Im Vorjahr ging die Auszeichnung an Anna-Elisabeth Mayer. „Lebensfragmente und schlaglichtartige Aufnahmen vom Alltag ihrer Protagonisten verdichtet Sandra Gugic zu einem überzeugenden vielstimmigen und multiperspektivischen Kaleidoskop. Sie versteht es, ihre Sprache den jeweiligen Figuren anzuverwandeln, und schafft so das authentische Porträt einer Generation“, heißt es in der Begründung der beiden Juroren Robert Schindel und Gustav Ernst, die Gugic die Auszeichnung „für die konsequente und sprachlich avancierte Darstellung der großstädtischen Lebenswirklichkeit“ zuerkennen. / Der Standard

Warum schreiben Frauen eigentlich keine Gedichte?

Frauenmangel dagegen bei der Hotlist der unabhängigen Verlage, jedenfalls im Fach Lyrik. Von 16 eingereichten Titeln stammen gerade einmal 2 von Frauen: Debora Vogel: Die Geometrie des Verzichts (Arco) und Granaz Moussavi: Gesänge einer verbotenen Frau (Leipziger Literatur-Verlag).

Zur Hotlist

Else-Lasker-Schüler-Preise

Nach der Dichterin aus Elberfeld sind momentan zwei Literaturpreise benannt. Beide gehen in diesem Jahr an Frauen.

Der Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft geht in diesem Jahr an die Offenbacher Schriftstellerin Safiye Can.

Die Tochter von tscherkessischen Einwandern aus der Türkei hat bisher zwei Lyrikbände veröffentlicht: „Rose und Nachtigall“ sowie „Diese Haltestelle habe ich mir gemacht“. In der Begründung heißt es, Cans lyrische Bildsprache sei voller „Magie und Suggestionskraft aus dem Spannungsfeld orientalischer und okzidentaler Kultur“. Die Auszeichnung ist mit 3.000 Euro dotiert und wird am 11. November verliehen. / WDR

Der Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis, der vom Pfalztheater Kaiserslautern im Auftrag der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur vergeben wird und mit 10.000 Euro dotiert ist, geht – nach Götz, Schleef, Handke, Pollesch & Co. – in diesem Jahr an Sibylle Berg für ihr Gesamtwerk:

Bergs genaue Diagnosen eines verhinderten Lebens gingen meist ins Boshafte und Schrille über, doch begleite sie ihre Figuren immer auch mit Sympathie und stiller Sehnsucht, hieß es in der … Begründung der Jury. Die Preisverleihung findet am 27. November 2016 im Pfalztheater Kaiserslautern statt. / SWR

Bastardkinder von Bindestrichen und Ergänzungen

Vom 21. bis 26. Mai fand an verschiedenen Orten in der Westbank und in Israel das Palestine Festival of Literature statt. Mit dabei war Jehan Bseiso, eine junge palästinensische Dichterin. Nach zwei Anthologien und Online-Publikationen auf „Electronic Intifada“ und „The Palestine Chronicle“ arbeitet sie derzeit an einer Gedichtsammlung. Mit ihr sprach Ylenia Gostoli bei qantara.de.

Welchen Teil des Festivals fanden Sie am inspirierendsten?

Jehan Bseiso: Ich war an der Bethlehem University und las dort in einer Veranstaltung mit Remi Kanazi, Nathalie Handal und Basima Takrori ein paar meiner Gedichte vor einem Saal voller Studenten. Ich habe in Kairo und im Libanon gelesen, aber das war jetzt das erste Mal, dass ich meine Gedichte über Palästina in Palästina gelesen habe. Es war eine ganz besondere Erfahrung. Das Auditorium war brechend voll und man spürte eine starke Energie. Ich glaube, die Studenten konnten sich auf die Texte und meinen Umgang mit der Sprache gut einlassen; ich schreibe auf Englisch, verwende aber viele arabische Wörter. Ich glaube, diese Sprachmischung hat die Studenten fasziniert. Ich habe mehrere Texte gelesen, darunter „Brainstorming Nakba“, eines der ersten Gedichte, die von mir gedruckt wurden. Es geht darin um verschiedene Aspekte, die das Heranwachsen als Palästinenser außerhalb Palästinas mit sich bringt.

„Wir sind Bastardkinder von Bindestrichen und Ergänzungen und Sätzen, die beginnen mit ‚Ursprünglich stamme ich aus‘ …“, heißt es in einem der Gedichte, die Sie vorgetragen haben. Welche Rolle spielen die Schriftsteller und Künstler aus der Diaspora im Freiheitskampf der Palästinenser?

Bseiso: Über sechs Millionen Palästinenser leben in der Diaspora, und wir spielen eine wichtige Rolle, die immer mehr an Bedeutung gewinnt, indem wir uns für Veränderungen einsetzen, Ungerechtigkeit anprangern, und uns, auch wenn es schmerzt, aus der Ferne zu Wort melden – sei es im Bereich der Kunst, der Politik oder im Geschäftsleben. Die Entscheidung ist ganz einfach: Wir können die Diaspora entweder als eine Art Vergessen betrachten und uns fügen, oder sie über Grenzen und Kontinente hinweg in einen sinnvollen Akt des Widerstands verwandeln.

Bachmann 90

Heute vor 90 Jahren wurde Ingeborg Bachmann geboren. In der Tagespost schreibt Gudrun Trausmuth u.a. über die neue Gesamtausgabe:

Ja, Ingeborg Bachmann rührt an den Nerv unserer Zeit, so dass der Start der auf 30 Bände angelegten Gesamtausgabe ihres Werkes im November dieses Jahres nicht nur dem 90. Geburtstag der Dichterin geschuldet ist, sondern wie ein gültiges, zum Teil fast prophetisches Sprechen erscheint, das vielleicht erst heute seine Adressaten zu erreichen vermag. Die Sensation besteht nicht nur darin, dass die vom Salzburger Germanisten Hans Höller edierte Gesamtausgabe bis dato gesperrte Teile des Nachlasses publizieren wird, sondern dass sie als Zusammenarbeit der Verlage Piper und Suhrkamp geplant ist: Fast alle Bücher der 1926 geborenen Ingeborg Bachmann erschienen im Piper Verlag, mit dem sie aber 1967 brach. „Malina“, ihr großer Roman, erschien dann 1971 im Suhrkamp-Verlag.

Sowas ist ohnehin zeitlos, sprich aktuell / von heute:

„Es kommen härtere Tage./ Die auf Widerruf gestundete Zeit/ wird sichtbar am Horizont. Bald mußt du den Schuh schnüren/und die Hunde zurückjagen in die Marschöfe./ Denn die Eingeweide der Fische sind kalt geworden im Wind./ Ärmlich brennt das Licht der Lupinen./ Dein Blick spurt im Nebel: die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.“

Erinnerung an die tote Mutter

Echt les- und hörbar dagegen von Thomas Bernhard: „Erinnerung an die tote Mutter“ in der Frankfurter Anthologie (Kommentar von Jan Wilm)

Kriegs-Brecht

Ein unveröffentlichtes  Gedicht von Bertolt Brecht aus dem Kriegssommer 1918 im Spiegel #26 (nur für Abonnenten)

Brexit (Like a bad poem)

As I write, it’s approaching 6am and JK Rowling has tweeted that Cameron’s legacy will be the breaking of two unions. His unleashed genie has indeed given us our country back – torn in two like a bad poem. /  (schottische Lyrikerin und britische Poet Laureate), The Guardian

Gegen Populismus / Democracy without Populism

Worldwide Reading Appeal / Aufruf zur weltweiten Lesung

Dear Ladies and Gentlemen,

The ilb is organizing a Worldwide Reading against Populism on September 7th. I think after the Brexit this is more useful than ever. We would be grateful if you participated. In this case please write us at: worldwidereading@literaturfestival.com
Below you can find the appeal and a signatory list of authors, who have signed the appeal so far.

Democracy without Populism

The international literature festival Berlin (ilb) calls on all individuals, institutions and media outlets that care about democracy to participate in a worldwide reading of selected texts for Democracy and against Populism, on 7 September 2016.

Populism describes a political position that aligns itself with the prevailing emotions, prejudices and fears of a population, and uses these to define an agenda promising simple and quick solutions to all problems.

Some argue that populism is part of the inherent logic of politics, that it is present in some measure in all society, and can be a force for good. That may be, but history shows that populist feeling can quickly be manipulated by unscrupulous leaders, on the left and right wing, to ugly ends.

Now, in many countries across the globe, in long established and newer democracies, populist sentiment is being stoked and exploited by demagogues such as Donald Trump in the US, Marine Le Pen in France, Geert Wilders in The Netherlands, Recep Tayyip Erdoğan in Turkey, Nigel Farage in Britain, Viktor Orbán in Hungary, Jacob Zuma in South Africa, Frauke Petry in Germany, Vladimir Putin in Russia, Narendra Modi in India – to name but a few.

These rabble-rousers brazenly lie to the public, pledging fantasy policies, scapegoating minorities, trumpeting national superiority. Their inflammatory rhetoric distorts and devalues language, while their propaganda debases the public sphere as racist, sexist and nationalistic attitudes become mainstream. This firebrand approach threatens democracy, which depends on deep discussion not shallow sound bites.

Populism thrives on binaries: it’s always us against them.

Populism narrows the definition of “the people”, excluding immigrants, refugees, religious groups, indeed all minorities.

Populism despises pluralism – never admitting that the opposite of pluralism is totalitarianism.

With this worldwide reading, we express an urgent need for a better understanding of democracy, and for more critical yet humane political thinking, in our societies.

We call on every individual to be more skeptical about the easy answers and quick fix “solutions” of demagogues. We ask simply that you stop and think.

We call on the media, on journalists and editors, to refrain from sensationalist reporting and instead to frame the news in a more responsible way, not just uncritically disseminate the dangerous views and toxic speech of Populists.

We call on respectable political parties to resist the temptation to follow in the footsteps of demagogues and thus shift the entire political spectrum towards extremes. We ask for a truthful, more compassionate and creative approach to politics, and more direct engagement with citizens.

We call on governments to recognize the legitimate concerns of citizens who, discontented with
Globalization in its current neo-liberal form, long for an alternative. We ask for earnest commitment to dealing with the growing inequality that is the underlying cause of much unrest in today’s world.

In the near future all texts for the readings will be available in various languages on the website.

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War Shakespeare schwul (2)

Sollten die Leser also auf das wahre Vergnügen und die wahre und befreiende Verstörung verzichten, die darin liegen, anzunehmen daß Shakespeare schwul war? Ja und nein. Die Gedichte sind „für seine persönlichen Freunde“* gedruckte Gedichte. Wie wir gesehen haben, ermuntern sie ihre Leser, die Wahrnehmungsperspektiven zweier verschiedener Leserkreise einzunehmen: eines exclusiven Kreises Eingeweihter, die alle Anpielungen genau auflösen können (wie idealisiert und imaginär immer), und eine Leserschaft des gedruckten Buches, für die „William Shakespeare“ nur ein verführerischer Name auf einem Titelblatt ist.

Aus: William Shakespeare: The Complete Sonnets and Poems (The Oxford Shakespeare). Edited by Colin Burrow. Oxford: University Press, 2002 (Oxford World’s Classics)

*) Insofern der Erstausgabe von 1609 eine Widmung des Verlegers voransteht, mit der die Sonette „dem einziger Erzeuger … dieses Sonette, Master W. H.“ zugeschrieben werden, eine (unauflösbare) Anspielung, die den „eingeweihten“ Leser anspricht, welcher (skandalträchtige) private Umstände hinter diesen Gedichten kennt (zu kennen glaubt / sucht)

17.Nahbellpreis: UTOPIEN OHNE PSYCHOLOGIE

G&GN-INSTITUT D’DORF ELLER-SÜD / 2016 geht der 17.Nahbellpreis an einen heute weitgehend unbekannten Aussenseiter der Lyrikszene: Der Dichter Dr. phil. Wolfgang Streicher wurde am 23.1.1936 in Stuttgart geboren und war in seinem Wohnort Esslingen ab 1967 Diplom-Bibliothekar an der Pädagogischen Hochschule und später bis zu seiner Pensionierung an der Fachhochschule für Sozialwesen. Er studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie an der Universität Tübingen und promovierte 1965 bei Professor Richard Brinkmann mit der Arbeit „Die Dramatische Einheit von Goethes ‚Faust‘: Betrachtet unter den Kategorien Substantialitat und Funktionalitat (Studien zur Deutschen Literatur)“, die 1967 im Max Niemeyer Verlag erschien und durch den Kritiker Hans Mayer im Literaturblatt der FAZ ihre Würdigung fand. Streicher schreibt seit 1974 Lyrik und Kurzprosa und ist Mitglied der IG Medien. Seine dichterischen Motive sind stark gekoppelt an seine eigene Psychosomatik, die Gedichte setzen aber kein spezielles Wissen zu ihrer Erschließung voraus: jedes Gedicht erschließt sich in seiner Durchführung. Insgesamt veröffentlichte er 24 Bücher (inklusive der Dissertation), darunter 14 mit Prosa und 9 Gedichtbände in verschiedenen Verlagen, von denen derzeit nur noch 4 (im österreichischen Wolfgang Hager Verlag) erhältlich sind. In seinem Debutband „Ohne Psychologie“ (Scherpe Verlag, Krefeld) sind bereits 1974 zahlreiche Hauptmotive angelegt, die sich bis heute wie ein Leitfaden durch sein gesamtes Werk ziehen – geradezu programmatisch wirkt schon der damalige Text „Das Gedicht ist schmal geworden“, mit dem der Debutband endet:

Das Gedicht ist schmal geworden.
Sein Leib ein Leib,
der nirgends unterkommt;
seine Seele eine Seele,
die an alle verteilt ist.
Der Leib widersetzt sich nicht,
wenn sie das Messer in ihn treiben;
die Seele nicht,
wenn nur wenige Sätze für sie übrigbleiben.
Das Gedicht ist schmal geworden.
Sein Leib ein Leib,
den alle schwächen,
und von dem alle erwarten,
daß er stark bleibt.
Auf diesem Paradox beginnt es zu tanzen.
Von Assoziation zu Assoziation
setzt es sich aus
der Gewalttat der Dinge,
an die es stößt,
nimmt unerotisch
sie in sich hinein,
während es linkisch
die Seele angeht,
durchsichtig im Protest
und aufzehrend den Leib
im reinen Programm.
Aber zuweilen gedenkt es des Prunkes,
mit dem die Frau
in die Unterwelt stieg,
gedenkt es der Mythe
Eurydike,
in ihrem Namen zusammenziehend
noch einmal die ersten
tausend Sätze über die Seele,
gedenkt es im reinen
Reim des Geschlechts
und der tausend Entsprechungen,
die aus ihm kommen;
aber da ist der neue Schnitt,
und vor Schmerz streift es
das Erotische ab,
und übrig bleibt
das Schnittbewußtsein,
zuweilen mit Pausen,
nur du, nur du.

Das G&GN-Institut präsentiert weitere 7 ausgewählte Gedichte aus dem aktuellen Band „Utopie und Musik“ von 2013 auf der Nahbell-Hompepage sowie bei Twitter und Facebook:
www.LYRIKSZENE.de & www.POESIEPREIS.de
https/twitter.com/poesiepreis
www.facebook.com/POESIEPREIS

Liste aller 9 Gedichtbände:
– Ohne Psychologie, Gedichte, Scherpe 1974
– Chromatik: Lyrische Übungen, Bläschke 1978
– Rondo, Gedichte, Lehmann 1979
– Modulationen, Gedichte, Lehmann 1981
– Privates Pfingsten, Lyrik, Otto 1997 (Hager 2012)
– Transparenz, Lyrik, Otto 1999
– Gang und Schlaf, Lyrik, Otto, Offenbach 2000
– Nerventheater, Gedichte, Hager 2008
– Utopie und Musik, Lyrik, Hager 2013

Liste aller 14 Prosawerke:
– Konstruktion, Prosa, Bläschke 1982
– Gang durch den Nebel, Monolog, R.G. Fischer 1986
– Die unendliche Kadenz, Kurzprosa, Lehmann 1988
– Beifall, Kurzprosa, Hager 2003
– Kulissen, Kurzprosa, Hager 2004
– Land ohne Spiegel, Kurzprosa, Hager 2005
– Der Schrei, Erzählungen, Hager 2006 (Otto 2001)
– Ich bin, der ich bin, der ich bin, der ich bin, Monologe und Dialoge, Hager 2007
– Der Rahmen, Erzählungen, Hager 2007 (Otto 2002)
– Unsere Delegierten sind schön, Hager 2009
– Das letzte Publikum, Erzählungen, Hager 2010
– Der Choral, Erzählungen, Hager 2011
– Narzissmus für alle?, Prosa, Hager 2013
– Der kleine Dämon des Dazwischenredens und andere Geschichten, Hager 2014

Autorenseite auf amazon:
www.amazon.de/Wolfgang-Streicher/e/B00JIPOFEU

Da die meisten seiner Bücher derzeit gar nicht (oder nur antiquarisch überteuert) erhältlich sind, empfiehlt es sich, direkt beim Verlag anzufragen, welche Werke lieferbar sind:
http://www.wolfgang-hager-verlag.at (Email: wolfgang.hager[ätt]aon.at)

Ich bin ein Gedicht

Eine außergewöhnliche Ausstellung zur Visuellen und experimentellen Poesie zeigt das Museum für Westfälische Literatur in Oelde-Stromberg vom 31. Juli bis zum 3. Oktober 2016. Mit Reinhard Döhl, Timm Ulrichs und S.J. Schmidt werden drei der renommiertesten westfälischen Künstler-Autoren mit unterschiedlichen Werken auf dem Kulturgut Haus Nottbeck zu sehen sein – und zwar nicht nur in den Ausstellungsräumen des Literaturmuseums, sondern zudem als „Kunstparcours“ auf großflächigen Quadern im Außenraum. Zur Eröffnung am Sonntag, dem 31. Juli, um 17 Uhr, stellt der Mitinitiator des legendären „Bielefelder Colloquiums Neue Poesie“ S.J. Schmidt einige seiner Arbeiten persönlich vor.

In der Literatur- und Kunstwelt hat das Interesse an Visueller und Konkreter Poesie in jüngster Zeit eine Renaissance erfahren. Inzwischen ist sogar vom „neuen Konkreten“ im 21. Jahrhundert die Rede. Doch bereits in den 1960er Jahren gab es zahlreiche Künstler und Schriftsteller auch aus Westfalen, die mit Verbindungen von Sprache und Bild experimentierten und poetische Bildwerke geschaffen haben, die noch immer bemerkenswert aktuell sind.

Ausstellungsparcour_Visuelle Poesie_Entwurf Robert Ward_Aktualisierung (2)
Ausstellungsparcours Text-Bild-Quader, Grafikentwurf Robert Ward, © AWard Associates

„ich bin ein gedicht“, so erklärte sich der Künstler Timm Ulrichs 1968 in einem Manifest zu einem lebenden Kunstwerk. Was sonst noch alles ein Gedicht sein kann, wird nun in der gleichnamigen Ausstellung sichtbar. Die Bandbreite reicht von bildhaft gestalteten Texten auf Papier über die Umsetzung von Sprache ins dreidimensionale Objekt bis hin zu bewegten Textbildern am Computerbildschirm. Im Werk von drei Klassikern der Visuellen und experimentellen Poesie, Reinhard Döhl (1934-2004), Timm Ulrichs (geb. 1940) und S.J. Schmidt (geb. 1940), wird das Spektrum der künstlerischen Auseinandersetzung mit Sprache deutlich. Ihre Sprachreflexionen, Konstruktionen oder Transformationen präsentieren sich mal humorvoll-verspielt, mal analytisch-nüchtern den Besuchern. Doch ihre Werke behaupten bei aller Unterschiedlichkeit genau das, was Timm Ulrichs für sich selbst proklamiert hat: Ich bin ein Gedicht – mag dieses Gedicht auch aus Text auf Papier, einem Betonblock oder gar einem Menschen bestehen.

Timm Ulrichs_Schriftstück (c) T. Ulrichs, VG Bild-Kunst
Timm Ulrichs: Schriftstück © Timm Ulrichs, VG Bild-Kunst

Den Besuchern der Ausstellung bieten sich sowohl im Innenraum des Literaturmuseums als auch auf einem Kunstparcours im Außenraum des Kulturguts ebenso spannende wie anschauliche Beispiele einer Kunstform, die Sprache auf spielerische, tiefgründige, zum Teil partizipative und nicht zuletzt humorvolle Weise behandelt.

Kuratiert wird die Ausstellung von der Literaturwissenschaftlerin Sonja-Anna Lesniak, die gestalterische Umsetzung erfolgt durch den Ausstellungsdesigner Robert Ward. Die Ausstellung ist ein Projekt der LWL-Literaturkommission für Westfalen und des Museums für Westfälische Literatur. Gefördert von der Kunststiftung NRW, der Sparkasse Münsterland Ost und dem Verein der Freunde und Förderer des Hauses Nottbeck.

Zur Eröffnung am Sonntag, dem 31. Juli 2016, um 17 Uhr, stellt der Autor, Künstler und Wissenschaftler S.J. Schmidt einige seiner Arbeiten persönlich vor.

 

Im Rahmenprogramm zur Ausstellung eröffnet ein „Experimentierfeld Visuelle Poesie“ im Gartenhaus des Kulturguts einen eigenen interaktiven Zugang zum Thema. Unter dem Motto „Du bist ein Gedicht“ werden Phänomene Visueller Poesie in alltäglichen Zusammenhängen zur Anschauung gebracht. Das Experimentierfeld ist ein Seminarprojekt mit Studierenden der Universität Bielefeld unter der Leitung von Dirk Bogdanski. Es bietet Raum für eigene Anwendungen, Veränderungen und Erweiterungen durch die Besucher.

 

Ausstellungsinformation

 

SO 31.07. – MO 03.10.2016

Ausstellung

Ich bin ein Gedicht. Visuelle Poesie und andere Experimente

von Reinhard Döhl, Timm Ulrichs & S.J. Schmidt

Eröffnung und Lesung mit S.J. Schmidt am Sonntag, dem 31.07.2016, um 17 Uhr

 

Weitere Informationen unter Tel.: 0 25 29 / 94 55 90 und http://www.kulturgut-nottbeck.de

 

Künstler der Ausstellung

 

Reinhard Döhl (*1934, †2004) war gebürtiger Wattenscheider und als Germanistikprofessor, Autor und Künstler u.a. in Stuttgart, Japan und Paris tätig. Er beschäftigte sich schon früh mit Konkreter Poesie, Mailart und Internetkunst. 1965 schuf Döhl mit seinem „apfel“-Gedicht eins der bekanntesten Beispiele der Visuellen Poesie. Bereits in den 1990er Jahren widmete er sich der Verbindung von Literatur und Internet.

Reinhard Döhl_apfel wurm, 1965 (c) Barbara Döhl
Reinhard Döhl: apfel wurm, 1965 © Barbara Döhl

Timm Ulrichs (*1940) war jahrzehntelang Professor an der Kunstakademie Münster. Als „Totalkünstler“ war und ist er auf zahlreichen Gebieten wie Konzept- oder Aktionskunst aktiv. Ab den 1960er Jahren experimentierte er mit Visueller Poesie und den Bedeutungen von Wörtern. 1968 erklärte er sich in einem „egozentrischmonomanischen“ Manifest zu einem lebenden Gedicht. Mit einer Serie von Buch-Objekten nahm Ulrichs 1977 an der Documenta 6 teil.

 

S.J. Schmidt (*1940) lebt eine Doppelexistenz als Künstler-Wissenschaftler. Ende der 1970er Jahre war er Mitinitiator des bedeutsamen „Bielefelder Colloquiums Neue Poesie“, das jährlich Dichter und Künstler zu Lesungen und Diskussionen einlud. Als Kommunikations- und Literaturwissenschaftler lehrte und forschte Schmidt in Bielefeld, Siegen und Münster. Seine künstlerischen Arbeiten sind ein Zusammenspiel von wissenschaftlichen und poetischen Reflexionen von Sprache und Schrift.

 

 

S.J. Schmidt_Die Kopie ist das Original... (c) S.J.Schmidt
S.J. Schmidt: „Die Kopie ist das Original der Wirklichkeit der Kopie“ © S.J. Schmidt

 

Museum für Westfälische Literatur – Kulturgut Haus Nottbeck

Landrat-Predeick-Allee 1

59302 Oelde-Stromberg

 

Öffnungszeiten:

Dienstag – Freitag: 14.00 – 18.00 Uhr

Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 11.00 – 18.00 Uhr

 

Kultur-Café: Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 14.00 – 18.00 Uhr