Leseecke 4+

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonett 4 kommentierte Fassung
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

Àxel Sanjosé hat dankenswerterweise mitgelesen und zu Sonett 4 eine Übersetzung angefertigt, die anstrebt, „die semantische dimension ein wenig mehr zu ihrem recht kommen zu lassen und dafür die formalmetrische etwas freier (…) handhabt.“ Er schreibt zu seiner Übersetzung:

wichtig war mir, dass die beiden kongruierenden hauptisotopien zum zuge kommen:

die des kaufmännisch-buchhalterischen mit besonderem fokus auf der treuhänderischen verwaltung: vnthrifty, spend, legacy, bequest, giue (3x) lend (2x), franck, free, nigard, abuse, bountious, largesse, profitles, vserer, summe (2x), traffike, deceaue, Audit, executor

die des gegensatzes von großzügigkeit und geiz, die mit der vorherigen verbunden ist, wobei ein kleines sprachlogisches paradoxon auftaucht: der verschwender (unthrifty) ist zugleich ein geizhals (nigard), was referentiell gesehen kein widerspruch ist, semantisch aber sehr wohl.

die mitschwingende sexuelle lesart bleibt durch »wendest dir selber zu« und »mit dir selber nur verkehr hast« für mein gefühl ausreichend erhalten, auch im original ist sie ja, wenn ich es richtig sehe, eine augenzwinkernde doppeldeutigkeit, die durch die narzisstische grundierung des schönheitsthemas verstärkt wird.

auf der anderen seite habe ich versucht, dem merkmal der gebundenheit rechnung zu tragen. nur eben dass ich mich nicht sklavisch an das ur-schema halte, sondern dieses »freier« übertrage (so, wie sonst die sememe zugunsten des reims »freier« gehandhabt werden). in unserem fall habe ich folgende lösung gefunden: für die fünfhebigen jamben im kreuzreim der drei quartette habe ich eine alternanz von fünf- und sechshebigen jamben mit durchgehender weiblicher kadenz gewählt. das abschließende, für das englische sonett so charakteristische couplet bekommt zwei sechshebige zeilen mit männlicher kadenz, wodurch der paarreim-effekt angedeutet wird. ausgiebig habe ich von tonbeugung bzw. der lizenz zur schwebenden betonung gebrauch gemacht, zum teil, weil es nicht anders ging, immer aber ganz bewusst um das mechanische klappern zu vermeiden.

ansonsten habe ich versucht, möglichst »normale« sprache zu verwenden (sowie mit Vergeuder, schenken leihen, zuwenden, anvertrauen, Vermächtnis, Nachlass, Geizhals, ordentlich, abbeordern, Rechnungsprüfung, Testamentvollstrecker u.ä. etwas nähe zum buchhalterisch-bürokratischen zu schaffen) und mich ansonsten von der dezimononischen diktion mit ihren apostrophheischenden apo- und synkopierungen zu entfernen.

am ende zwei anmerkungen:

1:

man kann es durchaus auch wie sabine scho mit #10 machen (s. http://signaturen-magazin.de/william-shakespeare–sonett-10.html). es ist eine frage des rahmens/diskurses, auf den man sich bezieht. als spitze gegen die immer wieder in ehrfurcht erstarrende (und dadurch hierarchiefördernde) tradition signalisiert sie eine haltung. als konkretes vermittlungsangebot für den leser, der sich (u.u. erstmalig) den sonetten nähert, bleibt die fassung m.u. zu willkürlich. und: shakespeare würde wahrscheinlich rappen.

2:

dies war auch ein selbstversuch. unter meinen spezifischen produktionsumständen knapp eine woche bei hintanstellung aller möglichen anderen dinge, die sich über meine unthriftienes beklagen werden.

IV
 VNthrifty louelinesse why dost thou spend,
 Vpon thy selfe thy beauties legacy?
 Natures bequest giues nothing but doth lend,
 And being franck she lends to those are free:
 Then beautious nigard why doost thou abuse,
 The bountious largesse giuen thee to giue?
 Profitles vserer why doost thou vse
 So great a summe of summes yet can’st not liue?
 For hauing traffike with thy selfe alone,
 Thou of thy selfe thy sweet selfe dost deceaue,
 Then how when nature calls thee to be gone,
 What acceptable Audit can’st thou leaue?
      Thy vnus’d beauty must be tomb’d with thee,
      Which vsed liues th’executor to be.
Was bist du, Liebreiz, fürn Vergeuder: wendest
dir selber zu all das Vermächtnis deiner Schönheit!
Als Nachlass schenkt Natur nichts, sondern leiht bloß,
großherzig leiht sie denen, die großzügig handeln.
Wenns so ist, schöner Geizhals, was missbrauchst du
die reiche Fülle, anvertraut zum Weitergeben?
Du Wucherer ohne Profit, was brauchst du
Unsummen auf und kannst davon ja doch nicht leben?
Indem du mit dir selber nur Verkehr hast,
betrügst dein Selbst du um dein eignes Selbst, dein schönes;
wie willst du, wenn Natur dich abbeordert,
die Rechnungsprüfung halbwegs ordentlich bestehen?
    Die ungebrauchte Schönheit geht mit dir ins Grab,
    gebraucht lebt sie als Testamentsvollstrecker fort.

Alternativ:

Veruntreuender Liebreiz, warum wendest
du selbst dir zu all das Vermächtnis ...

<»veruntreuen« gefällt mir ob der verbindung zur kaufmännischen welt gut, es geht aber dann der »sparsam/unsparsam//geizig/freigiebig«-komplex verloren>

One Comment on “Leseecke 4+

  1. Pingback: L&Poe ’17-04 « Lyrikzeitung & Poetry News

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