Lernjahre

Helga M. Novak

(* 8. September 1935 in Berlin-Köpenick; † 24. Dezember 2013 in Rüdersdorf bei Berlin)

LERNJAHRE SIND KEINE HERRNJAHRE

mein Vaterland hat mich gelehrt:
achtjährig
eine Panzerfaust zu handhaben
zehnjährig
alle Gewehrpatronen bei Namen zu nennen
fünfzehnjährig
im Stechschritt durch knietiefen Schnee
zu marschieren
siebzehnjährig
in eiskalter Mitternacht Ehrenwache
zu Stalins Tod zu stehen
zwanzigjährig
mit der Maschinenpistole gut zu treffen
dreiundzwanzigjährig
meine Mitmenschen zu denunzieren
sechsundzwanzigjährig
das Lied vom guten und schlechten
Deutschen zu singen

wer hat mich gelehrt
Nein zu sagen
und ein schlechter Deutscher zu sein?

Aus: Helga M. Novak: Grünheide Grünheide. Gedichte 1955-1980. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1983, S. 32

Regenlein

Catharina Regina von Greiffenberg

(* 7. September 1633 auf Schloss Seisenegg in Viehdorf bei Amstetten in Niederösterreich; † 10. April 1694 in Nürnberg)

Uber ein Lustbringendes Regenlein

Der Regen schadet nichts / als daß er uns die Lust
nur tausendmal verschönt / und angenemer machet.
Die Sonn / nach hartem Strauß / mit klaren Strahlen lachet.
der Himmel seuget nur die Erd mit seiner Brust.
  Er ist der Nectar Tranck / der Lust-erweckend Must.
Er schläfft die Sonne ein / daß sie nur frischer wachet.
Der kurz-verdeckte Schein / mehr Gier und Zier ursachet;
Entziehung / wünschen mehrt; wie jederman bewust.
  Er ist des Himmelsgeist / der sich hell distilliret:
der Balsam / der die Welt mit Blumen Ruh erfüllt /
wann Gott der Wolken Glaß zerbricht / mit Freuden quillt;
  Als Himmlische Tinctur / mit Gold die Erden zieret.
Es ist der Segensafft / aus Gottes Mund herfliesset:
des Wollust-Nutzbarkeit / das ganze Land geniesset!

Quelle:
Catharina Regina von Greiffenberg: Geistliche Sonnette, Nürnberg 1662, S. 236.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20004880137

Ein Nachtlied

Die Nacht vom 6. auf den 7. September 1780 verbrachte Goethe in einem Häuschen auf dem Kickelhahn genannten Berg bei Ilmenau. Dort schrieb er das Gedicht mit dem berühmten Anfang „Über allen Gipfeln ist Ruh“ mit Bleistift auf die Holzwand. Er kam öfter wieder, 1813 erneuerte er die Handschrift und signierte: „Ren(ovatum) 29. August 1813.“ Zuletzt besuchte er das Haus am 27. August 1831. Das „Goethehäuschen“ genannte Haus wurde ein Wallfahrtsort der Literaturfreunde. Drunter auch der ein und andre Frevler, der etwas dazuschrieb – einer wollte gar das Stück heraussägen, wurde aber überrascht und mit Faustschlägen davon abgebracht. Am 12. August 1870 benutzten Beerensammler das offene Haus, um die regennassen Kleider zu trocknen. Weil sie die Glut nicht löschten, brannte das Haus ab. Immerhin war die Inschrift fotografisch gesichert worden.

Das Gedicht des Tages heute in der Bretterwandfassung, so gut sie sich entziffern lässt:

Über allen Gipfeln
ist Ruh.
In allen Wipfeln
Spürest du
kaum einen Hauch!
Die Vögel schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Gemeinfrei, Quelle: Wikipedia

Goethe druckte das Gedicht zuerst in einer Werkausgabe 1815 mit wenigen Abweichungen: Großschreibung der Zeilenanfänge, Normalisierung der Zeichensetzung und als einzige Abweichung im Wortlaut: Vögelein statt Vögel. In Abschriften des Gedichts von Herder und L. v. Göchhausen steht statt Gipfeln: Gefilden. In dieser Form ist das Gedicht ohne Goethes Zustimmung bereits 1803 von Kotzebue veröffentlicht worden, anscheinend nach einem früheren Raubdruck von 1800. Im Februar 1801 erschien es in der britischen Zeitschrift „The Monthly Magazine“, ebenfalls in leicht abweichender Form:

Ich schließe mit einer englischen Fassung von Henry Wadsworth Longfellow:

O’er all the hilltops
Is quiet now,
In all the treetops
Hearest thou
Hardly a breath;
The birds are asleep in the trees:
Wait, soon like these
Thou too shalt rest.

Was kein Des-car-tes nicht ergründt

Christian Wernicke

(* im Januar 1661 in Elbing; † 5. September 1725 in Kopenhagen)

Auf die wunderbahre Wirckungen des Gemüths und des Glücks

DAß ich heut Freuden-voll / bedachtsam und gescheut
Und morgen saur / zerstört / und voller Traurigkeit /
Und diß wie das ohn‘ Ursach bin ;
Daß ich heut gantz gewiß gewinn /
Und morgen gantz gewiß verlier ;
Daß dieser Wechsel hält Gesetzte Maaß und Ziel /
Doch offtmahls früh- bald später sich einfindt /
Ist das was kein Descartes nicht ergründt :
Ich steh zwar offtmahls auff der Wach /
Und suche nach dem unerforschten Gut /
Ich grüble den unkennbarn Zeiten nach /
Umsonst ! Es ist des Glücks / des Hauptes Ebb und Fluth.

Aus: Das Zeitalter des Barock. Texte und Zeugnisse. Hrsg. Albrecht Schöne. München: C.H. Beck, 1963, S. 686

Autoren sind auch blind

Constantijn Huygens

(* 4. September 1596 in Den Haag; † 28. März 1687 ebenda)

Aus: Euphrasia Augentrost

Nur eine Sorte noch: Autoren sind auch Blinde,
besonders die von dir geliebten Dichterfreunde.
Die sind so dicht wie blind; sie sehen nur den Reim
und gehen in der Kunst den Wörtern auf den Leim,
der doch bloß kleben kann, als machten Leim und Schere
statt Hobel, Meißel, Maß dem Schreiner höchste Ehre.
Denn blindlings rühren sie die schwersten Sachen an
und hoffen dass der Reim der Rede folgen kann.
Doch wenn der Reim stagniert, wie sie den Kurs verlegen!
Und fahren kreuz und quer auf wunderlichen Wegen
und driften hin und her und rückwärts her und hin,
so dass die tolle Fahrt am Ende ohne Sinn
gänzlich im Leim erstickt: der Lotse hat geschlafen
und schleppt, selbst mitgeschleppt, dich in den falschen Hafen.
Wie schwankt ihr Reiseziel: sie steuern anfangs an
auf Japan, doch die Fahrt endet in Astrachan.
Das sind mir Käptens, das sind weitblickende Leute!
Bin ich davon nicht selbst das beste Beispiel heute?
(Zeit ist’s, dir zu gestehn, wie blind ich selber bin;
das kam dir, wie ich seh‘, schon früher in den Sinn!):
bedenk‘ nur, wo ich einst den Eislauf angefangen
und wie ich abgeirrt, es ist dir nicht entgangen,
mir gab der liebe Reim den Leim für mein Gedicht
und meine Rede stockt, sobald er mir gebricht.
Bin ja so herzlich blind wie meine Blindgesellen,
ja ich versteige mich sogar mir vorzustellen,
du seist entzückt von dem, was meine Verskunst spinnt.
Was sagst du? Bin ich nun wohl eher blöd als blind?
Das ist Poeten-Art, denn die zu dichten pflegen
sehen kein schöneres Ei als was sie selber legen.
Verprügeln kannst du ihn, doch sagt er unentwegt,
dass kein Poet so schön wie er die Laute schlägt.

Aus: Constantijn Huygens: Euphrasia Augentrost. Übersetzt und herausgegeben von Ard Posthuma. Leipzig: Reinecke & Voß, 2016, 913-944

Unverständliche Richtung

Ernst Meister

(* 3. September 1911 in Haspe, heute Stadtteil von Hagen; † 15. Juni 1979 in Hagen)

VOGELWOLKE

Ein Abend,
starrend von Staren . . .
und wärs auch
Wortspiel, es schafft sich
Wahrheit,
so schwarzes Gezwitscher,
ein unerhörtes
im Labyrinth.

Das muß
der Herbst sein. Er
runzelt die Braue:
die Vogelwolke
steigt auf aus
besudelten Wipfeln

und nimmt nach
Norden
unverständliche Richtung.

Aus: Ernst Meister, Ausgewählte Gedichte 1932-1979. Frankfurt/Main: Luchterhand, 1989 (3. Aufl., erw. Neuaufl.), S. 51

„Ausbürgerung gewaltsame Scheidung“

Else Lasker-Schüler

(* 11. Februar 1869 in Elberfeld; † 22. Januar 1945 in Jerusalem)

O wie mir die Scheidung nahe ging,
Von Berlin – viel näher wie ich wusste.
Denn ich liebte schon Berlin,
Unter Wilhelm und Auguste,
Rex und seiner Kaiserin.

O wie mir das nahe ging,
Ich verlor mein bischen Puste,
Da ich auf das ganze ging,
Mich verrannte in Berlin!
Und entfliehen musste.
Im Wehzug spät in der Nacht!

Aus einem Typoskript: „Tagebuchzeilen aus Zürich“, in: Else Lasker-Schüler: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Ollers. Frankfurt/Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1996, S. 337 (Kritische Ausgabe Bd. 1.1).

Else Lasker-Schüler war am 19. April 1933 „im Wehzug“ aus Berlin geflohen. In einem anderen Fragment schreibt sie: „Die Scheidung meiner Ehe mir begreiflicher, als meine Ausbürgerung gewaltsame Scheidung.“ (ebd. 337).

Todtengräberlied

Ludwig Christoph Heinrich Hölty

(* 21. Dezember 1748 in Mariensee; † 1. September 1776 in Hannover)

Todtengräberlied

Grabe, Spaden, grabe,
Alles was ich habe
Dank ich, Spaden, dir!
Reich‘ und arme Leute
Werden meine Beute,
Kommen einst zu mir!

Weiland groß und edel,
Nickte dieser Schedel
Keinem Gruße Dank!
Dieses Beingerippe,
Ohne Wang‘ und Lippe,
Hatte Gold und Rang!

Jener Kopf mit Haaren
War vor wenig Jahren
Schön wie Engel sind!
Tausend junge Fentchen
Leckten ihm das Händchen,
Gafften sich halb blind!

Grabe, Spaden, grabe,
Alles was ich habe
Dank ich, Spaden, dir!
Reich‘ und arme Leute
Werden meine Beute,
Kommen einst zu mir!

Erstdruck: Musenalmanach für 1777. Herausgegeben von Johann Heinrich Voss. Hamburg

Du mußt anders werden

Wolfgang Hilbig

(* 31. August 1941 in Meuselwitz, Landkreis Altenburg; † 2. Juni 2007 in Berlin)

Pro domo et mundo

Nun wird es dunkel: du mußt anders werden
die Wasser fließen schneller und ihr kalter Dunst gerinnt
ein schwarzer Tag entsteigt dem tiefer blauen Meer –
und nichts mehr zählen die noch glücklich Heimgekehrten
jetzt zählen die schon lang vergessen und verloren sind.

Und Ströme schießen wie von anderen Gestaden her
aus Felsenwelten ausgebrannt doch nie berührt von Sonnen
es ist ein Fluten das sich nicht mehr wendet:
der Urwellen Anfahrt hat begonnen.

Nun fällt die Nacht: die Zeit die dauernd endet
und dir gebrichts am Wort mit dem du ferner handelst
was gestern licht und wert war ist verschwendet –
und es ist Nacht und Zeit daß du dich wandelst.

Aus: Wolfgang Hilbig: Bilder vom Erzählen. Gedichte. Mit Radierungen von Horst Hussel. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2001, S. 60

Nichts

Francis Picabia

(* 22. Januar 1879 in Paris; † 30. November 1953 ebenda)

Dada riecht nicht,
es bedeutet ja nichts, gar nichts.
es ist wie Euere Hoffnumgen: nichts
wie Euer Paradies: nichts
wie Euere politischen Führer: nichts
wie Euere Helden: nichts
wie Euere Künstler: nichts
wie Euere Religionen: nichts.

In: Theo van Doesburg, Was ist Dada. In: Doesburg / Schwitters: Holland ist DADA. Ein Feldzug. Hrsg. Hubert van den Berg. Hamburg: Edition Nautilus, 1992, S. 21f.

Theo van Doesburg

(* 30. August 1883 in Utrecht; † 7. März 1931 in Davos, Schweiz)

Der Dadaist, der sogar für das Leben die Logik ablehnt, läßt sich in der Lyrik nicht vom üblichen 2×2=4 leiten. Mag dies für die Logik nützlich sein, in der Lyrik gilt 2×2=5.

Ebd. S. 33

Ein neu Lied Herr Ulrichs von Hutten

Ein neu Lied Herr Ulrichs von Hutten

(* 21. April 1488 auf Burg Steckelberg in Schlüchtern; † 29. August 1523 auf der Ufenau im Zürichsee)

Ich habs gewagt mit Sinnen
und trag des noch kein Reu,
mag ich nit dran gewinnen
noch muß man spüren Treu;
damit ich mein
nit eim allein,
wenn man es wolt erkennen:
dem Land zu gut,
wiewol man tut
ein Pfaffenfeind mich nennen.

Da laß ich jeden lügen
und reden was er will;
hätt Wahrheit ich geschwiegen,
mir wären Hulder viel:
nun hab‘ ichs g’sagt,
bin drum verjagt,
das klag ich allen Frommen,
wiewol noch ich
nit weiter fliech,
vielleicht werd wieder kommen.

Es ist oft dieser gleichen
geschehen auch hievor,
daß einer von den Reichen
ein gutes Spiel verlor,
oft große Flamm
von Fünklein kam,
wer weiß ob ichs werd rächen!
Staht schon im Lauf,
so setz ich drauf:
muß gehen oder brechen!

Daneben mich zu trösten
mit gutem Gewissen hab,
daß keiner von den Bösten
mir Ehr mag brechen ab,
noch sagen daß
auf einig Maß
ich anders sei gegangen
dann Ehren nach,
hab diese Sach
in Gutem angefangen.

Will nun ihr selbst nit raten
dies fromme Nation,
ihrs Schadens sich ergatten,
als ich vermahnet hon,
so ist mir leid;
hiemit ich scheid,
will mengen daß die Karten,
bin unverzagt,
ich habs gewagt
und will des Ends erwarten.

Ob dann mir nach tut denken
der Kurtisanen List:
ein Herz läßt sich nit kränken,
das rechter Meinung ist;
ich weiß noch viel,
woll’n auch ins Spiel
und solltens drüber sterben:
Auf! Landsknecht gut!
und Reuters Mut!
laßt Hutten nit verderben!

Dichterwettstreit 1204

Gishūmon-in no Tango schrieb dieses Gedicht als Beitrag für einen Wettstreit, der im
Jahre 1204 stattfand. Dreißig führende Dichter(innen) ihrer Zeit nahmen daran teil und verfaßten Verse über folgende Themen: fallende Blätter, der Mond zur Zeit der Dämmerung, Wind in den Kiefern. Die Urteile kamen durch Konsens aller am Wettbewerb Beteiligten zustande und wurden von Fujiwara no Teika aufgezeichnet. (…) ihr Gegner war der Dichter Fujiwara no Tadayoshi (1164-1225). Sie bestand gegen ihn drei Runden und verlor eine.
Das vorliegende Gedicht war eines ihrer siegreichen. Dies waren die konkurrierenden
Verse:

Ich weiß schon, meine
Trauer und Einsamkeit hört
nicht mehr auf, und doch,
da weht noch immer ein Wind
des abends in den Kiefern.

Teika überlieferte das Urteil: »Der Vers >über die Ärmel aus Moos streift ziellos der Kiefernwind< ist sehr anmutig, und so erklären wir dieses Gedicht zum Sieger«.
nani to naku kikeba namida zo koborekeru koke no tamoto ni kayou matsukaze

Irgendwie, wer weiß warum,
muß, ach, ich weinen,
wenn ich ihn höre:
über die Ärmel aus Moos
streift ziellos der Kiefernwind.

Zu diesem Gedicht gibt es noch diesen Kommentar: Die Wendungen koke no tamoto, »Ärmel aus Moos«, und koke no koromo, »Gewänder aus Moos«, finden sich hauptsächlich in der Dichtung von Mönchen und Nonnen. Der Ursprung dieser Tradition war ein Gedicht des Priesters Henjō (816-890) aus dem Kokin wakashū. Henjō hatte den Hof verlassen und das Mönchsgelübde abgelegt, als sein Dienstherr, Kaiser Ninmyō (810-850, reg. 833-850) gestorben war; ein Jahr später, nach dem Ende der Trauerzeit, schrieb er dieses Gedicht an seinem Zufluchtsort in einem Tempel außerhalb der Stadt: mina hito wa hana no koromo ni narinu nari koke no tamoto yo kawaki dani se yo

Alle tragen nun wieder
blumengeschmückte Gewänder,
hör ich, ihr, meine Ärmel aus Moos,
trocknet mir doch wenigstens.

Henjō spielt mit dem Bild der >Ärmel aus Moos< einerseits auf die Schlichtheit seines
Mönchsgewandes und andererseits auf seine fortwährende Trauer an. 300 Jahre später
bringt Gishūmon-in no Tango das Moos in den letzten beiden Zeilen ihres Gedichtes gleichsam wieder in den Wald zurück, indem sie das Bild der tränenfeuchten Ärmel aus Moos mit dem Waldboden in Verbindung bringt.

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode 9. bis 13. Jahrhundert. Einführung, Kommentare und Übersetzungen von Andrew J. Pekarik. Köln: DuMont, 1992.

Verrücktes Manifest

Kazimierz Wierzyński

(* 27. August 1894 in Drohobytsch, Österreich-Ungarn, heute Ukraine; † 13. Februar 1969 in London)

Verrücktes Manifest

Nieder die Dichter! Rührselige Idioten!
Geist und Vernunft sind nur blauer Dunst!
Hoch, was verrückt ist, Porno und Zoten!
Leben muß man! Wozu braucht man Kunst?

Pfeift auf sterile Formen und Stile,
Pfeift auf Probleme und Psychologie!
Steigt statt auf Pegasus auf Krokodile!
Alle Nüsse der Welt knacken sie!

Fliegt in die Wolken und stürzt euch zu Tode!
Salto mortale und Kaiserschnitt,
Fußballspiel mit der Sonne sind Mode,
Gott schießt die Tore, macht munter mit.

Komm, Kolumbus, entdeck neue Zonen,
Such in Europa den dritten Pol!
Nur als ein Jux kann das Leben sich lohnen!
Was auf dem Kopf steht, erhebt zum Symbol!

Laßt doch die Skribifaxe verrecken!
Längst lacht das Volk darüber sich krumm,
Tanzt nach Belieben mit Gänsen und Gecken
Auf der Nase den Klassikern rum!

Perlen vor Säue? Wem soll das nützen?
Doch, wenn nur „Hopp!“ schreit irgendein Schranz,
Sieht man schon Honig aus Leitungen spritzen,
Und alle Elstern ziehn ein den Schwanz.

Podagra kriegen die Pessimisten,
Gras hört man wachsen sogar auf Asphalt,
Schach spielen Hühner auf Eierkisten,
Texas ist überall, wo es knallt.

Auf der Hand sprießen Wimpern und Brauen,
Türken erkennt man am Chapeau claque.
Jeder Nonsens läßt sich verdauen,
Babys kommen zur Welt schon im Frack.

Auf! Vereint euch, Banausengesindel!
Stellt untern Scheffel nicht euer Licht!
Peitscht allen Dummköpfen ein jeden Schwindel,
Schont euer Pegasus-Krokodil nicht!

Aus dem Polnischen von Martin Remané, aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Berlin und Weimar: Aufbau, 1975, S. 71f

Lied der Übertriebenen

Andreas Koziol

Lied der Übertriebenen

Wir haben zu lange gestammelt
Wir waren zu lange aus Holz
Materie, zu Zunder vergammelt
Agenten des herbstlichen Golds

Bei Gott das sind wir gewesen
Flammendes Herz in der Luft
Laub für den eisernen Besen
Schrei der sich selbst widerruft

Wir spielten zu oft mit dem Feuer
Wir waren zu oft durch den Wind
Dafür wuchs der Wunsch ungeheuer
den Sternen zu sagen wir sind

wie Schläfer auf brennenden Leitern
träumend vom rettenden Sprung
ein Schritt auf uns zu und ein Scheitern
des Lebens mitten im Schwung

Es zog uns zu oft in das Land fort
das wenn man es findet zerfällt
Wir waren zu lange die Antwort
auf Fragen die niemand mehr stellt

Aus: Das Zündblättchen. Überelbsche Blätter für Kunst und Literatur. Nr. 92, Heft 2/2019, S. 9. Meißen: Edition Dreizeichen, 2019

E-Book: Lügen und Wahrheiten – Erinnerungen an ein paar Dachschäden und Freiräume im alten Prenzlauer Berg. Von Andreas Koziol (Kostenloser Download)

Rückmeldung

Das war eine lange technisch bedingte Pause. Ab sofort funktioniert mein Netz wieder. Erwarten Sie ab sofort wieder: jeden Tag ein frisches Gedicht.