Dichterwettstreit 1204

Gishūmon-in no Tango schrieb dieses Gedicht als Beitrag für einen Wettstreit, der im
Jahre 1204 stattfand. Dreißig führende Dichter(innen) ihrer Zeit nahmen daran teil und verfaßten Verse über folgende Themen: fallende Blätter, der Mond zur Zeit der Dämmerung, Wind in den Kiefern. Die Urteile kamen durch Konsens aller am Wettbewerb Beteiligten zustande und wurden von Fujiwara no Teika aufgezeichnet. (…) ihr Gegner war der Dichter Fujiwara no Tadayoshi (1164-1225). Sie bestand gegen ihn drei Runden und verlor eine.
Das vorliegende Gedicht war eines ihrer siegreichen. Dies waren die konkurrierenden
Verse:

Ich weiß schon, meine
Trauer und Einsamkeit hört
nicht mehr auf, und doch,
da weht noch immer ein Wind
des abends in den Kiefern.

Teika überlieferte das Urteil: »Der Vers >über die Ärmel aus Moos streift ziellos der Kiefernwind< ist sehr anmutig, und so erklären wir dieses Gedicht zum Sieger«.
nani to naku kikeba namida zo koborekeru koke no tamoto ni kayou matsukaze

Irgendwie, wer weiß warum,
muß, ach, ich weinen,
wenn ich ihn höre:
über die Ärmel aus Moos
streift ziellos der Kiefernwind.

Zu diesem Gedicht gibt es noch diesen Kommentar: Die Wendungen koke no tamoto, »Ärmel aus Moos«, und koke no koromo, »Gewänder aus Moos«, finden sich hauptsächlich in der Dichtung von Mönchen und Nonnen. Der Ursprung dieser Tradition war ein Gedicht des Priesters Henjō (816-890) aus dem Kokin wakashū. Henjō hatte den Hof verlassen und das Mönchsgelübde abgelegt, als sein Dienstherr, Kaiser Ninmyō (810-850, reg. 833-850) gestorben war; ein Jahr später, nach dem Ende der Trauerzeit, schrieb er dieses Gedicht an seinem Zufluchtsort in einem Tempel außerhalb der Stadt: mina hito wa hana no koromo ni narinu nari koke no tamoto yo kawaki dani se yo

Alle tragen nun wieder
blumengeschmückte Gewänder,
hör ich, ihr, meine Ärmel aus Moos,
trocknet mir doch wenigstens.

Henjō spielt mit dem Bild der >Ärmel aus Moos< einerseits auf die Schlichtheit seines
Mönchsgewandes und andererseits auf seine fortwährende Trauer an. 300 Jahre später
bringt Gishūmon-in no Tango das Moos in den letzten beiden Zeilen ihres Gedichtes gleichsam wieder in den Wald zurück, indem sie das Bild der tränenfeuchten Ärmel aus Moos mit dem Waldboden in Verbindung bringt.

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode 9. bis 13. Jahrhundert. Einführung, Kommentare und Übersetzungen von Andrew J. Pekarik. Köln: DuMont, 1992.

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