Adelaide

Friedrich von Matthisson

(* 23. Januar 1761 in Hohendodeleben bei Magdeburg; † 12. März 1831 in Wörlitz bei Dessau)

Adelaide.

Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten,
Mild vom lieblichen Zauberlicht umflossen,
Das durch wankende Blüthenzweige zittert,
     Adelaide!

In der spiegelnden Flut, im Schnee der Alpen,
In des sinkenden Tages Goldgewölken,
Im Gefilde der Sterne stralt dein Bildnis,
     Adelaide!

Abendlüftchen im zarten Laube flüstern,
Silberglökchen des Mais im Grase säuseln,
Wellen rauschen und Nachtigallen flöten,
     Adelaide!

Einst, o Wunder! entblüht auf meinem Grabe,
Eine Blume der Asche meines Herzens;
Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen:
     Adelaide!

Aus: Friedrich Matthissons Gedichte. Hrsg. Johann Heinrich Füssli,  Vermehrte Auflage. Zürich: Orell, Gessner, Füssli & Co., 1792, S. 19 (Das Buch als Digitalisat in der Digitalen Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern)

Goethes Faust

Georg Maurer (* 11. März 1907 in Reghin (Sächsisch Regen), Siebenbürgen, Königreich Ungarn; † 4. August 1971 in Potsdam)

Aus: LAUFEN

Komplizierter als Goethes „Faust“,
sag ich frech, ist jedermanns Bein
(ach, was kann ich von Beinen sagen,
als daß sie laufen und uns tragen)
und komplizierter noch Goethes Faust,
als sie aufs Pult niederschlug
in die Finsternis:
„Um Mitternacht wohl fang ich an,
spring aus dem Bette wie ein Toller;
nie war mein Busen seelenvoller,
zu singen den gereisten Mann …
Und ich, mir fehlt zur Nacht der Kiel,
ergreif wohl einen Besenstiel…“

(…)

Aus: Georg Maurer: Bäume im Rosental. Gedichte. Hrsg. Heinz Czechowski. Leipzig: Reclam, 1987, S. 107

Der große Regenmacher EA

Jürgen Rennert

(* 12. März 1943 in Berlin-Neukölln)

Der große Regenmacher

Für Erich Arendt

Der große Regenmacher aber macht es
Mit Steinen, die er dreht und wendet, bis
Sie nichts sind als Metaphern, Niederschlag,
Traumhaftes Regnen in
Vulkanisch eruptiver Landschaft.

Des Regenmachers Zuflucht: Felsenbuchten,
Darin sich die Geschichte ihm
Als Muschelrauschen offenbart.
Steinlippiges Orakel, die behende
Meerzunge zischelt welchen Spruch?

Allein der große Regenmacher weiß es
Von Bildern, die er dreht und wendet, bis
Sie nichts mehr sind als Steine, Tropfen,
Gischtspritzer der befreiten Brandung
Cala Monjoys, der Bucht am Herzen.

Aus: Jürgen Rennert, Märkische Depeschen. Gedichte. Berlin: Union, 1976, S. 28

Alles wird gedenken

Rajzel Żychliński

(רייזל זשיכלינסקא . Geboren 27. Juli 1910 in Gąbin; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien)

alz wet gedenken

alz wet gedenken
as ich bin do gewen.
di schifn weln hobn dem kolir
fun majne klejder,
di fejgl weln rufn mit majn kol,
der fischerman ojfn schtejn
wet trachtn majn lid,
der tajch
wet nochgejn majne trit.

ALLES WIRD SICH ERINNERN

Alles wird sich erinnern,
dass ich da war.
Die Schiffe werden die Farben
meiner Kleider tragen,
die Vögel werden rufen mit meiner Stimme,
der Angler auf dem Stein
wird mein Gedicht bedenken,
der Fluss
wird meinen Tritten folgen.

Deutsch von Hubert Witt. Aus: Rajzel Zychlinski, di lider. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 832f

Erfinder des Concerto

Klopstock klagte, dass der Name großer Erfinder zu oft in ewiger Nacht begraben sei. Hier ein Epigramm des Barockdichters Johann Rist, erschienen 1638, in dem drei mythische Musiker und ein sie übertreffender neuzeitlich-realer Erfinder benannt werden. Ludovicus Viadana heißt er, laut Rist „erster Erfinder der Concerten“ (gemeint ist vermutlich die bis heute beliebte Musikgattung, bei der Solist und Orchester miteinander spielen). Er lebte zwischen etwa 1560 und 1627 (siehe Wikipedia).

Johann Rist

(* 8. März 1607 in Ottensen / Hamburg); † 31. August 1667 in Wedel, Holstein)

LUDIVICUS VIADANA, der
vortrefflicher vnd weitberühmter
Musicus, erster Erfinder der
Concerten.

Der Orpheus konte zwar die Bäum und Thier erregen /
Amphion wuste Stein vnd Berge zu bewegen /
Vnd als Arion schwamm halb todt im grünen Meer
Da hielt ein wasserschwein jhm seinen Rücken her.
Noch müssen sie zumal dem Viadana weichen
Als der die Erden / Lufft und Meer thut überreichen /
Der Himmel lobt jhn selbst / drumb zeugen diese drery
Daß Viadana lengst jhr Printz vund Meister sey.

Aus: Johannis Ristii Holsati Poetischer Lust-Garte Das ist: Allerhand anmuhtige Gedichte auch warhafftige Geschichte auß Alten vnd Newe[n] beglaubten Geschichtschreiberen : mit fleiß außerlesen vnd benebenst mancherley Elegien, Sonnetten, Epigrammaten Oden, Graabschrifften, Hochzeit- Lob- Trawr- vnd Klaag-Gedichten … an den Tag gegeben. Hamburg: Hertel, 1638, S. 134 (Zu finden im vorzüglichen Münchner Digitalisierungszentrum).

Zwei Gedichte Philanders von Sittewald

Johann Michael Moscherosch

(* 7. März 1601 in Willstätt; † 4. April 1669 in Worms)

Vnd kam in einen grossen Hof, allda durch viel Werckleutte ein runder Thurn vier Stock-werck hoch aufgeführet ward; vnd alß ich an die Thür kame, stunden volgende Verse darüber eingehauen:

Nicht lieben, ist nicht Leben.

Ein schönes Junges Weib ohne Lieb,
Ein großer Jahrmarck ohne Dieb,
Ein alter Wuchrer ohne Guth,
Ein Junger Mann ohn freud vnd muth,
Ein alte scheuer ohne mäus,
Ein alter Beltz ohn Flöh vnd Läus,
Ein alter Geisbock ohne Bart
Ist alles wider seine art.

Hastu jeeinen Vogel blärren, eine Kuh pfeiffen hören? vnd ihr wollet die edele Sprach, die euch angeboren, so gar nicht in obacht nemmen in ewrem Vatterland. Pfuy dich der schand!

Fast jeder Schneider will jetzund leyder
Der Sprach erfahren sein und redt Latein,
Wälsch vnd Frantzösisch halb Japonesisch,
Wan er ist doll vnd voll, der grobe Knoll.
Der Knecht Matthies spricht bonae dies,
Wan er gut morgen sagt vnd grüst die Magd;
Die wend den Kragen, thut ihm danck sagen,
Spricht Deo gratias Herr Hippocras.
Ihr böse Teutschen, man solt euch peutschen,
Das ihr die Muttersprach so wenig acht.
Ihr liebe Herren das heist nicht mehren,
Die Sprach verkehren vnd zerstören.
Ihr thut alles mischen mit faulen fischen
Vnd macht ein misch gewäsch, ein wüste wäsch,
Ich muß es sagen, mit vnmuth klagen,
Ein faulen Haaffen käß ein seltzams gfräs.
Wir hans verstanden mit spott vnd schanden,
Wie man die Sprach verkehrt vnd gantz zerstöhrt.
Ihr böse Teutschen, man solt euch peutschen,
In unserm Vatterland; pfuy dich der schand!

Aus: Johann Michael Moscherosch: Gesichte Philanders von Sittewald (1640)

O Nacht

Michelangelo Buonarroti

(* 6. März 1475 in Caprese, Toskana; † 18. Februar 1564 in Rom)

Die Nacht II

O Nacht, zwar schwarze, aber linde Zeit,
Mit Frieden überwindend jedes Streben,
Wer recht sieht und versteht, muß dich erheben,
Und wer dich ehrt, ist voll Verständigkeit.

Du brichst das matte Denken ab, zersägst
Und nimmst es ein mit feuchter Ruh und Schwere,
Während du mich, wohin ich oft begehre,
Im Traum von unten ganz nach oben trägst.

Schatten des Sterbens, nur vor dir macht halt,
Was Herz und Seele feind ist, immer wieder;
Letzte, Bedrückten, gute Arzenei.

Du heilst die schwache fleischliche Gestalt,
Machst Tränen trocknen, legst das Müde nieder,
Und Zorn und Ekel geht durch dich vorbei.

Deutsch von Rainer Maria Rilke. Aus: Poesiealbum 67: Michelangelo. Berlin: Neues Leben, 1973, S. 11

AN DIE NACHT

O NACHT, trotz Deiner Schwärze süße Zeit,
Die alles Tun zum Ziel des Friedens führt,
Gut sieht, wer Dein erhabnes Sein verspürt,
Gut denkt, wer Deinem Ruhm die Stimme leiht.

Du löst des Denkens tiefe Müdigkeit,
Dein Schatten spendet Ruhe, mild und kühl.
So hebst Du mich aus irdischem Gewühl
Empor, wo Traumes Hoffnung mich befreit.

Du Schattenbild des Todes, vor Dir endet
Der Erde Qual und alles, was uns Feind,
Du machst dem Traurigen die Schmerzen linde,

Du bist’s, die krankem Leib Gesundheit spendet,
Du stillst die Tränen, die der Kummer weint,
Daß des Gerechten Zorn Versöhnung finde.

Deutsch von Edwin Redslob. In: Michelangelo, Gedic ht und Zeichnung. Potsdam: Stichnote, (1944) unpag.

AN DIE NACHT.

O Nacht, du liebe, wenn auch dunkle Zeit,
Die jeder Arbeit stilles Ende bringt,
Wohl sieht und kennt dich, wer dein Loblied singt,
Und wer dich würd’gen kann, der weiss Bescheid.

Du schläferst ein des Hirnes Müdigkeit,
Wie feuchter Nebel ruhvoll niedersinkt;
Aus Tiefen zu ersehnten Höhen schwingt
Mich oft ein Traum empor, durch dein Geleit.

Du hemmst und scheuchst zurück, o Todesschatten,
Des Herzens schlimmste Feindin, jede Pein,
Tust, letztes Mittel, tief Betrübten gut.

Du kräftigst unsre Glieder, unsre matten,
Du trocknest Tränen, wiegst die Sorgen ein,
Und rettest Edle vor Verdruss und Wut.

Deutsch von Bettina Jacobson.

O notte, o dolce tempo, benché nero,
con pace ogn’ opra sempr’ al fin assalta;
ben vede e ben intende chi t’esalta,
e chi t’onor’ ha l’intelletto intero.

Tu mozzi e tronchi ogni stanco pensiero;
ché l’umid’ ombra ogni quiet’ appalta,
e dall’infima parte alla più alta
in sogno spesso porti, ov’ire spero.

O ombra del morir, per cui si ferma
ogni miseria a l’alma, al cor nemica,
ultimo delli afflitti e buon rimedio;

tu rendi sana nostra carn’ inferma,
rasciughi i pianti e posi ogni fatica,
e furi a chi ben vive ogn’ira e tedio.

O die Frauen

Georg Friedrich Daumer (* 5. März 1800 in Nürnberg; † 13. Dezember 1875 in Würzburg)

Aus: Russisch-Polnische Kleinigkeiten. Zweite Reihe

III.

Mutter gab mich ihm zum Weibe,
  Welcher mir im Sinne lag,
Dennoch, ach, auf meinem Leibe
  Rauscht die Geisel Tag für Tag.

IV.

O wie warm ist's in der Hecke,
  Wo Verliebte wühlen!
Mit dem Stocke rennt die Mutter,
  Peinlich abzukühlen.

V. 

O die Frauen, o die Frauen,
  Wie sie Wonne thauen!
Wäre lang ein Mönch geworden,
  Wären nicht die Frauen!

Aus: Polydora : ein weltpoetisches Liederbuch . Autor / Hrsg.: Daumer, Georg Friedrich. Frankfurt am Main: Literarische Anst., 1855, Bd. 2, S. 72

„Dergleichen Liederchen sind namentlich solche, die zu den Tanzbelustigungen der genannten Völker gehören.“ Ebd. S. 64  (Er nennt dort „Tanzliederchen“ von Kosaken und Polen).

Wer Ohren hat zu hören

A. E. Baconsky

(* 16. Juni 1925 Cofa, Bessarabien, heute Konovka, Ukraine; † 4. März 1977 Bukarest)

WER OHREN HAT ZU HÖREN…

Brennen wollt’ ich, mich erheben, lieben, zerstören,
weinen wollte ich, kämpfen, töten –
gibt es ein Land, eine Zeit, ein Gefild?…
eine Wand überall, eine Wand.

So werde ich fortgehn, hinterlassend als Erbschaft eine lange
Schleppe aus Blut, aus Schlacke, aus Rauch –
die wenigen, die dereinst mich erreichen,
zeichnet jetzt schon mein Wundmal.

Vergiftet euer Fleisch! Dem einbalsamierten Aas
entsprießt weder Ähre noch Blüte noch Weide!
Hör von fern die Geschichte brüllen –
Wer Ohren hat zu hören, der höre!…

Aus dem Rumänischen von Alfred Kittner, in: Neue Literatur (Bukarest) 5/ 1977, S. 40

Unter dem Gedicht steht: „Der Dichter A. E. Baconsky kam beim Erdbeben vom 4. März in Bukarest ums Leben.“

Im gleichen Heft der Zeitschrift gibt es ebenfalls von Alfred Kittner übersetzte Gedichte von Veronica Porumbacu, die ebenfalls bei dem Erdbeben ums Leben kam. Außerdem Gedichte von Klaus Kessler, Ilse Hehn und Hans Magnus Enzensberger und Prosa von Wolfgang Koeppen, Adolf Meschendörfer und Nicolae Ceauşescu. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Musique Légère

Alexandru Vona

(* 3. März 1922 in Bukarest; † 12. November 2004 in Neuilly bei Paris)

Aus: Musique Légère

Wen liebte Dante:
Beatrice.
Und Petrarca?
Laura.
Und der arme Edgar Poe
Und der erschöpfte Charles Baudelaire,
wie brav sie immer zu zweit hervortreten, wenn man sie ruft,
ganz wie die beiden Bourgeois aus Wildapfelholz
die zur vollen Stunde aus dem Häuschen der alten Wanduhr
hervortreten und würdevoll grüßen.
Nur 100 Jahre noch
und du wirst in Illustrierten lächeln.


Ja, das ist unser Geschick:
Angefangen hab ich mit Robinson Crusoe
(doch das erschien uns zu wenig)
und ich war nacheinander
freundlicher und vielseitiger als der berühmte Fregolini
und war Werther und Adolphe und alle romantischen Helden
und Myschkin und einmal nur der Graf von Almaviva
(es war ein absolut dummes Weib und das Kavalleristenkorsett zwängte mir schrecklich die Lenden ein).
Und ich war geheimnisvoll wie der Mann mit der Tulpe
und jung wie auf dem Porträt von Giorgione
und auf wie viele Arten bin ich bisher schon gestorben!

Deutsch von Alexandru Bulucz, aus: Alkexandru Vona, Vitralii. Frühe Gedichte und Prosa 1940-1947. Frankfurt/Main: Edition Faust, 2014, S. 29

Pe cine a iubit Dante:
Pe Beatrice.
Şi Petrarca?
Pe Laura.
Şi sărmanul Edgar Poe
Şi extenuatul Charles Baudelaire,
ce cuminţi ies câte doi, când îi chemi,
ca perechea de burgheji din lemn de merişor
care salută grav la ore fixe
ieşind din căsuţa ritmică a ceasornicului vechiu.
Numai 100 de ani
şi ai să zâmbeşti în ediţiile ilustrate.

Rom

Jewgenij Baratynskij

(* 19. Februarjul./ 2. März 1800greg. in Mara, Gouvernement Tambow; † 29. Junijul./ 11. Juli 1844greg. in Neapel)

Rom

Hat es dich je, Selbstherrscherin der Welt, gegeben?
  Dich, stolze Stadt, dich, Freiheitshort?
  Besucht der Fremdling dich vor Ort,
So findet er bloß stummen Schutt auf allen Wegen.

Weshalb hast du, was deine Größe war, vertan?
Weshalb bist du, Gewaltige, längst gottvergessen?
  Was bleibt von deinen Prunkpalästen?
Was wurde, Stadt der Herren, aus dem Heldenklan?

Hat dich der hehre Genius des Siegs verraten?
  Stehst du am Scheideweg der Zeit,
  Wo deine Schmach sich weithin zeigt
Als Sarkophag, in dem die fernen Ahnen rotten?

Wem droht von deinen sieben Hügeln noch Gefahr?
Genügt es dir, den Völkern Unheil zu verkünden
  Und einzuklagen deiner Söhne Sünden
Wie ein Gespenst, das einstmals strenger Richter war?

1821

Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 323

Евгений Баратынский

Рим

Ты был ли, гордый Рим, земли самовластитель.
  Ты был ли, о свободный Рим?
  К немым развалинам твоим
Подходит с грустию их чуждый навеститель.

За что утратил ты величье прежних дней?
За что. державный Рим, тебя забыли боги?
  Град пышный, где твои чертоги?
Где сильные твои, о родина мужей?

Тебе ли изменил победы мощный гений?
  Ты ль на распутии времен
  Стоишь в позорище племен,
Как пышный саркофаг погибших поколений?

Кому еще грозишь с твоих семи холмов?
Судьбы ли всех держав ты грозный возвеститель?
  Или, как призрак-обвинитель,
Печальный предстоишь очам твоих сынов?

Einer vom Selbstmörderzirkus

Michail Kusmin

(Михаи́л Алексе́евич Кузми́н; * 6. Oktober jul./ 18. Oktober 1872 greg. in Jaroslawl, Russisches Kaiserreich; † 1. März 1936 in Leningrad)

Welch ungeladne Gäste
besuchten mich zum Tee?
Jetzt muß ich sie bewirten,
ganz gleich, wie ich es seh …

Ihr Blick ist schon erloschen,
die Finger wie von Wachs
und speckig ihre Kleidung
gleich der des Bettelpacks,

Die Namen sind entfallen,
die Worte längst verhallt…
Vor düsteren Gesprächen
vergesse ich mich bald …

Mal tanzt ein junger Maler,
einst starb er in der Flut,
mal ein Husarenknabe,
an seiner Schläfe Blut…

Und Sie, noch ungeboren,
verehrter Dorian Gray?
Es sitzt sich wohl gemütlich
auf meinem Kanapee?

Tja, Küchenmagd Gedächtnis,
du Butler Phantasie,
die ungezognen Streiche
vergebe ich euch nie!

(1927)

Deutsch von Alexander Nitzberg, aus: Selbstmörder-Zirkus. Russische Gedichte der Moderne. Reclam Leipzig 2003, S. 55.

Nitzberg über den Autor: „gilt nach wie vor als einer der wichtigsten Lyriker des „Silbernen Zeitalters“. (…) Kusmin starb 1936 in einem Armenspital – früh genug, um nicht dem Stalin-Terror zum Opfer zu fallen, wie Achmatowa bemerkte.“

Ebd. S. 53f

Wikipedia (russisch) ergänzt:

Nach dem Krieg wurde der Grabstein im Zusammenhang mit dem Bau eines Denkmals für die Familie Uljanow [Lenin] in einen anderen Teil des Friedhofs verlegt. Die Überreste der Begrabenen wurden „an einen anderen Ort geworfen, wo sie alle in einem gemeinsamen Grab begraben wurden“.

ВТОРОЕ ВСТУПЛЕНИЕ

Непрошеные гости
Сошлись ко мне на чай,
Тут, хочешь иль не хочешь,
С улыбкою встречай.

Глаза у них померкли
И пальцы словно воск,
И нищенски играет
По швам жидовский лоск.

Забытые названья,
Небывшие слова…
От темных разговоров
Тупеет голова…

Художник утонувший
Топочет каблучком,
За ним гусарский мальчик
С простреленным виском…

А вы и не дождались,
О, мистер Дориан, –
Зачем же так свободно
Садитесь на диван?

Ну, память-экономка,
Воображенье-boy,
Не пропущу вам даром
Проделки я такой!

Spricht der Weise

Solon

(* wohl um 640 v.u.Z. in Athen; † vermutlich um 560 v.u.Z.)

GNOME*  

Selbst zu verderben die stadt durch unvernünftiges wesen
  Streben die bürger und sind einzig gehorsam dem geld /
Ja die führer des volks sind rechtlos gesinnt und es warten
  Ihrer aus großer gewalt folgend der leiden gar viel /
Denn sie verstehen es nicht sich des übermuts zu enthalten /
  Während das mahl noch geht sein sich in ordnung zu freun.

Nachdichtung von Rudolf Pannwitz. Aus: Die Lyra des Orpheus. Lyrik der Völker in deutscher Nachdichtung. Hrsg. Felix Braun. München: Heyne, 1978, S. 126f

*) Sinnsprüche; prägnante Denkdichtung

„Hier bin ich frei, nicht ich zu sein“

Yvan Goll

(* 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich; † 27. Februar 1950 bei Paris)

Die Nacht ist mein!

Die Nacht ist mein!
Hier bin ich frei, nicht ich zu sein
Kein Auge äugt
Was da mein wilder Traum erzeugt.
Mein ist der Regen, mein der Wind!
Der Spiegel und das Spiegelbild
Die gar nicht sind! Die gar nicht sind!
Wo Wasser dörrt und Mauer fällt
Und ganz durchsichtig wird die Welt
Da bin ich mein!
Da bin ich frei, ganz du zu sein

Aus: Iwan Goll, Unter keinem Stern geboren. Ausgewählte Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1973, S. 167

Begegnen

Konstantin Biebl

(* 26. Februar 1898 in Slavětín nad Ohří; † 12. November 1951 in Prag)

Begegnen

Auf der Welt ist kein Platz so bitter und traurig
Daß zwei nicht einander begegnen könnten
Weit hinter dem Meer und selbst in solcher Ödnis
Wie dem Saharasand
Wie dem Schnee um die Pole

Ich glaube daß zwischen uns Sand und Schnee sind
Und das Halbdunkel einer verdächtigen Baracke
Durchflogen von Motten und nachts von Streifen umgangen
Wo ich wohne und Sie nicht wohnen
Jedoch wo wir zwei ihre schwarzen Stiegen beschreiten
Abgetreten von Dienstmädchen und Tagesschläfern
Als ob wir nie anders gingen
Als hintereinander

Erschrecken Sie nicht vor meinem Lächeln noch vor meinem zerknüllten Hut
Ein Kuli in Singapur ist auf ihn getreten
Und der Wind hat ihn wieder zurückgebracht
In solch einem Bogen hat er vor Ihnen
Seine bisher größte Weltverbeugung gemacht

Mein Hut
Erinnert Sie wahrscheinlich an die dauernden Unruhn in Mexiko
Das von allen Leidenschaften durchschüttelte
Die entladen sich dort auch mit abgerissenem Band

Das beim Gehn sich bewegt wie die Zunge dieser unglücklichen Leute
Die beim ersten Begegnen sofort alles über sich sagen
Daß ihnen Gebüsche im Stadtpark nicht fremd sind
Nicht Dreck noch Schnee
Der vom schwarzen Dach tropft

Deutsch von Franz Fühmann. Aus: Poesiealbum 117. Konstantin Biebl. Berlin: Neues Leben, 1977, S. 19