Die Poeten, wenn sie Poesie machen, die hinter ihrem und unserem Bewußtsein zurückbleibt, sperrt man nur darum nicht ein, weil der Schaden, den sie anrichten, nur sie selber trifft; sie entlassen sich sozusagen selber: indem kein Zeitgenosse, kein bewußter, sie ernst nehmen kann.
Max Frisch (1947) Zit. nach documente poetica deutsch. Hrsg. Hans Rudolf Hilty. München: Kindler, 1962, S. 5
Bolesław Leśmian
(* 22. Januar 1877[1] in Warschau; † 5. November 1937 ebenda)
Der Wind weiß gut, wie die Stimme taut …
Die Dämmerung schaukelt die Föhre.
Man sieht keine Welt, man hört keinen Laut,
Doch ich sehe etwas und höre …
Das Schicksal schickt mir ein Traumgesicht,
Es streckt die Hand aus den Tiefen!
Ich kenne die Qual, doch ich kenne nicht
Die fremden Stimmen, die riefen.
Sie singen ein trauervolles Lied,
Ich laufe hinaus in die Gasse
Und finde dort nichts, was man hört und sieht.
Und finde nichts, was ich fasse!
Der Nebel dunkelt im Birkenlaub.
Ich gehe zurück in mein Zimmer.
Ein Niemand ist für den Niemand taub!
Er hilft einem Niemand nimmer!
Deutsch von Karl Dedecius, aus: Polnische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u. übertragen von Karl Dedecius. München: dtv, 1968, S. 9
Mascha Kaléko
(Golda Malka Aufen, * 7. Juni 1907 in Chrzanów, Galizien, Österreich-Ungarn; † 21. Januar 1975 in Zürich)
Sie wissen nichts von Schmutz und Wohnungsnot,
Von Stempelngehn und Armeleuteküchen.
Sie ahnen nichts von Hinterhausgerüchen,
Von Hungerslöhnen und von Trockenbrot.
Sie wohnen meist im herrschaftlichen Haus,
Zuweilen auch in eleganten Villen.
Sie kommen nie in Kneipen und Destillen,
Und gehen stets nur mit dem Fräulein aus.
Sie rechnen sich schon jetzt zur Hautevolée
Und zählen Armut zu den größten Sünden.
– Nicht mal ein Auto . . .? Nein, wie sie das finden!
Ihr Hochmut wächst mit Pappis Portemonnaie.
Sie kommen meist mit Abitur zur Welt,
– Zumindest aber schon mit Referenzen –
Und ziehn daraus die letzten Konsequenzen:
Wir sind die Herren, denn unser ist das Geld.
Mit vierzehn finden sie, der Armen Los
Sei zwar nicht gut. Doch werde übertrieben – –.
Mit vierzehn schon! – Wenn sie noch vierzehn blieben.
Jedoch die Kinder werden einmal groß . . .
Aus: Mascha Kaléko, Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Leseheft für Große. rororo-Taschenbuch, 1956, S. 22
Worte können töten. Gerade wieder haben wir es im Fernsehen gesehen, aus Washington D.C.. Vor 60, 70 Jahren hatten es die Menschen gerade erlebt und – unterschiedliche – Schlußfolgerungen daraus gezogen. Nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, schrieb A. B (in einem Gedicht): „Zeichen, Farben, es ist ein Spiel. Ich bin bedenklich, es möchte nicht enden gerecht.“ C: „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch / beinahe ein Verbrechen ist, / weil es soviel Gesagtes / mit einschließt.“
(Keine Gewähr für den Wortlaut, nur für den Sinn: ich zitiere beim Schreiben aus dem Gedächtnis, daher verbürgt.)
Die drei Herren heißen Adorno, Bobrowski, Celan, ich könnte mich durch das Alphabet hangeln, wenn ich mir Zeit nehme und die Bücher hinzuziehe. Ich könnte Frauen hinzunehmen, spontan fallen mir ein für A: Ausländer, Aichinger, für B: Bachmann, Busta, für C jetzt keine auf die Schnelle. Ich springe zu G, wieder ein Mann, ich schlage nach: „Die populäre Einfachheit, das lustvolle Bejahen und Spielen, das Buch als buntes Gesamtkunstwerk und die universale, über Länder und Sprachen ausgreifende Haltung: all dies, von Eugen Gomringer einst eingeleitet, ist erst heute wirklich aktuell.“ Das Zitat stammt von dem amerikanischen Germanisten Reinhold Grimm, es gilt dem Begründer der „konkreten Poesie“ und der „Konstellation“.
Eine von Gomringers Konstellationen hat vor ein paar Jahren heftiges Pro und Contra ausgelöst, eine der laut Grimm populären, einfachen, lustvollen, bunten, spielerischen, universalen Konstellationen musste von einer Berliner Hauswand entfernt werden. (Die eine Vorliebe für die einfache Erklärung haben, sagen „Cancel culture“ – als ob es so einfach wäre.)
Grimm, als er das schrieb, es war 1970, kritisierte eine Meinung Helmut Heißenbüttels (der in den Worten das kritische Potential betonte) und erlag selber einer utopischen Verzeichnung, als er glaubte, „nun“ sei die Zeit, die Konstellationen unideologisch als einfaches, fröhliches Spiel zu nehmen, als das sie vielleicht gemeint waren. Er übersah, dass Worte, wie lustvoll-spielerisch man sie auch montiert haben kann, mit Bedeutungen einhergehen und deshalb je verschieden interpretierbar sind. Die StudentInnen, die jene Debatte um Gomringers kleine Konstellation in spanischer Sprache auslösten, führten es selbst vor in ihrer ersten Stellungnahme: das Gedicht war ja schon eine ganze Zeit an der Wand präsent, aber erst jetzt in den Semesterferien hätten sie sich die Zeit genommen und das Gedicht interpretiert mit dem bekannten Resultat. (Sie hatten vielleicht nicht gelernt, dass auch die Interpretation ein Spiel ist.)
Heute, zum 96. Geburtstag Gomringers, hier eine andere Konstellation aus den 50er Jahren, erschienen in dem Band „33 konstellationen“ (1960).
EUGEN GOMRINGER
sonne mann
mond frau
sonne frau
mond mann
sonne mond
mann frau
kind
Es sind nur vier Worte, vier Substantive, die in drei Zeilenpaaren unverbunden nebeneinandergestellt und permutiert werden und dann ein fünftes Substantiv „gebären“.
„Sprich im ganzen Satz“, sagen Lehrer vielleicht noch immer zu Kindern, dabei weiß jeder aus der Alltagsrede und gegebenenfalls aus Poesie, dass Rede auch ohne ganze Sätze funktioniert. Wenn wir die Wörter Sonne und Mann unverbunden und in Kleinschreibung finden, erkennen wir blitzschnell, a) dass es trotz Kleinschreibung Substantive sind und b) dass man das als verkürzte Definition lesen kann: Die Sonne ist ein Mann, der Mond ist eine Frau. Wozu 10 Wörter, wenn zwei bzw. vier genügen? Aber was stimmt nun. Die Sonne ist ein Mann? Im Spanischen ja, im Deutschen nein; und beim Mond gerade anders herum.
Soweit eine mögliche Interpretation. Ich glaube nicht, dass es die einzig mögliche ist. Das ist ja gerade der Spaß an (verkürzter oder poetischer) Rede, dass man verschiedenes herauslesen kann. Oder der Spaß hört auf, wenn man eine der möglichen Interpretationen als einzig richtige nimmt und die Schlussfolgerung zieht, also zum Beispiel irgendeine Tendenz herausliest und anschließend das Ergebnis der eigenen Interpretation bekämpft. Dieses Gedicht, heißt es dann, ist friedens- oder gesellschafts- oder gottes- oder männer- oder frauen- oder konsum- oder – …-feindlich: Wand ab! Kopf ab! Es geschah oft und wird wieder geschehen. Am 6. August 1992 wurde der iranische Dichter Fereydun Farrochsad im Exil in Bonn erstochen und enthauptet, ich nehme das Beispiel, weil ich gerade gestern davon las.
In Gomringers Konstallation aber kreisen die Wörter friedlich umeinander, bis das Kind da ist.
Werner Riegel
(* 19. Januar 1925 in Danzig; † 11. Juli 1956 in Hamburg)
Stirn und Scheitelknochen
Inseln unter dem Wind,
Wo tief die Zitterrochen
Meiner Gedanken sind.
Thule und beide Sizilien
Hinter Heu irgendwo.
Ich schweige im Blau, ich spiele
Träumerisch mein Jo-Jo.
Still geht der Tag zur Neige,
Mir liegt nichts daran.
Ich halte mit meinem Zeige-
Finger die Zeiten an.
Länger wird der Schatten,
Vita brevis est.
Was war, das wir bejahten?
Es gibt uns den Rest.
Jabos, fliegende Fische,
Treiben ins Wolkennetz.
Die Nacht, die zauberische,
Erfüllt ihr Gesetz.
Rotliegendes über den Gärten –
Ihr Hunde, geht in die Knie!
Abends beim Dunkelwerden:
To be or not to be!
Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Hrsg. Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Gütersloh: S. Mohn, o.J. (ca. 1965), S. 432
Jorge Guillén
(* 18. Januar 1893 in Valladolid; † 6. Februar 1984 in Málaga)
Der Horizont der Frühe
öffnet halb seine Wimpern,
blickt auf. Was schaut er? Namen.
Die Patina der Dinge
trägt ihre Schrift. Die Rose
nennt sich noch immer Rose,
auch heut, und das Gedenken
ihres Vergehns heißt Eile,
Eile, noch mehr zu leben.
Die Liebe will sich weiten
unter den herben Stößen
des Augenblicks; behende
kommt er zu seinem Ziele
und zwingt uns das Nachher! auf.
Drum Achtung, Achtung, Achtung,
ich bin, ich bin, ich werde!
Und die Rosen? Die Wimpern
geschlossen: Horizont ist
am Ende. Vielleicht gar nichts?
Aber die Namen bleiben.
Deutsch von Ernst Robert Curtius, aus: Museum der modernen Poesie, eingerichtet von Hans Magnus Enzensberger. 2. Band. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1980, S. 575/577
Los nombres
Albor. El horizonte
entreabre sus pestañas
y empieza a ver. ¿Qué? Nombres.
Están sobre la pátina
de las cosas. La rosa
se llama todavía
hoy rosa, y la memoria
de su tránsito, prisa,
prisa de vivir más.
¡A largo amor nos alce
esa pujanza agraz
del Instante, tan ágil
que en llegando a su meta
corre a imponer Despúes!
¡Alerta, alerta, alerta,
yo seré, yo seré!
¿Y las rosas? Pestañas
cerradas: horizonte
final. ¿Acaso nada?
Pero quedan los nombres.
Klaus M. Rarisch
(* 17. Januar 1936 in Berlin; † 20. Juli 2016 ebendort)
DEUTSCHER LENZ IN CEFALU
Brände brechen aus in mir,
grelle Kastagnetten knallen
hinter Adern her und hallen
allmetallisch Gischt hoch Gier.
Durch Aortapforten schweigt
Mumienmulm der Urboviste;
fahnenfarb das Ungehisste
ist, isst Credokrebse, steigt
auf die Alm und sündigt nicht.
Da verhungern Beicht und Stühle,
Stuhlgang weicht im Lenzgefühle,
Milzschmalz schmilzt im milden Licht.
Wenn verbrannt der ganze Schnee,
hört der kleine Mann im Ohre
wachsen Grass und Mon im Chore –
Scheibenschuss aufs ABC !
Lirum larlim Löffelholz,
junge Männer dichten ältlich,
junge Frauen lieben kältlich,
alle haben ihren Stolz
und drumrum ein dickes Fell.
Fuchs, du hast den Schnaps gestohlen.
Kohlenklau Schnell wird dich holen,
Teufels Mühlen mahlen schnell.
Grave, Aigu und Circonflexe
und die anderen Akzente:
wenn man, wie man wollte, könnte,
böt man mehr und schärfren Sex.
Weltrekord in Selbstkritik,
triebe-liebe kleingeschrieben –
die Bilanz seit Vierzigsieben:
Höllerer, wo ist dein Sieg?
Zart im Pubertête-à-tête
schläft als geistiges Vermächtnis
das Hormon bei dem Gedächtnis,
bis der Gollgroll dreimal kräht.
Golgatha im clair-obscur
schwarz auf weiss nach Hause tragen,
Meister Tod aus Deutschland fragen:
wo wächst poésie plus pure?
Heiliger Monsier Sans-Gêne,
du, den alle Diebe kennen,
Schwule mit Verehrung nennen,
sei uns Simpeln starker Knän!
Quasimodo läutet Blech:
hot and hotter stampft der rhythm, hej!
Kommu- swingt mit Christianism, hej!
Und Nobels Geschoss trifft frech.
Preist bis Poesie krepiert,
lyrische Kongresse incl.,
grosse Fresse, Glück im Winkel,
oft kopiert und nie kastriert:
Wo nichts ist, hat das Skalpell
Doktor Bleichs sein Recht verloren;
Glatzen bleiben ungeschoren,
denn Verglatzung schreitet schnell.
Die Stagione lirica
schreit nach jungen Debütanten:
Beatniks killen tote Tanten,
Wedebabies quarrn Dada!
Kennst du Schmidt, kennst du ihn wohl?
Schmidt, der lässt die Linge schmettern,
Frühling über Klinge klettern –
stirbt der Weissling, blüht der Kohl.
Kohl so weiss, kohlrabenweiss;
Nacht wird matt, dann flatt und flatter,
Hemdchen hemmt das Lustgeknatter;
Sonne schreit, Moral brennt heiss.
Den Heisshungerpastor hetzt
eine Ätna-Nana glühweiss:
Predigt wird sein Leib, rot, brühheiss
credokrebst er jäh ins Jetzt.
Ist das noch ein deutscher Lenz?
Leichnamt wo noch ein Verwesen?
Will noch eine Welt genesen?
Geistern noch Vergasungsfans?
Mögt ihr Halleluja Schrein,
alle, die da hassen, hassen,
euch von oben segnen lassen:
Erde lebt Hallelunein.
März April Mai mai mai più…
tief ins Violette tauche,
Harfenfleisch gluflammdurchhauche…
deutscher Lenz in Cefalù.
Aus: ULTIMISTISCHER ALMANACH. HERAUSGEGEBEN VON Klaus M. Rarisch. Mit Originalholzschnitten von Hans Arp und Raoul Hausmann. Köln: Hake, 1965, S. 33f
Inger Christensen
(* 16. Januar 1935 in Vejle, Dänemark; † 2. Januar 2009 in Kopenhagen)
aus „das“
Sie fungieren, weil sie fungieren, oder damit andere fungieren können, weil andere fungieren. Weil die fiktion fungiert.
Weil die zufälligen leben, der zufällige tod in der gesellschaftsfiktion sinn bekommen.
Sie fingieren, weil sie eine gesellschaft fingieren, weil sie nicht als einzige fingieren und weil sie, mit ihrem zufälligen leben als einzigem einsatz, ihren zufälligen tod außerhalb der fiktiven form halten wollen.
Sie fingieren, weil sie eine freiheit fingieren, weil sie gezwungen sind zu wünschen sich frei zu glauben und weil sie, wenn sie sich frei glauben, vergessen was die freiheit ist und ihren eigenen, zufälligen tod vergessen.
Sie fingieren weil sie eine Ordnung fingieren. Weil sie das leben in Ordnung halten, glauben sie daß sie den tod in Ordnung halten. Sie ordnen das leben und standardisieren das chaos, und all das geschieht während der tod alles ordnet.
fra „det“
De fungerer fordi de fungerer, eller for at nogen andre kan fungere, fordi nogen andre fungerer. Fordi fiktionen fungerer. Fordi de tilfældige liv, den tilfældige død får mening i samfundsfiktionen.
De fingerer, fordi det er et samfund de fingerer, fordi de ikke er ene om at fingere og fordi de, med deres tilfældige liv som eneste indsats, vil holde deres tilfældige død uden for den fiktive form.
De fingerer, fordi det er en frihed de fingerer, fordi de er tvunget til at ønske at tro sig frie og fordi de, når de tror sig frie, glemmer hvad friheden er og glemmer deres egen, tilfældige død.
De fingerer fordi det er en orden de fingerer. Fordi de holder orden på livet, tror de de holder orden på døden. De ordner livet og standardiserer kaos, og alt dette sker mens døden ordner det hele.
Aus: inger christensen, det / das. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel. Münster: Kleinheinrich, 2002, S. 28f
Sidonia Hedwig Zäunemann ging nicht ins Kloster, ihr Gedicht spricht nur davon. Es beschreibt, wie nur die Unverheirateten von Unterdrückung und Schlägen durch Männer frei sein können. Sie selber hatte durchaus „Glück“, sie durfte unverheiratet im Haus ihrer Eltern in Erfurt leben und sich dem Schreiben widmen. 1738 erfuhr sie öffentliche Anerkennung, als sie durch die Göttinger Universität zur kaiserlichen Poetin gekrönt wurde. Danach konnte sie noch zwei Gedichtbücher veröffentlichen, bevor sie mit nicht einmal 30 Jahren an einem Unfall starb.
(* 15. Januar 1711 in Erfurt; † 11. Dezember 1740 bei Plaue)
JUNGFERN-GLÜCK
Niemand schwatze mir vom Lieben und von Hochzeitsmachen vor,
Cypripors Gesang und Liedern weyh ich weder Mund noch Ohr.
Ich erwehl zu meiner Lust eine Cutt*- und Nonnen-Mütze,
Da ich mich in Einsamkeit wieder manches lästern schütze.
Ich will lieber Sauer-Kraut und die ungeschmeltzten Rüben
In dem Kloster vor das Fleisch in dem Ehstands-Hause lieben.
Mein Vergnügen sey das Chor, wo ich sing und beten tuhe,
Denn dasselbe wirkt und schafft mir die wahre Seelen-Ruhe.
Will mir den gefaßten Schluß weder Mann noch Jüngling glauben,
Immerhin, es wird die Zeit euch doch diesen Zweifel rauben.
Geht nur hin, und sucht mit Fleiß Amors Pfeile, Amors Waffen
Und geberdet euch darbey als wie die verliebten Affen!
Dorten stund in einem Carmen** auf den Herrn von Obernütz:
Kriegt das schöne Jungfern-Röckgen einen Flecken, Ritz und Schlitz,
So muß auch der Jungfern Glück und die edle Freyheit weichen,
Und dargegen sucht die Angst sich gar eilend einzuschleichen.
Dieser Vers hat recht gesagt, Jungfern können kühnlich lachen;
Dahingegen manches Weib sich muß Angst und Sorge machen.
Kriegt die Noth durch Gegen-Mittel eine Lindrung und ein Loch,
Ey, so währt es doch nicht lange, und man schauet immer noch
Eben so viel Bitterkeit als in Erfurt Mannes Krausen,
Leid und Trübsal, Gram und Pein will die armen Weiber zausen.
Kriegt ein Weib von ihrem Mann manchen Tag ein Dutzend Mäulgen***,
Ey! so sagt, was folgt darauf? Über gar ein kleines Weilgen
Brennt des Mannes Zorn wie Feuer, und er schwöret beym Parnaß:
Frau! ich werde dich noch prügeln, oder stecke dich ins Faß.
Dieser Weiber Noth und Pein will ich mich bey Zeit entschlagen,
Denn so darf kein Herzens-Wurm jemahls meine Seele nagen.
Drum so sag ich noch einmahl; Gute Nacht, du Scherz und Küssen,
Ich will deine Eitelkeit bis in meine Gruft vermissen.
Aus: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hrsg. u. eingeleitet von Gabriele Brinker-Gabler. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1978, S. 127
Holger Drachmann
(* 9. Oktober 1846 in Kopenhagen; † 14. Januar 1908 in Hornbæk, Seeland)
Horch, welch ein Laut!Horch, welch ein Laut — aus dieser Einsamkeit, Tief aus des Waldes dunklen Schauerschlüften! Pflanzen und Tiere, alles, was da lebt, Die allerkleinsten Wesen in den Lüften, Der Stein im Staube selbst, fühllos und kalt, — Alles von unbekanntem Schmerz durchbebt, Alles in namenloser Angst Gewalt! O weh mir! Welches Graun erblickt' ich dort, Was hebt sich über Bäume dort und Klippen? Geister, die wirr entfliehn und lockend harren, Augen, die lichtscheu lodernd niederstarren, Hände, die sich im Fieber krampfen, Lippen, Denen zum Fluche wird das Segenswort, Zeichen, in denen wieder mir erscheint Mein Jugendwähnen, das ich tot gemeint! So haben stets sie über mich Gewalt? Hab’ ich in bittrem Schmerz sie nicht bezwungen? Hab’ ich nicht fühllos mich geglaubt und kalt, Frei wie die Wesen, die in Lüften schweben? Ward nicht die Einsamkeit mein neues Leben, In dem ich sicher atme, ihr vertraut, Frei von den Schemen der Erinnerungen? Was also bange ich? — Horch, welch ein Laut!
Deutsch von Otto Hauser, aus: Die Lyrik des Auslandes in neuerer Zeit. Hrsg. Hans Bethge. 6.-10. Tsd. Leipzig: Max Hesse (1. Tsd. 1907), S. 79f.
Adolf Glaßbrenner
(* 27. März 1810 in Berlin; † 25. September 1876 ebenda)
1 – 10.
An Deutschlands bald’ger 1heit
Da 2fle ich noch sehr;
Ick jebe keenen 3er
4 diese Hoffnung her.
5 Nationalitäten
Sind, wo 6 Deutsche stehn,
Die Alle abzu7,
Gebt 8, det wird nich jehn:
Viel sind dem 9 noch abhold
Vom Scheitel bis zum 10.
Aus: Deutsche Lyrik 1830-1900. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge hrsg. v. Ralph-Rainer Wuthenow. München: dtv, 2001, S. 169
Nachrichten über Elisabeth Paulsen seien spärlich, schreibt Gisela Brinker-Gabler in ihrer berühmten Anthologie, aus der ich heute ein Gedicht bringe. „Sie wuchs in Holstein als Tochter eines Kirchenpropstes auf und lebte später verheiratet in Hamburg. Sie veröffentlichte zwei Gedichtbände, die in Bibliotheken nicht mehr greifbar sind. Bekannt ist ihre Lyrik nur aus Anthologien und Zeitschriften des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts. Eine Ausnahme ist die von Elisabeth Langgässer herausgegebene Anthologie von 1934, die noch einige Gedichte enthält.“
Immerhin weiß Wikipedia, mit wem sie verheiratet war: dem Schriftsteller, Fotografen, Verleger und Biosophen Ernst Fuhrmann. Sie lebte von 1879 bis 1951. Ihr Nachlass befindet sich in der Staats- und Universitätsbibliothek „Carl von Ossietzky“ Hamburg.
Fuhrmann veröffentlichte in der Zeitschrift „Gegner“, die um die Jahrtausendwende in Berlin wiedergegründet wurde (von und mit Tone Avenstroup, Stefan Döring, Bert Papenfuß und anderen). Fuhrmanns Werk lebt in dieser und anderen Zeitschriften, ihrs auch?
DIE AMAZONE
Vom Schwarzen Meer
kamen sie her;
mit fliegenden Haaren;
auf Rossen,
goldhufbeschlagen;
und alle tragen
Schilde und Speer.
Vor ihnen her
reitet
Pentesilea.
Erschlagen will sie
den besten Mann.
Erschlagen, weil er ihr Herz gewann,
Achilles.
Kein Hemd
schirmt ihre zarte Brust.
Furchtfremd,
in Kampflust
funkelt ihr Auge;
Achilles steht und starrt sie an.
»Nun wehr dich! Achilles!
Ich will dich erschlagen!
Ich! Pentesilea!«
Sie sprengt heran.
Im Todessprung steigt
hufblitzend ein Roß.
Achilles schaudert: sein Geschoß
färbt sich in heißem Herzblut.
Zwei nackte Arme,
ringgeschmückt,
fallen zur Seite –
Nie wieder reitet,
nie wieder streitet
Pentesilea.
Achilles barg sich in seinem Zelt
drei Tage lang.
Sein Herz blieb ihm für immer krank.
So schlug den Helden
Pentesilea.
Aus: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hrsg. Gisela Brinker-Gabler. Frankfurt/Main: Fischer, 1978 (1.-15. Tsd.) – 16.-25. Tsd., 1979 – 43.-44. Tsd., 1991, S. 290.

Johann Peter Titz
(* 10. Januar 1619 in Liegnitz, Schlesien; † 7. September 1689 in Danzig)
Ehrengedicht für Sibylla Schwarz in der Ausgabe ihrer „Deutsche(n) Poetische(n) Gedichte“, die 1650, zwei Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges und 12 Jahre nach dem Tod der jungen Dichterin (1621-1638) in Danzig erschien. Sibylla wäre eine Dichterin seiner Generation, mit der er vielleicht in Kontakt gestanden hätte.
HÆc fuerat , si quà potuisset rumpere fata ,
Teutonici Virgo gloria prima Chori.
Quos olim cantûs , annis profecta , dedisset ,
Tam docto tangens ungve Puella chelyn ?
f*
JOH. PETR. TITIVS.
Prosaübersetzung:
Diese wäre gewesen, wenn sie irgendwie das Schicksal hätte überwinden können,
der höchste Ruhm des deutschen Chores, die Jungfrau;
was hätte sie dereinst in höherem Alter für Gedichte uns gegeben,
da sie als Mädchen die Leier mit solch gelehrtem Fingernagel anrührte?
Joh. Petr. Titius
Übersetzung Immanuel Musäus / Dirk Uwe Hansen.
*) f in der Unterschrift: fecit (hat gemacht)
Band 1 der Kritischen Werkausgabe von Sibylla Schwarz erscheint im Januar in Hardcover und Paperback. Alle Beigaben (darunter Ehren- und Trauergedichte) erscheinen in Band 2, der ebenfalls noch in diesem Jahr erscheinen wird.
João Cabral de Melo Neto
(* 9. Januar 1920 in Recife, Pernambuco; † 9. Oktober 1999 in Rio de Janeiro)
FABEL EINES ARCHITEKTEN
I
Die Architektur als Bauen von Türen
zum Öffnen; oder als Bauen des Offenen;
bauen, nicht als Verinseln und Fesseln,
auch nicht Bauen als Verschließen von Geheimnissen;
Bauen von offenen Türen als Türen;
Häuser ausschließlich aus Türe und Dach.
Der Architekt: der dem Menschen öffnet
(alles würde in offenen Häusern gesunden)
Türen zum, nie Türen gegen;
zum freien: Licht Luft richtigen Bewußtsein.
II
Bis er, von so vielem Freien erschreckt,
widerrief, Leben im Offenen, Hellen zu spenden.
Statt lichte Weiten zum Öffnen mauerte er
Dunkles zum Schließen; wo Glas, da Beton;
bis er den Menschen wieder verschloß:
in der Uterus-Kapelle, in der Behaglichkeit
des Mutterschoßes war er von neuem Fötus.
Deutsch von Curt Meyer-Clason. Aus: João Cabral de Melo Neto, Poesiealbum 98, Berlin: Neues Leben, 1975, S. 15
Neueste Kommentare