Paul Verlaine
(* 30. März 1844 in Metz; † 8. Januar 1896 in Paris)
Chanson d'automne Les sanglots longsDes violons De l'automne Blessent mon cœur D'une langueur Monotone. Tout suffocant Et blême, quand Sonne l'heure, Je me souviens Des jours anciens Et je pleure; Et je m'en vais Au vent mauvais Qui m'emporte Deçà, delà, Pareil à la Feuille morte.
Selma Meerbaum-Eisinger
(Selma Merbaum)
(* 5. Februar 1924 in Czernowitz, Großrumänien; † 16. Dezember 1942 im Zwangsarbeitslager Michailowka im rumänischen Okkupationsgebiet Gouvernement Transnistrien)
Herbstlied (Gedicht von Paul Verlaine, aus dem Französischen übersetzt.) Schluchzen so lang,So ewig bang - Herbstgeigen, Rührt an mein Herz Mit dunklem Schmerz Schweigen. Alles erstickt So bleich bedrückt Schlägt die Stund’, Tauchen mir auf Tage wie Rauch, Weint mein Mund, Ich geh’ geschwind, mich trägt der Wind Müd und matt. Lullt er mich ein Ganz so wie ein Totes Blatt. 5.3. 1941
harbst-lid (lid fun pol verlen ibergesetst funem frantseysishn)* a lang geveyn,fildlen aleyn harbst-farnakht. s’geyt sho nokh sho fun benkshaft blo un fartrakht. dershtikt dos glik kuk ikh tsurik - shehen geyen kh’ze iene teg, zunike teg un ikh weyn. ikh loz zikh geyn in wint, aleyn – shver un mat. a mide asa asoi vi a toit blat. * Gedicht von Paul Verlaine, aus dem Französischen ins Jiddische übersetzt.
Aus: Selma Meerbaum-Eisinger, Blütenlese. Gedichte. Hrsg. Markus May. Stuttgart: Reclam, 2013, S. 75f

Orhan Veli Kanık
(* 13. April 1914 in Istanbul; † 14. November 1950 ebenda)
Senfschrift
Wie dumm bin ich doch,
Die Stellung des Senfs in der Gesellschaft
habe ich seit Jahren nicht erkannt.
“Ohne Senf kann man nicht leben.”
Das hat kürzlich auch Abidin
Denen gesagt, die größere Wahrheiten
Kennen.
Ich weiß, notwendig ist der Senf nicht,
Aber Gott möge niemanden ohne Senf lassen.
Aus: Orhan Veli Kanık, Fremdartig. Garip. Gedichte in zwei Sprachen. Hrsg., übersetzt u. m.e. Nachwort von Yüksel Pazarkaya. Frankfurt/Main: Dağyeli, 1985, S. 57
Hardalname
Ne budala şeymişim meğer,
Senelerdenberi anlamamışım
Hardalın cemiyet hayatındaki mevkiini.
«Hardalsız yaşanmaz.»
Bunu Âbidin de söylüyordu geçende.
Daha büyük hakikatlere
Ermiş olanlara.
Biliyorum, lâzım değil ama hardal
Allah kimseyi hardaldan etmesin.
Christo Botew
(auch Hristo Botev, bulgarisch Христо Ботев, * 25. Dezember 1847 jul./ 6. Januar 1848 greg. in Kalofer; † 20. Mai jul./ 1. Juni 1876 greg. – bei einem Aufstand gegen die türkische Herrschaft erschossen bei Wraza)
(Hoffen wir das Beste, dass kein heutiger Dichter so über seine Kollegen schreibt.)
Warum bin ich nicht
Warum bin ich nicht ein Dichter
wie Pischurka? Oh, ich schriebe
eine Ode, wie am Rocken
spinnt Großmütterchen, das liebe!
Warum bin ich nicht ein Dichter
wie Sapunow, daß ich priese
unsres Bischofs edle Pferde,
wie sie wiehern auf der Wiese?
Warum bin ich nicht Wladikin,
daß ich schrieb’ vom wunderbaren
Kampf der Frösche und der Mäuse
mit Radan, dem großen Zaren?
Warum bin ich nicht Woinikow,
ein berühmter Versgestalter,
daß auch ich Gebete weihte
unsrem Zarn, dem Allerhalter?
Warum bin ich nicht Pyrlitschew,
daß Homer ich übersetzte,
doch in solcher Übersetzung,
daß es für sie Prügel setzte?
Warum bin ich nicht Slawejkow,
daß ich sang: Ihr lieben Leute,
mag nicht weinen, mag nicht lachen,
werde blöken nur ab heute?
Warum, ach, bin ich nicht Wasow*,
daß ich säng aus vollem Hals,
glaubend, daß der Wolf zum Schaf werd
und der Dichter ebenfalls?!
1873
Deutsch von Franz Fühmann. Aus: Christo Botew, Schwarz eine Wolke. Gedichte, Publizistik, Briefe. Leipzig: Reclam, 1976, S. 66
ЗАЩО НЕ СЪМ…?
Защо не съм и аз поет,
поет като Пишурката?
Ех, че ода бих направил
на баба си на хурката!
Защо не съм и аз поет,
като Сапунова трети!
Че запял бих, че възпял бих
на владиката конете!
Но защо не съм Владикин,
да напиша чудна драма –
за жабите, за мишките,
и боят им с цар Радана?
Защо не съм и Войников,
плодовит, прочут списател,
да съставя и молитви
на нашия цар създател?
Защо не съм и Пърличев,
да преведа Илиада;
но с такъв превод, за който
и лобут да ми се пада?
Но защо не съм Славейков,
да заплача, да запея:
„Не пей ми се, не смей ми се,
от днес вече ще да блея“?
Но защо не съм и Вазов,
„вярата“ си да възпея:
че ще стане вълк овцата,
а певците като нея?!
Heute vor 60 Jahren schrieb Paul Celan dieses Gedicht, vermutlich in Paris.
Psalm
Niemand* knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unsern Staub.
Niemand.
Gelobt seist du, Niemand.
Dir zulieb wollen
wir blühn.
Dir
entgegen.
Ein Nichts
waren wir, sind wir, werden
wir bleiben, blühend:
die Nichts-, die
Niemandsrose.
Mit
dem Griffel** seelenhell,
dem Staubfaden himmelswüst,
der Krone rot
vom Purpurwort, das wir sangen
über, o über
dem Dorn.
Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtuasgabe. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Suhrkamp taschenbuch 2019, S. 136f
Erstdruck im S. Fischer Almanach, Jg. 76 (1962), S. 48. Im Oktober 1963 im bei Suhrkamp erschienenen Band „Die Niemandsrose“, der seinen Titel von diesem Gedicht hat.
**) Ob Nichts-, Niemandsrose, sie hat gleichwohl eine Blüte mit Krone, Griffel und Staubfaden aus dem Biologiebuch. Die Krone überblendet sich in den folgenden Zeilen mit der Dornenkrone des Gekreuzigten.
Hadayatullah Hübsch
(* 8. Januar 1946 in Chemnitz als Paul-Gerhard Hübsch; † 4. Januar 2011 in Frankfurt am Main – 10. Todestag und vier Tage vor dem 75. Geburtstag)
Die Entdeckung Afrikas
Die Entdeckung Afrikas war in der Sonne,
Als ich noch zu jung war, sie
Lag nackt auf dem Schnee des Kilimandscharos.
Die spiegelte sich im Nil, während
Ein Krokodil träge in das graue Wasser
Des Fotos starrte.
Sie war ein Mythos so groß wie die Haut.
In der Palme die Äffchen.
In der Kokosnuß die Milch.
Äquator.
Die Gieraffee im Sanella-Sammelalbum in
Verwaschenen, stumpfen Farben,
Die Fant Eie,
Die Fee Af,
Waren da nicht auch noch ein paar
Buschmänner mit Pfeilen und Bogen, mit
Langen Messern? Und
Wilde Frauen mit kaum Haar und sehr großen
Ohrringen und Fallbrüsten und einer
Schnur um den Bauch, an den sich
Winzige Babys klammerten?
Ich glaube, es war das Weiße auf dem Berg und
In den Augen und auf der Landkarte,
In dessen undurchdringlicher Mitte sich
Dr. Livingstone mit wem auch immer zufällig
Traf,
Irgendeine Quelle und Liane
Das Mädchen aus dem Urwald, das ein Bananen-
Röckchen trug mit nichts als Josephine
Baker darunter.
Irgendwann kam dann der Kongo dran.
Die Elfenbeinküste lag links.
Weit gegenüber eine Pyramide und ein Kamel,
Vermutlich trank es Wasser aus einem
Schlammigen Timbuktu-Karnevals-Tümpel,
Während nachts in Lambarene Albert Schweitzer
Vor seiner Orgel saß und nicht schlief
Aus Sorge um seine schwarzen Kinder.
Die Buren hatte ich schon fast vergessen.
Aber dass Sahara mit langem a in der Mitte
In Wirklichkeit Köfferchen heißt, nicht.
Eine Zeitlang habe ich versucht,
Sahara richtig zu betonen, mit kurzem ersten a,
Als hätte man keine Halsentzündung dem
Kinderarzt zu verheimlichen,
Aber der Nachrichtensprecher im Fernsehen
War dagegen.
Was also kann ein armer Junge dann anderes tun,
Als abwechselnd Sklave und Sklavenhändler
Zu spielen? Die Entdeckung
Afrikas lag irgendwann in der Zukunft,
Ich wüßte nicht, wer sie einholen könnte,
Wenn nicht jemand, der aussieht wie
Ananas.
Aus: Hadayatullah Hübsch: Eurobeat. Gedichte. Hannover: edition roadhouse, 2004, S. 18f
Renate Rasp
(* 3. Januar 1935 in Berlin; † 21. Juli 2015 in München)
Essen,
was man noch nie geschmeckt hat,
niemals satt sein, was es auch gibt,
schmecken wie Erde ist,
Eierschalen, Unrat
vom Boden lecken, Gras –
aus einem Kleefeld den Kopf nicht heben,
mit einer Zunge dreimal so groß
Wasser trinken, sich entleeren
unter einem haarigen Schwanz,
oder ein Mann sein,
der einem Schaf
hinten sich eindrängt,
langhaarig, weiß,
vor der Krippe,
gerade geschoren,
Schaf sein,
die Frau, die ein Fell spürt,
Pfoten.
Beides haben,
und Brüste dazu
bis zum Nabel hinunter fühlen,
alles auf einmal können,
und selbst,
ununterbrochen
nie zu viel
wie man Atem holt.
Aus: Akzente. Zeitschrift für Literatur. 15. Jg., 1968, H. 1, S. 54
Blaga Dimitrowa
(bulgarisch Блага Димитрова; * 2. Januar 1922 in Bjala Slatina, Oblast Wraza; † 2. Mai 2003 in Sofia)
Urteil
Verurteilt bist du,
bis an dein Ende immer wieder zu beginnen
ganz von vorn.
Die Liebe ist für dich
Neuentdecken eines andern Lebens
unverhofft.
Und jeder neue Frühling
ist für dich Entstehen einer Welt
beispiellos.
Und der Weg nach vorn
ist ein Aufbruch ohne Wissen,
ohne Last.
Und jedes leere Blatt
heißt: qualvoll deinen ersten Vers verfassen
noch einmal.
Mag sein,
sogar der Tod ist für dich Neubeginn,
doch wovon?
1965
Deutsch von Wolfgang Köppe. Aus: Blaga Dimitrowa, Fenster zur Hoffnung. Berlin: Volk und Welt, 1986, S. 32
Neues Jahr, neue Lyrik(anthologie). – Nach dem „Expressionismusjahr“ 2020 (100 Jahre „Menschheitsdämmerung“) setzt die Anthologie der Lyrikzeitung im neuen Jahr kein zentrales Thema, wohl aber Akzente. Da wäre ein besonderes Herzensanliegen – der 400. Geburtstag der Dichterin Sibylla Schwarz (1621-1638). Mit ihr beginnt unsere Jahresanthologie. Mit ihr werden wir uns noch öfter beschäftigen. Für mich verbindet sich damit ein Akzent auf (unterschätzte) Lyrik von Frauen sowie auf Barock und: jung Verstorbene (Sibylla Schwarz wurde nur 17).
Anderes bringt der Kalender mit sich – der 700. Todestag Dantes, der 500. von Sebastian Brant, der 200. von Keats, 100. Todestage von Alexander Blok, Nikolai Gumiljow… Und Geburtstage: Baruch ben Schmuel, ein hebräischer Dichter aus Deutschland, wurde vor 900 Jahren geboren. 400. Geburtstag haben neben der Greifswalder Dichterin ihr berühmter Generationsgefährte Grimmelshausen sowie Georg Neumark und der englische „metaphysische“ Dichter Andrew Marwell. Der 200. Geburtstag von Baudelaire ist zu bedenken wie der des polnischen Dichters Norwid. Von den vielen 100jährigen nur eine kleine Auswahl: H.C. Artmann, Helmut Heißenbüttel, Andrea Zanzotto, Tadeusz Różewicz, Erich Fried…
Aber heute zu Sibylla Schwarz. Ich bringe zum Auftakt ein Sonett aus dem 16teiligen Zyklus der „Etlichen Sonette“. Einige wenige davon (immer dieselben) werden seit ein paar Jahrzehnten anthologisiert bis hinein in den „Kanon“ des Kritikers Marcel Reich-Ranicki. Aber sie verdienen alle Beachtung, auch dieses:
14. 1 MAn sagt / es sey kein Ort / da Amor nicht zu finden / 2 eß sey kein öder Wald / eß sey kein Teil der Welt / 3 da dieser große Fürst nicht seine Hoffstadt helt ; 4 man sagt / eß sey kein Man / den er nicht könne binden : 5 noch hat er meinen Muht nicht können überwinden / 6 weil mir sein schnödes Thun zu keiner zeit gefält ; 7 ob er schon noch so weit ihm bawet sein Gezelt / 8 daß in Arabia man ihn auch stets kan finden. 9 Europa ist zwahr sein / er sitzt in Africa / 10 er wohnt in Asia / und kent America / 11 Jn summ / eß ist kein Haus / das er nicht innen hatt / 12 eß ist kein Menschlich Hertz / das er nicht könte lencken / 13 mich doch / ob er schon nah mir ist / kan er nicht krencken / 14 dan ist er auff dem Dorff / so bin ich in der Stadt. Oder: 15 bin ich dan auff dem Dorff / so ist er in der Stadt.
Die junge Frau ist eine Meisterin des Sonetts. Sie verstand, dass Sonett mehr als ein bisschen Reimverschränkung ist. Sie erfand eine Spielart des Sonetts, die vom „Shakespearesonett“ und „Petrarcasonett“ unterschieden ist. Viele ihrer Sonette sind so gegliedert: 2 Quartette, 1 Zweizeiler, 1 Quartett. Das Reimpaar des englischen Sonetts wird quasi vorgezogen zu einer Art Zwischenzusammenfassung, die aber in einem Schlußquartett noch einmal Antwort oder Weiterführung findet.
Von dieser Grundform ihrer Sonette weicht dieses ab, da es nur eine einzige, durch Einrückung erzeugte Gliederung nach der zehnten Zeile hat. Es scheint zumindest dem ersten Blick nicht aus 3 Teilen zu bestehen, sondern nur aus zwei: 10+4.
(Man darf sich nicht von der tatsächlichen Zahl von 15 Zeilen in diesem Text täuschen lassen. Die letzte, 14. Zeile hat zwei mit „oder“ verbundene Varianten. Sie starb ja, bevor sie ihre Gedichte drucken lassen konnte – so musste sie sich nicht entscheiden. Oder, andere Lesart: sie wollte dem Spiel des Sonetts eine weitere „Spielart“ zufügen, indem sie einfach zwei Ausgänge anbietet, statt sich für eine zu entscheiden. Das wäre ein Ball für die LeserInnen.)
Nimmt man den Inhalt der Verse hinzu, ergibt sich eine etwas abweichende Gliederung. Das Gedicht hat an den Versenden 9 Schrägstriche (die Kommas der damaligen Zeit) sowie zwei Doppelpunkte, drei Punkte und zwei Semikola. Ich sehe mir an, wie die Satzzeichen das Gedicht gliedern. Die Punkte sind dem Schluß vorbehalten, zwei Schlußzeilen zwei Punkte. Die beiden Semikola trennen innerhalb eines Arguments unterschiedliche Gedankenführungen. Die ersten vier Verse beinhalten zwei mit „man sagt“ beginnende Aussagen über Amor:
Danach folgt ein Doppelpunkt und ein völliger Neuansatz, anderer Gedanke: das Ich des Gedichts spricht jetzt von sich. Dieser Ich-Teil reicht von Vers 5 bis 10. Danach beginnt etwas Neues, markiert durch Einrückung des 11. Verses und die bilanzierenden Worte „In summ“.
Auch dieser zweite, der Ich-Teil, ist durch Semikolon in zwei Teile gegliedert:
Ich lese es so. Das Gedicht besteht aus 3 klar unterschiedenen Teilen (Argumenten).
Vier, sechs, vier (oder vier, zwei plus vier, vier) ist die Sonettform, eine Variante ihrer Sonderform.
Jeder dieser drei Argumente ist in Teilargumente untergliedert. In den ersten beiden Teilen sind sie durch Semikolon markiert, nur im letzten, im abschließenden Vierzeiler (der hier ein Fünfzeiler ist) ist die Markierung nicht eindeutig. Formal gibt es vier Zeilen, die durch Schrägstrich getrennt sind (so wie es Schrägstriche ja auch im Innern mancher Zeilen gibt). Betrachtet man den Inhalt, ergibt sich eine Zwei- oder Dreiteilung. Zuerst und offensichtlich haben wir wieder die Trennung zwischen Objekt- und Subjektaussage. Verse 11/12 sprechen objektiv von Amor (der an jedem Ort und in jedem Menschen ist). Verse 13/14 bzw. 15 dagegen sprechen vom Dichter-Ich, das zum zweiten Mal in diesem Gedicht sich selber von der „Allmacht“ ausnimmt. Beim ersten Mal, Verse 5 und 6, besteht der „Trick“ in dem Gegensatz zwischen „Man(n)“ und „ich“. Ist das Ich kein Mann? Scheint so.
Am Schluß ist das Argument ein wenig anders. Hier wird (Vers 12) nicht mehr von „männlich“ gesprochen, sondern von „menschlich“. Amor bindet jedes menschliche Herz, ich bin ein Mensch, aber ich entwische ihm doch. Wie das?
Hier bekommt das Gedicht eine Wendung ins Biografische. Die Tochter des Bürgermeisters hatte das Glück, außer der Stadtwohnung noch ein Landhaus bewohnen zu können. Die beiden Varianten der Schlußzeile machen den Gegensatz Stadt – Dorf auf. Das Gedicht ist ein Scherz. Amor, du kriegst mich nicht.
Ein ernster Scherz („mich nicht, ob er schon nah mir ist“!). Ein genialer Scherz. Was für ein Anfang. Aber sie starb bald danach.
Der letzte Tag des L&Poe-Expressionismusjahres 2020. Heute ist der 135. Geburtstag von Paul Boldt, mit dem unsere kleine Anthologie expressionistischer oder verwandter Gedichte (etwa 160 waren es) schließt. (Aber nächstes Jahr gibt es mehr Gedichte.)
Paul Boldt
(* 31. Dezember 1885 in Christfelde, Westpreußen; † 16. März 1921 in Freiburg im Breisgau)
Lyrik
Wie Wellen fallen, wollen wir es halten,
Die ewig springen mit Elan ans Land.
Zwecklos. So sollen immer überrannt
Die dumpfen Dinge sich nach uns gestalten.
Hasse die Unkunst aller Atemalten!
Gebäre Verse – Schreie, nervgespannt!
Lass Worte anglühn in der Reime Brand
Und dunkeln von Gefühl, wenn sie erkalten.
Schreib kräftig, grade; gib dem Worte viel,
Dem Vers die Worte wie der Brücke Joche.
Die runde Zahl der Tage ist die Woche!
Arbeite und forciere deinen Stil!
Bete zu Nietzsche!* Spanne dich mit Verven
Des Croisset**-Christus, Jesus unsrer Nerven.
Erstdruck: Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 36 (6. Sept.) Sp. 862f
Daniil Charms
(Даниил Хармс; * 17.jul./ 30. Dezember 1905 greg. in Sankt Petersburg; † 2. Februar 1942 in Leningrad)
(1931)
Aus: Daniil Charms: Die Wanne des Archimedes. Gedichte. Aus dem Russischen von Peter Urban. Wien: Edition Korrespondenzen, 2006, S. 95
роберт мавр –
Ну с начинаю
движутся года.
Смотреть и радоваться в книгу
сделанную много сотен лет тому
назад не буду больше никогда.
Садитесь в круг
ученья каждому открою двери.
Без цифр наука как без рук.
начнёмте с цифр:
три контуром напоминает
перерезанное сердце
Согласны?
Все хором –
согласны!
Màrius Torres
(* 30. August 1910 in Lleida; † 29. Dezember 1942 in Sant Quirze Safaja, Provinz Barcelona)
Aviat, als asils i als bancs de la ciutat,
entrarà al cor dels pobres tot el fred que s’acosta,
i a les mans, consumides de tant d’haver captat,
la misèria i l’hivern curullaran l’almosta.
Un silenci profund i vivent com un hoste
s’instal·larà a les cambres del vell palau tancat,
i pels camins, allargassats sota la posta,
descendiran les clares nits sense pietat.
I, tanmateix, que bells, el violeta pàl·lid,
el verd brillant, encès d’or immaterial
d’aquest ponent d’octubre, orgullosament alt!
Dura beutat que gela tot foc amb el seu hàlit!
Només, darrera els ulls, puja un vent aspre i càlid,
com d’una cova on crepités una fornal.
Sehr bald wird in den Heimen, auf den Stadtbänken
ins Herz der Armen all die Kälte dringen, die herannaht,
die Schale beider Hände, so abgenutzt vom Betteln,
werden das Elend und der Winter reichlich füllen.
Ein tiefes Schweigen, so lebendig wie ein Gast,
zieht in die alten Kammern des geschlossenen Palastes,
und auf den Wegen, die der Sonnenuntergang verlängert,
steigen die klaren Nächte gnadenlos herab.
Und doch: Wie schön sie sind, das blasse Violett,
das helle Grün, von unstofflichem Gold entzündet,
dieses Oktoberabends voller stolzer Höhe!
Du harte Schönheit, deren Atem Feuer macht zu Eis!
Hinter den Augen nur steigt auf ein rauer, warmer Wind,
als wenn in einer Höhle eine Schmiede glühte.
Aus:
Màrius Torres: Poesies/Gedichte. Katalanisch/deutsch. Übertragen von Àxel Sanjosé. Aachen: Rimbaud Verlag, 2019. (https://www.rimbaud.de/books/marius-torres-poesies-gedichte/)
Mit freundlicher Genehmigung.
Alfred Wolfenstein
(* 28. Dezember 1883 in Halle; † 22. Januar 1945 in Paris)
MUND
Im Wege ist mein Mund mir, wenn ich sprechen will,
Er liegt so sicher und aufdringlich still,
In des Gesichtes Reize ist er zu verstrickt.
Er blickt zu sehr hinaus und wird erblickt.
Ein Fremder ist er, welcher mich genießt,
Mühlos von meinen Worten überfließt.
Und fast nur hört — er spricht fast gar nicht was er spricht
Und macht doch den, der alles tut — und ist fast nicht,
Ist nicht einmal das Tor, — ein Loch, durchschrien
Vom Geist voll Scheu, — ein Zufall, — ja ich hasse ihn —
Der ich mich liebe.
Aus: Alfred Wolfenstein, Die gottlosen Jahre. Berlin: S. Fischer, 1914, S. 43
Ossip Mandelstam
(Осип Эмильевич Мандельштам, * 3.Januar jul./ 15. Januar 1891 greg. in Warschau; † 27. Dezember 1938 in einem Lager bei Wladiwostok)
„Ma voix aigre et fausse …“*
Paul Verlaine
Und ich sag dir mit der letzten
Ehrlichkeit:
Alles Quatsch und Cherry Brandy,
Engel mein.
Da, wo den Hellenen Schönheit
Strahlend war,
Gähnt für mich aus schwarzen Löchern
Meine Schmach.
Helena, verfrachtet übern
Meeresgrund.
Aber mir bleibt nur mit Salzschaum
Übern Mund.
Meine Lippen wird bestreichen
Leere, Nichts.
Und den Vogel wird mir zeigen, was
Armut ist.**
Ob zum Teufel, ob zum Kotzen –
Alles eins.***
Engel Mary, trinke Cocktails,
Saufe Wein!
Und ich sag dir mit der letzten
Ehrlichkeit:
Alles Quatsch und Cherry Brandy,
Engel mein.
2. März 1931
Deutsch von Rainer Kirsch (1967)
Aus: Ossip Mandelstam, Poet’s Corner 8. Ausgewählt von Rainer Kirsch. Berlin: Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße, 1992, S. 19
** In der Ausgabe Ossip Mandelstam, Hufeisenfinder. Russisch und deutsch, hrsg. Fritz Mierau, Leipzig: Reclam, 1975, S. 137: „Einen Vogel wird mir zeigen, was / Armut ist.“ Ebenso im zerlesensten Band meiner Sammlung der „Weißen Lyrikreihe“ des Verlages Volk und Welt: Tristia, 1985. Ralph Dutli, Mitternacht in Moskau. Die Moskauer Hefte. Gedichte 1930-1934, Frankfurt/Main: S. Fischer, 1990, übersetzt: „Armut zeigt mir höhnisch reizend / Ihr Gesicht.“ (S. 55).
*** Dutli a.a.O.: „Hoppla, weiter, auch mich lockt es“
„Ma voix aigre et fausse …“*
Paul Verlaine
Я скажу тебе с последней
Прямотой:
Всё лишь бредни, шерри-бренди,
Ангел мой.
Там, где эллину сияла
Красота,
Мне из черных дыр зияла
Срамота.
Греки сбондили Елену
По волнам,
Ну а мне – соленой пеной
По губам.
По губам меня помажет
Пустота,
Строгий кукиш мне покажет
Нищета.
Ой-ли, так-ли, дуй-ли, вей-ли.
Всё равно.
Ангел Мэри, пей коктейли,
Дуй вино!
Я скажу тебе с последней
Прямотой:
Всё лишь бредни, шерри-бренди,
Ангел мой.
2 марта 1931
Georg Trakl
(* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien)
HÖLDERLIN
Der Wald liegt herbstlich ausgebreitet
Die Winde ruhn, ihn nicht zu wecken
Das Wild schläft friedlich in Verstecken,
Indes der Bach ganz leise gleitet.
So ward ein edles Haupt verdüstert
In seiner Schönheit Glanz und Trauer
Von Wahnsinnn, den ein frommer Schauer
Am Abend durch die Kräuter flüstert.
Aus: Georg Trakl, Dichtungen und Briefe. Hrsg. Hans Weichselbaum. Salzburg, Wien: Otto Müller, 2020, S. 304
(Nachlass, Gedichte 1909-1912)
Aus: Sir Gawain und der Grüne Ritter
Dann stellten sie dem Ritter höflich und taktvoll Fragen über ihn selbst, bis er freundlich mitteilte, von welchem Hof er komme, daß sein einziger Herrscher der edle und vornehme Artus sei, der mächtige König der Runden Tafel; [905] Gawain selbst sitze vor ihnen, gekommen, das Weihnachtsfest mit ihnen zu verbringen, so wie es der Zufall gewollt habe. Als der Herr des Hauses gehört hatte, wen er als Gast bei sich hatte, lachte er vor Freude laut auf, und mit ihm freuten sich alle Burgbewohner, [910] und sie suchten eilends die Gesellschaft dieses Mannes, der Ehre, Tapferkeit und höfisches Wesen in seiner Person vereinigt und immer nur gelobt wird; überall in der Welt genießt er höchsten Ruhm. Jeder der Männer flüsterte seinem Nachbarn zu: [915] »Jetzt werden wir Beispiele höfischer Lebensart kennenlernen und die makellose Redeweise der Hofgespräche. Welche Wirkung von der Sprache ausgehen kann, werden wir ohne weiteres von ihm lernen können, denn wir haben hier den Vater der vollkommenen Höfischkeit aufgenommen. Wahrhaftig, Gott hat uns eine große Gnade erwiesen, [92o] daß Er uns einen solchen Ritter wie Gawain als Gast beschert, [jetzt zu Weihnachten,] da die Menschen sich der Geburt unseres Herrn freuen und sie in fröhlichen Liedern besingen sollen.
Was es heißt, edel gesittet zu sein, wird dieser Ritter uns nun Vorleben, [925] und alle, die ihn hören, werden wohl über die Kunst des Minnegesprächs etwas lernen können.«
Aus: Sir Gawain und der Grüne Ritter. Sir Gawain and the Green Knight. Englisch/Deutsch. Übersetzt und hrsg. v. Manfred Markus. Stuttgart: Reclam, 1998, S. 62ff
Then queries and questions carefully framed
on private matters were put to that prince.
So he spoke of his court, in courteous words,
as that which highborn Arthur held as his own,
who ruled the Round Table as its regal king —
and their guest, he told them, was Gawain himself,
come to them at Christmas as his course unfolded.
On learning whom luck had brought him the lord
laughed out loud for sheer heart’s delight.
Within that moat every man was eager to move,
and pressed forward promptly to enter the presence
of „that paragon of prowess and of perfect manners,
whose virtues and person are constantly praised:
of all men on earth most worthy of honor!“
Each man of them, murmuring, remarked to his fellows,
„Now we shall see courtesy cleverly displayed
among faultless feats of fine conversation!
We will learn untaught how to talk nobly
when we face such a fine father of breeding!
God has graced us indeed, with a grand blessing,
to grant us the guest that Gawain will make
when we sit and sing glad songs of Christ’s new birth.
The meaning of his mannered ways
will show what words are worth —
and teach us terms to play
the game of lovers‘ mirth.“
Quelle: https://docs.google.com/document/d/1gKkQdZ2kjm-9jhggdfHFZxGWH1Uzyb7ojDzgmhgyBJA/edit#!
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