Das Flutgelall

Es steht nicht im Meyer und auch nicht im Grimm – und es existiert doch. Für das Wort „Flutgelall“ fand ich zwei Belege. Beide stehen unter dem Titel „Pegnesisches Schäfergedicht“ – eine Kollektivdichtung des „Pegnesischen Blumenordens“, das war eine der vielen Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts (offenbar die einzige dieser Sprachgesellschaften, die noch heute besteht). Ihre Mitglieder nennt man auch Pegnitzschäfer, nach dem Fluß Pegnitz, der durch Nürnberg fließt. Es war eine besonders spiel- und experimentierfreudige Gruppe. Wie in den damaligen Dichtergruppen üblich, erhielten die Mitglieder Ordensnamen – die Pegnitzschäfer bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. In den folgenden zwei Strophen singen Montano (Johann Helwig) und Strephon (Georg Philipp Harsdörffer) zum Lob ihrer Ordensbrüder Klajus (Johann Klaj) und Floridan (Sigmund von Birken).

Montano.

In der Luft
Singt die holde Nachtigall/
Daß der helle Gegenhall
Wiederrufft:
Aber diß/ was Klajus singt/
Bässer klingt.

Strephon.

Wie der Bach
Schlürfelt mit dem Flutgelall/
Vnd spielt mit dem Lispelschall
Nach und nach:
Also singt der Schäfersmann
Floridan.

Quelle: Georg Philipp Harsdörffer/ Sigmund von Birken/ Johann Klaj: Pegnesisches Schäfergedicht. Tübingen 1966, S. 95-96. (Hier bei zeno.org)

Das zweite, eigentlich das erste, das ich fand, als ich nach Gedichten eines heutigen Geburtstagskinds suchte, er heißt Lerian, eigentlich Christoph Arnold (* 12. April 1627 in Hersbruck; † 30. Juni 1685 in Nürnberg).

Aus dem Pegnesischen Schäfergedicht

Lerian:

Es wallt das Flutgelall, die schnellen Wellen schwellen.
Die helle Wellenzell ballt den Kristallenwall,
Der Wollenhüter billt, die Lämmerhälse schellen:
Doch schallt vor allem wohl der helle Gegenhall.

Strephon:

Des Baches Wasserstraß rauscht mit dem Sausselgießen:
Es schläfert das Geschlürff die lassen Hirten ein.
Des Flusses Lispelschuß schleußt unsrer Augen Schein
Und will durch nassen Kies das Schäferspiel versüßen.

Montano:

Der Stumme stummt und mummt, in dem sich stämmt die Stimme
Der Dumme munkt und muckt mit halbem Zahngebrümme:
Bei jenem mummt der Mund, dem ist der Mut ein Mäm.
Doch Mämme, Stumm und Dumm stummt keines in dem M.

Klajus:

Der kekke Lachengekk koaxet, krekkt und quakkt.
Des Krippels Krükkenstokk krokkt, grakkelt, humpt und zakkt.
Des Gukkuks Gukke trotzt den Frosch und auch die Krükke.
Was knikkt und knakkt noch mehr? kurtz hier mein Reimgeflikke.

Floridan:

Wann Schäfer-Trifften trifft das Ruffen frecher Treffen,
Der Waffen puff und paff, pfeifft unsre Pfeiffe? Nein.
Das Hoffen äffet offt, offt trifft es trefflich ein,
Drum hoffet, Hoffen wird nicht mehr den Frieden äffen.

Christoph Arnold (Lerian), Georg Philipp Harsdörffer (Strephon), Johann Helwig (Montano), Johann Klaj (Klajus), Sigmund von Birken (Floridan)

Aus: Beispiele manieristischer Lyrik. Hrsg. Gerd Henniger. München: dtv, 1970, S. 176f

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