Tragischer Chor

Algernon Charles Swinburne

(* 5. April 1837 in London; † 10. April 1909 ebenda)

Tragischer Chor

Vor aller der Jahre Anheben,
Da der Mensch ward, kamen heran,
Zeit ihm Zähren zu geben,
Gram, mit dem Glas das rann,
Lust, mit Schmerzen darwider,
Sommer, mit fallendem Flor,
Erinnrung aus Himmeln hernieder,
Und Wahn aus Höllen empor,
Kraft ohne Hände zu schlagen,
Liebe, die währt eine Frist,
Nacht, der Schatte von Tagen,
Und Leben, das Todes ist.

Und die Urgötter reckten die Hand
Nach Feur, und Tränengeträufte
Und wenigem gleitenden Sand
Aus den Tapfen von Füßen der Läufte,
Und Staub der mühenden Erden
Und Schaumtrift Meers und der Furt,
Und Leibern von Dingen die werden
In den Häusern von Tod und Geburt,
Und wirketen selig und bänglich
Und fügten mit Liebe und Schmach,
Darüber und drunter vergänglich,
Und lebend davor und danach,
Für ein Tagen und Nachten und Morgen
Daß es spannlang währe zumeist,
Mit Mühsal und schweren Sorgen
Des Menschen heiligen Geist.

Von dem nord- und südlichen Sund
Sie sammelten Windes Weben,
Sie bliesen auf seinen Mund,
Sie füllten den Leib mit Leben,
Sprach´ und Gesicht ward gemacht
Der Seele darin zu Gespinst,
Eine Frist für Rat und Bedacht
Eine Frist für Schulden und Dienst.

Sie gaben ein Licht seinen Pfaden
Daß er liebt und Frist daß er lacht,
Und Länge der Tage und Gnaden,
Und Nacht, und Schlaf in der Nacht, –
Sein Sprechen entzündet mit Lodern,
Mit den Lippen tut er sich Not,
Sein Herz ist blind und ein Fodern,
In den Augen ahndet er Tod;
Er webt, und sein Kleid ist Gelächter,
Er wirft, und nichts das er traf,
Er lebt, ein Seher ein Wächter
Zwischen Schlaf und aber Schlaf.

Aus: Die fremde Muse. Übertragungen von Rudolf Borchardt. In Verbindung mit Marie Luise Borchardt und Francis Golffing hrsg. von Ulrich Ott. Marbacher Schriften, in Kommission bei Klett, Stuttgart, 1974, S. 57f

Before the beginning of years
There came to the making of man
Time, with a gift of tears;
Grief, with a glass that ran;
Pleasure, with pain for leaven;
Summer, with flowers that fell;
Remembrance, fallen from heaven,
And madness risen from hell;
Strength without hands to smite;
Love that endures for a breath;
Night, the shadow of light,
And life, the shadow of death.

And the high gods took in hand
Fire, and the falling of tears,
And a measure of sliding sand
From under the feet of the years;
And froth and the drift of the sea;
And dust of the laboring earth;
And bodies of things to be
In the houses of death and of birth;
And wrought with weeping and laughter,
And fashioned with loathing and love,
With life before and after
And death beneath and above,
For a day and a night and a morrow,
That his strength might endure for a span
With travail and heavy sorrow,
The holy spirit of man.

From the winds of the north and the south,
They gathered as unto strife;
They breathed upon his mouth,
They filled his body with life;
Eyesight and speech they wrought
For the veils of the soul therein,
A time for labor and thought,
A time to serve and to sin;
They gave him light in his ways,
And love, and space for delight,
And beauty, and length of days,
And night, and sleep in the night.
His speech is a burning fire;
With his lips he travaileth;
In his heart is a blind desire,
In his eyes foreknowledge of death;
He weaves, and is clothed with derision;
Sows, and he shall not reap;
His life is a watch or a vision
Between a sleep and a sleep.

(1865)

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