Oktay Rifat
(* 10. Juni 1914 in Trabzon; † 18. April 1988 in Istanbul)
Poesie

Sag wenig
Kaum sichtbar dein Taschentuch
Halb gestopft deine Pfeife
Mach kleiner die kleinen Zettel
Unserer täglichen Poesie.
Şiir
Az söyle
Mendilin görünür görünmez
Pipon yan dolu
Küçük kâğıtlarını küçült
Gündelik şiirimizin
Aus dem Türkischen von Yüksel Pazarkaya. Aus: Atlas der neuen Poesie. Hrsg. Joachim Sartorius. Reinbek: Rowohlt, 1995, S. 259
In seiner „Poetery“ bezieht sich Martin Opitz mehrfach auf dem niederländischen Dichter Daniel Heinsius als Vorbild. In dem folgenden Ausschnitt bringt er ihn als Beispiel für eine Figur mit Komposita:
So Heinsius in dem Lobgetichte des Weingottes/ welches er auch zum theil von dem Ronsardt entlehnet:
Nacht-looper/ Heupe-soon/ Hooch-schreeuwer/ Groote-springer/
Goet-geuer/ Minne-vrient/ Hooft-breker/ Leeuwen-dwinger/
Hert-vanger/ Herßen-dief/ Tong-binder/ Schudde-dol/
Geest-roerder/ Waggel-voet/ Staet-kruijßer/ Altijet-vol.
Vnd nach meiner verdolmetschung:
Nacht-leuffer/ Hüffte-sohn/ Hoch-schreyer/ Lüfftenspringer/
Guet-geber/ Liebesfreundt/ Haupt-brecher/ Löwen-zwinger/
Hertz-fänger/ Hertzen-dieb/ Mund-binder/ Sinnen-toll/
Geist-rhürer/ wackel-fuß/ Stadt-kreischer/ Allzeit-voll.
Nach dem Opitz-Heinsiusschen Vorbild kann man schöne Schimpfwortkaskaden bilden, wie in diesem Gedicht:
Joachim Rachels
aus Lunden
Nach dem Originale verbesserte
und
mit einem neuen
Vorberichte
begleitete
Teutsche Satyrische
Gedichte.
Daraus ein Auszug als Gruß zum Geburtstag des Niederländers (den auch Sibylla Schwarz gelesen hat). Es ist eine Standpauke der Ehefrau für den von einer Zechtour heimkommenden Gatten (aber sie nennt ihn Hahnrey):
Sie wird nicht ferne seyn und dir den Segen sprechen
Zwo guter Stunden lang: Nun Schwelger, nun wolauf!
Bekömmt es dir auch wol? sauf, Schelm, sauf, Bettler, sauf,
Und morgen such das Thor. Verschwende deinen Kindern
Und mir und dir zugleich die Kleider von dem Hindern.
Ich Arme bin bemüht und fresse schimlich Brodt.
Du Hahnrey sauffest nur und weist von keiner Noth.
Juchschreyer, Schneideluft, Trotz-Märtel, Windverkaufer,
Weingurgel, Suchebier, zwey-drey-vier-Pegelsauffer,
Durchfresser, Pfeiffenheld, Toback-Rauch-Speichel-Maul,
Bey allen Zechen frisch, zu aller Arbeit faul.
O bittere Gedult, die dieser Mann muß tragen.
Ein solcher wird ein Spott und Sprichwort in Gelagen,
Ein Schimpf der gantzen Stadt. Heist, doch nur halb mit Recht,
Rotzlöffel, Windelvogt, Zuschnürer, Küchenknecht.
Robert Desnos
(* 4. Juli 1900 in Paris; † 8. Juni 1945 in Theresienstadt)
AUF HALBEM WEG
Es gibt einen bestimmten Moment im Ablauf der Zeit,
Da der Mensch genau die Mitte seines Lebens erreicht.
Den Bruchteil einer Sekunde,
Ein flüchtiges Bißchen Zeit, schneller als ein Blick,
Schneller als der Höhepunkt der Liebesseligkeit,
Schneller als das Licht.
Und der Mensch ist empfänglich für diesen Moment.
Lange Strecken zwischen dem Blätterwerk
Erstrecken sich zu dem Turm, in dem eine Dame schläft.
Deren Schönheit den Küssen widersteht, den Jahreszeiten,
Wie ein Stern dem Wind, wie ein Felsen den Klingen.
Ein bebendes Schiff reißt das Maul auf und sinkt.
Auf dem Wipfel eines Baumes flattert eine Fahne.
Eine gutfrisierte Frau, deren Strümpfe jedoch auf den Schuhen hängen.
Taucht an einer Straßenecke auf.
Aufgebracht, zitternd.
Mit der Hand eine uralte Lampe schützend, die qualmt.
Auch singt ein betrunkener Dockarbeiter im Winkel einer Brücke,
Auch beißt eine Geliebte ihrem Geliebten in die Lippen,
Auch fällt ein Rosenblatt auf ein leeres Bett,
Auch schlagen drei Standuhren die gleiche Stunde
In Abständen von wenigen Minuten,
Auch dreht sich ein Mann, der auf der Straße vorbeigeht, um.
Weil sein Vorname gerufen wurde,
Doch er ist es nicht, den diese Frau ruft.
Auch eröffnet ein Minister in festlicher Kleidung,
Unangenehm behindert durch den Hemdzipfel, der zwischen
Hose und Unterhose klemmt.
Ein Waisenhaus,
Auch fällt von einem Lastwagen, der mit höchster
Geschwindigkeit durch die nachtleeren Straßen saust.
Eine wundervolle Tomate, die in den Rinnstein rollt
Und die später weggefegt wird.
Auch bricht in der sechsten Etage eines Hauses Feuer aus.
Das im Herzen der Stadt still und unbekümmert vor sich hinbrennt.
Auch hört ein Mann ein Lied,
Das lange vergessen ist, und vergißt es von neuem.
Daneben viele Dinge,
Viele andere Dinge, die der Mensch genau in der Mitte seines Lebens sieht.
Viele andere Dinge spielen sich langsam ab im kürzesten
der kurzen Zeiträume auf Erden.
Er preßt das Geheimnis dieser Stunde aus, dieses Bruchteils einer Sekunde,
Doch er sagt: „Weg mit den finsteren Gedanken“,
Und er jagt die finsteren Gedanken fort.
Und was könnte er sagen.
Und was könnte er machen.
Was besser wäre?
Übertragen von Anneliese Hager
Aus: Poesiealbum 30. Robert Desnos. Berlin: Neues Leben, 1970, S. 18f
Siegfried Kapper
(* 21. März 1820 in Smíchov; † 7. Juni 1879 in Pisa)
Er könnte uns ein europäischer Held sein. Siegfried Kapper, geboren als Isaac Salomon Kapper, ein deutsch-tschechischer Schriftsteller, Übersetzer und Arzt. Ein deutscher und ein tschechischer Dichter in einer Zeit der erwachenden Nationalismen. Er war den Jungdeutschen und Jungböhmen verbunden. Er war der erste Jude, der ein Buch in tschechischer Sprache schrieb. Ein Tscheche, der sein Judentum nicht verleugnen wollte. Seine deutschen Texte wurden von Johannes Brahms und anderen Komponisten vertont. Er reiste durch halb Europa, schrieb Reiseberichte und sammelte Volkslieder der Serben, Kroaten, Slowaken, Böhmen und Mähren. Hier ein „mohammedanisches“ Lied aus dem Band „Die Gesänge der Serben“, 2. Teil. Leipzig: Brockhaus, 1852, S. 190. Ein Lied, das nicht jedem serbischen oder türkischen Nationalisten gefallen haben mag und auch uns noch überrascht.
Ueberdrüssig bin ich nun, ich Mädchen.
Mohamedanisch.
O ihr Höfe, möchtet ihr verfallen!
O du Halle, möchtest du verbrennen!
Ueberdrüssig bin ich nun, ich Mädchen,
So allein zu schlafen in den Kissen,
So nach rechts und links mich stets zu wenden,
Niemand rechts und Niemand links zur Seite,
Müd‘, in kalte Decken mich zu hüllen,
Und mit mir nur Sehnsucht und nur Herzleid!
Doch fürwahr, nicht länger bleib‘ ich einsam!
Müßt mein eignes Kleid dafür ich geben,
Will ich Roß und Falken mir doch kaufen,
Will nach Stambol, nach der Hauptstadt, reiten,
Will neun Jahre dienen dort dem Sultan,
Will neun Agaluke mir verdienen,
Pascha drauf in Sarajewo werden!
Wunderdinge will ich dann befehlen:
Einen Groschen soll ein Knabe kosten,
Eine Witwe – eine Hand voll Tabak,
Doch ein Mädchen tausend Golddukaten!
Alexander Puschkin
(Александр Серге́евич Пу́шкин, wiss. Transliteration Aleksandr Sergeevič Puškin; * 26. Mai jul./ 6. Juni 1799 greg. in Moskau; † 29. Januar jul./ 10. Februar 1837 greg. in Sankt Petersburg)
ELEGIE

Die längst verloschne Lust der tollen Tage
Quält wie ein Rausch nach einem Zechgelage.
Doch das vergangne Leid, das ich bewahr.
Wird stärker wie ein Wein mit jedem Jahr.
Mein Weg ist kalt. Mir kündet Müh und Sorgen
Das Nebelmeer des ungewissen Morgen.
Allein, ich will, o Freunde, nicht verscheiden.
Will leben, um zu denken und zu leiden!
Ich weiß, es wird der Freude reiner Kuß
Mich rühren zwischen Unruh und Verdruß,
Mich werden wieder Harmonien stillen.
Mir werden beim Gedichte Tränen quillen.
Und Liebe wird des Lebens dunkle Grenzen
Vielleicht, zum Abschied, lächelnd überglänzen.
Übertragen von Sigismund von Radecki
Aus: Poesiealbum 169. Alexander Puschkin. Ausgewählt von Eva Strittmatter. Berlin: Neues Leben, 1981, S. 25
Элегия
Безумных лет угасшее веселье
Мне тяжело, как смутное похмелье.
Но, как вино – печаль минувших дней
В моей душе чем старе, тем сильней.
Мой путь уныл. Сулит мне труд и горе
Грядущего волнуемое море.
Но ве хочу, о други, умирать;
Я жить хочу, чтоб мыслить и страдать;
И ведаю, мне будут наслажденья
Меж горестей, забот и треволненья:
Порой опять гармонией упьюсь.
Над вымыслом слезами обольюсь,
И может быть – на мой закат печальный
Блеснет любовь улыбкою прощальной.
1830
Elegie

Die erloschene Fröhlichkeit törichter Jahre / wird mir schwer wie ein trüber Katzenjammer. / Doch es ist wie beim Wein: je älter, desto stärker / in meinem Herzen der Gram vergangener Tage. / Trostlos ist mein Weg. Schwere Arbeit und Leid verheißt mir / der Zukunft unruhiges Meer.
Doch möchte ich, ihr Freunde, nicht sterben; / leben möchte ich, um zu denken und zu leiden; / und ich weiß, unter all dem Kummer, all den Sorgen und Aufregungen / werden mir noch Wonnen zuteil: / Bisweilen werde ich mich wieder an der Harmonie berauschen, / über etwas gut Erdachtem in Tränen ausbrechen, / und vielleicht wird bei meinem traurigen Fortgang / unter Abschiedslächeln die Liebe aufleuchten.
Übersetzt von Kay Borowsky. Aus: Alexander Puschkin, Gedichte. Russisch / Deutsch. Stuttgart: Reclam, 1998, S. 99
In den frühen Jahren der Lyrikzeitung, es kann fast 20 Jahre her sein, meldete sich einmal eine Frau aus Wien, die Friederike Mayröcker regelmäßig besuchte und mir schrieb, sie würde ihr einmal in der Woche die neusten Meldungen der Lyrikzeitung vorlesen. Eine rührende Vorstellung. Gestern ist Friederike Mayröcker gestorben. Sie wurde 96 Jahre alt.
Friederike Mayröcker
(* 20. Dezember 1924 in Wien; † 4. Juni 2021 ebenda)
was brauchst du

was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie grosz wie klein das Leben als Mensch
wie grosz wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie grosz wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel
für Heinz Lunzer
Aus: Friederike Mayröcker, Gesammelte Gedichte. 1939-2003. Hrsg. Marcel Beyer. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004, S. 631
Friederike Mayröcker in der Lyrikzeitung
Yaak Karsunke
(* 4. Juni 1934 in Berlin)
hohl form
»but the cup of white gold at Patara
Helen’s breasts gave that«
Ezra Pound
vermutlich gab
das weiße gold ihrer brust
der schale zu patara gestalt
& gab troja den tod
(gab den griechen den vorwand)
gab dem blinden Homer
atem für (mindestens)
fünfzehn gesänge
& dem verblendeten Pound
ein bild für zwei zeilen
:die fast so schön sind
wie Helenas brüste es waren –
– die patarische schale es ist –
& fast ebenso leer
Aus: Erotische Gedichte von Männern. Hrsg. Aldona Gustas. München: dtv, 1987, S. 148

Nach den Anmerkungen der Poundausgabe:
1 Und war ihre Tochter: Persephone, die Tochter der Demeter, Göttin des Getreides und der Fruchtbarkeit
4 Phlegethon: der feurige Fluss, Unterweltfluss
Ideogramme: kuan: regieren, tzu: Meister. Kuan Chu684-645 v. Chr.. chinesischer Staatsmann und Philosoph. Seine Schriften betonten die zentrale Rolle der Landwirtschaft
18: Patara: griech. Stadt in Kleinasien. Helena ist jene von Troja
20: gr. der Gott
40 Kuan: Tor, Gatter
42: Er schenkte der Nachwelt eine Stadt
Ein Gedicht zum Weltfahrradtag
Karl Mickel
(* 12. August 1935 in Dresden; † 20. Juni 2000 in Berlin)
Siebter, erster, zehnter Gang
7

Neulich sah ich vor mir einen Burschen
Aufm alten Rad, jedoch fünf Gänge
Ich fuhr heran, er sah mich kommen und
Trat ins Pedal, ich ruhig hinterher.
Der schuftete, der Oberkörper schwankte
Hätt ich ihn gesehn von vorn, ich hätte
Auf seiner Stirn den kalten Schweiß gesehn.
Dann trat ich an, nach einem Kilometer
Im siebten Gang, der war der günstigste
Zu groß nicht für den Antritt, nicht zu klein
Für hohes Tempo, vorsorglich geschaltet
Und zog vorbei. Ein Seitenblick belehrte
Mich über seine Jahre: zehn Jahre jünger
Mindestens, und ich bin fünfunddreißig.
Ich rollte aus, von ihm war nichts zu blicken
Ich schaltete auf meinen zehnten Gang
Der seinem fünften gleichkam, wartete
Bis er heran war, gab ihm eine Chance
Trat wieder an, er hielt nicht mit: im Windschatten!
Da war ich aber richtig stolz auf mich
All die Zigarren hatten nicht geschadet.
1
Und wo es ganz platt war
Niedrige Schonung und Fichten-Plantagen
Waren zwei Eichen
Aufgerichtet von der Natur
In langer Zeit
Die linke ein mächtiger Stumpf
In halber Höhe gesplittert
Und Äste um die ab’e Krone knotend
Die rechte ein mächtiger Baum
Kahl
Und ein Gegriesel nicht weiß aber körnig
Als Schnee auf dem Boden
Und locker der Sand unterm Schnee
10
Ab und zu fällt ein Blatt
Von rechts oben vorn nach links unten hinten
Das ist der Ort und die Zeit
Aus: Karl Mickel, Odysseus in Ithaka. Gedichte 1957-1974. Leipzig: Reclam, 1976, S. 118f
Wolfgang Hilbig
(* 31. August 1941 in Meuselwitz; † 2. Juni 2007 in Berlin)
›nach dem zweiten/krieg‹

nach dem zweiten krieg
vergaß man beim aufräumen
einige Vokabeln
aus der welt zu schaffen.
noch immer nicht sind aus der deutschen sprache verbannt
wörter wie
unverbrüchlich
unzertrennlich
uneinnehmbar
unbesiegbar.
rundfunk und presse, ach arme
beine zu allengutendingen –
Aus: Wolfgang Hilbig, Gedichte (Werke 1). Frankfurt/Main: S. Fischer, 2008, S. 14
Alma Johanna Koenig
(geboren 18. August 1887 in Prag, Österreich-Ungarn; ermordet 1. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez)
Brennende Sehnsucht dir ins Blut,
brennenden Traum in deine Nacht!
Brennende Wollust, hochentfacht,
in deine Seele, die nun ruht:
Tröpfelndes Gift in deinen Trank,
fressende Krankheit dir ins Mark,
lähmender Zauber, urweltstark,
dich zu versehren, lebenslang!
Täglich dies Lustermüdetsein,
nächtlich Gesicht, das süß versucht,
stündlicher Selbstverdammnis Pein.
Ewig Verlangen, schlaff, verrucht,
all dieser Hölle Qualen dein,
die ich erleide, ich, die flucht!
Aus: Windsbräute. Deutsche Lyrikerinnen. Hrsg. Armin Strohmeyr. Leipzig: Reclam, 2005, S. 110
Dagmar Nick (* 30. Mai 1926 in Breslau)
Zum gestrigen 95. Geburtstag von Dagmar Nick ein Gedicht aus ihrem ersten Gedichtband.
Die Überlebenden von Theresienstadt
Wir haben sie zerbrochen, ich und du.
Auch du. Warum willst du es nicht mehr wissen?
Wir alle haben schuld, daß sie zerrissen,
zermartert wurden, denn wir sahen zu.
Und schwiegen. Ich und du. Vergiß das nie!
Wir wandten uns von ihnen, kalt und träge,
und ließen sie die letzten, dunklen Wege
alleine gehn. Und dann verblaßten sie.
Sie starben uns. Doch nun verneinen wir
die schwere Schuld, die uns, nur uns gehörte,
da wir sie sehn, die nicht der Tod zerstörte,
sie, die ihn zwangen wie ein großes Tier.
Ihr Sein jedoch, das unerträgliche
Grauen verschüttet haben und zerkleinert,
lebt nur mehr leblos noch und wie versteinert
und bloß ihr Blick sagt das Unsägliche.
Aus: Dagmar Nick, Märtyrer. Gedichte. München: Drei Fichten, 1947, S. 12
Boris Pasternak
(Борис Леонидович Пастернак, * 29. Januar jul./ 10. Februar 1890 greg. in Moskau; † 30. Mai 1960 in Peredelkino bei Moskau)
Definitionen der Poesie

Wie ein jählings anschwellender Pfiff,
Wie das Knacken gepreßter Eisschollen,
Wie der Nachtfrost mit eisigem Griff,
Wie der Wettstreit von Nachtigallen.
Wie die süßwilde Erbse im Feld,
Wie die Tränen des Alls in den Schoten,
Wie der Figaro, der niederfällt
Auf das Beet als ein Hagel von Noten.
Was es wert macht, den schwimmenden Grund
Zu durchforschen, zu greifen die Nächte,
Und den Stern in die Reuse zu tun
Auf der zitternden, nassen Handfläche.
Wie ein Brett flach liegt Glut, wie ein Stein.
In den Himmel streun Erlen ihr Laub,
Wenn die Sterne nun lachten! Doch nein –
Dieses Weltall ist schweigend und taub.
1917
Deutsch von Günther Deicke.. Aus: Boris Pasternak, Initialen der Leidenschaft. Berlin: Volk und Welt, 1969, S. 36f
Определение поэзии
Это – круто налившийся свист,
Это – щелканье сдавленных льдинок,
Это – ночь, леденящая лист,
Это – двух соловьев поединок.
Это – сладкий заглохший горох,
Это – слезы вселенной в лопатках, 1)
Это – с пультов и флейт – Фигаро
Низвергается градом на грядку.
Всё, что ночи так важно сыскать
На глубоких купаленных доньях,
И звезду донести до садка
На трепещущих мокрых ладонях.
Площе досок в воде – духота.
Небосвод завалился ольхою,
Этим звездам к лицу б хохотать,
Ан вселенная – место глухое.
1917
1) В данной случае слово «лопатки» означает стручки горох
Für Interessierte noch zwei Computerübersetzungen
Google:
Definition von Poesie
Das ist eine coole Pfeife,
Das ist das Klicken zerstoßener Eisstücke,
Dies ist eine frostige Nacht
Dies ist ein Duell von zwei Nachtigallen.
Das sind süße alte Erbsen
Das sind die Tränen des Universums in den Schulterblättern, 1)
Dies – mit Fernbedienungen und Flöten – Figaro
Hagel fällt auf das Gartenbett.
Alles was die Nacht so wichtig ist zu finden
Auf tiefen Badeböden,
Und bring den Stern in den Käfig
Auf zitternden nassen Handflächen.
Das Wasser ist dicker als die Bretter.
Das Firmament ist mit Erle bedeckt,
Diese Sterne sollten laut lachen,
Ein Universum ist ein tauber Ort.
1) In diesem Fall bedeutet das Wort „Schulter“ Erbsenschoten
Deepl:
Definition von Poesie
Es ist ein steil gegossener Pfiff,
Es ist das Knacken von gequetschten Eiszapfen,
Es ist die Nacht, die das Blatt kühlt,
Es sind die beiden Nachtigallen, die sich duellieren.
Es sind die süßen Erbsen, die sich stauen,
Es sind die Tränen des Universums in Klingen, 1)
Es ist von den Plektren und Flöten, Figaro.
Tropfen im Hagel auf das Bett.
Alles, was die Nacht so wichtig ist, zu suchen
Auf den tiefen Badeböden,
Und den Stern zur Wiege zu bringen
Auf zitternden, feuchten Handflächen.
Fleischiger als Bretter im Wasser ist die Muffigkeit.
Die Erlen des Firmaments stehen am Himmel,
Die Stars sollten sich ins Fäustchen lachen,
Aber das Universum ist ein tauber Ort.
1) In diesem Fall bedeutet das Wort „Klingen“ Erbsenschoten
Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)
Reinhard Döhl
(* 16. September 1934 in Wattenscheid; † 29. Mai 2004 in Stuttgart)
Georg Rodolf Weckherlin
dankte seinem HErrn auf Knien
daß nach durchgezechter Nacht
er in London aufgewacht.
Georg Rodolf Weckherlin
(* 15. September jul./ 25. September 1584 greg. in Stuttgart; † 13. Februar jul./ 23. Februar 1653 greg. in London)
Von den Frawen A. Hahnin.
Botz Creutz/ wie ist ( O schand / O schmach!)
Der heurat ein verdöcktes essen!
O hertzleyd nimmer zu vergessen!
Mit seuftzen die Fraw hahnin sprach.
Ich hoffet / als man jhn mir gab /
Das einen hahnen ich genommen /
So hab ich / (ach weh! daß ich hab)
Nur einen copaunen bekommen.
Beides (und mehr) hier
Rumi
(Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, geboren am 30. September 1207 in Balch, heute in Afghanistan, oder Wachsch bei Qurghonteppa, heute in Tadschikistan; gestorben am 17. Dezember 1273 in Konya, Türkei)
Ein selten Wild hab ich gefangen – was soll ich tun?
Mein armer Kopf ist rauschverhangen – was soll ich tun?
Ich bin ein Heuchler, ein gar frommer, doch wenn am Weg
Mich küßt ein Kind mit holden Wangen – was soll ich tun?
Aus: Dschalaluddin Rumi, Gedichte aus dem Diwan. Ausgewählt, aus dem Persischen übertragen und erläutert von Johann Christoph Bürgel. München: Beck, 2003, S. 91
Moritz August von Thümmel
Moritz August von Thümmel (* 27. Mai 1738 in Schönefeld; † 26. Oktober 1817 in Coburg)
ELEGIE AUF EINEN MOPS.
Das grosse Warnungsbild, das ich mit ihm verloren,
So weit mein Auge reicht, ersetzt kein andres nicht.
Belehrender war nie ein Sonderling geboren,
Und keiner trug, bei kürzern Ohren,
Ein philosophischer Gesicht.
Zwar sah’ ich manche Stirn von Königsberg bis Leiden
Mit diesem mystischen gelehrten Ueberzug:
Doch sah’ ich keine je, die, Runzeln so bescheiden,
Von allen Wesen zu beneiden,
Als meines Hundes Stirne, trug.
Der schönsten Stadt entführt, wo der Beruf zu schlafen,
Durch Lindenduft verstärkt, das Bürgerrecht ihm gab,
Ward er, wie Epiktet, vom ungestalten Sklaven
Mein Freund. Er wars, dem Polygraphen
Der Schweiz zum Trutz, bis an sein Grab.
Er warf den hohen Ernst der kritischen Geberde
Nie auf ein Mitgeschöpf, nie ausser sich herum.
Der Schnarcher suchte nie, so weit ihn Gottes Erde
Auch trug, dass er bewundert werde,
Ein grössres Auditorium.
Nur still erbaut’ er mich. Von seinem gelben Felle
Blickt’ ich gestärkter auf in die beblümte Flur:
Mein krankes Auge stieg von seiner Lagerstelle
Gemach vom Dunkeln in das Helle
bis zu dem Lichtquell der Natur.
Wenn er sich schüttelte, las ich in seinen Blicken
Den herrlichen Beweis vortrefflich kommentirt,
Den einst, vom Uebergang des Schmerzes zum Entzücken,
Aus gleicher Nothdurft sich zu jücken,
Der weise Sokrates geführt.
Kein unbequemer Freund, kein Trunkenbold, kein Fresser,
In richtiger Mensur, nicht stolz, nicht zu gemein,
Schlief er sein Leben durch, und wahrlich, desto besser!
Er schläferte, wie ein Professer,
Auch seinen klügern Nachbar ein.
Lebt wohl ein Menschenfreund, der sich nicht seiner Hunde,
Nicht ihrer Tugenden und ihrer Liebe freut?
Sucht nicht selbst den Friederich, kraft seiner Menschenkunde,
Das Spielwerk seiner Ruhestunde
In seines Hunds Geselligkeit?
Ulyss, von seinem Hof verkannt und ausgeschlossen,
Bewährt der Treue Ruhm, den sich sein Hund erwarb:
Alt, blind, kroch er dem zu, nach Jahren, die verflossen,
Von dem er Wohlthat einst genossen,
Zog seinen Dunst noch ein, und starb.
Wie hast du, guter Mops, nicht meiner Stirne Falten,
Sah’ ich dem Grillenspiel der deinen zu, gegleicht!
Gewarnter nun durch dich, frühzeitig zu veralten,
Sei immer dir mein Dank erhalten!
Auch dir sei Gottes Erde leicht!
Elegie auf einen Mops
aus: Lyrische Anthologie. Sechster Theil. S. 34–37
Herausgeber: Friedrich Matthisson
Erscheinungsdatum: 1804
Verlag: Orell Füssli
Erscheinungsort: Zürich
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