Humor + Metapher = Greguería

Ramón Gómez de la Serna

(* 3. Juli 1888 in Madrid; † 13. Januar 1963 in Buenos Aires)

„Die von ihm erfundene literarische Kurzform der Gregueria gilt als einer der originellsten Beiträge zur modernen Literatur Spaniens. Die erste Sammlung dieser poetischen Definitionen erschien 1917; mehrere erweiterte und veränderte Ausgaben folgten bis zur letzten: Total de Greguerias, 1962, mit rund 13000 Einträgen.

Die Greguería – das Wort bedeutet Kauderwelsch, unverständliches Geschrei aber auch Laute, die kleine Schweine bei ihrer Geburt ausstoßen – zeigt die Dinge außerhalb ihres logischen Zusammenhangs in neuer Perspektive. „Humor + Metapher = Greguería“ heißt eine Formel von Gómez. Er definiert Großes und Unscheinbares, liebt Gedankenspiele und Kalauer, nur eines sollte man – im Gegensatz zu herkömmlichen Aphorismensammlungen nicht erwar­ten: gebündelte Lebensweisheiten. „Die Greguería“, so Gómez de la Serna, „ist das einzige, was uns beim Schreiben nicht traurig, schwerköpfig, trübselig und geschwollen macht, denn der Autor spielt, während er sie schafft; er wirft seinen Kopf in die Höhe und fängt ihn wieder auf.“ “ (Aus der unten genannten Quelle)

Lo que más le duele al árbol que cercenan es que el hacha tengo mango de palo.
Den Baum, den man beschneidet, schmerzt am meisten, daß die Axt einen Stiel aus Holz hat.

A las olas no les importa la lluvia, como si tuviesen impermeable.
Die Wellen machen sich nichts aus dem Regen, so als trügen sie Regenmäntel.

Solo el poeta tiene reloj de luna.
Nur der Dichter hat eine Monduhr.

Los hay-kais son telegramas poéticos.
Die Haiku sind poetische Telegramme.

Tanto hablar y nadie ha inventado una vocal más. ¡Nada más que cinco desde siempre!
Da wird soviel geredet, und niemand hat einen neuen Vokal erfunden. Es bleibt bei den fünfen!

El soneto es el chaleco de terciopelo de la poesía.
Das Sonett ist die Samtweste der Poesie.

Lo bueno sería que al final se descubriese que los molinos no son molinos, sino gigantes.
Das Schönste wäre, es stellte sich am Ende heraus, daß die Windmühlen keine Windmühlen sind, sondern Riesen.

Aus: Straelener Manuskripte Nummer 4 (Mehr)

Ramón Gómez de la Serna
Greguerías
Die poetische Ader der Dinge Spanisch-deutsch Ausgewählt und übersetzt von Rudolf Wittkopf. 1986

 

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