Jacob Regnart
(* zwischen 1540 und 1545 in Douai; † 16. Oktober 1599 in Prag)
Jedem der Music verstendigen Leser.
Laß dich darumb nit wenden ab /
Daß ich hierin nit brauchet hab /
Vil Zierligkeiten der Music /
Wiß das es sich durchauß nit schick /
Mit Villanellen hoch zubrangen /
Vnd dardurch wöllen preyß erlangen /
Wird seyn vergebens vnd vmb sunst /
An andre Ort gehört die Kunst.
Aus: Vor- und Frühbarock. Hrsg. Herbert Cysarz (Deutsche Literatur … in Entwicklungsreihen). Leipzig: Reclam, 1937, S. 91
Manfred Peter Hein
(* 25. Mai 1931 in Darkehmen / Ostpreußen)
L&Poe gratuliert zum 90.!
Ein nichtiger Vorgang
Ein nichtiger Vorgang –
Ich rede davon, übe mich im Sprechen.
Licht widerruft Licht.
Ameisen sind unterwegs an der Mauer.
Schwarzes Ameisenlicht.
Am Mittag die windlosen Blätter. Efeu.
Wer leuchtet ein Wort aus?
Weiße Punkte –
Blätter beschrieben mit Blindenschrift.
Aus: Manfred Peter Hein, Ausgewählte Gedichte 1956-1986. nachwort von Henning Vangsgaard. Zürich: Ammann, 1993, S. 15
Annette von Droste-Hülshoff
(* 12. Januar 1797 oder 10. Januar 1797 auf Burg Hülshoff bei Münster; † 24. Mai 1848 auf der Burg Meersburg)
Durchwachte Nacht
Wie sank die Sonne glüh und schwer,
Und aus versengter Welle dann
Wie wirbelte der Nebel Heer
Die sternenlose Nacht heran! –
Ich höre ferne Schritte gehn –
Die Uhr schlägt Zehn.
Noch ist nicht alles Leben eingenickt,
Der Schlafgemächer letzte Türen knarren;
Vorsichtig in der Rinne Bauch gedrückt,
Schlüpft noch der Iltis an des Giebels Sparren,
Die schlummertrunkne Färse murrend nickt,
Und fern im Stalle dröhnt des Rosses Scharren,
Sein müdes Schnauben, bis, vom Mohn getränkt,
Sich schlaff die regungslose Flanke senkt.
Betäubend gleitet Fliederhauch
Durch meines Fensters offnen Spalt,
Und an der Scheibe grauem Rauch
Der Zweige wimmelnd Neigen wallt.
Matt bin ich, matt wie die Natur! –
Elf schlägt die Uhr.
O wunderliches Schlummerwachen, bist
Der zartren Nerve Fluch du oder Segen? –
’s ist eine Nacht, vom Taue wach geküßt,
Das Dunkel fühl‘ ich kühl wie feinen Regen
An meine Wangen gleiten, das Gerüst
Des Vorhangs scheint sich schaukelnd zu bewegen,
Und dort das Wappen an der Decke Gips
Schwimmt sachte mit dem Schlängeln des Polyps.
Wie mir das Blut im Hirne zuckt!
Am Söller geht Geknister um,
Im Pulte raschelt es und rückt,
Als drehe sich der Schlüssel um.
Und – horch! der Seiger hat gewacht!
’s ist Mitternacht.
War das ein Geisterlaut? So schwach und leicht
Wie kaum berührten Glases schwirrend Klingen,
Und wieder wie verhaltnes Weinen steigt
Ein langer Klageton aus den Syringen,
Gedämpfter, süßer nun, wie tränenfeucht
Und selig kämpft verschämter Liebe Ringen; –
O Nachtigall, das ist kein wacher Sang,
Ist nur im Traum gelöster Seele Drang.
Da kollerts nieder vom Gestein!
Des Turmes morsche Trümmer fällt,
Das Käuzlein knackt und hustet drein;
Ein jäher Windesodem schwellt
Gezweig und Kronenschmuck des Hains; –
Die Uhr schlägt Eins.
Und drunten das Gewölke rollt und klimmt;
Gleich einer Lampe aus dem Hünenmale
Hervor des Mondes Silbergondel schwimmt,
Verzitternd auf der Gasse blauem Stahle;
An jedem Fliederblatt ein Fünkchen glimmt,
Und hell gezeichnet von dem blassen Strahle
Legt auf mein Lager sich des Fensters Bild,
Vom schwanken Laubgewimmel überhüllt.
Jetzt möcht‘ ich schlafen, schlafen gleich,
Entschlafen unterm Mondeshauch,
Umspielt vom flüsternden Gezweig,
Im Blute Funken, Funk‘ im Strauch
Und mir im Ohre Melodei; –
Die Uhr schlägt Zwei.
Und immer heller wird der süße Klang,
Das liebe Lachen; es beginnt zu ziehen
Gleich Bildern von Daguerre die Deck‘ entlang,
Die aufwärts steigen mit des Pfeiles Fliehen;
Mir ist, als seh ich lichter Locken Hang,
Gleich Feuerwürmern seh‘ ich Augen glühen,
Dann werden feucht sie, werden blau und lind,
Und mir zu Füßen sitzt ein schönes Kind.
Es sieht empor, so fromm gespannt,
Die Seele strömend aus dem Blick;
Nun hebt es gaukelnd seine Hand,
Nun zieht es lachend sie zurück;
Und – horch! des Hahnes erster Schrei! –
Die Uhr schlägt Drei.
Wie bin ich aufgeschreckt, – o süßes Bild,
Du bist dahin, zerflossen mit dem Dunkel!
Die unerfreulich graue Dämmrung quillt,
Verloschen ist des Flieders Taugefunkel,
Verrostet steht des Mondes Silberschild,
Im Walde gleitet ängstliches Gemunkel,
Und meine Schwalbe an des Frieses Saum
Zirpt leise, leise auf im schweren Traum.
Der Tauben Schwärme kreisen scheu,
Wie trunken in des Hofes Rund,
Und wieder gellt des Hahnes Schrei,
Auf seiner Streue rückt der Hund,
Und langsam knarrt des Stalles Tür –
Die Uhr schlägt Vier.
Da flammt’s im Osten auf, – o Morgenglut!
Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strahle
Strömt Wald und Heide vor Gesangesflut,
Das Leben quillt aus schäumendem Pokale,
Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut,
Im nahen Forste schmettern Jagdsignale,
Und wie ein Gletscher sinkt der Träume Land
Zerrinnend in des Horizontes Brand.
Friedrich Achleitner
(* 23. Mai 1930 in Schalchen, Oberösterreich; † 27. März 2019 in Wien)
dai schmoan
is a gedichd
sogd ea
und dai gedichd
is a schmoan
sogd sie
Aus: Friedrich Achleitner, Iwahaubbd, Dialektgedichte. Wien: Zsolnay, 2011
schmoan: Schmarr(e)n
1. süße Mehlspeise (Kaiserschmarren) (österreichisch, auch süddeutsch)
2. etwas, was bedeutungslos, minderwertig, ohne künstlerische Qualität ist. BEISPIEL:
diesen Schmarren lese ich nicht
3. unsinnige Äußerung, Unsinn. BEISPIEL
red keinen solchen Schmarren!
Ich bleibe noch einen Tag bei der goldenen Zeit der hebräischen Poesie im muslimischen Spanien. In seinem dritten Gedichtband, Romanzero (1851) gibt Heinrich Heine ein Lehrstück in westlicher Unwissenheit mit Gedanken, die uns sehr heutig vorkommen. Er, Heine, war ein deutscher Dichter, dem deutschen, westlichen Kulturkreis zugehörig. Aber er war Jude, man ließ es ihn spüren. So wurde er vielleicht unfreiwillig auf sein jüdisches Erbteil, ich sage nicht: zurückgeworfen, sondern er hatte den anderen etwas voraus. Freilich, Goethe wandelte auf west-östlichen Pfaden und beschäftigte sich intensiv mit der Poesie der Perser und Araber, Inder, Hebräer, Türken und Chinesen. Aber sein West-östlicher Divan blieb ein Ladenhüter.
Heine beschäftige sich in den 20er Jahren mit der jüdischen Tradition und erneut in der Krankheitsphase seiner letzten Lebensjahre. Davon zeugt auch der Zyklus Hebräische Melodien im Romanzero. Das lange Gedicht Jehuda ben Halevy erzählt die Geschichte eines hebräischen Dichters dieser Zeit – eigentlich nur eine Legende von seinem Tod vor Jerusalem. Der vierte Abschnitt dieses Gedichts trägt den Titel „Meine Frau ist nicht zufrieden“. In diesem Ausschnitt fragt sie und der Dichter gibt Antwort. In kommentierten Ausgaben kann man lesen, dass diese Figur Züge von Heines Frau Mathilde trage, und wird auf ihre mangelhafte Schulbildung verwiesen – was für ein Unsinn! Es ist nicht die Unwissenheit Mathildes und keineswegs nur die „Lakunen“, Bildungslücken „der französischen Erziehung“. Welcher Germanistikstudent heute hätte im Studium ein Gedicht von Ibn Gabirol oder Halevy gelesen? Oder wenigstens von ihren deutschen Kollegen? Seit 17 Jahrhunderten leben Juden in Deutschland, sie lasen und schrieben – Hebräisch, Jiddisch und Deutsch. Lesen wir sie? Übersetzen wir ihre Bücher? Ich habe meine Zweifel. Hören wir jetzt Heines Dichter-Ich.
»Sonderbar!« – setzt sie hinzu –
»Daß ich niemals nennen hörte
Diesen großen Dichternamen,
Den Jehuda ben Halevy.«
Liebstes Kind, gab ich zur Antwort,
Solche holde Ignoranz,
Sie bekundet die Lakunen
Der französischen Erziehung,
Der Pariser Pensionate,
Wo die Mädchen, diese künft’gen
Mütter eines freien Volkes,
Ihren Unterricht genießen –
Alte Mumien, ausgestopfte
Pharaonen von Ägypten,
Merowinger Schattenkön’ge,
Ungepuderte Perücken,
Auch die Zopfmonarchen Chinas,
Porzellanpagodenkaiser –
Alle lernen sie auswendig,
Kluge Mädchen, aber Himmel –
Fragt man sie nach großen Namen
Aus dem großen Goldzeitalter
Der arabisch-althispanisch
Jüdischen Poetenschule,
Fragt man nach dem Dreigestirn,
Nach Jehuda ben Halevy,
Nach dem Salomon Gabirol
Und dem Moses Iben Esra –
Fragt man nach dergleichen Namen,
Dann mit großen Augen schaun
Uns die Kleinen an – alsdann
Stehn am Berge die Ochsinnen.
Raten möcht ich dir, Geliebte,
Nachzuholen das Versäumte
Und Hebräisch zu erlernen –
Laß Theater und Konzerte,
Widme ein’ge Jahre solchem
Studium, du kannst alsdann
Im Originale lesen
Iben Esra und Gabirol
Und versteht sich den Halevy,
Das Triumvirat der Dichtkunst,
Das dem Saitenspiel Davidis
Einst entlockt die schönsten Laute.
Alcharisi – der, ich wette,
Dir nicht minder unbekannt ist,
Ob er gleich, französ’scher Witzbold,
Den Hariri überwitzelt
Im Gebiete der Makame,
Und ein Voltairianer war
Schon sechshundert Jahr‘ vor Voltair‘ –
Jener Alcharisi sagte:
»Durch Gedanken glänzt Gabirol
Und gefällt zumeist dem Denker,
Iben Esra glänzt durch Kunst
Und behagt weit mehr dem Künstler –
Aber beider Eigenschaften
Hat Jehuda ben Halevy,
Und er ist ein großer Dichter
Und ein Liebling aller Menschen.«
Fritz Naschitz
(Geb. 21. Mai 1900 Wien; 1940 Palästina. † 26. März 1989 Tel Aviv)
Außer das Gottesreich lobpreisenden hymnischen Gesängen beeinflußte die Tondichtung des Hohenlieds auch die weltliche Poesie, die im mittelalterlichen Spanien ihre Blütezeit erlebte. Jehuda Halevys Sehnsucht nach dem Heiligen Land sowie Abraham ben Meirs und Ibn Gvirols reizvoll gefärbte, von heiterer Magie beleuchtete Verse prägen ihre Schöpfer zu leidenschaftlichen Bildnern, deren Verwurzelung mit dem weltlichen und religiösen Ideengut ihres Volkstums einen Glanzpunkt jüdischer Schaffensfreude bildet.
Als Illustration der ungehemmt-menschlichen Innen- und Außenbeziehung diene folgendes, zeitzugeschnittene Gedicht Ibn Gvirols, betitelt:
Trinklied
Wenn die Weinvorräte weichen
gleichen Augen Tränenteichen
……………………………………………………. lauter Wasser,
……………………………………………………. Wasser nur,
Und wenn’s sich um Fleischmahl handelt,
schmeckt es Hostien-gewandelt
wenn der Schmaus des Trunks ermangelt
……………………………………………………. Wasserkrüge
……………………………………………………. rebenleer,
Moses hat viel Leid erlitten
mußte Abstinenz erbitten
jetzt liest er uns die Leviten
……………………………………………………. wetteifern mit
……………………………………………………. Flüssigkeit,
Froschgequak zur Morgenröte
klingt mein Lied ob großer Nöte
ich beschimpf, wie eine Kröte
……………………………………………………. Poseidon
……………………………………………………. den Wassergott
Und ich wünsch‘, daß meine nette
tief verhaßte Nässestätte
Schande mit Abscheu verkette
……………………………………………………. mög’ der Wasserrattenhaufen
……………………………………………………. in dem Wirbelschlund ersaufen!
Aus: Stimmen aus Israel Eine Anthologie deutschsprachiger Literatur in Israel. Hrsg. Meir M. Faerber. Stuttgart: Bleicher, 1979, S. 221
Solomon ibn Gabirol (geboren 1021 oder 1022 in Málaga; gestorben um 1070 in Valencia), jüdischer Philosoph und Dichter im muslimischen Spanien
Heute ein kleines Fernseh-Sportfest.
Richard Leising
(* 24. März 1934 in Chemnitz; † 20. Mai 1997 in Berlin)
DER SIEG
Das ist der Sieg: Lautsprecher! Organ, machtvolles
Sprich uns über die Zeiten. Keine Wolke im Stadion
Ideale Bedingungen; diese Weiten, diese Höhen, viele
Im Faltenwurf des Rekords. Die Kugeln sind alle
Gestoßen, die Geher gekommen, einige Springer noch
Werden beworfen mit Speeren vom andern Ende des Felds
Worauf die Welt blickt. Wie ist die Zeit? Bestzeit
Ist ausgerufen ausdrücklich, auf drehenden Tafeln
Lichte Ergebnisse, die wie Schalmeien blitzen
In ein herrliches Publikum. Wir zählen eins zwei
Drei Podeste, aufs höchste klettert der Sieg, belaubt
Und ernsthaft; einige Kämpfe dauern noch an, Abend
Trifft schräg die Traversen. Ungültiger Sprung dort!
Zu den tieferen Podesten starten frisch die Niederlagen
Mit Blumen Mädchen tanzen über die Tartanbahn quer
Durch den Einlauf im Marathon, Herren in sportlichem
Anzug verhängen Medaillen. Erfrischungen, Andenken
Abzeichen, Gesundheit und Vaterland; mit schwerem Kranz
Dreht ein Läufer die Ehrenrunde. Wer Sieger ist
Dessen Hymne wird gespielt und Fahne gehißt.
Aus: Poesiealbum 97. Richard Leising. Berlin: Neues Leben, 1975, S. 21
SAID
(persisch سعید [sæˈiːd]; * 27. Mai 1947 in Teheran; † 15. Mai 2021 in München)
das gedicht
ein bindeglied zwischen mensch und tier
muss sich fürchten vor dem
was es aufdeckt
das wort belauert den täter
dieser entblößt öffentlich seine täuschungsorgane
Aus: SAID, Ruf zurück die Vögel. Neue Gedichte. München: Beck, 2010, S. 105
Heute ein Kinderlied, ein Schlaflied von dem polnischen, jiddischen Dichter Jizchok Leib Perez
(יצחק־לייבוש פּרץ ; geb. 18. Mai 1852 in Zamość, damals Russisch Polen; gest. 3. April 1915 in Warschau)
Schlaflieder sind ja eine Art Zauberlieder, sie sollen etwas bewirken. Versteht sich, dass der Zauber am Wortlaut hängt. Deshalb dieses Gedicht (es gibt ohnehin kaum etwas auf Deutsch) nicht übersetzt, nur knapp kommentiert. Wenn man dann noch einmal den Originaltext liest, sollte es klappen!
Die Transkription ist an deutsche Leser angepasst. S immer stimmhaft, das stimmlose ist ß; ch immer wie in Krach.
a gute nacht!
zugedekt di fißelech –
ich breng dir morgn nißelech
frische nißelech fun wald,
solßt mein kind nor schlofn bald.
drimlt ein mein kindele feßt,
kumen bald di libe geßt:
kumen, kumen on zu flojgn,
mlachimlech mit siße ojgn.
di fejgelech fun lojter gold,
sei hobn schtille kinder hold,
un sei kumen zu bahitn,
zu bahitn un baschizn
mit chlumus schtille, schejne,
wi es paßt far kinder klejne.
mach nor zu di ejgelech!
sei fli-en on, vi fejgelech.
herßt, mejn kind, herßt, mejn krojn,
di fligelech sei rojschn schojn!
sei fli-en on, wi fejgelech,
mach nor zu di ajgelech,
schtill, di ajgelech farmacht,
hob a gute, siße nacht!
| a gute nacht! | |
| zugedekt di fißelech – | Füßelein |
| ich breng dir morgn nißelech | Nüsselein |
| frische nißelech fun wald, | fun = vom |
| solßt mein kind nor schlofn bald. | nor = nur |
| drimlt ein mein kindele feßt, | drimelt = schlummert |
| kumen bald di libe geßt: | kommen bald die lieben Gäst‘ |
| kumen, kumen on zu flojgn, | kommen angeflogen |
| mlachimlech mit siße ojgn. | m. = Engelein mit süßen Aiugen |
| di fejgelech fun lojter gold, | Vögelein von lauter Gold |
| sei hobn schtille kinder hold, | sie haben stille Kinder lieb |
| un sei kumen zu bahitn, | kommen zu behüten |
| zu bahitn un baschizn | … und beschützen |
| mit chlumus schtille, schejne, | mit Träumen stillen, schönen |
| wi es paßt far kinder klejne. | wie es sich für kinder gehört |
| mach nor zu di ejgelech! | |
| sei fli-en on, vi fejgelech. | sie fliegen los wie Vöglein |
| herßt, mejn kind, herßt, mejn krojn, | hörst du; krojn (Krone) = mein Liebster |
| di fligelech sei rojschn schojn! | (man hört schon die Flügelein) |
| sei fli-en on, wi fejgelech, | sie fliegen los wie Vögelech |
| mach nor zu di ajgelech, | mach nur zu die Äugelech |
| schtill, di ajgelech farmacht, | die Äuglein zugemacht |
| hob a gute, siße nacht! | gute Nacht |

Eine brandneue Anthologie zugleich deutscher und internationaler, zugleich neuster und alter Lyrik ist anzuzeigen:
… und bey den Liechten Sternen stehen. Gedichte zu Sibylla Schwarz‘ 400. Geburtstag. Hrsg. Berit Glanz und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voss, 2021. 170 Seiten. ISBN 978-3-942901-46-8
Gedichte heutiger Dichterinnen und Dichter zu, an, mit und über Sibylla Schwarz – und auch ein paar ihrer Gedichte in englischer, hebräischer, schwedischer, litauischer, niederländischer und spanischer Gestalt.
Gisbert Amm
Die Hellebardin
Du hast nicht schwarz gesehn; du warst voll Zuversicht,
dass man dich lang noch liest, daran zweifelst du nicht
eine Sekunde lang; dein kurzer Lebensfaden
durchschimmert deine Zeit nach viermal zehn Dekaden
noch immer, als all die Empfänger der Repliken
nur noch durch deinen Vers aus dem Vergessen blicken.
Du schöpftest deinen Mut an der Historie Strand;
fünf Dutzend Dichterinnen, wie du, war’n dir bekannt.
Die Dichtung war niemals das männliche Ergießen,
als das man sie gern sah, um Frauen auszuschließen.
Den Männern sagtest du’s, doch sie verstanden’s nicht;
sie hör’n noch immer »schwarz«, wenn die Sibylla spricht.
(S. 63)
Friedrich Rückert
(* 16. Mai 1788 in Schweinfurt; † 31. Januar 1866 in Neuses)
Ich bin der Welt abhanden gekommen, Mit der ich sonst viele Zeit verdorben. Sie hat so lange nichts von mir vernommen, Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben. Es ist mir auch gar nichts daran gelegen, Ob sie mich für gestorben hält. Ich kann auch gar nichts sagen dagegen, Denn wirklich bin ich gestorben der Welt. Ich bin gestorben dem Weltgewimmel, Und ruh' in einem stillen Gebiet. Ich leb' in mir und meinem Himmel, In meinem Lieben in meinem Lied!
Emily Dickinson
(* 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts; † 15. Mai 1886 ebenda)
1310

Had we our senses
But perhaps ‚tis well they’re not at Home
So intimate with Madness
He’s liable with them
Had we the eyes within our Head –
How well that we are Blind –
We could not look opon the Earth –
So utterly unmoved –
Hätten wir unsere Sinne
Aber vielleicht ist es gut, dass sie außer Haus sind
So nah am Wahnsinn
Ist er für sie verantwortlich
Hätten wir Augen in unserem Kopf –
Wie gut, dass wir Blinde sind –
Unser Blick könnte nicht schweifen auf Erden –
So gänzlich unbewegt –
Deutsch von Wolfgang Schlenker. Aus: Emily Dickinson, Biene und Klee. 51 Shorter Poems, ausgewählt und übersetzt von Wolfgang Schlenker. Basel und WQeil am Rhein: Urs Engeler, 2008, S. 62f
Volker Braun
SCHMERZGEDÄCHTNIS Es war eine erste Berührung, ich scheute zurück Wie ein Füllen. Von ihrem Hals, oder war es Die Wange, ich weiß es nicht mehr, der Mund Gut, ich gebe den Kuß zu. Niemand sah uns Den Kuß, aus dem, warum, nichts folgte Es waren normale Zeiten, angstlos zeigte man Das nackte Gesicht. Es ist so lange her, dreißig, drei Jahre Ich sehe noch genau ihr helles dünnes Kleid, aufgeknöpft Von meinen Händen. Ich fuhr zurück, eine Scheu In Kindertagen im Körper bewahrt Ihre Nüstern zitterten noch, sie hielt mich fest Auf dem Steinweg, ich trabte hinab. Jetzt in den Zeiten der Pest Wir trügen Masken, beide Fest über Nase und Mund, der gehauchte Kuß zungen- und zahnlos zärtlich mit vorsichtshalber Auch geschlossenen Augen. Es wäre leicht.
Aus: Volker Braun, Große Fuge. Berlin: Suhrkamp, 2021, S. 22
Paul Ernst
(* 7. März 1866 in Elbingerode (Harz); † 13. Mai 1933 in Sankt Georgen an der Stiefing, Steiermark)
Husselwussel 12. Du bist mein kleiner Irrwisch Husselwussel, Und wunderst dich über den Wilden auf den Tabakspacketen von Steinbömer & Lubinus. Er hat bloss einen Blätterschurz und grosse Ohrringe, Und raucht ganz mörderlich; Und wenn du unartig bist, dann kommt der Gerichtsdiener, Und sperrt dich in das Gefängnis, Da drin ist blos ein Brot und ein Krug mit Wasser, Und dann ein Krug für die Thränen.
Aus: Paul Ernst, Polymeter. Gedichte. Hrsg. Ralf Gnosa. Leipzig: Reinecke & Voß, 2016, S. 45
Nelly Sachs
(* 10. Dezember 1891 in Schöneberg, † 12. Mai 1970 in Stockholm)
Du
in der Nacht
mit dem Verlernen der Welt Beschäftigte
von weit weit her
dein Finger die Eisgrotte bemalte
mit der singenden Landkarte eines verborgenen Meeres
das sammelte in der Muschel deines Ohres die Noten
Brücken-Bausteine
von Hier nach Dort
diese haargenaue Aufgabe
deren Lösung
den Sterbenden mitgegeben wird.
Aus: Das Buch der Nelly Sachs. Hrsg. Bengt Holmqvist. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1968, S. 266
Neueste Kommentare