Tragischer Chor

Algernon Charles Swinburne

(* 5. April 1837 in London; † 10. April 1909 ebenda)

Tragischer Chor

Vor aller der Jahre Anheben,
Da der Mensch ward, kamen heran,
Zeit ihm Zähren zu geben,
Gram, mit dem Glas das rann,
Lust, mit Schmerzen darwider,
Sommer, mit fallendem Flor,
Erinnrung aus Himmeln hernieder,
Und Wahn aus Höllen empor,
Kraft ohne Hände zu schlagen,
Liebe, die währt eine Frist,
Nacht, der Schatte von Tagen,
Und Leben, das Todes ist.

Und die Urgötter reckten die Hand
Nach Feur, und Tränengeträufte
Und wenigem gleitenden Sand
Aus den Tapfen von Füßen der Läufte,
Und Staub der mühenden Erden
Und Schaumtrift Meers und der Furt,
Und Leibern von Dingen die werden
In den Häusern von Tod und Geburt,
Und wirketen selig und bänglich
Und fügten mit Liebe und Schmach,
Darüber und drunter vergänglich,
Und lebend davor und danach,
Für ein Tagen und Nachten und Morgen
Daß es spannlang währe zumeist,
Mit Mühsal und schweren Sorgen
Des Menschen heiligen Geist.

Von dem nord- und südlichen Sund
Sie sammelten Windes Weben,
Sie bliesen auf seinen Mund,
Sie füllten den Leib mit Leben,
Sprach´ und Gesicht ward gemacht
Der Seele darin zu Gespinst,
Eine Frist für Rat und Bedacht
Eine Frist für Schulden und Dienst.

Sie gaben ein Licht seinen Pfaden
Daß er liebt und Frist daß er lacht,
Und Länge der Tage und Gnaden,
Und Nacht, und Schlaf in der Nacht, –
Sein Sprechen entzündet mit Lodern,
Mit den Lippen tut er sich Not,
Sein Herz ist blind und ein Fodern,
In den Augen ahndet er Tod;
Er webt, und sein Kleid ist Gelächter,
Er wirft, und nichts das er traf,
Er lebt, ein Seher ein Wächter
Zwischen Schlaf und aber Schlaf.

Aus: Die fremde Muse. Übertragungen von Rudolf Borchardt. In Verbindung mit Marie Luise Borchardt und Francis Golffing hrsg. von Ulrich Ott. Marbacher Schriften, in Kommission bei Klett, Stuttgart, 1974, S. 57f

Before the beginning of years
There came to the making of man
Time, with a gift of tears;
Grief, with a glass that ran;
Pleasure, with pain for leaven;
Summer, with flowers that fell;
Remembrance, fallen from heaven,
And madness risen from hell;
Strength without hands to smite;
Love that endures for a breath;
Night, the shadow of light,
And life, the shadow of death.

And the high gods took in hand
Fire, and the falling of tears,
And a measure of sliding sand
From under the feet of the years;
And froth and the drift of the sea;
And dust of the laboring earth;
And bodies of things to be
In the houses of death and of birth;
And wrought with weeping and laughter,
And fashioned with loathing and love,
With life before and after
And death beneath and above,
For a day and a night and a morrow,
That his strength might endure for a span
With travail and heavy sorrow,
The holy spirit of man.

From the winds of the north and the south,
They gathered as unto strife;
They breathed upon his mouth,
They filled his body with life;
Eyesight and speech they wrought
For the veils of the soul therein,
A time for labor and thought,
A time to serve and to sin;
They gave him light in his ways,
And love, and space for delight,
And beauty, and length of days,
And night, and sleep in the night.
His speech is a burning fire;
With his lips he travaileth;
In his heart is a blind desire,
In his eyes foreknowledge of death;
He weaves, and is clothed with derision;
Sows, and he shall not reap;
His life is a watch or a vision
Between a sleep and a sleep.

(1865)

Ein Osterlied

Sibylla Schwarz

(24. Februar 1621 Greifswald – 10. August 1638 ebenda)

        Triumph Lied    
   über die Aufferstehung   
          CHRJSTJ.
    
   LAst uns frölich Alleluia singen /
last uns frölich und vohn Herzen springen /
Christus uns erlöset hat /
vohn der Macht der Sünden /
und für unsre Missetaht
tragen seine Wunden. 
   Alles / was da lebet / soll ihn loben /
seine Güht’ ist weit und breit erhoben /
Leben / Heil und Seeligkeit
hat er uns verehret /
Teuffel / Tod und alles Laid
ist durch ihn verstöret. 
   Gnad verheist er denen / so ihm trawen /
Hülffe schickt er den’n / so auff ihn bawen /
trewlich hält er / und steht fest /
ohne List und Triegen /
niemand er in Noht verläst /
dan er kan nicht triegen.  
   Drumb wir wollen vollen Dank Jhm bringen /
und wir alle Alleluia singen /
seine Liebe / Gunst und Gnad
hoch an Jhm erheben /
seine Werck und Heldentaht
rühmen / weil wir leben.

Sibylla Schwarz, Werke Briefe Dokumente. Hrsg. Michael Gratz.. Band 1. Leipzig: Reinecke & Schwarz 2021

Der Knabenteich

Peter Huchel

(* 3. April 1903 in Lichterfelde bei Berlin; † 30. April 1981 in Staufen)

Der Knabenteich

Wenn heißer die Libellenblitze
im gelben Schilf des Mittags sprühn,
im Nixengrün der Entengrütze
die stillen Wasser seichter blühn,
hebt er den Hamen* in die Höhe,
der Knabe, der auf Kalmus blies,
und fängt die Brut der Wasserflöhe,
die dunkel wölkt im Muschelkies.

Rot blüht um ihn die Hexenheide,
fischäugig blinkt der Teich im Kraut.
Der graue Geist der Uferweide
wird über Sumpf und Binsen laut,
wo dünn der Ruf der scheuen Unken
tönt wie ein Mund der Zauberei…
Der Knabe horcht, ins Ohr gesunken
sind Wind und Teich und Krähenschrei.

Verzaubert ist die Mittagshelle,
das glasig grüne Algenlicht.
Der Knabe kennt die Wasserstelle,
die anders spiegelt sein Gesicht.
Er teilt das Schilf, das splittrig gelbe:
froschköpfig plätschert hoch der Nick –
und summt und spritzt und ist derselbe
wie einst mit tierhaft wildem Blick.

Und auch der Teich ist noch derselbe
wie einst, da dein Mund Kalmus blies,
dein Fuß hing ins Sumpfdottergelbe
und mit den Zehen griff den Kies.
Wenn dich im Traum das teichgrüntiefe
Gesicht voll Binsenhaar umfängt,
ist es als ob der Knabe riefe,
weil noch dein Netz am Wasser hängt.

Aus: Peter Huchel, Gedichte. Berlin: Aufbau, 1947, S. 22f

*) Hier vermutlich: Angelhaken

Nossis vielsprachig

Mein Freund Hansen (Dirk Uwe) schickt mir einen Reader, darin „alle Gedichte von Nossis aus der Anthologie, übersetzt von „Gerlach, Hansen, Kugelmeier, Savvidis, Teichmann, von Moellendorff“. Darin dieses, dasselbe, das Kling nach Rexroth übersetzt hat (siehe gestern). Aber von wem die einzelnen übersetzt sind, kann ich daraus nicht ersehen, einer der 6 (wird nachgereicht).

Hier erst mal das Gedicht in der neusten Fassung:

5, 170 Nossis

Nichts ist süßer als die Liebe,
alles Prächtige ist nur zweite Wahl dagegen,
selbst Honig spucke ich aus.
Nossis sagt das und: wen Kypris nicht liebt,
der weiß auch von Rosen nicht, was das für Blumen sind.

Apropos Buchpreise, Preise für Bücher: ich besitze bereits zwei Gesamtausgaben der „Griechischen Anthologie“, die erste erworben 1981. Ich kann hier zeigen, wie ich damals Bücher zu kaufen pflegte. Auch in der DDR gab es ein „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“, ich weiß nicht mehr, ob das der genaue Titel war. Es war mir gelungen, dieses Wochenblatt zu abonnieren, darin lag eine Beilage mit Kärtchen für alle in dieser Woche neu angekündigten Bücher, genannt Vorankündigungsdienst. Das konnte man also ausschneiden und zur Buchhandlung des Vertrauens schicken, in Greifswald war das eine übriggebliebene private Buchhandlung von Paul und Wilhelmine Singelnstein. Ich gab ihnen also das Kärtchen, dieses hier:


und nach ein paar Wochen (manchmal Monaten, Jahren… manche Bücher erschienen auch nie, da bekam ich irgendwann das Kärtchen zurück mit dem Kommentar, wird nicht erscheinen, so hatte man die Übersicht, in der Regel hieß das: darf nicht erscheinen, die DDR war da ja ängstlich) bekam man dann das Gewünschte. Das hatte den Vorteil, dass man, ich, auch rare Bücher, sogenannte Bückware, meistens zuverlässig bekam. Jetzt zur Anthologie. Das Buch sollte 3 Bände umfassen mit ca. 1280 Seiten und stolze 22 Mark der DDR kosten. Das konnte ich mir leisten. Selbst wenn, wie in diesem Fall, der tatsächliche Preis auf 31 Mark angestiegen war.

Die wohlfeile Ausgabe erschien in der „Bibliothek der Antike“, herausgegeben und übertragen im Versmaß des Originals, in der Regel Distichen oder Hexameter. Hier Nossis in der Fassung von Ebener, Die Griechische Anthologie in drei Bänden, Berlin u. Weimar: Aufbau, 1981:

„Lieben bedeutet das höchste Glück. Ihm folgen die andern
  Glücksgüter. Honig sogar spiee für jenes ich aus.“
So spricht Nossis. Die Frau, der Kypris die Liebe versagte,
  kennt nicht die Schönheit, mit der blühend die Rose sich schmückt.

Ein paar Jahrzehnte später gelang es mir, antiquarisch eine andere Gesamtausgabe zu erwerben, etwas teurer, aber immer noch preiswert für die Sache: Vierbändig Griechisch und Deutsch, herausgegeben von Hermann Beckby, Heimeran Verlag München 1957. Hier dessen Fassung:

Ein gleiches (das vorige hatte die Überschrift "Süßigkeiten")

„Nichts ist süßer als Liebe, weit hinter ihr stehen die andern
  Freuden, den Honig sogar spei ich vom Munde dafür.“
So spricht Nossis. Die Frau, der Kypris nicht Liebe gegeben,
  kennt die Rose noch nicht, weiß nicht, wie prangend sie blüht.

An dem kurzen Gedicht mag man Vor- oder Nachteile metrischer Übersetzung diskutieren. Hier der Originaltext zum Vergleich.

Schließlich eine englische Fassung:

Aus: THE GREEK ANTHOLOGY WITH AN ENGLISH TRANSLATION BY W. R. PATON (LOEB CLASSICAL LIBRARY), London: Heinemann 1920

Nossis / Kling

Am 1. April 2005 starb Thomas Kling. Hier zum Anlaß ein Gedicht aus dem Band Sondagen (DuMont 2002), wiederabgedruckt in Band 3 der 4bändigen Werkausgabe bei Suhrkamp 2020. Eigentlich handelt es sich um eine Übersetzung einer antiken Dichterin, Nossis, die um 300 vor unserer Zeitrechnung lebte. Kling übersetzte es nicht aus dem griechischen Urtext, sondern nach einer englischen Fassung des Dichters Kenneth Rexroth. Mehr von Nossis selbst morgen hier.

Thomas Kling

(* 5. Juni 1957 in Bingen am Rhein; † 1. April 2005 in Dormagen)

NOSSIS

»Nichts ist süßer als die liebe
Zweitrangig jede glückseligkeit
Selbst honig spuck von meinem
Mund ich aus« ich Nossis sage das
»Wenn irgendein mädchen unbeleckt
Ist von der liebe kann sie nicht sagen
Welcher art blume die rosen sind«

Aus: Thomas Kling, Sondagen. Gedichte. Köln: DuMont, 2002, S. 129

Definition der Liebe

Die nächste 400-Jahr-Feier. 1621 war ein starker Jahrgang. Nach Sibylla Schwarz (24. Februar) und Georg Neumark (7. März) jetzt einer der bedeutendsten englischen Barockdichter: Andrew Marvell. Andrew Marvell (* 31. März 1621 in Winestead bei Patrington, Holderness, Yorkshire; † 16. August 1678 in London) The Definition of Love
My love is of a birth as rare As ’tis for object strange and high: It was begotten by Despair Upon Impossibility. Magnanimous Despair alone Could show me so divine a thing, Where feeble Hope could ne’er have flown But vainly flappt its tinsel wing. And yet I quickly might arrive Where my extended soul is fixt, But Fate does iron wedges drive, And always crowds itself betwixt. For Fate with jealous eye does see Two perfect loves, nor lets them close: Their union would her ruin be, And her tyrannic powerr depose. And therefore her decrees of steel Us as the distant poles have placed, (Though Love’s whole world on us doth wheel) Not by themselves to be embraced: Unless the giddy heaven fall, And earth some new convulsion tear; And, us to join, the world should all Be cramped into a planisphere. As lines so loves oblique may well Themselves in every angle greet: But ours so truly parallel, Though infinite can never meet. Therefore the Love which us doth bind, But Fate so enviously debars, Is the conjunction of the mind, And opposition of the stars. Begriffsbestimmung der Liebe
Wie mein Gefühl entstand, ist rar, So wie bei jedem hohen Ding: Da die Verzweiflung Vater war, Von dem Unmöglichkeit empfing. Nur Großmut im Verzweifeln litt, Daß mir so göttlich schien und hold, Wo Hoffnung niemals flog, nur mit Den Schwingen schlug aus Flittergold. Doch rasch kam ich zu jenem Teil, Wo ausgestreckt die Seele hängt, Doch Schicksal treibt den Eisenkeil Und hat sich zwischenein gedrängt. Das Schicksal blickt voll Eifersucht Hin aufs vollkommne Liebes-Zwei, Wärn sie vereint, wär es verflucht Und Ohnmacht seine Tyrannei. Drum hat sein stählernes Gesetz So fern als Pole uns bedingt (Um die zwar Lieb als Welt sich dreht), Daß eins das andre nie umschlingt. Es sei denn, Himmel stürzte ein, Und Erde riß in neuem Krampf, Die ganze Welt, uns zum Verein, Würd planisphärisch eingestampft. Wie Linien könnten Lieben wohl In schrägem Winkel sich berührn, Doch unsre, wahrhaft parallel Ohn End, wird nichts zusammenführn. Drum ist die Liebe, die uns band Und die das Schicksal nur hält fern, Der Geist, in gleiche Bahn gebannt, Doch Stern in Gegenbahn zu Stern. Deutsch von Werner Vortriede, aus: Beispiele manieristischer Lyrik. Hrsg. Gerd Henniger. Münnchen: dtv, 1970, S. 66f. Prosaübersetzung
I Die Abstammung meiner Liebe ist ebenso seltsam, / wie ihr Gegenstand außergewöhnlich und erhaben ist: / Sie wurde von der Verzweiflung gezeugt / und von der Unmöglichkeit empfangen. II Einzig die hochherzige Verzweiflung / konnte mir etwas so Göttliches zeigen – / die schwächliche Hoffnung wäre da nie aufgeflogen, / sondern hätte nur umsonst mit ihren falschen Flitterflügeln geschlagen. III Und dennoch könnte ich schnell dort landen, / wo meine weitgespannte Seele ihren Fixpunkt hat, / wenn nicht das Schicksal eiserne Keile dazwischentriebe / und sich ständig und überall dazwischendrängte. IV Denn das Schicksal sieht zwei vollkommene Lieben / mit scheelen Augen an und läßt sie nicht Zusammenkommen. / Ihre Vereinigung würde seinen Ruin bedeuten / und seine Tyrannenmacht absetzen. V Deshalb haben seine stählernen Verordnungen / uns wie die entgegengesetzten Pole auseinander plaziert, / — wie Pole, die (obwohl die ganze Welt der Liebe sich in uns dreht) / sich selber nicht umarmen dürfen. VI Es sei denn, daß der hohe Himmel einfällt / und die Erde von einem neuen Beben gepackt wird, / und daß die Welt, um uns zueinanderzubringen, / zu einem Astrolabium zusammengefaltet würde. VII So wie zwei Gerade können sich auch zwei Lieben, die schief zueinander liegen, / in jedem beliebigen Winkel treffen. / Aber unsere Lieben, die so vollkommen parallel sind, / können, obwohl sie ins Unendliche gehen, niemals zusammenkommen. Aus: Englische Barockgedichte. Englisch/Deutsch. Ausgewählt, hrsg. u. kommentiert von Hermann Fischer. Stuttgart: Reclam, 1971, S. 325/327

Königliche Lüste

Goûts Royaux

Louis Quinze aimait peu les parfums. Je l’imite
Et je leur acquiesce en la juste limite.
Ni flacons, s’il vous plaît, ni sachets en amour !
Mais, ô qu’un air naïf et piquant flotte autour
D’un corps, pourvu que l’art de m’exciter s’y trouve ;
Et mon désir chérit et ma science approuve
Dans la chair convoitée, à chaque nudité
L’odeur de la vaillance et de la puberté
Ou le relent très bon des belles femmes mûres.
Même j’adore — tais, morale, tes murmures —
Comment dirais-je ? ces fumets, qu’on tient secrets,
Du sexe et des entours, dès avant comme après
La divine accolade et pendant la caresse,
Quelle qu’elle puisse être, ou doive, ou le paraisse.
Puis, quand sur l’oreiller mon odorat lassé,
Comme les autres sens, du plaisir ressassé,
Somnole et que mes yeux meurent vers un visage
S’éteignant presque aussi, souvenir et présage,
De l’entrelacement des jambes et des bras,
Des pieds doux se baisant dans la moiteur des draps,
De cette langueur mieux voluptueuse monte
Un goût d’humanité qui ne va pas sans honte,
Mais si bon, mais si bon qu’on croirait en manger !
Dès lors, voudrais-je encor du poison étranger,
D’une flagrance prise à la plante, à la bête
Qui vous tourne le cœur et vous brûle la tête,
Puisque j’ai, pour magnifier la volupté,
Proprement la quintessence de la beauté ?

KÖNIGLICHE LÜSTE

Ludwig der Fünfzehnte verschmähte die künstlichen Dufte.
Ich eifere ihm nach und liebe sie nicht sehr.
Riechkissen und Flakon mag ich nicht mehr,
doch sollen unbefangene pikante Lüfte,
voll starkem Anreiz um die Körper fliessen.
Ich liebe — und es ist nach Wunsch und Wissen –
wenn in der Nacktheit dem begehrten Fleisch
der Tüchtigkeiten und der Reife Duft entbricht
mit schöner Frauen Fleischarom zugleich.
Sogar vergöttere ich — still, nörgelnde Moral! –
jene verheimlichten Gerüche aus dem Tal
unsres Ergötzens, vor wie nach der Paarung
und während dieser göttlich-schönen Offenbarung.
Wenn mein Geruch dann übermüd und matt
sich wie die andern Sinne im Genuss gesättigt hat,
meine Augen ersterben gegen ein erlöschendes Gesicht,
so steigen als Erinnerung und Bericht
verrankter Körper von den süssen Füssen,
die sich im zarten Schweiss der Decken küssen,
aus der Ermattung nach dem Wollustspiel,
Düfte von Menschtum, das nicht ohne Schamgefühl,
und gut, so gut, man möchte sie einsaugen.
Was könnten mir danach noch fremde Gifte taugen,
ein Wohlgeruch von Pflanze oder Tier,
der euch das Herz verwirrt, den Kopf verdreht,
da ich, was jeder Wollust Gipfelspitze,
so rein der Schönheit Quintessenz besitze?

Aus: Verlaine. Frauen. Französische und deutsche Ausgabe des Buches „Femmes“. Société des Bibliophiles à Lausanne, o. J., S. 23
(Nach Recherchen des Antiquars deutsch von Curt Moreck, vermutlich Steegemann Verlag, Hannover, um 1921. Soviel zur nörgelnden Moral.)

Das Original erschien anonym 1890 in Brüssel.

Ruderlied des Kaisers Wu

Wu-di von Han

(Wu-ti, Wu-Ty, Kaiser Wu (von Han), geboren als Liu Che; chinesisch 漢武帝 / 汉武帝, Pinyin Hàn Wǔdì, * 156 v.u.Z.; † 29. März 87 v.u.Z.)

Zum Todestag des auch dichtenden Kaisers ein Gedicht in drei deutschen Versionen. Ich füge die jeweilige Schreibweise des Namens hinzu. Man sieht schon von außen, dass es drei sehr unterschiedliche Gedichte geworden sind. Von den dreien konnte nur der dritte Chinesisch und dürfte aus dem Original übersetzt haben.

Hans Bethge 1920

HERBST

KAISER WU-TY

Der Herbstwind tobt, die weissen Wolken jagen
Mit Schwärmen wilder Gänse um die Wette,
Vergilbte Blätter taumeln durch die Luft.

Die Lotosblumen welken ab, die Rosen
Stehn ohne Duft. Mich martert die Erinnerung
An Eine, die ich nicht vergessen kann.

Ich muss sie Wiedersehn! Ich mache eilig
Das Boot los, um in ihm das andre Ufer
Des Flusses zu erreichen, wo sie wohnt.

Der Strom geht stark, das Wasser rauscht wie Seide
Und quillt empor und kräuselt sich im Winde,
Trotz aller Mühe komm ich nicht vom Fleck.

Mir Mut zu machen, heb ich an zu singen.
Doch wehe! meine Schwäche bleibt dieselbe,
Und traurig und in Qualen stirbt mein Lied.

O Liebesglut! Du drängst zu ihr hinüber,
Die mich erfüllt, — ich aber kann nicht folgen,
Ich bin im Herbste, meine Kraft ist aus.

Der Herbst des Lebens weht durch meine Tage,
Ich sehe in die Strömung und erblicke
Ein Greisenbild erzitternd unter mir.

Aus: Hans Bethge, Die chinesische Flöte. Nachdichtungen chinesischer Lyrik. Leipzig: Insel, 1920, S. 9f

Klabund o.J. (1929)

Kaiser Wu-ti

RUDERLIED

Und der Herbst hat sich erhoben,
Und die wilden Gänse toben.
Führ das Ruder, lieber Bruder,
Eh in Asche du zerstoben.

Laß, o laß die Chrysanthemen,
Laß, o laß die blassen Schemen!
Führ das Ruder, lieber Bruder,
Und die Wogen laß uns zähmen.

Nimm ein Weib nach deiner Weise
Auf die wilde Wogenreise.
Führ das Ruder, lieber Bruder,
Eh der Kiel zerbarst im Eise.

Aus: Klabund, Chinesische Gedichte. Gesamtausgabe. Wien: Phaidon o.J. S. 11

Günter Eich 1958

Kaiser Wu-di von Han

Auf einer Flußfahrt geschrieben

Herbstwind erhebt sich und die weißen Wolken fliehen.
Verwelkt sind Gras und Baum. Wildgänse südwärts ziehen.
Im edlen Hauch der Orchidee, im Chrysanthemenprangen
Gedenke ich der Liebsten, ach, mit innigem Verlangen,
Wo auf dem Fën-Fluß meine hohen Schiffe gleiten,
Seh ich im Strom den Schaum der Wellen sich verbreiten.
Von Flöt und Trommel tönt das Ruderlied.
Doch mitten in der Lustbarkeit hat Schwermut mich umfangen,
Dem Alter, ach, entrinn ich nicht, die Jugend flieht.

Aus: Lyrik des Ostens: China. Mit einem Nachwort von Wilhelm Gundert. München: dtv 1961 (zuvor Hanser 1958)

Der Einarmige

Gisèle Prassinos

(Geboren am 16. Februar 1920 in Istanbul, gestorben am 15. November 2015 in Paris)

Eine französische Autorin mit griechischen Wurzeln, geboren in Istanbul. Ein „Wunderkind“ der Surrealisten. André Breton schrieb über die Gedichte der 14jährigen: „Das ist die permanente Revolution in hübschen kolorierten Bilden zu einem Sou … Alle Dichter beneiden sie darum. Swift schlägt die Augen nieder, Sade schließt seine Bonbonnière.“.. Er nahm sie in seine „Anthologie des schwarzen Humors“ auf. 1935 erschienen ihre Gedichte mit einer Einleitung von Paul Éluard und einem Foto von Man Ray. Später lockerte sich ihre Beziehung zu den Surrealisten, aber sie schrieb und publizierte weiter.

Der Einarmige

Ich muß diese Nacht
Diese Hände ins Meer eintauchen
Sie sind so gut wie neu
Und ihre tiefen Falten leben noch

Morgen werde ich ihnen zeigen
Wie man furchtlos die Stätte der Algen berührt
Beim Verlassen des Wassers
Zerfällt sie lautlos
Bald werden sie mir Vorbild sein

Um Hände aus ihnen zu machen
Treu vereint
Für mich.

Deutsch von Gerd Henniger. Aus dem legendären „Surrealismusziegel“, 1480 Seiten im kompakten Format 12×9 cm, Dünndruck mit zwei Lesebändchen. Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Bäcker, Edouard Jaguer und Petr Král. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1986 (2. Aufl.), S. 1090.

Link: Die arthritische Heuschrecke. Von Alexandru Bulucz. Faust Kultur
Das Mädchen und die Männer: Foto von Man Ray

Der Beständige und der Flüchtige

Sophie Mereau

(* 27. März 1770 in Altenburg; † 31. Oktober 1806 in Heidelberg; wiederverheiratete Brentano)

Der Wein

Einer Fackel vergleich' ich den Wein: beleuchtet sie liebliche Bilder,
   frischt ein schimmernder Tag üppig die Farben nur an;
aber erhellet ihr Strahl das Inn're verdorb'ner Naturen,
   springt in ein schneidendes Licht schnell das Gemeine hervor.

Das Unbegreifliche

Warum uns so wenig ergreift? Weil der Begriffe so viele;
   denn es begeistert nur das, was unbegreiflich uns bleibt.

Der Ungewöhnliche.

Mancher wohl hält sich für ungewöhnlich; doch ist es nur dieser,
   dem Ungewöhnliches leicht, schwer das Gemeine erscheint.

Der Beständige.

Einmal lieb' ich, und Einmal leb' ich, unsterbliche Götter!
   Wenn ihr das Eine mir raubt, nehmt auch das Andre dahin!

Der Flüchtige.

Öfters glaubt' ich zu lieben am Morgen; doch winkte der Abend,
   war die treulose Gluth schon mit der Sonne entflohn.

Aus: Mereau, Sophie: Gedichte. Erstes Bändchen. Berlin 1800. Digitale Edition von Jochen A. Bär. Vechta 2014. (Quellen zur Literatur- und Kunstreflexion des 18. und 19. Jahrhunderts, Reihe B, Nr. 737.)

Junge aus Shropshire

A. E. Housman

(* 26. März 1859 in Fockbury, Grafschaft Worcestershire; † 30. April 1936 in Cambridge)

Aus: Ein Junge aus Shropshire

7

Als Rauch aufstieg von Ludlow,
am Teme der Dunst zerrann,
im Gegenlicht des Morgens
schritt fröhlich ich voran
mit Pflugschar und Gespann.

In dem Gebüsch die Amsel
sah auf, als ich so schritt,
sie lauschte auf mein Pfeifen
zu schwerer Hufe Tritt.
Dann flötete sie mit:

«Laß sein! Laß sein, mein Junge.
Auf! Auf! – Bringt das Gewinn?
Steh auf an tausend Tagen,
zum Schluß legst du dich hin!
Ist das des Lebens Sinn?»

Mit ihrem gelben Schnabel
sang sie. Mir wars zuviel,
hob einen Stein und warf ihn
und nahm sie mir zum Ziel.
Da war der Vogel still.

Doch meine Seele in mir
nahm auf der Amsel Klang,
und neben meinen Pferden
am taubedeckten Hang,
war ich es, der ihn sang:

«Laß sein! Laß sein, mein Junge,
stets westwärts zieht das Licht.
Der Weg fuhrt heim zur Ruhe,
den man zum Werk aufbricht.
Was Beßres gibt es nicht.»

Deutsch von Hans Wipperfürth

Anmerkung: In den Strophen sind im Original die 2., 4. und 5. Zeile etwas eingerückt.

Aus: Englische und amerikanische Dichtung, Bd. 3, Von R. Browning bis Heaney. München: C.H. Beck, 2000, S. 77/79

Einzelausgabe: A Shropshire Lad / Ein Junge aus Shropshire. Übersetzungen von Hans Wipperfürth. Heidelberg 2000

A Shropshire Lad

VII

When smoke stood up from Ludlow,
And mist blew off from Teme,
And blithe afield to ploughing
Against the morning beam
I strode beside my team,

The blackbird in the coppice
Looked out to see me stride,
And hearkened as I whistled
The trampling team beside,
And fluted and replied:

„Lie down, lie down, young yeoman;
What use to rise and rise?
Rise man a thousand mornings
Yet down at last he lies,
And then the man is wise.“

I heard the tune he sang me,
And spied his yellow bill;
I picked a stone and aimed it
And threw it with a will:
Then the bird was still.

Then my soul within me
Took up the blackbird’s strain,
And still beside the horses
Along the dewy lane
It sang the song again:

„Lie down, lie down, young yeoman;
The sun moves always west;
The road one treads to labour
Will lead one home to rest,
And that will be the best.“

Drei Epigramme

Daniel Schiebeler

(* 25. März 1741 in Hamburg; † 19. August 1771 ebenda)

Guter Rath.

Lies wenig, denke viel, geh viel mit andern um;
Sonst bleibst du, glaub es mir, bey allen Büchern dumm.

Die verliebte Verzweifelung.

Sich Chloens Liebe zu erwerben,
Was that Alcindor nicht! Umsonst war seine Müh.
Zuletzt entschloß er sich, zu sterben;
Und er durchbohrte sich in einer Elegie.

Belehrung.

Moralisirender Melint,
Du sprichst: die Lust zum Wein regiert in vielen Dichtern,
Ich geb‘ es zu; doch wisse, Freund, sie sind
Berauscht vernünft’ger, als du nüchtern.

Aus: Daniel Schiebelers, Doktors der Rechte, und E. Hochehrw. Hamb. Domkapitels Kanonici, Auserlesene Gedichte. Herausgegeben von Johann Joachim Eschenburg, Professor am Collegio Carolino zu Braunschweig. Hamburg: Bode, 1773, S. 293, 297, 293

Auf den Tod von DichterInnen

Lawrence Ferlinghetti

(* 24. März 1919 in Yonkers, New York; † 22. Februar 2021 in San Francisco, Kalifornien)

Aus: Elegie auf den Tod von Kenneth Patchen

Ein Dichter wird geboren Ein Dichter stirbt Und alles was dazwischen liegt

sind wir und die Welt

Und die Welt bringt Lügen darüber tut als hätte sie seine Botschaft verstanden dabei ist sie aus Dichtung aber der Welt größter Teil wünscht ihn einfach vergessen zu können und seine so seltsamen Prophezeiungen

Samt all den andern seltsamen Dingen die er sagte über die Welt allzu wahr nur und die ihnen Angst machten vor ihm mehr als daß sie ihn liebten obwohl er viel von Liebe sprach Samt all den Warnungen die er äußerte und die dann falscher Alarm waren wenn auch nur für den Augenblick die alle ihnen Angst machten vor seiner Zunge mehr als daß sie ihn liebten Obwohl er viel von Liebe sprach und niemals lebte durch »Schweigen, Verbannung & List« und ein lauter Kriegsdienstverweigerer war und Gegner der Tode die wir täglich einander geben obwohl wir viel von Liebe sprechen Und wenn solch einer stirbt sollten sogar die Todesagenten aufmerken und die Scheiße aus ihren Flügeln schütteln in Air Force One Aber sie tun’s nicht Und die Scheiße fliegt noch immer

Dies ist der Anfang eines Gedichts, die erste Seite eines Buches. Das Original ist in Strophen nach Art Hölderlinscher „rhapsodischer Oden“ eingeteilt – Reihen von Zeilen, jede etwas weiter rechts eingerückt. Ich probiere es einmal in Prosa – an den Großbuchstaben im Innern erkennen Sie Zeilenanfänge, aber vielleicht braucht man sie nicht. Das Original steht in: Lawrence Ferninghetti, Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Wulf Teichmann. Hanser 1980, S. 7.

Hier kann man das Gedicht im Original sehen und hören

Gedichte über Polen

Adam Zagajewski

(* 21. Juni 1945 in Lemberg, Ukrainische SSR; † 21. März 2021 in Krakau)

Gedichte über Polen

Ich lese Gedichte über Polen, geschrieben
von fremden Dichtern, Deutsche und Russen
haben nicht nur Gewehre, auch
Tinte, Federn, auch etwas Herz und viel
Phantasie. Das Polen in ihren Gedichten
erinnert an ein verwegenes Einhorn,
das von der Wolle der Gobelins sich nährt, das
schön ist, schwach und unvernünftig. Ich weiß nicht,
worin der Mechanismus der Täuschung besteht,
aber auch mich, den nüchternen Leser,
betört dieses märchenhafte, wehrlose Land,
von dem sich die schwarzen Adler, die hungrigen
Kaiser, das Dritte Reich und das Dritte Rom nähren.

Deutsch von Karl Dedecius, aus: »Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts«. Herausgegeben von Karl Dedecius/Deutsches Polen-Institut. 5 Abteilungen in sieben Bänden. Zürich: Ammann Verlag 1996ff. Abteilung »Poesie«. Hrsg. und übertragen von Karl Dedecius. Zürich: Ammann 1996. (c) Hanser Verlag München

Künstlers Abendlied

Johann Wolfgang Goethe

(* 28. August 1749 in Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar)

Lied des phisiognomischen Zeichners

O daß die innre Schöpfungskraft
Durch meinen Sinn erschölle
Daß eine Bildung voller Saft
Aus meinen Fingern quölle.
Ich zittre nur ich stottre nur
Ich kann es doch nicht lassen
Ich fühl ich kenne dich Natur,
Und so muß ich dich fassen.

Wenn ich bedenk wie manches Jahr
Sich schon mein Sinn erschließet,
Wie er wo dürre Heide war,
Nun Freudenquell genießet
Da ahnd ich ganz Natur nach dir
Dich frei und lieb zu fühlen
Ein lustger Springbrunn wirst du mir
Aus tausend Röhren spielen
Wirst alle deine Kräfte mir
In meinem Sinn erheitern
Und dieses enge Dasein hier
Zur Ewigkeit erweitern.

Erste Fassung ohne Titel, aber mit zwei zusätzlichen Strophen am 5.12.1774 in einem Brief an Merck, mit dem hier verwendeten Titel kurze Zeit später an Lavater gesandt und so 1775 in den Physiognomischen Fragmenten gedruckt. 1789 in bearbeiteter Form unter dem Titel Künstlers Abendlied in Schriften veröffentlicht.