Wer des Französischen mächtig ist, der darf seine Wiedergeburt auch formal erleben. Die Vorliebe des Autors für eine durchgehend gleichhebige Rhythmik, für Reime und Vokalharmonien scheint auf den ersten Blick, verglichen mit den Inhalten die durch diese Form transportiert werden, geradezu antiquiert und unpassend. Man erkennt jedoch schnell, dass diese Form die einzige mögliche für diese Gedichte ist. Denn trotz aller Predigten des Verfalls, versteht sich der Autor doch als ein Bewahrer, als ein Bewahrer des längst Vergangenen freilich. In der offen zur Schau gestellten Menschenfeindlichkeit schwingt auch immer die Sehnsucht nach dem Menschlichen mit, getreu dem Motto, dass der Mensch, so wie er ist, verworfen werden muss, um den Menschen, so wie er sein sollen, zu formen. Es sind, um ein wenig abgewandelt mit Paul Celan zu sprechen, noch Lieder zu singen jenseits der Menschlichkeit, um die Menschlichkeit erst zu provozieren. (folgt zweisprachige Textprobe) / Markus Kuhn, titel Magazin 8.4.02
Michel Houellebecq : Wiedergeburt. Gedichte Französisch-Deutsch; Übers. von Hinrich Schmidt-Henkel. DuMont 2001; Tb; 193 Seiten; € 17,40. ISBN 3770153596
Gäste [in Parchim] sind diesmal Chefredakteur und Redakteure des “ “ aus Berlin, einer periodischen Publikation, die sich selbst als „Zeitschrift für Schreibgruppen und Schreibinteressierte“ definiert.
Der „Wortspiegel“ ist unter der Leitung seiner völlig ehrenamtlich arbeitenden Redaktion längst mehr als lediglich ein Spiegel fremder Worte. Mehr und mehr hat er sich als ein Zentrum des Gedankenaustausches zwischen Ost und West und zwischen Alt und Jung erwiesen. Für das Jahr 2002 hat die Redaktion sich etwas Besonderes einfallen lassen. Thema des diesjährigen Schreibaufrufes ist: “ Zivilcourage zeigen, heißt immer auch Angst überwinden „.
Dazu sollen erlebte oder erdachte Geschichten in Prosa oder Lyrik eingesandt werden. / Schweriner Volkszeitung 8.4.02
Das Deutsche Literaturinstitut Leipzig nimmt zum Wintersemester 2002/03 neue Studenten für den sechssemestrigen künstlerischen Studiengang auf. Bewerbungsschluss ist der 15. Mai. Eignungsprüfungen finden vom 15. bis 19. Juli statt. Informationen finden sich im Internet unter: http://www.uni-leipzig.de/dll . (bil./ Berliner Zeitung April 2002)
In der Frankfurter Anthologie (6.4.02) schreibt Eugen Gomringer über ein Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer :
Nachtgeräusche
Melde mir die Nachtgeräusche, Muse,
Die ans Ohr des Schlummerlosen fluten!
Erst das traute Wachtgebell der Hunde,
Dann der abgezählte Schlag der Stunde,
Dann ein Fischer-Zwiegespräch am Ufer,
Dann? Nichts weiter als der ungewisse
Geisterlaut der ungebrochnen Stille,
Wie das Atmen eines jungen Busens,
Wie das Murmeln eines tiefen Brunnens,
Wie das Schlagen eines dumpfen Ruders,
Dann der ungehörte Tritt des Schlummers.
Geradezu evident will da erscheinen, was Olga Orozco , die 1999 verstorbene Grande Dame der argentinischen Gegenwartslyrik, einmal über ihre poetischen Anfänge erzählt hat: «Ich begann zu ‹schreiben›, als ich noch nicht schreiben konnte . . . Da ich leicht zu beeindrucken war, umgaben mich undurchdringliche Geheimnisse wie Steine, beunruhigende Schatten wie Wölfe und Schrecken wie Blitze.» / NZZ 6.4.02
Olga Orozco: Die letzten Splitter des Lichts / Las últimas astillas del reflejo. Gedichte / Poemas. Ausgewählt, eingeleitet und aus dem argentinischen Spanisch übersetzt von Juana und Tobias Burghardt. Teamart-Verlag, Zürich 2001. 133 S., Fr. 36.-.
Wer war die schöne Fremde, die Eduard Mörike zum „Peregrina“-Zyklus inspirierte? – fragt Friedemann Bedürftig in der Süddeutschen vom 6.4.02:
Der Spiegel dieser treuen braunen Augen/Ist wie von innrem Gold ein Widerschein;/Tief aus dem Busen scheint ers anzusaugen,/ Dort mag solch Gold in heilgem Gram gedeihn. “ Der angehende Poet Eduard Mörike, noch keine zwanzig Jahre alt, geriet 1823 in die wohl schwerste Krise seines Lebens. Herz und Hirn verwirrte ihm eine junge Frau, deren Liebreiz aus Trauer und Schönheit, Lebensgeheimnis und Verlorenheit ihm die Seele auszutrinken drohte, wie es der Kollege Theodor Storm in seiner Novelle „Renate“ ausdrückte.
Zum 80. Geburtstag von Annemarie Schimmel gratuliert die NZZ:
Mit 15 Jahren lernte sie Arabisch, danach Türkisch und andere Sprachen. Seit dem ersten Besuch in der Türkei Anfang der fünfziger Jahre hat sie wohl alle Länder zwischen Marokko und Indonesien bereist, mehrfach promoviert, unzählige Texte im Original gelesen, übersetzt und sogar selbst vieles in gleicher Diktion gedichtet – eingetaucht in jenes Morgenland wie wohl keine zweite Wissenschafterin des Abendlandes. / NZZ 6.4.02
Und die Südwest-Presse ergänzt:
Die Lyrik Friedrich Rückerts , der den sanften Wohlklang arabischer und persischer Poesie im Deutschen nachzudichten suchte, begeisterte schon die Schülerin für die Geheimnisse des Nahen und Mittleren Ostens. / Mehr in FAZ vom 6.4.02 / Süddeutsche 6.4.02
(meint der Südkurier am 6.4.02):
In der Geburtsstadt von Hermann Hesse (1877 bis 1962), seines Zeichens Literaturnobelpreisträger (1946) und laut Unesco der meist übersetzte deutschsprachige Autor seit den Gebrüdern Grimm, galt der junge Dichter als Faulenzer, weil er nicht ins schaffige schwäbische Umfeld passte. Zur Zeit des Dritten Reichs wurde der Ruf des in die Schweiz emigrierten Künstlers, der Leidensgenossen bei der Flucht aus Deutschland half, in seiner Heimatstadt nicht besser. Noch 1957, als Hermann Hesse längst Weltruhm genoss, lehnte es der Gemeinderat ab, eine Schule nach dem Schriftsteller zu benennen.
Das Gedicht aus dem Elfenbeinturm zu befreien, ist ein Anliegen des Wolfhäldler orte-Verlages. Daher sind in den nächsten Wochen über www. orteverlag.ch Gedichte der Lyrikerin Alfonsina Storni (gilt als grösste argentinische Dichterin, trotz ihrer Tessiner Herkunft), des amerikanischen New-Sensibility-Poeten Frank O’Hara , von Peter K. Wehrli, von der im deutschen Waldkirch lebenden Eva-Maria Berg, der Ungarin Agnes Rapai und von Friedrich Hölderlin zu sehen bzw. zu lesen. Das ehemalige Poesietelefon erhält damit seine Fortsetzung.pd / St.Galler Tagblatt 6.4.02
In Jacobs´ Lyrikkolumne in der Welt am 6.4.02 ein Gedicht von Lutz Rathenow.
Unter der schönen Überschrift
Stipendiatin mit Bodo Uhses Gerät in Bamberg
lesen wir im “ Fränkischen Tag “ vom 6.4.02:
Eine Schreibmaschine hatte – früher zumindest – viel zu schreiben, in manchen Fällen kann sie auch viel erzählen wie zum Beispiel die hier abgebildete, die „Kolibri“ heißt und dem Schriftsteller Bodo Uhse (er lebte von 1904 bis 1963) gehörte und ihm beim Dichten helfen und ihn beflügeln sollte.
Uhse ist hierzulande mittlerweile und nicht zuletzt wegen der literarischen Verarbeitung seiner Bamberger Jahre (1921-1927) als Redakteur beim damaligen „Tagblatt“ kein Unbekannter mehr (das Bändchen „Die heilige Kunigunde im Schnee“ ist immer noch lieferbar).
Weniger bekannt freilich dürfte sein, dass Uhses Schreibgerät im Gefolge der Villa-Concordia-Stipendiatin Brigitte Struzyk im Vorjahr nach Bamberg kam. Grund ihres Tripps an die Regnitz: Sie „begleitete tippsend“ eine Lesung der Lyrikerin im vergangenen Winter.
Michael Braun gratuliert:
Seine eigene enzyklopädische Raserei will Herburger in einer lyrischen „Epopöe, einem kleinen Heldengedicht“ bündeln. Weil er sich selbst die Lizenz zum wuchernden Phantasieren erteilt, gehorchen diese neuen Gedichte aber eher jenem Gestaltungsprinzip, das er schon 1967 in einem Kursbuch -Essay verkündete. Damals schon wünschte sich Herburger Gedichte „wie vollgestopfte Schubladen, die klemmen“.
Diese Poetik der „vollgestopften Schubladen“ korrespondiert aufs schönste mit jenem Abschweifungs-Furor, die der Autor in Lauf und Wahn zum Schreibprogramm erhebt. Denn dort agiert ein durch verschlungene Satzperioden sich vorwärts tastender Erzähler, der sein Bewusstseinserweiterungs-Programm mit Abschweifungen über Biochemie, Zahlenmystik, Festkörperphysik und Kompositionslehre füttert. / Freitag 15/2002 – S.a. Süddeutsche 6.4.02 / FAZ 6.4.02 (Harald Hartung)
Für Lothar Klünner , der nach dem Krieg mehr als 25 Jahre lang fast jeden Donnerstagabend hier verbrachte, ist das Atelier so etwas wie Heimat, wie die „Wiege meines Kunstverständnisses“. Er und sein Freund Johannes Hübner Mammen, um mit ihr bei Rotwein über französische Literatur zu diskutieren. Die beiden, die zur ideengeschichtlich verwaisten jungen Kriegsgeneration gehörten, suchten Zuflucht beim literarischen Surrealismus der Franzosen. Sie begannen Apollinaire und René Char zu übersetzen und schrieben selbst Gedichte im Duktus ihrer großen Vorbilder. Die 30 Jahre ältere Mammen wurde ihnen zur Mentorin, denn im Französischen und der Literatur jener Zeit kannte sie sich aus.
Eines teilt Klünner mit seiner Lehrmeisterin: Als Schriftsteller ist er Außenseiter geblieben. Seine Lyrik, die dem Unbewussten huldigt, Logik und bewusstes Kalkül ablehnt und in der das Ich gern auf verlorenem Posten steht, bietet viel kryptischen Expressivität. Verständnis wird mit einer fantastischen Metaphernfülle zugedeckt. Das gibt den Gedichten die Schönheit des Augenblicks. Zeitlos aber ist nur die Idee, dass der Moment zeitlos sein kann. / taz Berlin 5.4.02
Lothar Klünner: Diese Nacht aus deinem Fleisch. Gesammelte Gedichte. Berlin: Jeanne-Mammen-Gesellschaft 2000. ISBN 3-89811-428-7
Poes «nevermore», verkündet im epochalen Gedicht «The Raven», präludierte dann den dunklen Refrain für alle lyrischen Nachtwanderer der Moderne.
Nach über hundertjähriger Abwesenheit taucht nun der «riesige amerikanische Rabe» Poes am Nachthimmel der neuen Gedichte Wolfgang Hilbigs wieder auf. Und es kommt zur Begegnung zweier «schwarzer Mystagogen», die ihre Seelenverwandtschaft im Gefühl des Selbstverlusts entdecken. Der «Nevermore»-Rabe Poes und das lyrische Ich Hilbigs bewegen sich im gleichen Element – in einer «Dunkelzone», jenem Grenzbereich von Traum und Wachbewusstsein, von Dämmerung und Halblicht, der seit je das Lebenselixier der Hilbig’schen Helden bildet.
Schon einmal, in einem frühen Gedicht aus dem Jahr 1981, hatte Hilbig den «schmutzigen gesträubten Raben» Poes als Wahrzeichen für seine eigenen literarischen Imaginationen adoptiert. In «Bilder vom Erzählen», dem Titelgedicht seines neuen Gedichtbandes, ersehnt sich nun Hilbigs lyrisches Alter Ego vom Raben die Einweihung «in das Sakrament der Finsternis». …
Das von der Jury des Peter-Huchel-Preises ausgezeichnete Buch war bei der Staufener Preisverleihung jedoch nur als Phantom präsent. Denn der S. Fischer Verlag hat Hilbigs «Bilder vom Erzählen» nur als bibliophile Sonderausgabe in einer Kleinstauflage verbreitet, die seit Monaten vergriffen ist. Damit ist der absurde Fall eingetreten, dass einer der wichtigsten Gedichtbände der letzten Jahre dem Markt entzogen bleibt. / Michael Braun, Basler Zeitung 5.4.02
Es steht in allen Zeitungen Es kommt in den Abendnachrichten Ein grosser Dichter stirbt Aber seine Stimme wird nicht sterben Seine Stimme schwebt über dem Land In Lower Manhattan in seinem Bett stirbt er Es lässt sich nichts dagegen tun Er stirbt den Tod eines jeden Er stirbt den Tod eines Dichters Er hält ein Telephon in Händen und ruft jeden an Rund um die Welt spät in der Nacht klingelt das Telephon «Ich bin’s, Allen» sagt die Stimme
so beginnt ein Text von Lawrence Ferlinghetti , den das St. Galler Tagblatt heute mit einem weiteren von Gregory Corso zum gleichen Thema druckt: Elegeia für Allen Von seinem geliebten Catull [schon wieder!] und seinem geliebten Gregory, dargebracht am 7. April 1997 im New York City Shambala Center . (Ginsberg starb heute vor 5 Jahren) / Tagblatt 5.4.02
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