Texttreue bei Nachdichtungen

Michael Braun befragt Raoul Schrott – u.a. über Texttreue bei Nachdichtungen:

Den griechischen Hexameter, der etwas Getragenes hat, kann ich nicht aus den Strukturen des Altgriechischen umstandslos ins Deutsche hinüberretten. Die Musikalität der einen Sprache kann ich nicht in die andere bringen, ohne sie in ein Prokrustesbett zu zwängen. Eine Eins-zu-Eins-Übersetzung wäre nichts als eine Travestie, die das Fremde an rein äusserlichen Dingen festmacht. Die griechische Metrik hatte z.B. nicht betonte und unbetonte Silben wie im Deutschen, sondern deren Sprachmelodie basierte auf langen und kurzen Silben und auf Tonhöhen. Oder nehmen wir das Okzitanische, die Sprache der Troubadours. Die hatte ein ungewöhnlich ausgewogenes Verhältnis zwischen Vokalen und Konsonanten. Das Deutsche dagegen hat viel zu viele Konsonanten und zu wenige Vokale.
Wenn man das mit den Möglichkeiten eines Musikinstruments beschreiben will, so könnte man sagen: Auf einer Orgel gibt es diese Bandbreite, das Deutsche ist aber ein Klavier dagegen. Also versuche ich, ein Stück Musik transponierbar zu machen für ein anderes Instrument. Und das ist die Aufgabe des Übersetzers. Das ist letztlich auch eine Art von Hermeneutik: Den Text aus seinem sprachlichen Kontext heraus zu verstehen, den Text als Sprachgestus und Sprechakt zu begreifen und die Suggestivität dieses Sprechakts im Deutschen neu zu erschaffen. / Basler Zeitung 16.4.02

The Atlantic Monthly

Glückliche Amerikaner! Ihre Periodika sind älter als unsere; und vielleicht sind sie deshalb freigiebiger im Internet? Wer hat, der kann. Welche deutsche Zeitschrift könnte einen Artikel aus dem Jahre 1942 arglos im Internet anbieten? – The Atlantic Monthly aus Boston kann; auf ihren sehr ergiebigen Poetry Pages gibts neben aktuellen Beiträgen (inclusive Audio-Dateien mit Gedichtlesungen) reichhaltige Archivpublikationen. Zur Zeit zum Beispiel: einen Artikel von Carl Sandburg just aus dem Jahr 1942, u.a. über Argumente gegen free verse :

The arguments against free verse are old. They are not, however, as old as free verse itself. When primitive and prehistoric man first spoke with cadence or color, making either musical meaning or melodic nonsense worth keeping and repeating for its definite and intrinsic values, then free verse was born, ages before the sonnet, the ballad, the verse forms wherein the writer or singer must be acutely conscious, even exquisitely aware, of how many syllables are to be arithmetically numbered per line.

oder, zweites Beispiel, eine Besprechung von Emily Dickinson aus dem Jahre 1913:

Without elaborate philosophy, yet with irresistible ways of expression, Emily Dickinson’s poems have true lyric appeal, because they make abstractions, such as love, hope, loneliness, death, and immortality, seem near and intimate and faithful. She looked at existence with a vision so exalted and secure that the reader is long dominated by that very excess of spiritual conviction. A poet in the deeper mystic qualities of feeling rather than in the external merit of precise rhymes and flawless art, Emily Dickinson’s place is among those whose gifts are

Too intrinsic for renown.

The Atlantic Monthly; January 1913; The Poetry of Emily Dickinson; Volume 11, No. 1; pages 93-97.

(Weiter zurück: im Oktober 1891 schreibt die Zeitschrift über den unerwarteten postumen Siegeszug der Dichterin).
(Naja, vielleicht kann das die FAZ im Jahre, sagen wir 2067 auch!) / 16.4.02

Karsunke über Auden

Dem Leser des Jahres 2002 – der Audens Gedichte in einer soeben (bei Pendo) erschienenen zweisprachigen Auswahl neu lesen kann – scheinen sie hingegen als inzwischen klassische Zeugnisse der lyrischen Moderne fast schon vertraut. Die Montagetechnik, die eine kaleidoskopartige Simultaneität unterschiedlicher Zeiten und Gegenstände erzeugt, ist als lyrisches Verfahren längst durchgesetzt, und die formale Vielfalt überrascht den Kenner postmoderner Polystilistik kaum noch. Nach wie vor beeindruckend ist allerdings die Fülle der Kunstmittel und -formen, über die Auden souverän verfügt hat. Strenge Sonette finden sich ebenso wie reimlose Langzeilen in freien Rhythmen, Oden und Elegien stehen neben Liedern und Songs (bis hin zum Gassenhauer), aphoristische Drei- bis Fünfzeiler wechseln mit mehrteiligen Zyklen, und manchmal erinnern sangbare Refrains daran, dass Auden das Libretto zu Strawinskys The Rake’s Progress mitverfasst hat. / Yaak Karsunke , FR 16.4.02

W. H. Auden : Anhalten alle Uhren. Gedichte, herausgegeben von Hanno Helbling, zweisprachig. Pendo Verlag, Zürich / München 2002, 151 Seiten, 22,90

Reiner Kunze

Die Ostthüringer Zeitung druckt einen Dankbrief (mit Gedicht) des Lyrikers Reiner Kunze an einen Arzt in Schleiz, der ihm seit den Zeiten der Verfolgung in der DDR freundschaftlich verbunden blieb. / OTZ (Schleiz) 16.4.02

Mehr übersetzen, weniger reden

Allein eine unermüdliche Übersetzungstätigkeit kann im westlichen Umgang mit dem Islam einen herrschaftsfreien Diskurs begründen. Sie ist daher nicht nur die bescheidenste, sondern auch die nobelste Tätigkeit, deren sich ein Islamwissenschafter befleissigen kann. Eine sensible Öffentlichkeit sollte ihm für diese mehr danken als für die nachhaltigste Medienpräsenz. / Stefan Weidner, NZZ 15.4.02

John Ashbery: Einschüchterung und Ermutigung

In the service of his imagination, John Ashbery has published more than 20 volumes of poems, a collection of plays, a novel, essays, and art criticism. He has received almost every award a poet can receive, including the Pulitzer Prize, the National Book Award, and a MacArthur Fellowship. At least three generations of American poets have been profoundly influenced by his presence.
If „Short-Term Memory,“ reprinted here , is the first Ashbery poem you’ve encountered, you’re apt to find it puzzling. That’s all right – Ashbery himself finds his poems “ hermetic “ and rarely tries to explain what they mean. / Michael Collier, The Baltimore Sun 14.4.02

Creole poet

Edward Hirsch präsentiert ein Gedicht des Haitianischen „Creole poet“ Woudòf Milè (Rudolph Muller): A 16-Year-Old Girl Who’s Standing Hirsch:

There are poems that tremble with human presence, that put the suffering of a single human being squarely in front of us. Such poems have a dynamic simplicity that rivets our attention. They have the power to disturb and even shame us.

/ Washington Post 14.4.02

William Blake

Sein erfolgreicher Dichterkollege Wordsworth , bei dem sich im Gegensatz zu Blake der revolutionäre und künstlerische Elan im mittleren Alter verflüchtigte, bemerkte immerhin nach der Lektüre einiger Blake’scher Verse: «Am Wahnsinn dieses Mannes ist etwas, das mich mehr anzieht als die geistige Gesundheit eines Lord Byron .» … Dem deutschsprachigen Publikum ist Blake, zumal in seiner Eigenschaft als Dichter und mythopoetischer Zivilisationskritiker, nach wie vor wenig bekannt; und dies, obgleich seine erste kritische Würdigung 1811 ausgerechnet auf Deutsch erschien, und zwar im «Vaterländischen Museum», verfasst von Henry Crabb Robinson, einem unermüdlichen, wenn auch wenig erfolgreichen Mittler zwischen englischer und deutscher Kultur in der Goethezeit. / Werner von Koppenfels, NZZ 13.4.02

Peter Ackroyd: William Blake . Dichter, Maler, Visionär. Aus dem Englischen übertragen von Thomas Eichhorn. Albrecht- Knaus-Verlag, München 2001. 475 S., Fr. 52.50.

Ernst Jandl

Aus Ehrfurcht vor den Worten, den Sprachfetzen, Jandls lyrischem Wortsalat, halten sich die Musiker zurück, mischen sich kaum ein und lassen den Texten, die für sich genommen schon wie Musik klingen, den Vortritt. Im „Sommerlied“ blasen die Instrumentalisten den sanft säuselnden Sommerwind dazu. Wenn sich die Amsel erhebt zu ihrem ewigen Flug, dann tiriliert die Flöte. Dieser Amsel wurden die Beine entfernt, denn: „Das müsst’ ein wahrer Vogel sein, dem niemals fiel das Landen ein.“ Und zu Jandls „Philosophie“, deren Silben so verdreht und geschüttelt werden, dass sich alles wie „viel Vieh“ anhört, bläst sich’s zwölftönig auf der Flöte am besten. / Darmstädter Echo 13.4.02

Jandl und Jazz mit Berger, Puschnig und Sass in der Darmstädter Centralstation.

Heinz Czechowski

Vom „Gedicht, geschrieben / Gegen die Vergeblichkeit“ redet Czechowski bescheiden an einer Stelle. Da ist kein Weg ins laute Gepolter der Weltveränderung, keiner in die kühl-lächelnde Ironie, keiner in die Senk-, Spreiz- und Knickübungen der Versfüße und Silben. Aber in der Bescheidenheit wurzeln früh auch die Ansprüche – tastend, konjunktivisch: „Gelänge uns doch / Der Griff aus dem Dunkel / Nach den wirklichen Dingen!“ Wer aus dem Dunkel nach den wirklichen Dingen greifen will, der ist, bei aller Selbstbezogenheit, nicht am Bau eines hermetischen Käfigs interessiert. Und wahrscheinlich ist es diese Dialektik von strenger Individualität und konkreter Weltwahrnehmung, die den spröden Zauber von Czechowskis Dichtungen ausmacht. / Gregor Ziolkowski, Berliner Zeitung 13.4.02

* Heinz Czechowski : Die Zeit steht still. Ausgewählte Gedichte 1958-1999. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Alexander Nitzberg. Grupello Verlag Düsseldorf 2000. 237 S., 18 Euro

Peter-Paul Zahl

„Die Glücklichen“ hat derweil seine 26. Auflage erreicht. Als der Roman 1979 zum ersten Mal erschien, war es ein Skandal. Peter-Paul Zahl hatte ihn im Knast geschrieben, in Köln Ossendorf, Bochum und Werl. Hatte damit jenen früheren Weggefährten eine Nase gedreht, die sich um des Parteigehorsams willen auf die Tage der Kommune nicht mehr besannen, auf die Straßenkämpfe und Sprechchöre, die Demos und Steinwürfe. Für die Bonner Republik andererseits war das Buch ein 524 Seiten langes Ständchen mit dem Refrain: „Ich kenn ein putzig Städtchen am Rhein / da behaupten die Beschränktesten / Sachwalter ganz Deutschlands zu sein./ Sie verwalten die Kohlen und halten die Macht / aber jetzt jetzt werden sie ausgelacht.“

Dass der Knastschreiber, zu dem Zahl sich selbst ernannte, daraufhin den Förderpreis der Freien Hansestadt Bremen erhielt, ließ die Lordsiegelbewahrer des freien bundesdeutschen Staates aufschreien. Das hieße sozialdemokratische Kulturpolitik, posaunte Helmut Kohl an Straußens Statt. / Aureliana Sorrento, Berliner Zeitung 13.4.02

 

Bardinale

Das Dresdner Fest der Poesie kommt in diesem Jahr mit neuem Namen daher: statt „Dresdner Lyriktage“ nennt es sich nun „Bardinale“…
Den Auftakt am 5. Juni bildet … die Lesung von zwei Lyrikerinnen und drei Lyrikern aus Guatemala, Kolumbien, Russland, Irland und Deutschland (die DNN wird sie noch näher vorstellen). Diese Lesung ist Teil des europäischen Netzwerkes „Poets on the Road“. Die Autoren treten zuvor auf Festivals in Malmö und Bremen auf. / Dresdner Neueste Nachrichten 12.4.02

Nordlicht aus Dresden

Aber Däublers Haupt- und Lebensstück, das lyrische Großepos „Das Nordlicht“, ist so gründlich verschollen, dass es selbst im „Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher“ kaum Spuren hinterlassen hat. Sehr zu Unrecht, denn dieses ebenso großartige wie törichte Gedicht ist eines der größten deutschen Sprachexperimente, „halb Pyramide und halb Urwald“, wie Däubler selbst meinte. Das Gedicht soll nicht weniger als die Geschichte der gesamten Schöpfung erzählen, von der anfänglichen Trennung der Erde von ihrer Mutter, der Sonne, bis zur künftigen Vereinigung im Kosmus unter dem Zeichen des Nordlichts. Vollständig erschienen ist „Das Nordlicht“ zum ersten Mal 1910 (Florentiner Fassung), dann, nach einer durchgreifenden Umarbeitung zum zweiten Mal 1921 (Genfer Fassung). Bis 1930 arbeitete Theodor Däubler an der dritten, der „Athener Fassung“. Sie blieb allerdings ungedruckt und liegt heute im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar. Der Dresdner Literaturwissenschaftler Walter Schmitz hat nun zusammen mit Stefan Niehaus (Universität Bari) und Paolo Chiarini (Universität Rom) mit der ersten Gesamtausgabe der Werke Theodor Däublers begonnen. Nachdem einer Reihe großer deutscher Verlage das finanzielle Risiko einer solchen Edition als zu groß erschien, hat nun der Dresdner Kleinverlag Thelem ( http://www.thelem.de ) die Ausgabe übernommen, deren erster Band, eben „Das Nordlicht“ in drei Fassungen und Teilbänden sowie einem Kommentarband, gegen Ende dieses Jahres erscheinen könnten – vorausgesetzt, es finden sich hundertzwanzig Subskribenten für die Gesamtausgabe. / Süddeutsche Zeitung 11.4.02

Ernesto Sábato

In der FAZ klärt uns PAUL INGENDAAY über die spanische Form der Dichterehrung auf – am Beispiel des argentinischen Dichters Ernesto Sábato :

Wir hörten von Sábatos Tübingen-Reise 1962 und seinem Besuch im Hölderlin-Turm. Von der „brüderlichen Metaphysik“ seines Denkens und der „schwierigen Schönheit“ seiner Schriften. Die einen nannten ihn mit respektvoller Anrede „Don Ernesto“, andere wußten, daß große alte Männer in Argentinien nur Nachnamen tragen. Am Ende weinten viele, Sábato auch. Und nichts war zu spät. An die eigenen Tränen wird sich jeder erinnern. / Frankfurter Allgemeine Zeitung , 11.04.2002

Les guerres, les chansons

Muss Klage so wortreich sein, um gehört zu werden? Birgt nicht das reduzierte Sprechen die stärkere Überzeugungskraft in sich? Denn gerade in diesen Sequenzen finden sich Zeilen von visionärer Einfachheit: «. . . in einem nicht sehr fernen Land / wird das Gras / nass sein wie auf dem Amselfeld / werde ich tot sein wie auf dem / Amselfeld und die Sonne / ist die Sonne dann der Mond / und am Morgen ist die nasse Wiese / wieder schon der Tod . . .» / Beatrice Eichmann-Leutenegger, NZZ 11.4.02

Markus Stegmann : Les guerres, les chansons. Gedichte. Edition Isele, Eggingen 2001. 60 S., Fr. 28.-.