Lyrikfestival in Köln

Sieben Dichterinnen hatten Sartorius und Thomas Böhm, Leiter des Kölner Literaturhauses, eingeladen. Ein kontrastreiches Programm aus drei Generationen, vier Ländern, zwei unterschiedlichen Sprachfamilien. Passend zur Fußballweltmeisterschaft traf Deutschland, in Gestalt von Barbara Köhler, Ilma Rakusa und Silke Scheuermann , auf Asien, für das die japanische Wahlhamburgerin Yoko Tawada, die Chinesin Xu Pei und die Koreanerin Kim Hyesoon auftraten. Man las in der „Orangerie“, einem Pflanzenhaus mit Glasdach, auf das immer wieder der Regen fiel. Ein Trommelgeräusch, das Barbara Köhler gefallen haben dürfte, deren Vortrag einer Performance glich. Wie ein Rap hörte es sich an, als sie, eine Hand beständig im Takt führend, aus ihrem Band „Wittgensteins Nichte“ etwa „Jemand geht“ rezitierte. „Jemand geht & er weiß dass er fortgeht“ beginnt dieser Text. Ein Satz, der im folgenden auf allen Bedeutungsebenen durchdekliniert wird. „Wenn sie auch geht würde es kein Fortgehen mehr geben“, heißt es weiter, wodurch hinter der scheinbar simplen Aussage plötzlich ein komplexes Machtverhältnis aufschimmert: er kann nur „fortgehen“, wenn sie zurückbleibt und auf ihn wartet. / Süddeutsche 9.7.02

Tawadas Überseezungen

Während Walter Benjamin in diesem Über-Setzen die Fremdheit aller Sprachen gegenüber etwas Unausdrückbarem erfährt und die leise Hoffnung hegt, dass diese Kluft bei der Ankunft des Messias aufgehoben wird, begegnet Tawada diesen Irritationen mit kindlicher Neugier und ohne melancholische Sehnsucht nach einer letzten Offenbarung. «Es gibt nichts Schöneres für mich, als im Theater zu sitzen und stundenlang einer Sprache zuzuhören, die ich nicht verstehe», bekennt sie, und im Staunen über die fremden Zungenreden möchte sie auch der eigenen, längst zur zweiten Natur gewordenen wieder einmal wie «der magischen Unlesbarkeit eines Gedichts begegnen». / Karl-Heinz Ott, NZZ 9.7.02

Yoko Tawada: Überseezungen. Konkursbuch-Verlag, Tübingen 2002. 158 S., Fr. 23.70.

Poetryfilm

Die Poesie ist nicht länger eine bedrohte Gattung – davon ist der Amerikaner Bob Holeman überzeugt. Das sei ein Verdienst des Films, genauer des „Poetryfilms“. Auch Thomas Wohlfahrt, Leiter der Literaturwerkstatt, sieht den Poetryfilm seit einigen Jahren im Kommen. Der Film habe nun das Gedicht entdeckt, so wie Anfang der achtziger Jahre die Musik. Wohlfahrt, seit Jahren auf der Suche nach neuen Formen der Vermittlung von Lyrik, sei es im Internet oder als Event auf dem Potsdamer Platz, hat deshalb das weltweit erste Poetryfilm-Festival ins Leben gerufen… / Berliner Zeitung 9.7.02

Wolfgang Rohner-Radegast

Der Schriftsteller Wolfgang Rohner-Radegast ist tot. Er starb am Sonntag in Freiburg im Breisgau im Alter von 82 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung, wie sein Verlag am Dienstag mitteilte.
Der Dozent, Lehrer und Lektor begann erst mit 62 Jahren Lyrik, Essays und Prosa zu veröffentlichen. Er wurde bekannt mit seinen Büchern «Germering», «Geflüsterwald» und «Semplicita». 1999 veröffentlichte er «Kinderblitz, Jambudvipa». Kurz vor seinem Tod vollendete der in Mecklenburg geborene Autor einen Band mit Essays, der in den kommenden Tagen unter dem Titel «Last Exit Poetry» erscheinen soll. / NZZ 9.7.02
Weitere Nachrufe: Baz 10.7.02 (Michael Braun)

Spracharbeit

Der Genosse Stalin kommt ins Bild, „mit Imkerstiefeln, Handschuhen/und Pfeife“. Von Honig und Wachs ist die Rede, letzte Zutaten zu Beyers Universum. Zwischendrin der Dichter im Dresdner Garten, wie er den Bienen zuschaut bei einem Spiel, das dem seinen nicht unähnlich ist. Von Stalin nach Hellerau und zurück im Zeichen der Biene: wer kennt die Regeln dieses Spiels? „Auch das ist Spracharbeit“, heißt es einmal über das Spiel der Bienen, und Spracharbeit sind auch diese Gedichte. Darin liegt ihre Konsequenz und ihre Beschränkung. /CHRISTOPH BARTMANN, Süddeutsche 8.7.02

MARCEL BEYER: Erdkunde. Gedichte. DuMont Verlag, Köln 2002. 116 Seiten, 16, 90 Euro.

Eisler-Renaissance?

So beeindruckten die beiden Eisler-Spezialisten am Klavier in der «Ouvertüre für zwei Klaviere» und den Klavierstücken, sangen Dorothee Labusch und David Thorner aus den «Zeitungsausschnitten» gegen die bürgerliche Lyrik an oder rief der Chor in «Vier Stücke für gemischten Chor» zum Kampf der Arbeiter auf. Grüsse aus dem Exil in Amerika übermittelten die Hölderlin -Fragmente, drei Lieder für Gesang und Klavier als Zeichen gegen die missbräuchliche Vereinnahmung des deutschen Klassikers durch die Nazis. / Landbote 8.7.02

Kenneth Koch,

a poet of the New York School whose work combined the sardonic wit of a borscht-belt comic, the erotic whimsy of a Surrealist painter and the gritty wisdom of a scared young soldier, died Saturday at his home in Manhattan. He was 77. / Nachruf NYT *) 8.7.02

Lange Nacht der „Konkreten Poesie“

Weser-Kurier/ Wümme-Zeitung berichten über Johannes Schenk (8.7.02) – Westdeutsche Zeitung aus Wuppertal über die erste lange Nacht der „Konkreten Poesie“ mit Eugen Gomringer als Gast (Link braucht Zeit!).

Poet´s Choice

I’ve always liked poems that take reading as their ostensible subject and treat it with the genuine intensity it deserves.

Here, for example, is a tiny two-line poem that fills me with a sudden sense of liberation. I recently discovered this poem by the 11th-century vizier Ibn ‚Ammar of Silves, at the head of an anthology of poems from Arab Andalusia.

Reading

My eye frees what the page imprisons:
the white the white and the black the black.

/ Edward Hirsch, The Washington Post 7.7.02

Sebald: Obscure German academic as world-class writer

The emergence of this obscure German academic, who taught modern history for many years at the University of East Anglia, as a world-class writer when already in his 50s, is one of the most remarkable literary phenomena of recent decades. Although the books were all first published in Germany, it was not until their rapturous reception in Britain and America that the true stature of this writer was gauged. / Stephen Romer, The Guardian Saturday July 6, 2002

After Nature by W G Sebald , trs Michael Hamburger 128pp, Hamish Hamilton, £12.99

Nicht für deutsche Bildungsmuffel

Unter der Rubrik Masterclass erklärt James Fenton den englischen Hauptvers, den jambischen Pentameter (vulgo fünfhebiger Jambus, z.B. Blankvers). Sie sind gewarnt!

A genius for variation explains its pre-eminent place in English verse, says James Fenton. / The Guardian 6.7.02

James Fenton: An Introduction to English Poetry (Viking, £14.99)

(Können Sie sich das in der Zeit vorstellen?)

Vomierte Rosen

Über einen Literaturstreit von 1827 zwischen Heine und Platen berichtet die NZZ:

Ausgangspunkt der Auseinandersetzung waren einige eher harmlose Epigramme, mit denen Karl Immermann die Verfasser orientalisierender Modepoesie in der Nachfolge von Goethes «West-östlichem Divan» dem öffentlichen Spott aussetzte. Heinrich Heine hatte sie im Anhang zum zweiten Teil seiner «Reisebilder» von 1827 gedruckt. In Anspielung auf Goethes Vorbild, den persischen Dichter Hafis aus Schiras, wurden da Friedrich Rückert , der Verfasser der «Östlichen Rosen», und August Graf von Platen mit seinen «Ghaselen» als Goethe-Epigonen abgetan:

Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras stehlen, Essen sie zu viel, die Armen, und vomiren dann Ghaselen.

… Sein [Platens] «Pochen auf Klassizität», das in der virtuosen Handhabung der antiken Ode, des Renaissance-Sonetts und komplizierter orientalischer Strophenformen seinen Ausdruck finde, wird von Heine als «Heuchelei», als Maskierung seiner wahren Absichten und als Anmassung abgetan. Im Grunde entzündet sich der Streit also an der Frage, wer der legitime Erbe Goethes im neunzehnten Jahrhundert sei. Heine, der sich selbst als «der grosse Heide No 2» bezeichnete und mit seiner ironisch gebrochenen Lyrik, später mit seinen politisch relevanten allegorischen Stadtbildern aus Paris als erster Dichter der literarischen Moderne in Europa etablierte, dieser Heine hatte, wie die Geschichte gezeigt hat, die rechtmässigeren Titel auf diese Anwartschaft.

/ Bernd Witte, NZZ 6.7.02

Heine in Israel

Die erste Heinebiographie auf Hebräisch schildert ihn als Vorläufer eines säkularen Zionismus. Die Besprechung in der Jerusalem Post gedenkt auch deutscher Bräuche:

Now consider the liner notes to a Columbia Masterworks 78 RPM recording of “Dichterliebe” from the 1930s: “In contemporary German editions of Schumann’s songs, Heine’s name is left out, or pasted over with a strip of paper.”

/ 6.7.02

Berliner Anthologie

Eine solche eröffnet Rolf Schneider in der Berliner Morgenpost am 6.7.02 mit Theodor Fontanes „Lebenswege“:

Fünfzig Jahre werden es ehstens sein,
Da trat ich in meinen ersten «Verein».
Natürlich Dichter. Blutjunge Ware:
Studenten, Leutnants, Refrendare.
Rang gabs nicht, den verlieh das «Gedicht»,
Und ich war ein kleines Kirchenlicht.
So stand es, als Anno 40 wir schrieben,
Aber ach, wo bist du Sonne geblieben,
Ich bin noch immer, was damals ich war,
Ein Lichtlein auf demselben Altar,
Aus den Leutnants aber und Studenten
Wurden Genräle und Chefpräsidenten.
Und mitunter auf stillem Tiergartenpfade,
Bei «Kön’gin Luise» trifft man sich grade.
«Nun, lieber F., noch immer bei Wege?»
«Gott sei Dank, Exzellenz… trotz Nackenschläge…»
«Kenn ich, kenn ich. Das Leben ist flau …
Grüßen Sie Ihre liebe Frau.»

Lyrik – Müll

Zwei schon etwas ältere Damen der „Frauenaktion Scheherazade“ hatte im Herbst letzten Jahres die kalte Wut gepackt, als die rot-grüne Bundesregierung der Bombardierung Afghanistans zustimmte. Die Schulrektorin Karla Werkentin und die pensionierte Lehrerin Anna Elmiger wollten „wenigstens eine kleine symbolische Geste“ zeigen und verklebten einige Zeilen Lyrik in der Bannmeile rund um das damals noch in Mitte stehende Bundeskanzleramt.

Erste Strophe des berühmten Gedichtes von 1779 [ Matthias Claudius]: „S ist Krieg! Oh Gottes Engel wehre, Und rede Du darein! S ist leider Krieg – und ich begehre Nicht schuld daran zu sein!“

Doch die Hoffnung auf die Zersetzungskraft deutscher Lyrik war vergeblich. Weder gingen Gerhard Schröders Regierungsbeamte weinend und Abbitte leistend vor den Zeilen in die Knie, noch ließ sich das Beamtentum in seiner unerbittlichen Mahlkraft erweichen.

Im Gegenteil: Im Mai erhielten die beiden Damen die Mitteilung des Bezirksamtes Mitte, es sei ein Ermittlungsverfahren gegen sie eingeleitet worden. Vorwurf: Verstoß gegen das „Gesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und Sicherung der umweltverträglichen Beseitigung von Abfällen“. / taz Berlin 5.7.02