Christoph W. Bauer löste mit seinem lyrisch gehaltenen Text «Auf.Stummen» eine Debatte aus über die Möglichkeit, Lyrik und Prosa zu verbinden – eine Diskussion, die zum Beitrag «Steine» des Schweizer Autors Raphael Urweider noch einmal aufgegriffen wurde. / NZZ 29.6.02
Man kann Ror Wolfs Bücher überall aufschlagen: Die Welt wird besser! Man lauscht der Loreley, verführerisch singt sie durchaus im Lexikonstil, man lauscht mit oder ohne Sinn und Verstand, ohne Widerstand. / Brigitte Kronauer, FR 29.6.02 – Weitere Gratulationen: Süddeutsche 29.6. (Ijoma Mangold) / taz 29.6. (Kay Sokolowsky)
Die beiden kürzesten Gedichte von Giuseppe Ungaretti sind als rhythmische Gebilde leicht zu erkennen. Zwei Zeilen zu vier und drei Silben bilden das eine: «M’illumino / d’immenso.» Das andere besteht aus einem Endecasillabo, dem klassischen elfsilbigen Vers der italienischen Dichtung: «D’altri diluvi una colomba ascolto.» Sich erhellen aus Unendlichem und von anderen Sintfluten eine Taube vernehmen: Das sind nicht blosse Motive, die in metrischer Form eine Zierde des lyrischen Werks abgeben; es sind Spannungsbögen, die sich in räumliche und zeitliche Dimensionen hinaus und aus ihnen herein schwingen, und diese Schwingungen sind ein unmittelbar rhythmischer Vorgang. / Hanno Helbling: Rhythmus als offene Form. NZZ 29.6.02
Unter den Autoren der Beat-Generation galt Gregory Corso als Dichter schlechthin: «Er hat die engelsgleiche Macht, autonome Gedichte zu erschaffen, wie ein Gott, der Bäche erschafft. (. . .) Wahrscheinlich ist er der grösste Dichter in Amerika, und in Europa verhungert er», schloss Ginsberg 1957 seine Einführung zu Corsos frühem Gedichtband «Gasoline». / NZZ 29.6.02
Gregory Corso: Benzin. Aus dem Amerikanischen, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Alexander Schmitz. Mit einer Einführung von Allen Ginsberg. Stadtlichter-Presse, Berlin 2002. 112 S., Fr. 27.-.
«Sagen Sie, hält hier jemand einen Teebeutel / ins Licht oder wie darf ich mir diesen / bernsteinfarbenen Abend erklären?» Wer empfänglich ist für neue Farbnuancen des Himmels, wen ein plötzlicher Geruchseinbruch interessiert, wer eine verführerisch schöne Ode an einen Bahnhof lesen möchte oder sich aufhalten bei einem Herzflimmern angesichts von eigentlich nichts, das sich unter der schreibenden Hand ins Intime verändert, der wird mit dem neuen «Jahrbuch der Lyrik 2003» einen verlässlichen Begleiter haben für einige Stunden in der Schule poetischer Aufmerksamkeit. /amo. NZZ 29.6.02
Jahrbuch der Lyrik 2003. Hrsg. v. Christoph Buchwald und Lutz Seiler. Verlag C. H. Beck, München 2002. 135 S., Fr. 23.30.
Für Hölderlin liegen die Dinge nicht mehr so einfach. Klassizistische Gewissheit wird in den Anfangsversen seines Gesangs «Der Einzige» transformiert zur existenziellen Selbstbefragung: «Was ist es, das / An die alten seligen Küsten / Mich fesselt, dass ich mehr noch / Sie liebe, als mein Vaterland?»
Honold gibt darauf die Antwort eines Archäologen, der seine Funde zu einem historischen Mosaik zusammenfügt: Am Anfang war der Wettkampf, der altgriechische Agon, wie ihn Pindars – von Hölderlin übersetzte – Siegeslieder verherrlichen. …/ Ralf Müller, NZZ 27.6.02
Alexander Honold: Nach Olympia. Hölderlin und die Erfindung der Antike. Verlag Vorwerk 8, Berlin 2002. 244 S., Fr. 34.20.
Mit dem Band „Wenn ich schon sterben muß“ wurde 1985 einer breiteren Öffentlichkeit klar, dass Inge Müller eine der bedeutendsten Lyrikerinnen deutscher Sprache ist. Das klingt pathetisch, wird aber von der neuen Aufbau-Ausgabe nachdrücklich belegt. Auch Kenner ihres poetischen Werks werden da neue Texte finden, die in ihrer Lakonik und Direktheit überraschen und berühren. / Holger Teschke, Nordwest Zeitung 26.6.02
Thomas Klings zuletzt erschienener Band, die Essaysammlung Botenstoffe, weist bereits daraufhin, dass Kling im Austausch von Informationen einen wesentlichen Bestandteil der Poesie begreift. Hermes, der „Botenstoffe verteilt“ und dabei als „geistesgegenwärtiger Grenzüberschreiter“ gilt, spielt eine zentrale Rolle im poetischen Gelände Klings.
Am unbedingten Gebrauchswert orientiert auch die Aufmachung der von DuMont herausgebrachten Gedichtanthologie, die „200 Gedichte auf deutsch vom achten bis zum zwanzigsten Jahrhundert“ enthält und dazu anregt, das über dreihundert Seiten starke Bändchen und seinen Inhalt unkonventionell zu handhaben. Der mehr einer Schulheftfolie ähnelnde Schmutzumschlag und das handtaschenkompatible Format animieren den Leser, den Band lieber flexibel einzusetzen als ihn an repräsentativer Stelle im Bücherregal zu lagern. …
„Der du dies liest gib acht; / Denn sieh, du blätterst einen Menschen um“, schreibt Gertrud Kolmar auf Seite zweihundertdreiundfünfzig, diese Zeilen könnten ebensogut den Untertitel der Anthologie bilden. Gedichte sind noch immer und bleiben auch weiterhin Zaubersprüche, sie sind Sprachmagie von beschwörender Kraft, einzigartige Zeugnisse, von welchen Zeitepochen auch immer eingefärbt. Das zumindest wird in Thomas Klings Auswahl deutlich, und mehr kann eine Anthologie, bei allem für und wider, eigentlich nicht erreichen. / Cornelia Jentzsch, FR 25.6.02
Thomas Kling (Hrsg.): Sprachspeicher. 200 Gedichte auf deutsch vom achten bis zum zwanzigsten Jahrhundert. DuMont Literaturverlag, Köln 2001, 364 Seiten, 14,80.
In diesem Wortgrenzland ist Michele Obit angesiedelt, er lebt in Cividale del Friuli/Cedad, vor dem Hügelland östlich von Udine. Er verfasst Cantautortexte in slowenisch-venetischem Dialekt, hat bisher zwei Gedichtbände herausgebracht, schreibt auf Slowenisch und Italienisch („So bin ich Michele und Miha…“), übersetzt neue slowenische Poesie ins Italienische und wurde unlängst ins Deutsche übersetzt: Epifania del profondo – Epiphanie der Tiefe. Einige seiner Gedichte kann man sich italienisch auf der Zunge zergehen lassen: „Un bel dire la frontiera quando nessuno ti ferma… – Schön zu reden von Grenze wenn niemand dich anhält…“. Obits Sprache ist eine zwischen Einhalten und Weitergehen, sie bewegt sich mit großer Präzision im Dazwischen, im Ungefähren. Er ist kein Mahner, kein Moralist, er pflegt Dinge, die im lauten Weltengetöse leicht übersehen werden. Ein Gedicht erinnert an einen verschwundenen Weiler, an ein slowenisches Wort für das Summen von Bienen, an eine Stimmung: Es war nicht der Abend der / uns Ruhe brachte. / Es war der bittere Geruch / eines abwesenden Lebens. …
Peter Waterhouse, Dichter, treibt sich oft in dieser Gegend zwischen Alpen und Adria herum, hat sich auch schon verdient gemacht um Übersetzungen von Lyrikern aus diesem Raum, unter anderem des Gradeser Dichters Biagio Marin . Er durchwandert mit wortkargen Gedichten das Jauntal in Kärnten, „Friuli Fiuli“ und Slowenien, von Maghera und Venedig ist die Rede, dem Mediterran wendet er sich zu, Nordafrika, Indien, Marco Polo zu Lande, zu Wasser: / Freitag 26/2002
Michele Obit: Epifania del profondo – Epiphanie der Tiefe . Gedichte. Aus dem Italienischen von Ilse Pollack. Mit einem Nachwort von Ludwig Hartinger. Edition Thanhäuser, Ottensheim a.d. Donau 2001, o.S., 50,- EUR
Peter Waterhouse: Prosperos Land. Jung und Jung Verlag, Salzburg 2001, 204 S., 19,90 EUR
Im Kölner Stadtanzeiger (20.6.02**) ein Foto von Thomas Kling vor der Raketenstation Hombroich und das Gedicht „menhirreihen“ – Am 22.6.02 gratuliert das Blatt dem Dichter Jürgen Becker und seiner Frau zum 70. Geburtstag. – In der FAZ würdigt Walter Hinck die beiden Jubilare. (22.6.02)
Über eine elektronische Versfabrik des Autors Anton Seide berichtet die Hannoversche Allgemeine am 22.6.02
Daß eine 1995 durch Computeranalyse zugeschriebene Funeral Elegy doch nicht von Shakespeare ist, sondern von John Ford, berichtet die NYT *) am 20.6.02
Am 19.6.02 berichtet auch die FR über den Vortrag von Abdelwahab Meddeb (s. nächste Meldung). Darin auch dieser innerislamische Dialog:
Wie schnell im Dunst solcher Formulierungen, im Gemenge von orientalischen Metaphern und pseudokritischen Klischees die Orientierung verloren geht, beweist Tariq Alis Eloge auf einen „großen“ Dichter: Der Syrer Nizar Kabani schrieb 1968 nach dem verlorenen Sechs-Tage-Krieg flammende Verse gegen ein verrottetes Regime, dem nur die kämpferische Leidenschaft der Jugend noch begegnen könne. Dieses Gedicht rezitiert Tariq Ali auf englisch als Dokument einer im Westen nie beachteten „Opposition“.
Meddeb kennt die Verse auch, deklamiert sie mit feinem Lächeln auf französisch – und bezweifelt, dass dieses „in blumige Verse gegossene Kaffeehaus-Geschwätz“ in irgendeiner positiven Weise das Bewusstsein der arabischen Welt hat ändern können. Solange oberflächliche „Reformen“ und ein diffuser „Widerstand“ sich einzig auf die effektive Adaption westlicher (Waffen)- Technik beschränken, gibt es für Meddeb kaum Hoffnung. Sein Lichtblick rührt aus dem Innern des Islam, etwa seiner jüngsten Erfahrung auf einer internationalen Konferenz in Teheran, die unter den Augen der Mullahs mit einem Koranvers eröffnet wurde: Danach gilt es, auch mit Andersgläubigen „de la plus belle manière“ zu streiten, mit Worten, nicht mit Waffen. / FR 19.6.02
Die islamische Welt, die einst eine „vorherrschende“, affirmative Kultur stiftete, hat im 9. Jahrhundert eine große Phase rationalistischer Gottessicht und diesseitiger Poesie erlebt. Im elften bis 13. Jahrhundert – „lange vor Descartes, Kepler und Kopernikus“ – war sie auch in Technik und Architektur „gebend“. Am Ende des 18. Jahrhunderts verlor sie den Anschluss an die westeuropäische Aufklärung und wissenschaftlich-technische Moderne. Die „Weltkapitale“ rückte von Bagdad über Kairo immer weiter westwärts nach Genua und Florenz, London und New York. „Historisch im Hintertreffen, in der schwachen Position eines Kolonisierbaren“ sei bei den Muslimen eine „Kultur des Ressentiments“ entstanden, erläuterte Meddeb. „Das islamische Subjekt wurde zum Ungetrösteten der Verlassenheit“, aus dem Gebenden der nur noch Nehmende und Mensch des „Nein“. „Ganz allmählich wächst dieses Gefühl, das dem islamischen Subjekt unbekannt war, in ihm heran und wird nachgerade zentral.“ / Berliner Zeitung 18.6.02
Abdelwahab Meddeb : Die Krankheit des Islam. Aus dem Französischen von Beate Thill und Hans Thill. Verlag Das Wunderhorn Heidelberg. Erscheint im September 2002, ca. 280 S., ca.28
Gedichte des tunesischen Dichters und Philosophen finden Sie in „Lettre“ und in Joachim Sartorius´ Anthologie „Minima Poetica. Für eine Poetik des zeitgenössischen Gedichts“
After my father died this past winter, one of the first poems I wanted to reread was Yehuda Amichai ’s „Letter of Recommendation.“ I first discovered this lyric in the Israeli poet’s book Amen in 1977, and it has remained with me ever since as a model of sacred passion, of unabashed feeling and precise tenderness. / Edward Hirsch features poems by Yehuda Amichai, The Washington Post 16.6.02
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