Kategorie: Deutschland

Wie teilt man ein Bett?

Wie teilt man ein Bett? Setzt man einen Schwan hinein
lässt die Sonne hinter den Vorhängen kreisen? Katze und Hund
gesellen sich dazu. Katze am Fußende, der zarte Köter
zwischen Brust und Schlüsselbein.

Thomas Müntzer

Hier ruht der Schwärmer Haupt, der Bauern Arme-Ritter,
Es schmeckt ihm zwar der Tod, wie seinen Brüdern, bitter.
Doch glaubt: es sei sein Geist nicht gänzlich beigelegt,
Weil er sich heute noch in mancher Seele regt.

Im Hyperbett mit angezogenen Beinen

Birgit Kempker verlangt nicht wenig vom Leser, von der Leserin – allem voran dieselbe Offenheit, das Stimmenhören, die schnelle Beweglichkeit zwischen Sprachkonstruktion und Lebenskonstruktion, die auch ihre Texte aufweisen.

zu kompliziert für den menschlichen verstand

es ist wie die erinnerung an einen film
entsprechungen die aussehen wie dinge
aber keine sind

Tabs der Zeit, Glocken aus Fleisch

Die Tesla-Fliegen haben die Sonne verdunkelt. Ihr Summen hört man bis in die Antike. Beim Zeus, was ist das für ein Eichenbaum? Die gehängten Bürger baumeln im Wind, vom Kolibri des Todes leergesaugt.

Die falschen Dichter und die anderen

Immer wieder die sensiblen jungen Männer
mit dem verstimmten Klavier
ihrer Herzen Not
Sehnsucht mit der rechten Hand
Einsamkeit mit der Linken
Klaviere im Regen der Zeit

Das Zeitgemäße kann mich mal am Jambus

Sie küßt mich spruchreif für die Gegenwart.
Man wirft mich roh auf irgend einen Tresen.
Ich werde ausgespuckt als faule Redensart
und war doch fast schon am Parnaß gewesen.

wahnwitz

wahnwitz all dies dies hier zu sehen
wie
was das wort ist
sehen
flüchtig sehen
flüchtig zu sehen glauben
flüchtig zu sehen glauben wollen

Dunstvergötterte Silberschrift

Mitten im Totschlag
betritt Geißblatt das Haus
säugt die Zimmer
flurwärts
Schädel und Nebenhöhlen
ankert in der Schwebe
ausrißbereit.

O. T.

Als es klein war, wollte dieses Gedicht ein Liebesgedicht werden, dann ein politisches, dann ein experimentelles.

Musikgeschichte in Todesarten

bach schloß die augen, die schon bei sehenden zeiten so viel überirdisches geschaut hatten.

Gertrud Kolmar

Weinte mit keinem Wort
Lebte vom Leben schon sehr weit entfernt
Legte an alles Geschehen längst
den Maßstab der Ewigkeit
Trat freiwillig unter ihr Schicksal
Hatte es schon »im voraus bejaht, sich ihm
im voraus gestellt« schrieb sie

Ulla Hahn: Gertrud Kolmar

alles ist sprache

die dinge
(ich, der schnee, die sterne)
sind metaphern
ein und desselben
das macht uns
verwandt

Martin Jankowski

Charlottenburg

Welches
möchten Sie
mitgehen lassen? Eins
von Watteau. Na gut, weil Sie
ehrlich sind, will ich
ein Auge zudrücken. Bloß
nicht zur Gewohnheit
machen, sonst kommt die Sache
ans Licht.

Günter Bruno Fuchs

Im Licht der Prophezeiungen

das Böse war geboren und das Gute forderte als Schutz, zu dunklem Trost, die Reflexion. wir hatten die Feder gekrümmt wie zum Pflug, zogen mit ihr über das Papier, der abgenommene Mond leuchtete, und jemand starb, nicht du.

Hendrik Jackson