88. Wer ist hier asozial?

…  fragt Burkhard Müller und sagt: Immer das neueste Medium wird verdächtigt, die Gemeinschaft zu sprengen

Ein Medium ist bei Kräften, solang es als Schund gilt. Dass heute allgemeine Einigkeit über den Bildungswert des Buchs besteht, bezeugt dessen mediale Schwäche; und dazu gehört es wohl auch, dass es auf einmal soziale Qualitäten aufweisen soll, die man ihm früher rundheraus abgesprochen hat. Der individuelle Lese-Exzess erscheint am Horizont des kulturellen Lebens nurmehr wie ein ungefährliches Wetterleuchten oder eher noch wie eine Fata Morgana. Stattdessen hat das Buch alle möglichen Modi der sozialen Teilhabe entwickelt, Lesungen, Talkshows mit Autoren, Werbeveranstaltungen aller Art, Darbietungen in Geschenkformen, die es erlauben, sich genau in dem Maß den Mitmenschen zuzuwenden, wie die eigentliche Selbst-Lektüre in den Hintergrund tritt. Man muss ein Buch heute nicht mehr lesen, um ein Verhältnis zu ihm aufzubauen. In gewissem Sinn ist es auf sozialem Weg kastriert worden.

Und nun ist also auf einmal das gute alte Fernsehen mit der Verklärung dran. Zwar sprechen mindestens so viele Gründe wie beim Buch dafür, dass es den direkten sozialen Kontakt schon immer entmutigt hat. Beide Medien, Buch und Fernsehen, gebieten es, dass man, während man sie rezipiert, in Schweigen verharrt. Der Dreinquassler war bestimmt auch schon in den Zeiten der Schrankwand-Familientruhe eine unbeliebte Figur, denn er beeinträchtigte die anderen in ihrem Genuss. Aber wenigstens unmittelbar hinterher soll immer gleich die gehaltvolle Diskussion gelaufen sein. Wer hingegen ein interaktives Medium bedient, das ihm doch den direkten Austausch mit einem, wenn auch abwesenden, Partner möglich macht, der soll ein sozial gestörter Nerd sein. Warten wir den nächsten Schub medialer Innovation ab: Dann nämlich wird es den Kulturkritikern nachträglich wie Schuppen von den Augen fallen, und sie werden das Verschwinden von Facebook mit seinen so offensichtlichen sozialen Qualitäten beklagen. / Süddeutsche Zeitung 12.8.

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