89. Avantgarde im Exil

‚Das Zimmer stank‘, wird Fred Uhlmann über seine erste Begegnung mit Schwitters schreiben. ‚Ein muffiger, säuerlicher, unbeschreiblicher Gestank, der von drei Dada-Plastiken ausging, die er aus Porridge (Haferbrei) gefertigt hatte, da an Gips nicht heranzukommen war. Der Porridge hatte Schimmel entwickelt, und die Skulpturen waren mit grünlichem Haar und bläulichen Exkrementen einer unbekannten Bakterienart bedeckt.‘ Uhlmann hatte Schwitters im Internierungslager auf der Isle of Man kennen gelernt. Gut 250 Werke schuf Schwitters während seines einjährigen Aufenthaltes dort, notiert die Kunstgeschichte, und dass er sich dort vom Abstrakten ab- und dem Gegenständlichen zuwandte. Tatsächlich entstand im ‚Camp‘ eine große Anzahl von Porträts, auch Uhlmann saß dem Künstler für um die fünf Pfund Modell. Allerdings ärgerte er sich, er hätte doch besser in eine Collage investiert, ‚die für 10 Schilling zu haben gewesen wäre‘. Kurt Schwitters, international berühmt, muss geahnt haben, dass Kunst ihn in England nur dann ernähren wird, wenn er die Arbeit an der Avantgarde zeitweise einstellt.

Und so gilt das bisher als ‚Exilperiode‘ abgelegte Spätwerk jetzt als Epoche einer ‚Dialektik des Exils‘, zumindest ist das die Lesart, die eine von der Londoner Tate Britain Gallery ausgehende Schau im Sprengel-Museum Hannover vorschlägt. (…)

Nach dem Krieg, als er in den Lake District zog, unterstützte das Museum of Modern Art die dritte Fortsetzung mit einem Stipendium in Höhe von 1000 Dollar, ein Pachtvertrag soll die Existenz des ‚Merzbarn‘ absichern. Gleichzeitig arbeitete er also wieder am Projekt Moderne – und malte für seinen Lebensunterhalt kleine Bilder für Touristen. ‚In diesen 3 Wochen habe ich verdient, was ich für 5 Wochen brauche‘, rechnet er seinem Sohn in einem Brief vor, dem er auch, ironisch, von seinem Erfolg bei der Blumenschau Ambleside berichtet. ‚Ich habe 6 Blumenbilder eingereicht, 2 davon aus dem letzten Jahr. Mrs Vartis Rosen bekamen den ersten Preis, und Mr Bickerstaffs Chrysanthemen den zweiten.‘ Die Doppelexistenz, die ‚Dialektik des Exils‘, währt nicht lange. Als Kurt Schwitters am 8. Januar 1948 stirbt, hat er nur eine Wand mit Reliefs überzogen. Doch der Schuppen – das Wandfragment wurde in die Hatton Gallery in Newcastle überführt – zeugt bis heute von der außerordentlichen Kraft auch des Spätwerks, das, wie Schwitters, die Begabung hatte, sich als zentrale Position der Avantgarde zu behaupten. / Catrin Lorch, Süddeutsche Zeitung 16.8.

Schwitters in England. Bis 25. August im Sprengel Museum Hannover. Der Katalog kostet 29 Euro.

 

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