106. Die spinnen, die

… Bayern:

Einer der führenden deutschen Lyrikverlage (Anton Leitner Verlag) hat Enderles Gedicht „Wenn Bäume reden könnten“ als eines der herausragendsten der letzten drei Jahre in die Jubiläumsausgabe zu seinem 20-jährigen Bestehen aufgenommen und es zugleich zu einem der „besten Gedichte für die nächsten 20 Jahre“ gekürt. Ein lyrischer Pluspunkt für Manfred Enderle, und ein wichtiger Baustein zur Festigung seines dichterischen Rufes über pilzfachliche Qualitäten hinaus. / Augsburger Allgemeine

Naja. Führend in Bayern vielleicht. Wenn es sich die Bayern gefallen lassen wollen. Führende deutsche (wenn wir Schweiz und Österreich beiseitelassen wollen) Lyrikverlage sind Kookbooks und Luxbooks, Frank, Schöffling, Lyrikedition 2000, Poetenladen, Fixpoetry und ein paar andere, von den großen Verlagen spielt wohl nur noch Suhrkamp in dieser Liga, und es kämen noch viele kleinere und junge Verlage an die Reihe, aber Leitner? Vielleicht in Bayern (s.o.).

Die Zeitschrift „Das Gedicht“ war anfangs ziemlich gut und nützlich und ist immer noch sehr erfolgreich. Seit sie sich lautstark zum „Zentralorgan der Realpoesie“ ausruft, ist sie endgültig und auf dem besten Wege, zunehmend seriöse Beiträger zu verprellen. Immerhin habe sie sich nach eigenen Angaben besonders am Anfang auch der „komplexen Lyrik“ gewidmet, bis sie „sich mehr und mehr … zum klaren poetischen Ausdruck hinbewegte“ (Leitner im Editorial). Matthias Politycki spricht noch deutlicher von einer „tendenziell hermetischen Lyrik“, wie sie insbesondere in den ersten Ausgaben „gut“ vertreten sei. Ein Blick in das Gesamtverzeichnis, wer ist gemeint (in Klammern die Nummer der Hefte, in denen sie vertreten waren unter den bislang 20, kleine Auswahl): Kurt Aebli (3), Arnfrid Astel (5), Jürgen Becker (3), Thomas Böhme (4, 8), Volker Braun (5), Franz Josef Czernin (3, 5, 8), Michael Donhauser (3, 5), Gerhard Falkner (6), Rolf Haufs (4), Norbert Hummelt (8), Wulf Kirsten (4), Thomas Kling (7), Marion Poschmann (12) usw. Wenn das die blutleere, hermetische, akademische, „krautige“, „verquaste“, komplexe und unlesbare (irreale) Lyrik ist, die sie dort nicht mehr haben wollen, dann wird es wohl Zeit, mein Abo zu beenden.

Soweit die Zeitschrift. Was die übrige Produktion des Anton Leitner Verlages betrifft, so ist die alles andere als führend. Allenfalls regional von Belang. Führend in Bayern? (siehe oben)

5 Comments on “106. Die spinnen, die

  1. ich bin für virtuelle poesie … vielleicht sollte man als schreibende/r diese debatten einfach meiden – um die „unschuld“ nicht zu verlieren

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  2. die hab ich gar nicht, liest du die hier raus? ist doch ne, verursachte, hochverursachte, glosse. provinz ist überall. auch auf der münchner veranstaltung warn paar großartige dichter dabei. wenn auch nicht nur. aber ich sprech über die ruhmrederei, die in provinzblätter gestreut wird

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  3. allerdings wäre ich vorsichtig mit antibajuvarischen ressentiments. dieses land hat einige ganz großartige dichter und dichterinnen hervorgebracht und leitners und pilzesammler gibt es überall

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  4. Ein besonderer Dorn im Auge ist mir die Reihe „Poesie 21“. Was da an, naja, wie soll ich sagen, schlechter Lyrik erscheint… Damit läßt sich womöglich so manches querfinanzieren…

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