91. Vor 200 Jahren geboren: Ferdinand Freiligrath

Freiligrath findet sich in jedem bürgerlichen Bücherschrank – zuerst bin ich ihm allerdings nebenan, bei Karl May, begegnet. In dessen Kolportageschmöker «Die Liebe des Ulanen», der seinen Stoff aus der deutsch-französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts bezieht, aber auch Nordafrika als Schauplatz kennt, wird beschrieben, wie in einem algerischen Kaffeehaus ein Märchenerzähler seinen Zuhörern orientalische Szenen vor Augen führt. Er tut dies – zugegebenermassen wenig glaubwürdig – ausgerechnet mit Versen von Freiligrath, er zitiert den berühmten «Löwenritt». Über den Beleg von Freiligraths enormer Popularität hinaus verrät das Zitat auch eine unbestreitbare Verwandtschaft zwischen den beiden Autoren.

Ist also Karl May der eine Bezugspunkt für eine Beschreibung von Freiligraths Eigenart als Dichter, so ist Karl Marx der andere. / Helmuth Mojem, NZZ 17.6.

Man liebte ihn gleich. 1834 gab es die erste Bekanntschaft: Gustav Schwab und Chamisso druckten in ihrem »Deutschen Musenalmanach« Gedichte von ihm. 1838 dann der Debütband. Die Resonanz war gewaltig. »Seit dieser zu singen begonnen hat«, erklärte Chamisso begeistert, »sind wir anderen Spatzen«. Plötzlich war ein neuer, unerhörter Ton in der Lyrik. Nichts Fades, nichts Seichtes war in diesen Versen, der modische und glatte Emanuel Geibel ins Abseits gestellt, die Poesie lebte wieder, sie strahlte, sie lockte mit starken Bildern und kühner Rhetorik in eine bunte, exotische, romantisch ausstaffierte Welt. …

»Den deutschen Traditionshütern«, sagt Martin Walser, »ist dieser Dichter der kleinbürgerlichen Revolution heute nichts mehr wert.« Sein Urteil ist über dreißig Jahre alt. Überholt ist es nicht. / Klaus Bellin, ND 17.6.

Eine unerwartete Renaissance erlebte Ferdinand Freiligrath 1989 in der DDR, wo man sich seiner als Revolutionär erinnerte. 1848 hatte er das Gedicht „Trotz alledem“ verfasst, das als Lied zum Repertoire sowohl Wolf Biermanns als auch Hannes Waders gehörte. Darin heißt es: „Wir sind das Volk, die Menschheit wir. Sind ewig drum, trotz alledem!“ Es wurde zum Schlachtruf der Wende. / Südwestpresse

Mehr: DLR / Wiesbadener Kurier /

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