133. Überraschungsgast

Textenet

Was ist eine „virtuelle“ Lesung? Die Texte waren ja „wirklich“ zu hören (nehme ich an, ich hab noch keine Berichte). Was ist eine „virtuelle“ Moderation? Ich hab in meinem Arbeitszimmer in Greifswald gesessen, mir die Videos angesehen, in Büchern und Zeitschriften geblättert und dann kurze Einleitungstexte verfaßt und in den Computer hineingesprochen.

Und was ist dann ein virtueller Überraschungsgast? Meine erste Idee war, Autoren selber vorzulesen, die kein Video liefern konnten oder wollten. Daraus entstand aber dann die Idee, noch einen Schritt darüber hinauszugehen. Ich entschied mich also, Texte „befreundeter“ Autoren zu lesen und knapp zu kommentieren. Befreundet in dem Sinn, daß ich mich irgendwann vor Jahren oder Jahrzehnten mit ihren Texten angefreundet habe. Diese Autoren bilden dann sozusagen die Fortsetzung des „Versnetzes“, das Anthologie und Lesung auswerfen. Hier und im folgenden meine drei „Überraschungsgäste“. Der Definition meiner eigenen virtuellen Anthologie (die gleichwohl reale Leser hat, von denen mich manchmal Reaktionen erreichen) entsprechend gehören diese drei Texte zugleich in diese.

Mein erster Überraschungsgast stammt aus Breslau, heute Wrocław, in Schlesien. Aufmerksame textenet-Besucher sind ihm schon begegnet, den er ist in einer Ausstellung des Festivals präsent. (Für die Veranstaltung habe ich für Hinweise, wo sich der Gesuchte verbirgt, aus meinem Besitz „das garantiert vorletzte Exemplar des Sonderdrucks von Daniel Caspar Lohensteins „Venus“, Greifswald 1994. Garantiert ein Metaphernschatz!“ ausgelobt – bisher gabs keine Bewerbung. Kennt keiner, will keiner?)

Mein Gast heißt Quirinus Kuhlmann. Er wurde 1651 in Breslau geboren, reiste viel umher, schrieb und predigte und wurde im Oktober 1689 in Moskau als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. (Keine Geheimpolizei und kein Wächterrat lieferte ihn ans Messer bzw. Feuer, sondern die Anzeige eines dortigen lutherischen Pastors). Seither wurde er zum Ahnherrn etlicher Avantgardisten und Sonderlinge, darunter auch einiger heute lebender.

Ich lese ein Gedicht von Quirinus Kuhlmann, genauer einen Auszug aus dem 82. Kühlpsalm – der sich mit verschiedenen Städten beschäftigt: „Amsterdam Breslau Constantinopel“, so geht eine Zeile. So geht es dann weiter, fast streng alphabetisch: Görlitz, Genf, Liegnitz, Leipzig; Leiden, Lübeck, Lüneburg, London (kleinlich ist er nicht) – Paris und Rom. Ich lese aber nur den Nachsatz, einen feinen kleinen Österreich-Schmäh. Er benutzt dazu ein Vokalspiel, er spielt mit der Vokalfolge aeiou, die im großen Österreich bedeutsam war, man buchstabierte: Aller Erdkreis Ist Oesterreich Untertan. Kuhlmann dreht das um, er dekonstruiert das regelrecht. Hören Sie:

Nachklang.
Aller Voelker, Sprachen, Zungen über des stoltzen Oesterreichs
A.E.I.O.U.
Aller Ehren ist Oesterreich Voll: A.lle Erde ist Oesterreich Unterthan; beigeklungen nach dem geiste zu Venedig in Italien den 16. Jul. 1682.

1.11. Alcaer, Edenburg, Jerusalemer,
Oxfurter, Ulmer, ihr wundervocal!
Gabt Ihr das wesen dem Ende der Roemer?
VVard Ihr das Lilgische Josaphats thal.
Alle di Voelker auf Erden sein munter!
A.llem E.lende I.st O.esterreich U.nter.
A.llem E.rdkreisse I.st O.esterreich U.nter.
Ferdinand liget dort ohne krone:
Friderich sitzet hir auf dem throne.

(Alcaer: al-Kairo, Kairo; Josaphatsthal: ein Tal zwischen Jerusalem und dem Ölberg, in der Rechtssprache bedeutet „im J. „vor Gottes Gericht“; Lilgisch: wohl Adjektiv zu Lilie – so schrieb man zwar schon im Althochdeutschen, etwa bei Otfrid, aber die Schreibweise Lilge begegnet häufig in der Literatur, so bei Paul Fleming oder Friedrich Spee und auch andernorts bei Kuhlmann, und noch in neuzeitlichen Parodien bei Arno Holz oder Karl Wolfskehl: das wäre ein schönes Beispiel, daß ein Adjektiv gebildet wird, nicht weil es zum Ausdruck der Welt gebraucht wird, sondern weil es das phonetische Material erlaubt: „lilisch“ oder „liliesch“ gehn halt schlechter!;

Das Gedicht wurde 1682 in Genf geschrieben und gehört zur „Jerusalemitischen Geistreise“ (73.-93. Kühlpsalm). Wie in den anderen dieser Psalmen ist die Ortsangabe fiktiv. Die genannten Ortsnamen sind sämtlich von Bedeutung für sein Leben oder sein Prophetenamt.

Meine Anthologie: Wortfest

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