134. Zeilen

Textenet

Mein zweiter Freund (sorry, folks!) ist auch ein Dichter, auch ein Sprachspieler, und auch er pflegt den Österreich-Schmäh. Nur ist er kein Prophet mehr, das ist vorbei. Dafür hat man ihn auch nicht in Moskau hingerichtet. Er heißt Ernst Jandl,  sein Vokalspiel (eins seiner Vokalspiele) heißt Zeilen. Der Text hält genau, was der Titel verspricht: er besteht aus isolierten Zeilen. Jede hat exakt 5 Silben und 5 Wörter, demnach durchweg einsilbige, und exakt in der Vokalfolge AEIOU. Jandl weiß, daß das Österreichs stolzes Losungswort ist, vielleicht auch ein Schibboleth. Jedenfalls wird es dekonstruiert. Aber auch Jandl ist kein Zerstörer um des Zerstörens willen. Auch aus ihm spricht Gott* – ein Undercover- Prophet:

Aus Copyrightsgründen** zitiere ich nur einige Zeilen aus dem dreiseitigen Text:

Zeilen

ach es ist so gut

kalb pferd stier ochs kuh

was schlecht riecht holt luft

als er sich gott schuf

was fehlt ist bloß mut

hals trennt sich von rumpf

was lebt ihr so dumm

spart geld wie volk muß

ganz ernst sieht gott zu

(die erste und letzte Zeile lauten wie im Original, ansonsten hab ich Auslassungen nicht näher gekennzeichnet. Nachlesen kann man das u.a. hier: ernst jandl: idyllen. gedichte. luchterhand 1989 / 1992)

*) Ich hab das Gedicht einmal vor katholischen Studenten (denn es gibt in unserm protestantischen Heidenland auch eine – kleine – katholische Kirche) gelesen, hatte das ganz ernst gemeint mit dem in Jandls Spiel herumspukenden Gott, und glaubte Irritation zu erkennen. Vielleicht lags an der Zeile „als er sich gott schuf“? Oder einfach an meiner durchlugenden – seis auch nur zu vermutenden – Respektlosigkeit? Oder ich sah Gespenster.

**) Je nun, Eigentum ist Diebstahl. Sie werden noch auf die Idee kommen, Gebühren zu verlangen, wenn man ihnen gehörende Zeilen im Gedächtnis bewegt. Da könnten sie mich arm machen. Die Gedanken sind frei. Das Zitieren auch? – Ein Pole hat es so formuliert: „Die Welt betrachten kostet nichts. Bezahlt wird erst für die Kommentare.“ (Stanisław Jerzy Lec, in: Denkspiele. Polnische Aphorismen. Berlin: Volk und Welt 1972, S. 52)

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