2. „habe 1 punktuelle / Sprache erfunden“

„Meine Ärztin sagt“, so schreibt Friederike Mayröcker, „essen Sie ein Gedicht“. „Ich weisz nicht“, antwortet die Dichterin, „wie man es kocht“. Stefanie Kolowratnik-Seniow heißt die Ärztin, und sie ist nicht die Einzige, der Gedichte gewidmet werden, auch nicht die Einzige mit sperrigem Doppelnamen. Manchmal wünschte sich der Leser doch, allein mit einem dieser Gedichtwunder zu sein, denn die Autorin kocht großartig. Aber immer schon lebt jemand im Gedicht, hat das Jäckchen des „Vogel Greif“ bereits angelegt.

Unbekannte, an ihren Initialen nicht erkennbare Gedichtgäste sind darunter. Andere erkennt man sofort, auch Crauss, den vornamenlosen Lyriker aus Siegen. Marcel Beyer und Bodo Hell, die hilfreichen Vertrauten, auch Ferdinand Schmatz, Franz Josef Czernin, Alfred Kolleritsch, Gert F. Jonke, Elke Erb, Thomas Kling oder Michael Hamburger flanieren durch die Blumengärten dieser Gedichte. Die Toten wie die Lebenden. Selbst Bertolt Brecht lässt grüßen und wird zitiert, immer wieder Hölderlin alias Scardanelli, Leo Navratil, der Mentor und Psychiater der Künstler, und Inger Christensen, die wunderbare dänische Dichterin. Auch Oskar Pastior ist gleich mehrfach anwesend, vor allem in einem Gedenkgedicht, das kurz nach seinem Tod im Oktober 2006 für die „Literarische Welt“ geschrieben wurde. Und natürlich immer wieder EJ, der geliebte, tote Ernst Jandl. …

Friederike Mayröcker kann Gärten auch ohne Erde erblühen lassen. Es gibt die Gärten ohnehin nur, weil sie es will. Dem Titelgedicht des Buches stellt sie eine knappe poetologische Betrachtung voran: „habe 1 punktuelle / Sprache erfunden zerknülle / die Vogelherzen oder Metapher für 1 Liebe“. Die erfundene Sprache, ihre Sprache, ist immer punktgenau, immer genau da, an dem Ort, den sie mit ihrer Sinnenhaftigkeit erst zum Bild werden lässt. Bühnenbilder entstehen daraus nicht, gewiss keine Prospekte, zu denen man sich ein Geschehen zu denken hat. Die Bilder denken in ihrer Bildlichkeit selbst, nur in ihnen lebt das Geschehen, und sie denken sich in Bildern der Liebe. /  Herbert Wiesner, Die Welt 31.10.

Friederike Mayröcker: Dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif. Gedichte 2004 – 2009. Suhrkamp, Frankfurt/M. 357 S., 22,80 Euro.

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