55. MOND-äne Zitate zum Landungsjubiläum

G&GN-Institut Berlin-NewCologne / Aufgrund des Totalausfalls meines Computers hatte ich in der letzten Woche endlich einmal wieder genug Zeit, mich meiner Lyrik-Sammlung zu widmen: Passenderweise fiel mir beim Entstauben des Bücherregals ein vergessener Gedichtband mit dem Titel „MONDLANDUNG“ in die Hände! Dadurch inspiriert durchforstete ich instinktiv einige weitere Bände, in die ich teilweise noch nie seit ihrem Ankauf hineingeschaut hatte – „Querlesen“ geht bei Lyrik leider wirklich schlecht. So wurde ich bei einigen mehr oder weniger bekannten Dichtern zum Thema Mond fündig und übersetzte sogar auf die Schnelle selber eines, das exakt am Tage des ersten „bemannten“ Mondfluges niedergeschrieben wurde. Die folgenden Zitate sind also eine ziemlich willkürliche Zusammenstellung, die den Leser einfach nur anregen möge, die eigene Sammlung auch zu entstauben und dabei den Trick auszuprobieren, sich ein massenmediales Thema als Anlass zu nehmen, die weniger massentauglichen poetischen Zeitdokumente im eigenen Regal wieder zu entdecken! Ich persönlich hätte jedenfalls in diesen Tagen keine einzige Sekunde Zeit für Fernsehen gehabt, wenn ich denn einen besäße: die fast vergessenen Dichter hatten mich vollends in ihre Umlaufbahn gezogen, als wären sie schwarze Löcher 🙂 Albino Pierro, Michel Houellebecq, Raimund Bohe, Sarah Kirsch, Matthias Politycki, Uwe Lummitsch, Thomas Böhme, Alain Bosquet, Rio Reiser, Ernest Otto Friedell, Georg Friedrich Schulz, Allen Ginsberg, Edward Estlin Cummings, Paul Eluard, Iwan Goll, Benjamin Péret – wer hat die Namen nicht schon gehört? Aber gelesen??? Ab heute zum Auswendiglernen zumindest diese kleinen Kostproben (ich gehe chronologisch rückwärts vor):

„Und doch zermartert sich das Hirn nicht / und tötet sich nicht verbittert / in der fahlen Klage des Mondes, / der dich nicht einmal wahrnimmt,“
(Albino Pierro, aus: WAS SOLL ICH TUN?, in: Messer in der Sonne, 2002)

„Dein Körper bebt unter den Liebkosungen / Und der Mond ist gezähmt.“
(Michel Houellebecq, in: RENAISSANCE/WIEDERGEBURT, 1999)

„Der Mond / scheint nicht ist weniger / als wahr / er ist der Umlaufbahn / nichts schuldig geblieben“
(Raimund Bohe, aus: DEN MOND VERGOLDEN, in: Anspruch auf Leben, 1997)

„Erde und Menschen sind / Gänzlich verwildert hilft / Kein Besinnen der Klotz / Ist unterwegs im freien Fall“
(Sarah Kirsch, aus: KRÄHENGESCHWÄTZ, in: Schneewärme, 1989)

„, Während im Präsens meine Liebe / Nichts sucht mehr nein nichts findet nicht / Einmal Nichts, das noch in Scherben zu zerschlagen bliebe.“
(Matthias Politycki, aus: DER KLASSISCHE LIEBHABER, in: Im Schatten der Schrift hier, 1988)

„Das war also vor soundsovielen Jahren, als Ginsberg / in seiner Einsiedlerhütte saß / Und Armstrong den Erdtrabanten betrat, mitten im Vietnamkrieg, / […] / JEDE SEKUNDE IST STAUB / IM STUNDENGLAS, zitiere ich Ginsberg – / Mondstaub, scheint mir, / Und sehe, wie er es sah, Armstrong und Collins / die Fahne aufstelln.“
(Uwe Lummitsch, aus: MONDLANDUNG, in: Mondlandung, 1987)

„Unsre erde feuchtkalt umweht. / Wir in unseren schlafkojen auf der orbitalstation – / SKYLAB oder SALUT – hassen uns hinter den thermo- / Glaswänden voll inbrunst und hecken gelegentlich / Harmlose bosheiten aus.“
(Thomas Böhme, aus: NACHRICHTEN AUS DER UMLAUFBAHN, in: Die schamlose Vergeudung des Dunkels, 1985)

„Der Mond täuscht euch Verständnis vor. / Ihr sterbt alle für den Seufzer eines ergriffenen Steins. / Das Wahre ist nur Gefieder.“
(Alain Bosquet, in: Eines Tages nach dem Leben, 1983)

„Der Planet Erde wird uns allen gehören. / Und jeder wird haben, was er braucht. / Und es wird keine zehntausend Jahre mehr dauern, / denn die Zeit ist reif.“
(Rio Reiser, aus: MEIN NAME IST MENSCH, 1970)

„daß ich daran glauben kann / daß es dich irgendwo zeitgleich / auf dieser umlaufbahn gibt und / wir uns irgendwie eines tages da draußen / über den weg laufen und so / selbstverständlich zusammen gehören / als wären wir nie getrennt gewesen wie damals / als sonne mond und erde noch dasselbe gesicht zeigten / deins – denn du bist diese eine / auf die ich mein leben lang warte“
(Ernest O. Friedell, aus: ODE(M) DER OFFENBAR(T)EN (MONDÄNES ERWACHEN), 20.7.1969) *

„und er sieht die gestirnte erde / unter der sichel innehalten / lilienleibig im blütigen schnee“
(Georg Friedrich Schulz, aus: SESTINA, in: ein ende ein anfang, 1969)

„Rilke wenigstens konnte von Liebenden träumen, / in der Brust die alte Erregung und ein zitternder Magen, / ist es das? Und der endlose gestirnte Raum – / Wenn das Gehirn sich verändert atmet die Materie / furchterregend auf den Menschen zurück – Doch jetzt / der große Einsturz von Gebäuden und Planeten, / bricht durch die Mauern der Sprache und ertränkt / mich für immer unter dem Gewicht seines Ganges.“
(Allen Ginsberg, aus: LETZTE NACHT IN KALKUTTA, 1963)

„der mond birgt sich in / ihrem haar. / die / lilie / des himmels / voll von allen träumen / sinkt herab.“
(Edward Estlin Cummings, in: gedichte, 1958)

„Und steif vor Furcht / Vor ihren Hütern / Bierdurchtränkt / Monddurchtränkt / Gewichtig singend / Das Lied der Stiefel / Sie vergaßen die Freude / Geliebt zu sein“
(Paul Eluard, aus: DIE BESCHRÄNKTEN UND BÖSEN, in: Au Rendez-vous Allemand, 1944)

„Immer einsam, trunken / Von Unendlichkeit / Durchwandert er die Erde / Verbannt für alle Zeit / […] / Er hat in seiner Jugend / Allzu hoch gestrebt: / Den Rausch des Absoluten / Hätt er gern erlebt / […] / Johann verweilt nicht länger / Den Ball will er nicht sehn / Er senkt das Haupt, es schmerzen / Die Füße ihm vom Gehn“
(Iwan Goll, aus: DAS LIED VOM JOHANN OHNE MOND, in: Johann Ohneland, 1932-38)

„Schaut nicht den Mond an / Streckt nicht die Zunge heraus / Der Mond ist rund / und eure Zunge ist fern“
(Benjamin Péret, aus: LE TRAVAIL ANORMAL, in: Le grand jeu, 1928)

Ernest Otto Friedell (1898-1993), 20.7.1969
(when the moon came down to earth)
Übertragung aus dem Englischen: Tom de Toys, 18.-19.7.2009 *

ODE(M) DER OFFENBAR(T)EN
( MONDÄNES ERWACHEN )

du bist die mit der ich in diesem
gefühl schwelge ganz jetzt zu sein du bist
die deren nähe mich alles vergessen macht
was nicht hier ist was lüge war
was nur warten und durchhalten sein sollte
und geduld beweisen daß ich daran glauben kann
daß es dich irgendwo zeitgleich
auf dieser umlaufbahn gibt und
wir uns irgendwie eines tages da draußen
über den weg laufen und so
selbstverständlich zusammen gehören
als wären wir nie getrennt gewesen wie damals
als sonne mond und erde noch dasselbe gesicht zeigten
deins – denn du bist diese eine
auf die ich mein leben lang warte
die plötzlich wie aus dem nichts neben mir
auftaucht mich anstrahlt und losredet
als hätten wir unser gespräch nie unterbrochen
als wüßten wir ganz genau wie großartig und einmalig
dieses geschenk glücklicher zufälle uns ermöglicht
die wir nun den tod nicht mehr denken können
solange wir uns in uns spüren und
trauen von mund zu mund zu atmen

* (c) ORIGINALQUELLE DER DEUTSCHEN E.O.F.-ÜBERTRAGUNG HIER:
http://blogs.myspace.com/tomdetoys

3 Comments on “55. MOND-äne Zitate zum Landungsjubiläum

  1. Pingback: 16. 03. Transklinischer Ticker / Wie resistent ist Poesie als Gegengift gegen Die Müh(l)en des Alltags? « Lyrikzeitung & Poetry News

  2. neuromagnetischer zufallsfund beim stöbern in meiner endlich fertig ausgepackten bibliothek in der neuen düsseldorfer wohnung! genau heute vor 46 jahren, am 3.märz 1966, und damit 3 jahre vor der ersten mondlandung schrieb Friedell ein kurzes gedicht, das seine poetologie darstellt und nebenbei die „i like“ buttons der modernen sozialen plattformen ungewollt vorausnimmmt 🙂 eine übersetzung liegt mir nirgends vor, ich werde es aber selbst wieder probieren (falls mir keiner zuvorkommt)…

    ORIGINAL ENGLISH POEM WRITTEN BY G&GN SPECIAL GUEST Ernest Otto Friedell, 3.3.1966: „RESISTANT RESISTANCE (A CUP OF POETRY TO RUN & BITE)“
    (c) http://www.PoemieXL.de + http://www.WUNSCHLYRIK.de =
    http://poemie.jimdo.com/pseudonyme/ernest-otto-friedell/resistant-resistance/

    The german trademark „POEMiE“ (Copyright by G&GN-INSTITUT) soon starts the production of tshirts with chosen love poems and special guests! My 4 questions to you: 1) WOULD YOU WEAR SUCH A TSHIRT YOURSELF? 2) HOW MUCH MONEY WOULD YOU INVESTIGATE? 3) WOULD YOU BUY IT AS A BIRTHDAY PRESENT OR AT VALENTINES DAY? 4) WHICH OTHER POEM BY TOM DE TOYS IS YOUR FAVORITE INSTEAD? Your answer can help to develop the most wished tshirt for the nicest price! THANX FOR YOUR HELP 🙂

    Liken

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