67. Lautland DE

Am Ende der DDR erschien eine erstaunliche Anthologie: wortBILD. Visuelle Poesie in der DDR. Die Herausgeber Guillermo Deisler (geboren 1940 in Chile, im Exil in der DDR) und Jörg Kowalski (1952 in Halle) versammeln TextBilder von Elke Erb, Kito Lorenc, Richard Pietraß, von bekannten Künstlern wie Manfred Butzmann, Carlfriedrich Claus, Joseph Huber, Robert Rehfeldt, jungen Autoren des Underground wie Stefan Döring, Johannes Jansen, Bert Papenfuß oder Rainer Schedlinski, dazu von vielen bis dahin unveröffentlichten. 10 Autoren sind nicht auf dem Gebiet der DDR geboren, lebten aber zu jener Zeit dort. Darunter 4, deren Muttersprache nicht Deutsch war: zwei Chilenen, ein Tscheche und ein Russe (?) aus Kasachstan. Der heißt Valeri Scherstjanoi. Seine Mutter wurde nach Kasachstan ins Frauen-Gulag gesteckt. Früh beschäftigte er sich mit den Experimenten der russischen Futuristen. 1979 kam er in die DDR. In einem Gedicht beschrieb er seinen Weg so:

Ich bin in einem Lande geboren,
das nie meine Heimat war.
Ich bin in einem Lande aufgewachsen,
das es nicht mehr gibt.
Ich ging in ein Land,
das es auch nicht mehr gibt.
Und die Muttersprache meiner Mutter
ist nicht meine Muttersprache

( 1995 )

(von seiner Homepage lautland.de)

In der DDR kam er zunächst ins Erzgebirge, und in einer unabhängigen Galerie sah er zum ersten Mal Arbeiten von Carlfriedrich Claus, dem Laut- und Schriftartisten. Er wurde sein Freund und arbeitete mit ihm zusammen. In der Anthologie von 1990 ist er u.a. mit einer „Glasnostleiter“ vertreten. 1994 bis 1996 war er künstlerischer Leiter des Internationalen Festivals der Lautpoesie „Bobeobi“ in der „Wabe“ in Berlin-Prenzlauer Berg.  Er veranstaltet Lautkonzerte, hält Vorträge über die russische Avantgarde im In- und Ausland und arbeitet für den Rundfunk. Mehrfach hielt er Kurse für Lautpoesie mit jungen Autoren, so zuletzt zum 21. Schwäbischer Kunstsommer vom  2. – 10. August 2008 im Kloster Irsee.

Im Nachklang der Klangwerktage Hamburg fand am 28. November 2007 in Leipzig ein Lautkonzert mit Valeri Scherstjanoi statt – „ein Nachspüren fremder Töne von Mara Genschel, Nadja Küchenmeister, Johanna Schwedes, Bertram Reinecke und Norbert Lange. Scherstjanoi las die Texte der jungen Autoren und zwischendurch eigene Lautgedichte, teilweise auch angeregt durch das Lautmaterial der Fremdtexte. Scherstjanoi und die beteiligten jungen Autoren haben mir die Erlaubnis gegeben, einige dieser Texte und Tonaufnahmen zu veröffentlichen. Diese Nachricht eröffnet ein kleines Dossier zu diesem bedeutenden Künstler.

Scherstjanoi in L&Poe: 2001 Mrz # Drei Stunden Lyrik im ZDF; 2002 Sep # Über die Nacht der Literatur; 2003 Okt # Nossackpreis an Endler; 2005 Sep #48. Schrift. Zeichen. Geste.; 2005 Nov #65. Literatur und Strom; 2006 Jul #55. »Vokabelkrieger«; 2007 Jun #86. „das Alphabet ist ein Knast!“; 2007 Jul #6. „Kitsch Me!“ – Nr. 9; 2007 Jul #16. Freigelassen; 2007 Nov #139. Die Klangwerktage Hamburg

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