Getagged: Johann Wolfgang Goethe

67. Schattenliebe

Zu den Feinheiten  von Novalis’ Gedicht gehört das Wort Sonnenschein in der Zeile: “Uns barg der Wald vor Sonnenschein”. Das Wiederlesen bringt mich auf einen allerliebsten und denkwürdigen philologischen Fehler. Heinrich Heine, der in Paris lebte und liebte, wollte nach dem Erfolg seines “Buchs der Lieder” einen zweiten Band folgen lassen. Doch sein Lektor Gutzkow lehnte ab.

Dichter der Reisebilder, man hat Dir viele Sünden vergeben, weil es Dornen an Rosen waren; aber diese neuen, Heine, die nur Dornen sind, vergibt man Ihnen nicht! Für »den ungezogenen Liebling der Grazien« gibt es auch eine Grenze, und diese haben Sie in jener Gesangsmanier längst überschritten. Sie kennen die allgemeine Stimme, die über Ihre Gedichte auf die Pariser Boulevardsschönheiten mit den stolzen Namen: Angelika u.s.w. im Salon in Deutschland herrscht; warum in dieser Manier noch eine so fruchtbare Nachgeburt? Nennen Sie mir die Nation, die solche Sachen in ihre Literatur aufgenommen hat? Wer hat in England, in Frankreich dergleichen zum Jocus der Commis herausgegeben, Gedichte, die man sich vorliest in Tabaksqualm, bei ausgezogenen Röcken, in einem gemieteten Zimmer, unter leeren Flaschen, die auf dem Tische stehen! Beranger scheut sich nicht, von einem nächtlichen Besuch bei einer Grisette zu sprechen; aber sagt er »ich habe mich wohlbefunden«? Spricht sich bei ihm je das Gefühl von Übersättigung und aufgestachelter sinnlicher Trägheit aus? Ich verletze Sie, indem ich dies schreibe, aber ich muß es Ihnen sagen; denn Sie scheinen mir in einer Sorglosigkeit über Ihren Namen befangen, die grenzenlos ist. Sie gehören doch einmal den Deutschen an und werden die Deutschen nie anders machen, als sie sind. Die Deutschen sind aber gute Hausväter, gute Ehemänner, Pedanten, und was ihr Bestes ist, Idealisten.

Aus: Karl Gutzkow: Liberale Energie. Eine Sammlung seiner kritischen Schriften. Hg. von Peter Demetz. Frankfurt am Main / Berlin / Wien: Ullstein 1974. ISBN 3-548-03033-5 (Brief vom 6.8.1838 an Heine)

Lustig, wie Gutzkow selbst den unanständig-französischen Namen Angelique germanisiert. Die Formulierung vom »ungezogenen Liebling der Grazien« stammt von Goethe, der sie auf Aristophanes anwendet. Das für die deutschen Biedermänner Unannehmbare: Heine besingt in der “Hauptstadt des 19. Jahrhunderts” nicht die Liebe als (platonische) Himmelsmacht, sondern leibliche Liebe mit leichten Pariser Mädchen. (Man bedenke, daß Baudelaire ein begeisterter Leser Heines war und seine “Blumen des Bösen” noch ungeschrieben.)

Heine repliziert:

Ich glaube überhaupt, bei späterer Herausgabe, kein einziges dieser Gedichte verwerfen zu müssen, und ich werde sie mit gutem Gewissen drucken, so wie ich auch den Satyrikon des Petron und die römischen Elegien des Goethe drucken würde, wenn ich diese Meisterwerke geschrieben hätte. Wie letztere sind auch meine angefochtenen Gedichte kein Futter für die rohe Menge. Sie sind in dieser Beziehung auf dem Holzwege. Nur vornehme Geister, denen die künstlerische Behandlung eines frevelhaften und allzu natürlichen Stoffes ein geistreiches Vergnügen gewährt, können an jenen Gedichten Gefallen finden. Ein eigentliches Urteil können nur wenige Deutsche über diese Gedichte aussprechen, da ihnen der Stoff selbst, die abnormen Amouren in einem Welttollhaus, wie Paris ist, unbekannt sind. Nicht die Moralbedürfnisse irgendeines verheirateten Bürgers in einem Winkel Deutschlands, sondern die Autonomie der Kunst kommt hier in Frage… «

An Gutzkow, 23.8. 1838.

Kurz, das Buch erschien nicht. Jahre später nahm Heine viele dieser Gedichte in seine “Neuen Gedichte” auf. Der frühe Pariser Zyklus wurde erst 1982 bei Insel Leipzig rekonstruiert. Und jetzt der philologische Fehler. In der Erstausgabe der “Neuen Gedichte” von 1844 enthält das Gedicht “Schattenküsse, Schattenliebe” zwei sehr bezeichnende Druckfehler. Hier das Gedicht in der ersten Druckfassung:

Schattenküsse, Schattenliebe,
Schattenleben, wunderbar!
Glaubst du, Närrin, alles bliebe
Unverändert, ewig wahr?

Was wir lieblich fest besessen
Schwindet hin, wie Träumereyn,
Und die Herzen, die vergessen,
Und die Augen schlafen ein.

In dieser Form wurde es mehr als 130 Jahre lang gedruckt. Erst für die Rekonstruktion von 1982 korrigierte die Herausgeberin Renate Francke aus Heines Handschrift. Außer der Interpunktion (auf deren getreuer Übernahme Heine bestand) betreffen die Fehllesungen zwei Wörter. Statt wunderbar in der zweiten Zeile muß es heißen: wandelbar. Aus der moralisch verdächtigen Wandelbarkeit der “Schattenliebe” wird “wunderbar”, ein Wort, das perfekt ins deutsche Biedermeier paßt. Heine wußte es. “Die Liebe muß sein platonisch / der dürre Hofrat sprach. / Die Hofrätin lächelt ironisch / und dennoch seufzet sie: ach!”.

Noch schöner der zweite Fehler. Statt lieblich am Anfang der zweiten Strophe muß es heißen leiblich. Leiblich! Aus einem Gedicht über Heines sensualistisches, antidualistisches Programm, aus Heines Realismus wird deutsches Biedermeier. Hier das Gedicht in seiner Originalgestalt:

Seraphine

IX.

Schattenküsse, Schattenliebe

Schattenleben, wandelbar!

Glaubst du, Närrin, alles bliebe

Unverändert, ewig wahr?

Was wir leiblich fest besessen
Schwindet hin, wie Träumereyn,

Und die Herzen, die vergessen,

Und die Augen schlafen ein.

In: Heinrich Heine: Buch der Lieder Zweiter Band. Aus dem Nachlaß rekonstruiert von Renate Francke. Leipzig: Insel Verlag, 1978, S. 38. (Dort wurden die 2 Fehler aus der Handschrift korrigiert, die Orthographie modernisiert – aus Träumereyn wurde Träumerein, die Interpunktion Heines jedoch original beibehalten.)

Bis heute aber steht Heines Gedicht in vielen Büchern und Internetquellen in der falschen Fassung, in der es harmlos und unverständlich ist. Und die Germanistik? Die hat die Fehler stillschweigend korrigiert. Siehe etwa in Heinrich Heine: Sämtliche Gedichte. Kommentierte Ausgabe. Hrsg. Bernd Kortländer. Stuttgart: Reclam 2006 (u. öfter). Damit versündigen sie sich ein zweites Mal am Autor und am Leser.

47. Goethe is …

Mit google poems kann man Entdeckungen machen.

Tippt man “Goethe is” erscheint

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Da Googles Suche die Vorschläge auf Statistik aufbaut (wir erinnern uns, da war was mit Frau Wulff, wollte die nicht gegen die Statistik klagen?), erfährt man viel über die Google-Nutzer und somit über die Welt. Ich hab mal in der alten Stadt Sousse mit einem Tunesier in meinem schwachen Französisch über Religion diskutiert und übersetzte ihm radebrechend den Kern von Lessings Ringparabel. (Es war lange vor 9/11). Er kannte Lessing nicht und auch Goethe nicht, und erst als ich sagte, der sei in der Literatur sowas wie Mozart in der Musik, guckte er verständnisinnig.

Danach aber traf ich öfter Moslems, die Goethe kannten und meinten, der sei Moslem gewesen. (Zum Glück für sie haben sie nicht viel Goethe gelesen, sonst würden sie’s wohl lassen.)

Google bildet das getreulich ab. Deutsche fragen nicht viel nach Goethe, Schülerfragen fangen nicht mit “Goethe is” an… die meisten Sucher haben von Goethes Religiosität gehört und wollen es beglaubigt finden. Mit “Goethe Islam” findet man mit Sicherheit was über seine Stellung zu dieser Religion (meist von Propagandisten Verfaßtes). Wer noch weiter denkt, weiß, daß sich das in einem Zitat äußern muß. Wer soll die vielen Bücher lesen, Google gib das Goethe Islam Zitat! Google gibt. Der Rest ist Istanbul.

Dieses Googlepoem ist aufschlußreich, aber von begrenzter Poetizität. Das läßt sich ändern.   Man muß weiterschreiben, nur nicht zu schnell. (Poesie soll man langsam lesen). Manchmal auch schreiben. Nur im abgebremsten Einfingersuchmodus erhält man diese erste Stufe. Ich tippe nun das “t”:

Bildschirmfoto 2013-03-11 um 19.51.51

Nun ist’s ein kleiner Spruch, vielleicht gar geeignet, dem Sucher eine Lektion zu erteilen? Weiter im Text, jetzt ein Leerzeichen, und schwupp:

Bildschirmfoto 2013-03-11 um 19.52.13Vom Himmel durch die Welt zur Hölle und zurück! Goethe ist Türke.

5. Bilderrede (káṛi-m magána)

Ausdrucksmittel der Hausa-Poesie. Die Hausa (Haussa)-Sprache wird zwischen Nigeria und Sudan gesprochen. Rudolf Prietze sammelte seit 1904 in Tunis und Kairo Lieder aus dem Sudan. Entsprechend dem damals üblichen kolonialen und europazentrischen Blickwinkel nennt er die Hausasprecher ein “Mischvolk”, das er als “heiter-sinnlich, weltgewandt, oberflächlich” charakterisiert. Als Basis zur Bewertung der Oberflächlichkeit muß man sich “deutsche Tiefe” vorstellen. Dieser globalen Einschätzung entspricht die Charakterisierung ihrer Poesie. Europäisch, also deutsch, tief und echt ist nach dem deutschen Standpunkt des 19. Jahrhunderts eine Lyrik, die aus der “Tiefe des Herzens” spricht. Den Hausa fehle “ein tieferes Gefühl für Poesie”. Er meint damit nicht, daß sie keine bemerkenswerte Poesie produzierten, sondern eben “nur” nicht nach dem deutschen Tiefsinnsgebot.

Die Stärke und Schönheit dieser Lyrik liegt woanders:

Quelle seiner Empfänglichkeit ist nicht sowohl das Herz, als seine behende Auffassung oder, um an eine naheliegende Parallele zu erinnern, sein Esprit, der in treffenden Einfällen, wohlgeprägten Schlagworten, vor allem im káṛi-m magána d.h. in Bilderrede, versteckten, nur dem Eingeweihten verständlichen Anspielungen Befriedigung sucht. Ein glückliches Bonmot ist bei ihm (…) der Unsterblichkeit sicher.” (Prietze S. 163f)

Der von mir zunächst ironisch als deutsch apostrophierte Standpunkt läßt sich nach zwei Seiten belegen. Da sind zunächst die französischen Wörter Esprit und Bonmot, die nicht unbedingt deutsche Tugenden bezeichnen. Man bedenke, es ist die Zeit des Ersten Weltkriegs, der sich im Westen gegen den Erzfeind richtet. [1] Opposition ist die im 19. Jahrhundert als “Herzstück” der Lyrik angesehene “deutsche” Innerlichkeit und (Gefühls-)tiefe vs. oberflächliche, “welsche” Geistreichelei.

Aber es gibt noch eine Seite. Man bedenke, daß, während die Geisteswissenschaften noch weitgehend im 19. Jahrhundert verharren[2], Nietzsche und Darwin, Marx und Freud dessen Grundlagen längst unterhöhlt hatten und in Genf (de Saussure) und Rußland (die sogenannten Formalisten um Jakobson, Schklowski und Tynjanow) der Strukturalismus vorbereitet wurde und daß ferner in Kunst und Literatur Berliner und Wiener Moderne ausgangs des 19. und Innovationsschübe wie Kubismus und Futurismus eingangs des 20. Jahrhunderts schon wirkten und daß zwischen Arno Holz’ Wortkunst und August Stramms radikalem Experimentieren die Gemütskunst in die Zange genommen wurde. Ezra Pound entwickelt das Konzept von drei Arten (oder Verfahren) der Poesie, ein Fortschritt gegen die bisher meist ein- oder zweiseitige Betrachtung, wie in der o.g. Opposition skizziert. An die Stelle binärer Oppositionen wie: rhetorisch vs. (genieästhetisch-) poetisch, objektiv vs. subjektiv (Goethe/ Hegel), pontifikal vs. profan (Brecht), unverständlich-akademisch vs. realpoetisch (Politycki) können mehrseitige treten. Die binäre Opposition zieht alles ins Kampfgetümmel und verlangt Bekenntnisse, die mehrgliedrige ermöglicht Beschreibung und Analyse. Pounds drei Arten sind: Melopoia, Phänopoia und Logopoia. In der Melopoia entsteht die Poesie aus dem Zusammentreffen von Sinn und musikalischer Seite, “welche Tragweite und Richtung dieses Sinnes steuert” (Pound S. 83). In der Phänopoia werden “Bilder auf die visuelle Einbildungskraft projiziert”. Während Melopoia durch Übersetzen fast vollständig zerstört wird, kann Phänopoia fast unversehrt übersetzt werden. Logopoia (“das jüngste und vielleicht auch das heikelste und unzuverlässigste Verfahren”) ist “der Tanz des Intellekts unter den Worten”.

Hätte Prietze statt des binären Hegelschen den beweglichen Poundschen Code gehabt, er hätte nicht zwischen germanisch und welsch herumpoltern müssen, sondern vielmehr einzelne Verfahren herausarbeiten können.

Die Orientalisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind abhängig von den Standpunkten des geisteswissenschaftlichen Diskurses, aber sie stellen Material zur Verfügung, mit dem man spätestens im 21. Jahrhundert den euro- und logozentristischen Standpunkt überwinden kann. Oralität und Performativität dieser Literatur, die von Prietze genannte Schnelligkeit (von hier kann man an Klopstock und Herder anschließen)[3], der Wechsel zwischen gemeinschaftlicher und individueller Funktion, auf den die Orientalisten hinweisen, geben dieser Poesie ihren Platz in der Weltkunst des 21. Jahrhunderts.

Anmerkungen:

[1] Reste dieser Wertung haben sich bis heute erhalten, u.a. in den in der Wissenschaft üblichen Vorbehalten gegen “Essayistisches”.

[2] Der Begriff “lyrisches Ich” etwa wurde 1910 von Margarete Susman (in Das Wesen der modernen deutschen Lyrik) eingeführt und hält sich bis heute in der Schule und einem Teil der Literaturwissenschaft, obwohl er auf dem um 1800 neuen subjektiv-innerlichen Lyrikbegriff beruht, der in der modernen und postmodernen Lyrik nur bedingt anwendbar ist. Die Literaturwissenschaft führt eine Zentralinstanz des Sehens und Wertens im Gedicht ein in dem Moment, als Werte (Nietzsche), Bedeutung (de Saussure), ja selbst das Ich (Freud) problematisch geworden war.

[3] Prietzes Formulierung von der “behenden Auffassung” der Hausasänger ist die inhaltlich relevante Kehrseite seiner Oberflächlichkeitsschelte. Im Bild (der Poundschen Phänopoia) erfolgt eine blitzhafte Überlagerung und Verbindung verschiedener Bereiche, im Moment erfassen wir Zusammenhänge. Klopstock sagt: Wir lesen langsamer und denken schneller.

Literatur:

  • Prietze, Rudolf: Haussa-Sänger. I. [Teildruck]. (Aus den Nachrichten von der K. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Philologisch-historische Klasse) 1916
  • Ezra Pound: Lesebuch. Dichtung und Prosa. Hg. Eva Hesse. München: dtv 1987
  • Erika Greber: Oppositionen. In: Heinrich Bosse / Ursula Renner (Hg.): Literaturwissenschaft. Einführung in ein Sprachspiel. Freiburg im Breisgau: Rombach, 1999 (S. 193-210).
  • Friedrich Gottlieb Klopstock: Gedanken über die Natur der Poesie. Dichtungstheoretische Schriften. Hg. Winfried Menninghaus. Frankf./M.: Insel 1989.

108. Gedichtautomat

Goethe erfand die automatische Aufzeichnung von Gedanken. Soll das Genie sich auch noch um die Aufzeichnung selber kümmern?

Wenn meine Gedancken Federn wären und den
Weeg ab Pergamente von Engeln auf und ab gerollt.

Schade, daß keine dieser englischen Mitschriften erhalten blieb. Irdisches Papier hält einfach besser. So blieb dieser große Gedanke erhalten in einem Reisetagebuch von 1775, zwischen Notizen zum Weg und Gedichtentwürfen.

Was mit dem Kopf, mag denn auch mit anderen Körperteilen funktionieren. Wenn das nicht schon oft in ähnlichen Umständen erfunden wurde, hat ein spanischer Sportreporter das Fußgedicht erfunden:

Wenn Mesut Tinte in den Stollen hätte, hätte man auf dem Rasen im Bernebeu eines der schönsten Gedichte lesen können, das der Fußball schreiben kann. Er ist wirklich ein Genie.

37. Literaturkritik 3.0

Goethes „Werther“? „Hätte sich dieser Lappen nur gleich erschossen, als er angefangen hat, rumzuheulen, wäre mir einiges erspart geblieben. Hemingway hätte den gesamten Inhalt auf einer Seite besser rüberbringen können.“ Oder: „Dieses Buch ist selbst unter dem niedrigen Niveau Goethes. Außerdem besitzt Werther keinerlei Tiefgang, und somit fehlt dem Leser jegliche Identifikationsmöglichkeit, außer er besitzt einen ähnlich miserablen Charakter.“

Kurz fällt das Urteil eines anderen Lesers über Goethe aus: „Er labert.“ Natürlich wird auch jeder Bibelkäufer von Amazon dazu eingeladen, eine Rezension zu schreiben. „Mrs Betty Bowers“ erklärt sich enttäuscht: „Ich weigere mich, die kostbaren Seelen meiner christlichen Kinder mit lasziven Geschichten von Töchtern zu vergiften, die ihren Vater betrunken machen und dann Sex mit ihm haben (Genesis 19:30–38) – oder von Huren, die nach eselsgroßen Penissen gieren (Ezechiel 23:20).“ / Kostproben aus Amazons Leserkritiken in: Die Presse

Weitere Pröbchen:

„Faust I“
„Ich bin kein Goethe-Fan und lese sonst auch eher Krimis, aber der Tragödie erster Teil kann man sich durchaus mal gönnen.“
„Der Plot ist aus heutiger Sicht mittelmäßig; Fausts Midlife-Crisis könnte aus jeder drittklassigen Soap-Opera stammen. Die Mär vom Teufel und der Seele ist für Leser, die weder an das eine noch an das andere glauben, im besten Fall ermüdend. Die textliche Umsetzung des Werkes ist mehr als bescheiden.“

„Romeo und Julia“

„Ich habe dieses Buch gekauft, weil ich dachte, es wäre normal zum Lesen, doch es ist ein Theaterstück und auch so gegliedert.“

„Hamlet
„Natürlich wird Willy als der beste Schreiber aller Zeiten bejubelt, aber das kommt nur daher, dass britische Medien den Mann hypen, nach 400 Jahren.“

30. Lyrik

Die Lyrica oder getichte die man zur Music sonderlich gebrauchen kan (…) Martin Opitz, 1624

Lyrik (griech. Lyra = Leier): Einheit von Wort, Rhythmus, Metrum, Melos, zur Lyra gesungen. “Die enthusiastisch aufgeregte Naturform der Poesie” (Goethe, Noten zum Divan). Hermann Pongs, 1954.

Ich weiß nicht was Lyrik ist. Oskar Pastior, 1994.

Quellen

  • Martin Opitz: Buch von der Deutschen Poeterey, 1624
  • Hermann Pongs: Das kleine Lexikon der Weltliteratur. Stuttgart: Union Deutsche Verlagsgesellschaft, 1954
  • Oskar Pastior: Das Unding an sich. Frankfurter Vorlesungen. Suhrkamp 1994.

15. Quellenarbeit

Verfolgt man das endlose Gerede in Medien und Blogs und an den Stammtischen, mag man schon irre werden am Menschen und der Möglichkeit des Gesprächs, das wir seit Hölderlin* sind. Verwirrte Lehre zu verwirrtem Handeln, so faßte schon Goethe zusammen. In der Tat, mancher der Mitredenden handelt ja später, wie ers nicht besser hörte.

Wie wohltuend dann, in einem Gedichtbuch zu lesen. Das Gespräch mit einem Gedicht zu führen, das man mehrmals liest und bedenkt. Dabei beobachtend wie es selbst schon ein Gespräch zwischen seinen Zeilen und Worten ist. Wie es ins Gespräch mit den anderen Gedichten im Band tritt, und mit anderen, direkt oder indirekt, bewußt oder unbewußt zitierten Sätzen. Ein Stimmengewirr, in dem Ordnung und Chaos zugleich walten.

Die Gedanken kamen mir, als ich in Bertram Reineckes “Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst” las. Ich las das Sonett “Ich zöger noch, mir jenen Kinderort” und fand in der Anmerkung zur Entstehung dieses Gedichts, das auf einem Prosagedicht Jürgen Beckers basiert, Überlegungen des Autors zu alten und neuen Denkstrukturen. Dann ging ich zum fünfteiligen Titelgedicht, und hier fand ich dann in den Anmerkungen folgende Reflexion:

Damit man nicht in einen solchen Text wiederum seine Vorurteile über diese Zeit und deren Autoren hineinträgt, sondern deren Vorstellungen herausarbeitet, ist hier eine besonders strenge Quellenarbeit notwendig. So darf das Montageverfahren Inhalte nur neutral zusammenziehen und nicht durch geschickte Kombinatorik versuchen Witz zu erzeugen, wie es in den Texten nach der Centoregel geschieht.

Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. Hrsg. Ulf Stlterfoht. (roughbook 019). Leipzig, Berlin und Solothurn, 2012, S. 81.

Ah danke. Abermals, abermals. Poetry made my day. Weggebeizt das bunte Gerede des An-/erlebten – das hundert-/züngige Mein-/gedicht, das Genicht.

*) Paulus / Gilgamesch

120. Kreuz und Phallus

Blasphemische Anwandlungen befallen den in Religionsfragen* sonst** ehrfürchtigen*** Dichter****, wenn es um Sexualmoral, Lust- und Liebesverbote aus priesterlicher Warte geht. Das berühmte ‘Tagebuch’ von 1810 feiert zwar die eheliche Treue, aber es zeigt, dass ihr Unterpfand eine ‘Neigung’ ist, die sich mit ‘Begierde’ verbindet. Als der Ich-Erzähler seine Braut vor den Altar führt, da kann er sich einer Erektion nicht erwehren: ‘Vor deinem Jammerkreuz, blutrünstger Christe, / Verzeih mir Gott, es regte sich der Iste.’† Zwei Verse, denen man auch theologisch nachlauschen darf: Ist der blutrünstige Christus am Kreuz vielleicht gar nicht identisch mit dem Gott, der hier um Verzeihung gebeten wird? Und stehen hier nicht zwei Menschheitszeichen gegeneinander: das Kreuz und der Phallus? Die Diagnose von Goethes Heidentum bekäme einen handfesten Charakter in so einer religionsgeschichtlichen Lesart.

Unterstützt wird sie durch ein anderes Gedicht, das aus dem Kellerdüster der Fußnoten- und Variantenapparate erst 1990†† gehoben wurde, in Band 3.2 der ‘Münchner Ausgabe’. Es handelt sich um ein ‘Venezianisches Epigramm’, das 1790 nicht zu veröffentlichen gewesen wäre. ‘Sauber hast du dein Volk erlöst durch Wunder und Leiden / Nazarener’, hebt es an, und böser wurde das Wort ‘sauber’ selten verwendet. Es geht um den Fluch der Geschlechtskrankheiten, mit denen Gottes Schöpfung die Menschen geschlagen hat.

/ Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung 18.12.

*)

Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Danach frag ich nicht!
Ob der Koran geschaffen sei?
Das weiß ich nicht!
Daß er das Buch der Bücher sei,
Glaub ich aus Mosleminenpflicht.

Daß aber der Wein von Ewigkeit sei,
Daran zweifl’ ich nicht;
Oder daß er vor den Engeln geschaffen sei,
Ist vielleicht auch kein Gedicht.
Der Trinkende, wie es auch immer sei,
Blickt Gott frischer ins Angesicht.

**

Beruf des Storches

Der Storch, der sich von Frosch und Wurm
An unserm Teiche nähret,
Was nistet er auf dem Kirchenturm
Wo er nicht hingehöret?

Dort klappt und klappert er genug,
Verdrießlich anzuhören;
Doch wagt es weder Alt noch Jung
Ihm in das Nest zu stören.

Wodurch – gesagt mit Reverenz -
Kann er sein Recht beweisen,
Als durch die löbliche Tendenz
Auf’s Kirchendach zu ……..

***)

Vieles kann ich ertragen. Die meisten beschwerlichen Dinge
..Duld’ ich mit ruhigem Mut, wie es ein Gott mir gebeut.
Wenige sind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider;
..Viere: Rauch des Tabaks, Wanzen und Knoblauch und †.

****)

Vom Himmel steigend Jesus bracht’
Des Evangeliums ewige Schrift,
Den Jüngern las er sie Tag und Nacht,
Ein göttlich Wort, es wirkt und trifft.

Er stieg zurück, nahm’s wieder mit;
Sie aber hatten’s gut gefühlt,
Und jeder schrieb, so Schritt für Schritt,
Wie er’s in seinem Sinn behielt,

Verschieden. Es hat nichts zu bedeuten:
Sie hatten nicht gleiche Fähigkeiten;
Doch damit können sich die Christen
Bis zu dem Jüngsten Tage fristen.

† Auch ich zitiere gern aus dem Gedächtnis, aber manchmal fällt mir dann was auf. Bei Goethe steht ein “s” mehr: “Verzeih mir’s Gott”. Mir ist son “s” wert und teuer. Steht in der Berliner Ausgabe S. 96 (in der Hamburger fehlt wie das “s” so das ganze skandalträchtige “Tagebuch”, das hatte der Herr des Hauses gewiß in einer bibliophilen Ausgabe zur Hand).

†† Erst 1990? Wohl kaum. Zwar in der Wüste der Weimarer Ausgabe schwer zu finden, war das Gedicht doch in anderen Ausgaben gut lesbar enthalten. Nicht gerade in der Hamburger, mit der in der Bundesrepublik nach 1945 zwei oder drei Germanistengenerationen ausgebildet wurden, eine “saubere” Auswahl ad usum delphini, aber zB hier: Goethe, Berliner Ausgabe, Bd. 2: Gedichte und Singspiele II, Berlin und Weimar: Aufbau 1966, S. 131.

75. Jugend und Alter

Die ganze Dichtung Majakowskis – ein Balancieren zwischen Großem und Großgeschriebenem. Majakowskis Weg ist kein literarischer Weg. Die auf seinen Wegen Gehenden beweisen das tagtäglich. Kraft läßt sich nicht nachahmen, doch ein Majakowski ohne Kraft ist Nonsens. Gemeinplatz, zu Größe gesteigert – so, meistenteils, die Formel für Majakowski. Darin (ein anderes Zeitalter, eine andere Redeweise) gleicht er Hugo, den er, ich erinnere, schätzte:

In jedem Jungen – Marinettis Pulver,
In jedem Alten die Weisheit Hugos.

В каждом юноше порох Маринетти,
в каждом старце мудрость Гюго.*

Nicht von ungefähr Hugo, und nicht Goethe, mit dem er nichts Gemeinsames hat.

Marina Zwetajewa: Epos und Lyrik des zeitgenössischen Rußland, in: Ausgewählte Werke, Band 2 – Prosa. Berlin: Volk und Welt 1989, S. 287.

*) Wladimir Majakowski: Война и мир (Krieg und Frieden), Poem (1917)

70. Handke 70

Peter Handke ist schwer zu ertragen. In seinem Fall ist das eine Qualität. In seiner Konzentration auf das Einfache, Natürliche, Stille könnte er als Vorbild für eine nicht am Konsum, sondern am originären Denken orientierte Existenzweise dienen. (…)

Handke ist einer der wenigen wirklichen Individualisten, die wir haben, und nicht bloß einer, der sich originell ausstaffiert. An ihm kann man ablesen, wie anstrengend das ist, wie viel Rücksichtslosigkeit und Beharrlichkeit man dafür braucht – und das in einer Gesellschaft, in der Individualismus täglich gefeiert wird. Seine Sensibilität erzeugt ihre eigenen Sensationen. Das genügt. / Jörg Magenau, taz 6.12.

Eine Demokratie sollte so auch mit Handkes dingmetaphysischer Politik umgehen. Goethe war für Napoleon. Das war damals mehr als politisch unkorrekt, es war geradezu schon Landesverrat. Voltaire verhaftet man nicht, und Voltaire zerrt man auch nicht vor die Wohlfahrtsausschüsse der politischen Korrektion. Das Getümmel um den Heine-Preis und vieles andere dieser Art ist unwürdig gewesen. / Stephan Wackwitz, taz 6.12.