Lyrikzeitung & Poetry News

24. Mai 2012

88. Ihre Lieblingsgedichte

Der Styria Premium Verlag hatte die Idee zu einer neuen Buchreihe: Österreichische Künstler/innen aus allen Bereichen – von der Philosophie bis zur Musik, von der Literatur bis zur Bühne – stellen ihre 25 Lieblingsgedichte vor. Ö1 sendet die Gedichte im Rahmen der Reihe “Du holde Kunst” ab Juni einmal im Monat.

Friederike Mayröcker

Ernst Jandl:
das hundelvieh

Ernst Jandl:
der bernhardiner

Ernst Jandl:
der goldfisch

Ernst Jandl:
2 erscheinungen

Ernst Jandl:
in der küche ist es kalt

Thomas Kling:
ethnomühle

Friedrich Hölderlin:
Hälfte des Lebens

Friedrich Hölderlin:
Wenn aus dem Himmel

Inger Christensen:
alphabet

Marcel Beyer :
Wespe, komm

Ilse Aichinger:
Briefwechsel

Norbert Hummelt:
aus der Kindheit

Bertolt Brecht:
Morgens und abends zu lesen

Heinrich Heine:
Loreley

Johann Wolfgang von Goethe:
Warum gabst du uns die tiefen Blicke

Gottfried Benn:
Teils-teils

Marcell Feldberg:
o. T.

Bernadette Haller:
Haiku

crauss
russischer zopf

H. C. Artmann:
mein herz

Oskar Pastior :
Francesco Petrarca Nr. 1

Oswald Egger:
Apfelspalten / Handteller, Regen

Oswald Egger:
nihilum album

Mikael Vogel:
Schizoide Gedichte für eine alte schizoide Liebe

Mikael Vogel:
Das wirre Atelier der Verlassenheit …

84. Anlagetipps

Einsortiert unter: Deutsch, Schweiz — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 08:03

«Edel sei der Mensch, hilfreich und gut», heisst es in Johann Wolfgang von Goethes Gedicht «Das Göttliche». Auf weiterführende Anlagetipps verzichtet der Dichter, doch seine lyrische Maxime scheinen sich viele Anleger dennoch zu Herzen zu nehmen. Das steigende Volumen nachhaltiger, ethisch korrekter und sozial verträglicher Investments ist einer der grossen Trends im Finanzwesen der letzten zwanzig Jahre. …

In vielen Fällen beschränkt sich die ethische Korrektheit indes auf den Verzicht auf Investitionen in Unternehmen, die als «sündig» oder «lasterhaft» wahrgenommenen Branchen entstammen («Sin Stocks»). Dazu zählen die Herstellung von und der Handel mit Alkoholika und Tabak sowie die Glücksspielbranche. Oft verzichten Fonds, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen heften, auch auf Investitionen in Waffenproduzenten. Wenngleich viele Menschen den Produkten dieser Branchen gerne zusprechen*, wollen sie deren Titel im eigenen Depot (oder dem des Pensionsfonds) offenbar nicht sehen. …

Die Aussicht auf ansprechende Erträge sowie womöglich auch die Faszination, die das Sündige an sich auf viele Menschen ausübt, haben in der Vergangenheit die Entstehung dezidiert unethischer Investmentvehikel begünstigt. Deren bekanntestes ist wohl der «Vice Fund» des amerikanischen Fondsanbieters USA Mutuals, einer Tochter der amerikanischen Geschäftsbank US Bancorp. Der Name – «Vice» ist das englische Wort für Laster – ist Programm. Der Fonds investiert ausschliesslich in Unternehmen aus den Branchen Alkoholika, Tabak, Glücksspiel und Waffen. …

Ob man freilich an den geschwärzten Lungen und zirrhotischen Lebern junger Inder und Chinesen verdienen möchte, bleibt letztlich eine Frage des eigenen Gewissens**. / Christian Gattringer, NZZ 23.5.

*) Bekanntlich hat der Schweizer Mann seine Waffe im Schrank.

**) Die zerschossenen oder zersprengten Körperteile junger Asiaten und Afrikaner wollen wir uns hier nicht vorstellen, obwohl man daran traditionell gut verdient.

17. Mai 2012

51. Traditionsbezüge

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , — dubler @ 13:34

Kai Köhler lobt die Aufsatzsammlung Bernd Leistners, die bei Andree Thiele erschienen ist:

Eine solche Wiederveröffentlichung erfordert ein gewisses Maß an Mut: Stets, weil das vor dreißig Jahren Gedachte und Geschriebene nun altbacken wirken kann, und besonders in diesem Fall, weil viele der Aufsätze über den sich bewusst als Schriftsteller der DDR verstehenden Hacks vor dem Fall der Mauer entstanden sind und sich nun ein ganz neuer Blick auf die Geschichte durchgesetzt hat.

Doch haben Leistners Schriften die Zeit überstanden, ohne Schaden zu erleiden. Das liegt, um mit dem Offensichtlichsten zu beginnen, an ihrer Sprache, die ganz ohne politischen oder methodologischen Jargon auskommt.

… und gibt Einblicke in die Situation und Schreibhaltung des Dichters:

Die Disziplin, mit der Hacks sich zur Produktion von autonomer Kunst auf höchstem Niveau zwang, während ringsum die Spekulation auf ein mitproduzierendes Publikum zur Mode wurde, wird durchaus mit Respekt dargestellt, wenn auch ein wenig Befremden anklingt. Ganz abseitig erscheint in dieser Perspektive eine Literatur der subjektiven Klage, der aus Hacks’ Sicht das Fehlen jeder Haltung vorzuwerfen ist.

Die Diskussion um Hacks’ Staatsbegriff war, damit konnte Leistner sich mit dem Dichter einig wissen, stets eine um die DDR, und die nach 1989 geschriebenen Rezensionen Leistners haben alle auch zum Thema, dass Hacks schon in der Spätphase der DDR zum „Staatsdichter ohne Staat“ geworden war.

Hier ließe sich die Frage anschließen, wie man wieder zu einem Staat kommt, den man mit gutem Gewissen bedichten könnte. Die Fragestellungen, mit denen Leistner an Hacks’ Werke herantritt, sind immer noch aktuell; Autor und Verlag ist für die Zusammenstellung seiner Aufsätze zu danken.

29. April 2012

107. Von Definitionen

Einsortiert unter: Altgriechisch, Antike — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 11:47

»Der Mensch«, so hatte Platon definiert,« ist ein zweibeiniges Lebewesen ohne Federn.« Die Definition trug ihm Anerkennung ein, Diogenes aber rupfte einen Hahn, brachte ihn in Platons Hörsaal und sagte: »Das ist also Platons Mensch!« Aus diesem Grunde wurde die Definition noch um den Begriff »mit flachen Nägeln« erweitert.

Das Leben des Diogenes von Sinope, erzählt von Diogenes Laertios. Hg. Kurt Steinmann. Zürich 1999 (detebe 23127, zuerst ca. 250)

Aus einer wunderbaren Fundgrube:

Neuer Physiologus

Enzyklopädie der Erfahrungen

Dieser Neue Physiologus
(nicht der erste, aber der neueste)
erklärt Mensch und Welt
sowie deren Beziehungen endlich (vorläufig) richtig.

Was in anderen Enzyklopädien
oft fehlt, ungenügend oder gar falsch bestimmt ist -
Sie finden es auf diesen Seiten
anschaulich erklärt, ausführlich beschrieben und sinnreich geordnet - vollkommen unparteiisch:

Kein Zweig der Wissenschaft,
auch kein verschwundener
(wie AstrologieGeisterkundeMorologieMagieMythosNasenwissenschaftPhysiognomik,PoesieTraumdeutung …)
wird übergangen
zumal altes Wissen wieder Poesie werden kann – und Poesie zu Wissen, siehe Poes “Heureka”,

aller Versuche, die Welt zu verstehen, -
wird mit dem gleichen Respekt gedacht.

In der Tradition des ehrwürdigen Pierre Bayle werden
mehrfache Verstehensversuche (“Definitionen”) neben-/nacheinander notiert,
anders als bei Bayle aber kommentarlos;
der Anschein, hier solle der Skepsis Vorschub geleistet werden,
soll vermieden werden.

Wissen ist vorläufig, Enzyklopädien also auch,
mit Korrekturen ist also jederzeit zu rechnen.

Die Definitionen sind weitgehend an Erfahrung orientiert
(Goethe: “eine gewisse zarte Empirie…”)

27. April 2012

102. Mosebach erklärt die Welt

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , , , , , — lyrikzeitung @ 23:16

Wo? Natürlich in der “Welt“.

Die sagt:

Der Büchnerpreisträger vertritt einen konservativen Katholizismus, setzt sich für die Rückkehr zur tridentinischen Liturgie ein und sieht die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils skeptisch. Er meint: Dass ausgerechnet der Osten Deutschlands, die Heimat der Reformation, immer gottloser werde, “hat seine Logik”.

Aber über den Einfluß der DDR auf das Zweite Vatikanische Konzil sagt er dann nichts weiter. Ja, er entlastet die DDR sogar auf seine Weise. Eigentlich war weniger der Saarländer Honecker als der Mitteldeutsche Luther die Wurzel des Übels. Denn:

Der Sozialismus war zwar sehr eifrig in der strammen atheistischen Erziehung, aber das war er auch in anderen Ländern, in Russland, Polen oder Rumänien. Dort ist die Kirche wieder erstarkt, als der Sozialismus gestürzt war. Moskau hat heute Hunderte von Kirchen. Zur bolschewistischen Zeit gab es dort nur drei Kirchen, in denen noch die Liturgie gefeiert wurde.

Warum ist das in Ostdeutschland anders?

Weil es das Erbe Preußens hat. Es gab in Preußen seit dem 18. Jahrhundert einen die Kirche aushöhlenden Prozess. Friedrich II., dessen religiöse Toleranz in diesem Jahr so gefeiert wurde, war ja nur deswegen so tolerant, weil er die Religion verachtete, sich geradezu vor ihr ekelte.

Aber man muß weiter zurückblicken. Zu Luther natürlich, aber auch das reicht nicht. Denn hinter Luther steht Herrmann der Cherusker, der ein rechter barbarischer gottloser kommunistischer Bazi war:

Deutschland war immer ein geteiltes Land. Schon als es in die Geschichte eintrat, bestand es aus einem römisch beherrschten Teil und einem barbarisch gebliebenen Teil. Tatsächlich laufen unsere heutigen religiösen Grenzen teilweise an den alten römischen Militärgrenzen entlang. Im Osten gab es schon vor der Reformation einen antirömischen Affekt, den Luther dann verstärkte.

So erschließt sich dem wahrhaft Gläubigen auch das Armutsgefälle in Deutschland:

Gegenwärtig ist Religion dort stabiler, wo der wirtschaftliche Erfolg ist, wo es ein etabliertes Bürgertum gibt. Die Erfolgreichen, die mit der modernen Welt Zurechtkommenden sind heute eher auch die Gläubigen. In Ostdeutschland leben immer mehr Atheisten – und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die neuen Bundesländer nicht gerade Horte der Innovation, des Produzierens und der Vitalität sind.

So könnte man gleich die Probleme des Ruhrgebiets mit lösen. Statt das katholische Geld in den Osten zu pumpen könnte man 25 Millionen Bibeln abwerfen. Da kämen auf jeden Erwachsenen 2 bis 3, und billiger wärs trotzdem noch. Mal bei den Salafisten nachfragen.

Überhaupt ist das mit dem Islam gar nicht so schlimm, wie uns die gottlos-kommunistisch infiltrierten Geheimdienste glauben machen wollen, denn siehe:

Die Sorge vor dem Islam in Deutschland ist weniger eine Sorge von Christen als von Leuten, die sich von der Kirche schon sehr weit entfernt haben. Die empfinden Religion an sich als gefährlich, und im Islam sehen sie eine Rückkehr der Religion.

Ist Ihnen aus christlicher Sicht ein Muslim lieber als ein Atheist?

Was heißt lieber. Er ist mir auf jeden Fall näher. Selbstverständlich.

(Man müßte auch mal die Religiosität des Innenministers prüfen!) Oder die von Bundespräsidenten:

Aber der Satz “Der Islam gehört zu Deutschland” ist eine verantwortungslose und demagogische Äußerung. Was hat der Islam zu unserer politischen und gesellschaftlichen Kultur bisher beigetragen?

(Was sagt Gauck dazu – auch so ein Cherusker). Meinem gottlosen Sinn fällt jedenfalls Goethe ein, und daß der deutsche Kaiser Friedrich II. [bei dem Namen wundert einen garnix], an dessen Hof in Sizilien das Sonett erfunden wurde, Arabisch verstand, und daß die Muslims in Andalusien Wörter wie Alchemie, Algebra oder Alkohol zurückließen. Auch las ich von Untersuchungen zur Rolle der Muselmanen bei der Rezeption der aristotelischen Poetik und im Reim- und Gedankenbau der Comedia Dantes.

Aber auch mit Goethe kennt der Turbokatholik (Perlentaucher) sich aus.

In Goethes “Buch des Parsen” kam der Zeitgeist zum Ausdruck: “Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, sonst bedarf es keiner Offenbarung.” Das war ein Protestantismus, der die Verbindung zu Sakralität und lebendiger Christus-Beziehung weitgehend verlassen hat.

Ogott – womit hab ich mich da bloß wiedervereinigt?

Aber nun ist mal Schluß mit lustig. Morgen heb ich meinen Anteil am Westosttransfer ab und nehm mir einen Anwalt, der gegen Mosebachs Welt wegen Diskriminierung und Verletzung meiner Menschenwürde Klage einreicht. Noch einmal Mosebach:

Diejenigen, die religiös unmusikalisch sind – wie man das heute so flott formuliert -, sind in ihrer Vollausbildung als Menschen beeinträchtigt.

Herr, wirf Hirn vom Himmel! Aber bitte in Steinguttöpfen und diesen Stammtischkatholen auf den Brägen!

(Fortsetzung: Mosebach erklärt die Lyrik, demnächst hier, inschallah.)

13. April 2012

43. Lyrik und Mainstream

Die Badische Zeitung klärt auf. So einfach wie die Leute, die Grass’ Gedicht schlecht finden, kann man es sich nicht machen:

Grass spricht zwar im Hier-stehe-ich-und-kann-nichts-anders-Modus, doch nicht als lyrisches Ich. Aber das aus tiefster Seele um Ausdruck ringende Subjekt ist eh schon lange tot. Lyrik ist heute mehr als zwecklose Freiheit, subjektives Empfinden, reine l’art pour l’art*. Spätestens die literarische Moderne machte die Trennung zwischen Lyrik und Prosa obsolet.

Die Langgedichte von Ezra Pound oder T.S. Eliot unterscheiden sich kaum von Joyce’ Romanen**: Wie die klassisch-chronologische Erzählform lösen sich auch Reim und Metrum auf und machen Platz für Realitätssplitter, Mythen und Selbstreflexionen. Das beseelte Sprechen kreist nicht mehr nur um Ich und Natur, Hier und Jetzt, sondern erfasst auch Alltagsgegenstände, prosaische Empfindungen, unpersönliche Erfahrungen***.

Das gilt erst recht für die politische Lyrik. Schon Heinrich Heine, der das Genre recht eigentlich begründete, machte sich lustig über die Tendenzpoeten, die Gesinnungstüchtigkeit mit Kunst verwechselten. Hoffmann von Fallersleben, einer von ihnen, griff Goethes Hohn (“Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied”****) auf und wendete ihn gegen seinen Urheber: Manchmal haben garstige, ungeschlachte Lieder mehr Dignität und Legitimität als unverbindliches Tandaradei und klassisches Ebenmaß. Seit bald zweihundert Jahren wogt die Debatte nun hin und her. Je nach Ort, Zeit oder Standpunkt gilt die politische Lyrik eines Herwegh, Brecht oder Erich Fried***** mal als Meilenstein engagierter Literatur, mal als Verrat an der Kunst. / Martin Halter, Badische Zeitung 13.4.

*) schöne Reihung. Heute: also anders als bei Sappho, Horaz, Villon etc.

**) Oh really? Wer das sagt, weiß vielleicht nicht, daß der deutsche Dichter Klopstock vor 250 Jahren Verse erfunden hat, die auf Reim und Metrum verzichten, aber nicht auf den Vers. Hat nie seine Frühlingsfeier gelesen oder im Ohr und im Geist ankommen lassen. Hält die Beschreibung des Waldes nach dem Blitzschlag für Zeitungsdeutsch: “Und der geschmetterte Wald dampft” (2 Daktylen und 1 Spondäus). Hat nicht bemerkt, daß Eliot in seinen “Langgedichten” den von ihm auch sonst gebrauchten Blankvers mal hart peitschend (wie die 7 Anfangsverse  von Waste Land mit ihren Stakkatoenjambements), mal ruhig-reflektierend umspielt und dabei gelegentlich und nicht zu selten reine Jamben einflicht. Hat die Verse der Poundschen Cantos weder gehört noch gesehen. Hat, in short, davon ungefähr soviel Ahnung wie mindestens der späte Grass.

***) Ich empfehle Lektüre von Archilochos, Theognis, Ovid, Horaz, nur als Beispiel.

****) Übrigens bei Goethe sagt das ein besoffener Student in Auerbachs Keller, der nicht unbedingt als Sprachrohr des Autors zu verstehen ist.

*****) Über den Unterschied von Fried und Brecht weiß der Freitag Genaueres

Gestützt auf seine Ahnungslosigkeit kann der badische Autor Grass als Dichter retten, der tapfer gegen den Mainstream ficht:

So wie ein Gedicht über Apfelbäumchen in Krisenzeiten unter Eskapismusverdacht gerät, steht politische Lyrik, die ihren Namen verdient, immer im Gegensatz zum Mainstream. Ihr Meinen und Sagen sprengt das empfindsame Selbstgespräch nach allen Regeln der Kunst wie den politisch korrekten öffentlichen Diskurs: So war es schon bei Walther von der Vogelweide und Hölderlin, und das gilt erst recht für das 20. [sic!] Jahrhundert.

Atemberaubend ahnungslos. Die Ahnungslosen (früher war das nur ein Tal, heute wohl der Mainstrom?) sind beeindruckt.  Am Ende aber wird der Zeitungsschreiber den Mainstream wieder für sich beanspruchen:

Allerdings hat Grass noch nicht recht mitbekommen, dass die große Zeit der politischen Intellektuellen vorbei ist: Er reklamiert selbst dort noch die hoheitlichen Gebärden und Privilegien des Dichterpriesters für sich, wo er als normaler Zeitgenosse spricht.

 

5. April 2012

15. Forschergeist

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 07:29

Die “Große Scheibenelektrisiermaschine” aus dem Physikalischen Kabinett im Kulturhistorischen Museum Görlitz und das Gedicht “Parabase” von Johann Wolfgang von Goethe bilden im April den Rahmen für Gedichte zum Thema “Forschergeist”. …

Forschergeist kann sich aber nicht nur in der Wissenschaft zeigen. Dass man mit ihm auch die eigene Sprache erkunden kann, zeigen die Gedichte vieler Lyriker. Im April freuen wir uns daher auf eure Gedichte zum Thema Forschergeist: Dichtet über berühmte Forscher, bahnbrechende Erkenntnisse, darüber, was diese Forscher antreibt und worüber sie wohl denken. Vielleicht springt ja der Funke über und ihr schickt uns auch Gedichte zur Scheibenelektrisiermaschine?

Einsendeschluss ist der 30. April 2012!  / DLF

Parabase

Freudig war vor vielen Jahren
Eifrig so der Geist bestrebt,
Zu erforschen, zu erfahren,
Wie Natur im Schaffen lebt.
Und es ist das ewig Eine,
Das sich vielfach offenbart.
Klein das Große, groß das Kleine,
Alles nach der eignen Art.
Immer wechselnd, fest sich haltend,
Nah und fern und fern und nah;
So gestaltend, umgestaltend -
Zum Erstaunen bin ich da.

20. März 2012

84. “Zentrum der lyrischen Gesamtkultur”

Auch t-online macht sich um Lyriknachrichten verdient. Eben wieder:

Das Zentrum der Volkspoesie befindet sich in einem unscheinbaren Büroraum in der Frankfurter Innenstadt. Nur die unmittelbare Nachbarschaft zum Geburtshaus Johann Wolfgang von Goethes erinnert an Lyrik. Und doch laufen hier die Fäden des “Jahrbuchs für das neue Gedicht” zusammen – ein Band mit gut 5.000, größtenteils von Hobbydichtern eingereichten Werken.

Die “Frankfurter Bibliothek” bündelt nicht vorrangig Werke der Hochliteratur, sondern vielmehr Zeugnisse der lyrischen Gesamtkultur, “Gedichte aus der Mitte der Gesellschaft”, betont Markus von Hänsel-Hohenhausen, Begründer der herausgebenden Brentano-Gesellschaft. “Neben Spitzenleistungen drucken wir vor allem Gelegenheitsdichtungen und Verse aus dem Alltag ab.”

Ists auch nicht Lyrik, hat es doch Methode. Krämer siehst du, aber keine Dichter (heute ist Hölderlins Geburtstag – auch einer, der aus Frankfurt verjagt wurde…) Goethe wußte, warum er da wegging, und Ulla Berkewicz… Aber der zweite Satz hat einen Beigeschmack von Wahrheit, wenn auch vielleicht unfreiwillig.

17. März 2012

75. Platz für Lyrik

Ob es zu Goethes Zeiten schon so war, ich weiß nicht. Christian Felix Weiße, Steuereinnehmer und Lyriker,  war ein Star mittleren Alters, den der Student eher verachtete, obwohl er selber so unendlich besser noch nicht war. Er hat ja auch das meiste verbrannt – als er soweit war, war er nicht mehr in der Pleißestadt.

Heute ist Leipzig ein gutes Pflaster für die Literatur und, was mich hier interessiert, ein hervorragender Platz für Lyrik. Nicht nur leben hier viele Lyriker, manche nur ein paar Jahre und manche länger – es kommt auch viel Publikum. Im Trubel der lärmenden Messehallen nicht immer mit voller Platzauslastung, aber ich habe keine Lesung gefunden, die ohne Publikum auskommen mußte trotz des Überangebots (das Programm ist 467 Seiten stark). Gestern 16:00 bis 16:30 lasen Artur Punte und Sergej Timojejev von der lettischen Poetengruppe ORBITA ihre russischen Gedichte, danach wechselte ich ein paar Stände weiter, wo schon seit 16:00 drei Autoren unter der Rubrik “Kleine Sprachen – Große Literaturen” lasen, Serhij Zhadan aus der Ukraine hatte ich verpaßt, als ich kam, las gerade der Litauer Sigitas Parulskis und dann der Schweizer und Engelerartist Arno Camenisch, dieser zweisprachig Surselvisch und Deutsch. Zum Schluß gabs noch eine furiose Soundzugabe aller drei Dichter in den Originalsprachen ohne Übersetzung, aber ein Ereignis!

Eine ähnliche Überlagerung hatte ich schon am Donnerstag erlebt. Ich hörte junge Lyrik aus Ungarn – es lasen András Gerevich und Attila Végh eine Probe im Original, dann eine junge Frau mit zu dünner Stimme Übersetzungen, die nicht sehr markant klangen im lauten Hintergrundrauschen um das “Café Europa”. Dann aus der Nähe sehr lauter Applaus und dann in einer fremden Sprache sehr laut und klangvoll ein Mann, die Moderatorin kommentierte, irgendein politischer Appell störe die Lyriklesung, die “Störung” dauerte an und schwächte die Aufmerksamkeit für die Ungarn, die nach der politischen Situation in ihrer Heimat ausgefragt wurden. Ich sah später nach, die Störung kam kam aus dem Buchmesseschwerpunkt “Tranzyt” und hier speziell von einer Lesung zweier weißrussischer Dichter, Volha Hapejeva und – vermutlich der Herr mit der durchdringenden Stimme – Zmicer Vishniou. Da hatte ich mich falsch entschieden und dennoch eine akustische Kostprobe bekommen.

Entscheiden, ob richtig oder falsch, muß man sich hier ständig. Als ich im English Room zweisprachig Texte von Peter Gizzi, H.D. und George Oppen hörte, verpaßte ich, nur einige Namen zu nennen, Thomas Böhme und Tom Bresemann, Georg Klein und Andreas Reimann, Wladimir Kaminer, Jan Skudlarek, Christian Kracht, Franzobel, Wiglaf Droste, Marcel Beyer, Ralph Dutli und und und. Gestern nachmittag hörte ich Chirikure Chirikure aus Simbabwe, der Englisch und auch einmal Schona las und sich in phonetischem Deutsch probierte. Im fliegenden Wechsel dort bei arte in der Glashalle traf ich meinen Freund Alex, der tschechische Autoren gehört hatte und zur nächsten Lesung weiterflog.

Am Abend fuhr ich in den quirligen, offenbar noch nicht von Gentrifizierung bedrohten Süden, nach Plagwitz, wo das junge Leben pulsiert und auch das der Lyrik. Im Abstand von 150 Metern zwei attraktive Veranstaltungsorte, zwischen denen nicht nur ich pendelte, ein Stempel auf der Hand machts möglich. Bis nach Mitternacht konnte man im Lindenfels Westflügel “UV – die Lesung der unabhängigen Verlage” genießen, zu Beginn lasen unten im “Café” Lydia Daher, Norbert Lange und Monika Rinck aus ihren neuen Büchern, während gleichzeitig oben im “Saal” DDR-Altstar Werner Heiduczek sowie Peter Wawerzinek und Karsten Krampitz zu hören waren. Beide Räume waren voller Zuhörer, und auch das dort ausgeschenkte “Industriebier” ist empfehlenswert. Unter vielen weiteren Autoren nenne ich nur Enno Stahl und Thomas Meyer. Ein Stück weiter die Lyrikbuchhandlung mit attraktivem Buchangebot zahlreicher Lyrikverlage – keine Buchhandlung kann sich damit messen, der Verkäufer empfahl, nicht zu viel Bargeld mitzubringen, womöglich hatte er recht. Auch dort drängte sich das junge Publikum bei Bertram Reinecke und Dagmara Kraus. Leipzig bildet seine Leute immer noch – auch seine Lyriker und Lyrikleser, q.e.d.

27. Februar 2012

121. Bunt besiegt Tot

Im badischen Lörrach prallten die Gegensätze aufeinander, neudeutsch gegen bundesdeutsch, Altmeister gegen Jungslammer und Klassik gegen Moderne:

Der Club der toten Dichter trat im Wettstreit gegen eine bunte Mischung aus Ost und West, aus Neu-Deutschen und bundesdeutsch sozialisierten an.

Max Frisch (weder neu- noch bundesdeutsch) verlor gegen Tilmann Doering:

Max Frisch war der jüngste Tote, der ins Rennen ging. Und er hatte es mit seinen Reflexionen über das Wesen der Liebe schwer gegen Tilmann Doering, der sich sprachlich eher auf die deutschen Klassiker vorbereitet hatte als auf einen der Moderne. Er gewann das Duell trotzdem, so sehr der Zürcher Architekt zwar an seiner Pfeife zog – authentischer wird es deshalb noch lange nicht.

Dann wurde es prinzipiell und die Frontlinie verschob sich:

Dem nächsten der “Young Boys” oblag es, die Unterschiede zwischen Althergebrachtem und Neuem offen zu legen. Max Kennel aus Bamberg nahm sich des lyrischen Herbstgedichts an, der einsamen Dichter, die auf einsamen Spaziergängen durch kahle Wälder streifen, um einsame Entscheidungen zu treffen. Es wurde zum Spiel Mann gegen Mann [?? Else heißt er, M.G.]. Der Junge mit der Mütze hatte genug von Seelenbefindlichkeiten und Weltschmerz und mit ihm sein Publikum. Zweiter Treffer für die Jungen, was auch an der Gegnerin lag. Die verstörende Lyrik Elke Lasker-Schülers kann kaum punkten bei einem überwiegend jugendlichen Publikum, das lieber mitgerissen wird, als über Metaphern zu stolpern.

Am Ende siegt Jung gegen Alt und Ost gegen West. Lyly Schoettle aus Freiburg besiegte die Lichtgestalt Goethe aus Frankfurt und Weimar und wurde anschließend von  ”derTom” aus Halle an der Saale besiegt, einer 806 erstmals erwähnten, seit 20 Jahren deutschen Stadt.

/ Zitate aus Badische Zeitung

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