Kategorie: Großbritannien

58. Neue Lyrik-Begeisterung

Nie seit der Antike wohl hat Lyrik weniger Leser gehabt als heute. Was kann es bedeuten, dass zugleich ihre Faszination und ihr Ansehen gestiegen sind?

Von HANS ULRICH GUMBRECHT, FAZ 17.5.:

Wer als halbwegs gebildeter Zeitgenosse an Lyrik denkt, an Gedichte oder an Poesie, der erwartet wohl vor allem den Ausdruck “individueller Gefühle,” so ekstatisch “individuell” im typischen Fall, dass sie sich nicht im sozialen Medium der Sprache artikulieren lassen. Ohne es wirklich erklären oder auch nur plausibel machen zu können, glaubt man dann weiter, dass die besonderen, “prosodisch” genannten Formen solcher Texte (Vers, Rhythmus, Reim, Strophe) diese Unmöglichkeit, diesen Schwund des transparenten Ausdrucks ausgleichen können, indem sie Modalitäten von Kommunikation erschließen, welche nicht auf die Dimension des Sinns beschränkt sind.

Für viele Gedichte, die in der westlichen Kultur zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, in der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik also, geschrieben worden sind, trifft eine solche Erwartung im großen Ganzen auch zu. Denn das war jene Zeit, in der sich das seit der Renaissance dominierende Selbstbild der Menschen als einem gegenüber der Welt der Dinge exzentrischen “Subjekt” zur “Individualität” steigerte, das heißt: zur einer erlitteten und zugleich zelebrierten Exzentrizität innerhalb der Gesellschaft. Aus Sicht der Individualität schien plausibel, dass die besondere Form-Dimension von Gedichten jener spezifischen – individuellen — Exzentizität zum Ausdruck verhelfen sollte. Historisch langfristig jedoch ist die so zu beschreibende romantische Prämisse des Verstehens von Gedichten viel spezifischer und begrenzter, als man heute allgemein annimmt. Sie hatte eigentlich bis hin zur Zeit um 1800 nie gegolten, und sie steht auch bei den besten Gedichten unserer Gegenwart keinesfalls im Vordergrund.

(…)

Doch ich behaupte nicht, dass diese Rückkehr zum Form-Repertoire der Lyrik und seinen Funktionen ein quantitativ bemerkenswerter Trend unserer Zeit sei. Im Gegenteil: bis heute beeindruckt mich eine 1995, bei der Verleihung des Nobelpreises an den irischen Lyriker Seamus Heaney, beiläufig gelesene Bemerkung (nicht nur ich halte Heaney för den vielleicht bedeutendsten lebenden Gedichtautor), nach der kein Lyriker der Gegenwart allein von den Einnahmen für seine Bücher und für Lesungen leben könnte. Die “Rückkehr zur Lyrik,” wenn man sich auf so eine so gängige Formulierung überhauot einlassen will, ist bemerkenswert wegen der Kompetenz und des Prestiges derer, die sie vollziehen – keinesfalls wegen ihrer Zahl. Richard Rorty, einer der großen philosophischen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, sagte in einem Gespräch wenige Wochen vor dem Tod auf die Frage, was er an seinem Leben ändern wollte, wenn er eine zweite Chance bekäme, dass er in einem zweiten Leben mehr Gedichte auswendig lernen würde. Was er denn ausgerechnet Gedichten abgewinnen könne, fragte sein nicht wenig überraschter Gesprächspartner weiter, um die Antwort zu provozieren: “nichts kann man von ihnen lernen, aber sie klingen schön, und deswegen hätte ich sie gerne für mich gehabt.” Doch woher kommt diese neue Lyrik-Begeisterung?

45. poesiefestival berlin

Das 14. poesiefestival berlin fragt nach den Orten der Dichtkunst, nach der „Heimat Poesie“. Vom 7.-15. Juni 2013 präsentiert die Literaturwerkstatt Berlin in der Akademie der Künste am Hanseatenweg die Bandbreite und Vielseitigkeit internationaler zeitgenössischer Dichtkunst.
Zu Gast sind u.a. Christian Bök (Kanada), Breyten Breytenbach (Südafrika), TJ Dema (Botswana), Oswald Egger (Südtirol), Kosal Khiev (USA/Kambodscha), Ursula Krechel (Deutschland), Ise Lyfe (USA), Nikola Madzirov (Mazedonien), Luis García Montero (Spanien), Don Paterson (UK), Tomaž Šalamun (Slowenien), Ana Tijoux (Chile), Natan Zach (Israel) und Adam Zagajewski (Polen).

Hier das komplette Programm.

Kartenvorverkauf
Vorverkauf in der Akademie der Künste
Tel 030. 200 57-1000/-2000
Hanseatenweg 10, 10557 Berlin-Tiergarten
Pariser Platz 4, 10117 Berlin-Mitte
Täglich 10:00–19:00
Im Internet unter: www.adk.de oder www.poesiefestival.org

Festivalpass, gültig für alle Veranstaltungen:
60 EUR/40 EUR, erhältlich in der Akademie der Künste.

Ort
(soweit nicht anders angegeben):
Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin-Tiergarten
S-Bahn Bellevue / U9 Hansaplatz/ Bus 106

Informationen
Literaturwerkstatt Berlin
Tel 030. 48 52 45 0
www.literaturwerkstatt.org

20. Word Events

Lies einen Vers.
Lies jedes Wort rückwärts.
Lies den ganzen Vers rückwärts.

Aus einer Beschreibung in J. Trachtenberg, Jewish Magic and Superstition. New York: Atheneum, 1939, 1970, p. 111. Gefunden in: Jerome Rothenberg, Harris Lenowitz (Ed.): Exiled in the Word: Poems & Other Visions of the Jews from Tribal Times to Present. With Commentaries by Jerome Rothenberg. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press, 1989. S. 243

Wer es gleich ausprobieren möchte, hab durch Fingerorakel in Thomas Klings Sprachspeicher diese Zeile von Heine ausgewählt, bittesehr:

Das Weib nicht zähmen kunnt er

Wer vergleichen möchte, dasselbe Verfahren an Palgraves Golden Treasury of Modern Lyrics, Ausgabe 1927:

And all around was fragrant air

(Dante Gabriel Rossetti)

96. Ladies of Llangollen

Two rare and historic poems written by the famous “Ladies of Llangollen” will go under the hammer next month.

The autographed pieces by best friends Lady Eleanor Butler and Sarah Ponsonby are valued at £400-500 by auctioneers Bonhams.

They are the first poems written by the pair to be sold at auction for 40 years and are part of the finest collection of poetry to go under the hammer. (…)

Lady Eleanor Charlotte Butler (1739-1829) and Sarah Ponsonby (1755-1832) met as children while living as neighbours in Ireland in 1768.

They became firm friends and over the years formulated plans to live together in order to avoid being forced into marriages for which neither had an appetite.

Encountering family hostility, they fled abroad and settled in Llangollen in 1780.

Living at first a largely secluded life devoted to literature and gardening, the ladies soon attracted national attention and their visitors included leading lights of the day such as the Duke of Wellington, Wordsworth, Shelley, Byron and Sir Walter Scott. / Gary Porter, Daily Post

95. Petrarcapreis für Adonis und Robertson

Der 1930 in Syrien geborene, in Paris lebende Dichter und Essayist Adonis (Pseuonym für Ali Ahmad Said) und der 1955 in Schottland geborene, in London lebende Dichter Robin Robertson erhalten im Juni den Petrarca-Preis. Die Auszeichnung ist mit 20.000 Euro dotiert und wird auf die beiden Gewinner aufgeteilt.

Adonis, Träger des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt und Fellow des Wissenschaftskollegs in Berlin, ist der bekannteste arabische Dichter der Gegenwart. Seine strikte Verurteilung der Dogmatisierung der arabischen Kultur hat er in dem Satz zusammengefasst: „Ich kann nicht an einer Revolution teilnehmen, die aus den Moscheen kommt.“ Von Adonis sind zuletzt die Bücher Von der Dichtung zur Revolution (Fischer 2013) und die Liebesgedichte Der Wald der Liebe in uns (Jung und Jung 2013) erschienen.

Von Robin Robertson ist soeben eine von Jan Wagner übersetzte Sammlung von Gedichten im Lyrik Kabinett (Hanser 2013) unter dem Titel Am Robbenkap erschienen. (…)

Der Preis wurde von Hubert Burda gestiftet, der Jury gehören Peter Hamm, Peter Handke, Alfred Kolleritsch und Michael Krüger an.

93. Weltklang

Weltklang – Nacht der Poesie

Das 14. poesiefestival berlin eröffnet mit einem Feuerwerk zeitgenössischer Poesie, von klassischer Dichtung über Soundpoesie, Videopoesie und Performance bis zu Spoken Word. Die Stars der internationalen Dichtkunst kommen am 7.6.2013 zu Weltklang – Nacht der Poesie in der Akademie der Künste, Hanseatenweg, zur poetischen Standortbestimmung. Einmal mehr zeigt Weltklang – Nacht der Poesie, die Vielfalt internationaler Gegenwartslyrik, die Unterschiedlichkeit nicht nur der Sprachen, auch der poetischen Ansätze und Themen. Mit dabei sind Christian Bök (Kanada), TJ Dema (Botswana), Oswald Egger (Österreich), Ursula Krechel (Deutschland), Iman Mersal (Ägypten), The Maw Naing (Myanmar), Luis García Montero (Spanien), Don Paterson (UK) und Natan Zach (Israel).

Weltklang ist ein Konzert aus Stimmen, in Sprachen und Versen. Die Dichter lesen in ihrer Muttersprache, ohne eingesprochene Übersetzung – eigens für diesen Abend erscheint eine Anthologie mit den deutschen Übersetzungen der Gedichte.

Das 14. poesiefestival berlin findet statt vom 7.-15.6. 2013 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin.
Weitere Informationen unter www.poesiefestival.org

Das poesiefestival berlin ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit der Akademie der Künste und wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

68. Was ist ein Manuskript wert?

Der Verkauf der bemerkenswerten Lyriksammlung des Dichters und Gelehrten Roy Davids in London letzte Woche zeigte uns, wie die Sammler seltene Lyrikmanuskripte einschätzen. Davids Sammlung aus mehr als 40 Jahren enthielt Manuskripte von Keats, Auden, Eliot, Hopkins, Burns, Dickinson und sogar Winston Churchill. Das Auktionshaus sprach von der “besten Lyriksammlung, die je versteigert wurde”.

Ein Entwurf von Keats’ bekanntem Gedicht “I stood tiptoe on a little hill” brachte £181,250 (etwa $280,000), mehr als das Vierfache des Schätzwerts. Ein Auszug:

I stood tip-toe upon a little hill,
The air was cooling, and so very still,
That the sweet buds which with a modest pride
Pull droopingly, in slanting curve aside,
Their scantly leaved, and finely tapering stems,
Had not yet lost those starry diadems
Caught from the early sobbing of the morn.

“Our Modern Watchwords”, ein seltenes Gedicht von Winston Churchill, war die größte Enttäuschung der Auktion, es blieb unverkauft. Churchills am Vorabend einer Seeschlacht verfaßtes Gedicht ist ganz Königin und Vaterland und — auch wenn er gewiß kein Keats ist –überhaupt nicht peinlich. Hier ein Auszug:

The shadow falls along the shore
The search lights twinkle on the sea
The silence of a mighty fleet
Portends the tumult yet to be.
The tables of the evening meal
Are spread amid the great machines
And thus with pride the question runs
Among the sailors and marines
Breathes there the man who fears to die
For England, Home, & Wai-hai-wai.

Ein Manuskript von W.H. Audens Gedicht “Stop All the Clocks”, berühmt durch den Film Four Weddings and a Funeral, brachte £23,750 ($36,500) und ein handschriftlich korrigiertes Typoscript von T.S. Eliots “Journey of the Magi” £44,450 ($68,000). / John Lundberg

65. Flint heart of his Frau

Aus gegebenem Anlaß veröffentlicht die Times Literary Supplement aus ihrem Archiv einige Gedichte von Peter Reading (1946–2011), den “erfindungsreichsten Dichter Nachkriegsenglands”. In den 80er Jahren habe er u.a. einen strengen Kommentar zu “diesem Großen Land” während der Thatcherjahre geliefert.

Hier eins davon (auch mit deutschen Motiven):

Background Music

Beetrooty colonels explain to the Lounge Bar how, in the ‘Last Show’
they had a marvellous time, and how we need a new war

if we are going to get this Great Country back on its feet, sir
(also all beards should be shaved: also the Dole should be stopped).

Life still goes on and It isn’t the end of the world (the child-soothing
platitudes weaken now Cruise proves them potentially false).

Lieder’s no art against these sorry times (anguished Paramour likens
mountainy crags and a crow to the flint heart of his Frau).

(1984)

Beetrooty: Adjektiv von beetroot, Rote Beete. Beispiel:

“She’s coming out,” screamed the smallest boy, with the whitest face, the most beetrooty nose, the thinnest blouse, and the most precocious intellect ever seen or heard of.

Charles Dickens, All the Year Round‎

The Dole: die Wohlfahrt, die Sozialhilfe

46. Some beauty hurts

Gretchen Primack’s Poetry Month Pick, April 11, 2013

Gerard Manley Hopkins (1844-1889)

Moonrise

I awoke in the Midsummer not-to-call night, ‘ in the white and the walk of the morning:
The moon, dwindled and thinned to the fringe ‘ of a finger-nail held to the candle,
Or paring of paradisaïcal fruit, ‘ lovely in waning but lustreless,
Stepped from the stool, drew back from the barrow, ‘ of dark Maenefa the mountain;
A cusp still clasped him, a fluke yet fanged him, ‘ entangled him, not quit utterly.
This was the prized, the desirable sight, ‘ unsought, presented so easily,
Parted me leaf and leaf, divided me, ‘ eyelid and eyelid of slumber.

Note: ‘Moonrise. June 19, 1876.’ H. Note at foot shows intention to rewrite with one stress more in the second half of each line, and the first is thus rewritten ‘in the white of the dusk, in the walk of the morning’. 

Hier deutsch von Hans Arnfrid Astel

Gretchen Primack Comments:
Some beauty hurts. A concerto so gorgeous it makes you wince, for instance; an oil painting that presses your stomach down. “Don’t cry, it’s only music,” starts Liesl Mueller’s poem “Joy.” Trying to name the ache of beauty, she writes,

…It’s about
two seemingly parallel lines
suddenly coming together
inside us, in some place
that is still wilderness.

Gerard Manley Hopkins’ music is the most beautiful I’ve ever heard in poetry. He is the master of sound (though Plath sits at his right hand). And the pleasure is so deep that it leaves me a little creased where, as Mueller would say, those parallel lines suddenly come together.

9. New Work in Poetry

Kate Tempest erhält den Ted Hughes Award for New Work in Poetry für “Brand New Ancients”. Es handelt sich um eine einstündige erzählte Geschichte, live orchestriert. Sie handelt von den Verflechtungen und Verwicklungen zweier Familien vor mythologischem und urbanem Hintergrund. Der Preis wird seit 4 Jahren vergeben und würdigt Qualität und Innovation in der Lyrik – einer der wenigen Preise, die der Vielfalt dichterischer Produktion gelten, nicht nur in Büchern. / Guardian 27.3.