Kategorie: Neuseeland

52. Anarchist im Kanon

Sam Hunt (66) ist Dichter. Er ist sogar so etwas wie Neuseelands inoffizieller Nationaldichter. Kein anderer Poet erreicht mit seinen Gedichten eine derartige Popularität in dem südpazifischen Inselstaat. Das liegt vor allem an diesen Dingen: In Hunts Zeilen schwingt immer die Sehnsucht mit, die ein Neuseeländer im ständigen Angesicht der Natur verspürt. Es ist die Poesie des vagabundierenden Provinzneuseeländers, der ständig “on the road” ist. Auf der Suche nach dem Meer, nach der Einsamkeit, nach der Liebe oder nach sich selbst. Hunts Gedichte, die eher Songs gleichen als üblichen Gedichten, sind eng verwoben mit der neuseeländischen Landschaft und Seele. “A man can only find himself when lost. Such country, this, where all men are lonely: plateau, hawk and rivermist.”

Dass manche Kritiker sein Dichtwerk als “zu pathetisch” oder “kitschig” beschreiben, passt ins Hunt’sche Gefühlsprogramm. Zudem: Hunts schweißtreibende Auftritte sind legendär. Er zelebriert seine Gedichte, vor allem in den kleinen Pubs, die sich überall im Land finden. Wie ein schamanenhafter Bluessänger, der die Seele der Poesie mit seiner whiskyrauen Stimme gekonnt hervorkitzelt. “Tell the story, tell it true – charm it crazy”, ist sein Motto. (…)

Hunt ist ein Troubadour, ein Hippie, und vor allem ein Anarchist, der heute anerkannt ist, der sich aber in den puritanisch-konservativen Zeiten der neuseeländischen 1960er- und Siebzigerjahre an der Gesellschaft und an der akademischen Poesie abrieb, die ihn erst in den vergangenen Jahren in ihren Kanon aufgenommen hat. / Ingo Petz, Der Standard

40. Bei den Maori

Im Gegensatz zur europäischen Tradition sagen die Maori, dass die Geschichte vor ihnen und die – ungewisse – Zukunft noch hinter ihnen liege. Aus ihrer Sicht kann man die Zukunft nur mit Kenntnis der Vergangenheit meistern, gestützt nicht zuletzt auf die Kraft und das Mana der Vorfahren. Die Aufforderung seitens des Staates und seiner Institutionen, endlich die Vergangenheit ruhen zu lassen und sich der Zukunft zuzuwenden, widerspricht grundlegenden Prämissen der Maori-Kultur und ist eigentlich nur aus der Geschichte der Kolonisierung verständlich: Als Maori-Häuptlinge 1840 den Vertrag von Waitangi unterschrieben, unterstellten sie sich dem internationalen Schutz der britischen Krone, was ihnen ermöglichen sollte, ihr Land weiterhin in eigener Regie zu nutzen und zu verwalten. Die englische Seite sah im gleichen Vertrag den Beginn der Kolonisierung, die zu grossem Landhunger einer wachsenden Zahl an Siedlern führte. / Ingrid Heermann, NZZ 6.10.

39. 300 Menschen

Wenn man in hier in Wellington den Buchladen „Unity Books“ betritt, wird man von einem recht eindrucksvollen Angebot neuseeländischer Lyrik begrüßt. Wer liest Gedichte in Neuseeland?
Schaut man sich die Buchverkäufe an, könnte man denken: so um die 300 Menschen. Lyrik hat in Neuseeland, wie in vielen westlichen Ländern, überhaupt keinen Warenwert. Man könnte sie nicht auf der Straße verkaufen. Ganz anders als Bananen, wahrscheinlich. Aber wenn man zu diesen großen Übergangsritualen kommt, Hochzeiten, Beerdigungen, wenn sich sehr primitive, tiefe menschliche Gefühle ihren Weg bahnen, dann kommen die Gedichte zum Vorschein.

(…)

Stiftet das auch Freiheit zu wissen, dass man kaum beachtet wird?
Ja, ich glaube, der Fakt, dass Poeten weitgehend ignoriert werden, gibt ihnen die Freiheit, die Grenzen auszuloten und sich Themen zu widmen, die bisher vernachlässigt wurden. In den USA der frühen 1960er sprach niemand öffentlich über Depression, psychische Erkrankungen, Abtreibung oder Selbstmord. Und dann schrieben Robert Lowell und Sylvia Plath Gedichte über diese Tabuthemen und machten sie für alle sichtbar. Plath hätte damals sicher keinen Artikel über Suizid in der New York Times veröffentlichen können.

/ Die Frankfurter Rundschau sprach mit dem neuseeländischen Dichter Bill Manhire

25. Tokotoko

«The good poem is something we may in time come to recognize New Zealand by.» Mit der programmatischen Forderung, dass gute Lyrik zu einem bestimmenden Merkmal seines Landes werden solle, beschwor der Dichter Allen Curnow in der Einleitung seiner Anthologie «A Book of New Zealand Verse» im Jahr 1945 die Einheit von Lyrik und Nation. Mittlerweile gilt Curnows Buch als wegweisende Publikation, die die Bildung eines neuseeländischen Dichtungskanons massgeblich beeinflusste.

Zumindest aus eurozentrischer Perspektive hat sich des Poeten Hoffnung auf eine synonymische Verschmelzung der Begriffe «Neuseeland» und «Lyrik» allerdings bisher nicht erfüllt. (…)

In Internet-Portalen wie nzepc (New Zealand Electronic Poetry Centre) und Best New Zealand Poems werden aktuelle Gedichte präsentiert. Journale wie «Poetry New Zealand» und «Landfall» publizieren Gegenwartslyrik, Autorinnen und Autoren werden porträtiert und literaturkritische Diskussionen geführt. Die Institution der New Zealand Poetry Society, der alljährlich stattfindende National Poetry Day sowie die Position des New Zealand Poet Laureate, des Nationaldichters, zeugen vom Stellenwert, den man Dichtung in Aotearoa, dem «Land der langen, weissen Wolke», wie Neuseeland auf Maori heisst, zuschreibt.

Bereits die Position des Nationaldichters, die Einheit schaffen will mit der Idee eines das ganze Land repräsentierenden Poeten, macht diese Differenzen deutlich. Einerseits stammt der Tokotoko, ein mit reichen Schnitzereien verzierter zeremonieller Stab, der dem Poet Laureate als Zeichen seiner Würde verliehen wird, aus der Maori-Kultur und symbolisiert somit die Dichtungstradition der polynesischstämmigen Ureinwohner des Landes. Anderseits knüpft das vor weniger als zwei Dekaden ins Leben gerufene Amt an ein europäisches Verständnis von Lyrik an, verweist es doch auf den poetischen Kanon der ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien, wo die angelsächsische Institution des Nationaldichters ihren Ursprung hat. / Lena Steveker, NZZ

23. Experimentierfreudige Lyrik

Die Zeitung (NZZ mit NZ-Beilage) ist noch nicht in Greifswald, aber die Ankündigung:

Neuseeland ist der Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, die am kommenden Dienstag eröffnet wird. Damit tritt eine Literatur ins Rampenlicht, die vom Klassisch-Vertrauten – den Erzählungen der gebürtigen Neuseeländerin Katherine Mansfield – bis in die skurrilen Welten von Keri Hulmes Kurzgeschichten reicht, die mit der mündlichen Dichtungstradition der Maori einsetzt und in eine lebendige, experimentierfreudige Gegenwartslyrik mündet.

97. Lyrikbegeistert

Medellín feierte die „Inauguración“ vor viertausend lauschenden, ja begeisterten Zuhörern. Bei dreißig Grad und beständiger lauwarmer Brise saßen fünfzig Dichter aus beinahe ebenso vielen Ländern ihrem Publikum im Carlos Vieco Stadion gegenüber, und einer nach dem andern trat ans Mikrofon und sang, sprach artikuliert in den Zungen dieser Welt – bisweilen begleitet von Muschelhorn, Djembe, Tröte und Bravo-Rufen aus dem Publikum und jeweils tosendem Applaus. …

In diesem Jahr steht das größte Poesiefestival der Welt, das 2006 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, im Zeichen des Geistes der indigenen Völker. So sind die ersten fünf Dichter des Abends allesamt Repräsentanten nationaler Minderheiten. Eine Inuit schwingt die Trommel und beschwört die Götter ihrer Vorfahren, der lautstarke Maori Apirana Taylor, der bei der vorausgegangenen Pressekonferenz angab, dass er das Festival auch besuche, um Gemeinschaft in der großen Familie der Dichter zu finden, bläst ins Horn und überzieht seine Bühnenzeit gründlich. Vertreter anderer Volksgruppen Kolumbiens und ganz Südamerikas, gewandet in traditionelles Tuch, treten auf. / Nora Gomringer, FAZ

Zu den Teilnehmern gehören: Rachid Boudjedra (Algerien), Saba Kidane (Eritrea), Atala Uriana (Venezuela), Jane King (St. Lucia), Karenne Wood (USA), Hugo Jamioy Juagibioy (Kolumbien), Esdauletov Ulugbek (Kasachstan), Dunya Mikhail (Irak/ USA), Ion Deaconescu (Rumänien), Andreas Neeser (Schweiz), Andriy Bondar (Ukraine), Philip Hammial (Australien). Mehr

53. internationales literaturfestival berlin

Aus dem Programm des internationalen literaturfestivals berlin (Forts.)

Poetry Night IV

12.09.2011 20:30 Uhr

Literaturen der Welt
Fokus Asien-Pazifik

Haus der Berliner Festspiele
Seitenbühne

Autoren Constantin Abăluţă, Tomasz Rózycki, C.K. Stead
Moderation Silke Behl
Sprecher Friedhelm Ptok

Preis 6 Euro / ermäßigt 5 / Schüler 4

In den Gedichten von Constantin Abǎlutǎ (Rumänien), der sich selbst als »Dichter des Banalen« bezeichnet hat, scheint unter der banal-absurden Oberfläche immer auch eine harte, entbehrungsreiche Realität durch, die er kritisch beleuchtet. Seine Gedichte bedienen eine Bandbreite von der Art japanischer Haikus bis zu langen Gedichten epischen Ausmaßes.

Der Lyriker und Übersetzer Tomasz Różycki (Polen) wurde vor allem bekannt durch sein an den großen polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz angelehntes Poem »Zwölf Stationen«, ein Stück Heimat- und Reiseliteratur, in dem man Geschichte und Gegenwart ehemaliger polnischer Randgebiete entdeckt – und auch so manchem Fabelwesen begegnet.

Die Gedichte von C. K. Stead (Neuseeland) der auch als Romanautor, Literaturwissenschaftler und Herausgeber bekannt geworden ist, demonstrieren sprachliche Leichtigkeit, gepaart mit kreativer Disziplin, und thematisieren den persönlichen Erfahrungshorizont des Lyrikers.

Treffen junger Autoren

14.09.2011 21:00 Uhr

Collegium Hungaricum Berlin

Autoren Yevgeniy Breyger, Charlotte Busch, Olga Galicka, Marie Michael, Rick Reuther, Max Wallenhorst
Moderation Rabea Edel

Preis 6 Euro / ermäßigt 5 / Schüler 4

Texte des literarischen Nachwuchses präsentiert das tja, mit dem die Berliner Festspiele seit über 25 Jahren auf der Suche nach jungen literarischen Talenten sind. Das tja steht für Begegnung der Teilnehmer: in Lesungen, in Gesprächen, in Workshops, in denen die jungen Talente an ihren Texten arbeiten. Sie werden in offener, kreativer Atmosphäre professionell betreut und in ihrem Tun bestärkt. Manchmal beginnt hier der Weg in den professionellen Literaturbetrieb.

Czesław Miłosz: Die Welt des polnischen Lyrikers

16.09.2011 22:30 Uhr

Erinnerung, Sprich

Haus der Berliner Festspiele
Seitenbühne

Sprecher Stephan Stroux, Peter Franke, Barbara Nüsse
Musiker Julia Marcell

Preis 6 Euro / ermäßigt 5 / Schüler 4

Die Texte des polnischen Literatur Nobelpreisträgers Czesław Miłosz stehen »immer auf der Seite des Lebens, auch wenn er sich durch Schmerz und Gewalt durchringen muss, immer wieder findet er zu einer großen Kraft im Kämpferischen und zur Leichtigkeit des Seins«.

Die berührende und reiche Lyrik steht vor dem Hintergrund der politischen und sozialen Zusammenhänge, die sein Leben zwischen 1911 und 2004 in Polen und im Exil in Frankreich und den USA geprägt haben. Gleichzeitig mit der Veranstaltung wird ein Audiobook präsentiert, das in zehn Sprachen und Ländern als eine der kulturellen Initiativen zur EU-Präsidentschaft von Polen erscheint.

Aga Zaryan: Konzert mit Kompositionen zu Gedichten von Czesław Miłosz

17.09.2011 20:00 Uhr

Haus der Berliner Festspiele
Große Bühne

Musiker Aga Zaryan

Preis 12 Euro / ermäßigt 10 / Schüler 8

Die international renommierte und vielfach ausgezeichnete Jazzsängerin interpretiert in ihrem Konzert Gedichte des polnischen Literaturnobelpreisträgers Czesław Miłosz, den Joseph Brodsky als den größten Dichter unserer Zeit bezeichnet hat, sowie Gedichte von Anna Świrszczyńska, Denise Levertov und Jane Hirshfield. Ihr Musikprojekt »Księga Olśnień« zeigt vor allem die menschlichen Seiten des Lyrikers, dessen Werke für die Sängerin prägend waren.

39. internationales literaturfestival berlin

Aus dem Programm des internationalen literaturfestivals berlin

Poetry Night I

08.09.2011 20:00 Uhr

Literaturen der Welt
Fokus Asien-Pazifik

Haus der Berliner Festspiele
Oberes Foyer

Autoren Ludwig Fels, Ken Babstock, Wolfgang Kubin, Kate Camp
Moderation Silke Behl
Sprecher Friedhelm Ptok Marie Löcker

Preis 6 Euro / ermäßigt 5 / Schüler 4

Die Prosa und Lyrik des »Arbeiterschriftstellers« Ludwig Fels (Deutschland) ist ohne jede Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ideologie geprägt von Pointiertheit und Sprachgewalt, mit der er seinen Protest gegen jegliche Form von Unterdrückung und seine Überzeugung von der Veränderbarkeit der Welt zum Ausdruck bringt.

Ken Babstock (Kanada) besticht bei aller Naturverbundenheit, die vor allem in seinen frühen Gedichten zum Ausdruck kommt, durch seine Vielseitigkeit in der Wahl von Themen und Formen. Er nimmt die kleinsten sinnlichen Details wahr und gibt den Dingen einen prägnanten, elegischen und geheimnisvollen Ausdruck.

Der Lyriker, Sinologe, Übersetzer und große Vermittler zwischen Deutschland und China Wolfgang Kubin (Deutschland) widmet sich in seinem lyrischen Schaffen der Verflechtung von östlicher und westlicher Perspektive in dem Versuch, das universell Menschliche in sprachlichen Formen fassbar zu machen und eine Heimat in den Wörtern zu finden.

Mit ihrem ersten Sammelband »Unfamiliar Legends of the Stars« gewann die Lyrikerin und Essayistin Kate Camp (Neuseeland) den Jessie Mackay Award bei den Montana New Zealand Book Awards 1999. Ihre Gedichte zeichnen sich durch einen hohen technischen Anspruch und eine düstere, feinsinnige Bildsprache aus.

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19. Ian Wedde ist Neuseelands Poet Laureate

Der Dichter und Wissenschaftler Ian Wedde wird dritter Poet Laureate von Neuseeland für die Jahre 2011-2013. Wedde lehrt an der Universität Auckland und gehört zu den Gründern des NZ Electronic Poetry Centre.

Er veröffentlichte 14 Gedichtbände, darunter den Bestseller The Commonplace Odes (AUP, 2002).

Der New Zealand Poet Laureate Award wurde 2007 begründet als Nachfolger des Te Mata Poet Laureate Award. Es soll Autoren würdigen, die Herausragendes zur neuseeländischen Lyrik beigetragen haben. Der Poet Laureate erhält ein Jahresgehalt von $50,000 und einen speziellen Tokotoko (Maori-Spazierstock), der Amt und Status symbolisiert. Seine Manuskripte und Publikationen werden im  National Digital Heritage Archive der Nationalbibliothek und in der Alexander Turnbull Library gesammelt. / voxy.co.nz