Kategorie: Niger

85. Tuaregisierung now

Den Tuareg hat Gert Müller ein Buch gewidmet, das erstmals 1997 erschien und heute als Standardwerk und Saharaklassiker gilt. / ORF

Wie Sand im Licht des Mondes. Dichtung der Tuareg [Gebundene Ausgabe]
Gert Müller
127 Seiten
Haymon Verlag 1997 (3. Aufl. 2003)

Aus dem Vorwort: “Bei den Nachdichtungen stand das Bemühen im Vordergrund, wörtlich übersetzte Vorlagen in eine Form zu bringen, die dem europäischen Empfinden  zugänglich ist und doch die Identität der Aussage und Liedhaftigkeit  der Tuaregpoesie bewahrt.”

Probe:

Einmal tat ich so, als liebte ich dich nicht,
bis man mir sagte, du seiest nicht mehr.
Kennst du den Hügel,
der mein Grab sein wird?
Dort häufe ich Steine auf mein Herz.
Der Wind trägt mir deinen Atem zu
und nimmt meine Sehnsucht mit
zu dir …

(S. 54)

(Wenigstens ein paar Proben wörtlicher Übersetzung hätte man sich gewünscht – gibt es doch längst eine andere Theorie und Praxis des Übersetzens, nach der es, wie schon Benjamin zitiert, nicht darauf ankomme, das Chinesische zu verdeutschen, sondern das Deutsche zu verchinesischen. Und gibt es die Praxis nicht schon längst? Haben nicht die Vorfahren der Deutschen ihre Sprache latinisiert, um Religion und Wissenschaft auszudrücken? So haben die Minnesänger sie arabisiert, woran auch ein deutscher Kaiser auf Sizilien mitwirkte, so hat Opitz die deutsche Dichtung nederlandisiert, andere sie verfranzösischt oder der alte Goethe verpersischt, Hölderlin gräzisiert, Brecht, Eich & andere sinisiert und japanisiert und so jeweils neue Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen, ohne die unsere Dichtung immer noch wie das Hildebrandslied klänge. Tuaregisierung now!)

11. Woher kommst du?

“Hier gibt es keine Artillerie/ Kein waffenstarrendes Fahrzeug, keine Kampfflugzeuge/ Nur ein paar Leichen.” Abubakar Gimbas Gedicht “Eine Friedenszone” prallte in die Ohren der Zuhörer und hielt sie im Bann des makabren Zustands unserer Nation. Sein Gedicht trug eine Nachricht in sich angesichts der vielen gewalttätigen Situationen in Nigeria, das sich nicht im Krieg befindet.

Gimba war Gastautor auf der Monatssitzung des Abuja Writers’ Forum am 26.7. Ein fruchtbarer und angesehener Autor aus Niger – der sanfte Poet zog ein großes Publikum an, besonders Schriftsteller und Journalisten. …
Eins der Gedichte, die er außerhalb Nigerias während seines Studiums in Ohio geschrieben hatte, beschäftigte sich mit dem Rassismus. Es basiert auf einer Erfahrung, die er auf einer Reise nach Cincinati, Ohio machen mußte. Das Gedicht “Woher kommst du”, das die humorvolle Art zeigt, in der Gimba über ernste Angelegenheiten schreibt, war ein Favorit des Publikums.
Es beschreibt die spezielle Behandlung, die Nigerianer auf den Flughäfen der meisten westlichen Staaten erfahren. So geht der Dialog: “Woher kommen Sie? / Aus Australien / Passieren. Herzlich willkommen. Der Nächste…”
Die gleiche Behandlung für Malaysier, Südafrikaner, Bulgaren. Dann ist Nigeria dran. Ein entwürdigendes Theater des Absurden folgt. “Woher sind Sie? / Aus Nigeria / Warum sind Sie hier? / Geschäftsreise? / Reisen Sie allein? / … / Sind Sie schwanger? … / Ziehen Sie sich aus. Alles… / Verstehen Sie kein schlichtes Englisch?” / Victor Ehikhamenor, Next 1.8.