Da wir beim Wesentlichen sind (#14), hier eine Fundsache aus einem Kommentar bei Facebook:
Zum einen wünschte ich, die Kritiker fänden sich in diesem Prozess des „Mitgestaltens“ nicht so toll, denn das ist mittlerweile arg hohl. Zum Zweiten zeigen die Tauben ja wie es geht: Patterns erkennen und bestehenden Bewertungen folgen. So läuft auch der Markt. Tauben sind da besser als Menschen, deswegen finden Brieftauben heim. (Oliver Tepel)
– Bezogen auf einen Artikel aus The Smart Set: Bird Brain – August 26, 2009
Quelle: thesmartset.com. An online magazine of culture and ideas:
„The pigeons recognized the good paintings as “good” twice as often as they recognized the “bad” paintings. In short, they came off as pretty good critics. There are those (names withheld) writing for major publications who might do markedly less well.“
Das angolanische Kulturministerium will vier Bücher des Dichters António Agostinho Neto wiederveröffentlichen. Neto war der erste Präsident des unabhängigen Angola. Es handelt sich um “Renúncia Impossível” und “Sobre a Libertação Nacional”, Redensammlungen des Autors, sowie “Náusea” und “Ainda o meu sonho”, Sammlungen seiner Schriften zur Nationalkultur. [Aha, auch deren Kulturbegriff konzentriert sich auf die Essenz, die im Sekundären liegt?]. Vier Bücher, sagt die Mitteilung der angolanischen Presseagentur. Außerdem, heißt es weiter, erscheine eine Neuauflage seines Gedichts „Sagrada Esperança“ (Heilige Hoffnung). Das wär das fünfte, das aber nicht zählt?
Am 15. und 16.9. wird ein internationales Kolloquium über den Autor stattfinden.
„Hochseil“
Die Lange Peter Rühmkorf Nacht
von Charlotte Drews-Bernstein
Peter Rühmkorf (1929-2008) hat sein Gedicht „Hochseil“ am 1. Oktober 1975 in einem NDR-Studio zum ersten Mal vorgelesen. Es schließt mit den Zeilen:
„Ich schwebe graziös in Lebensgefahr grad zwischen Freund Hein und Freund Heine.“ Das vom Absturz gefährdete Herumturnen auf einem „Hochseil“ kann man durchaus als Lebensbild nehmen.
Nach dem Tod des Dichters im Juni 2008 hat die Autorin Charlotte Drews-Bernstein seine frühen Sandkistengespielen, ehemaligen Mitschüler, seine Kusine und Ehefrau und viele andere Weggefährten – vom Heizungsbauer „Müffi“ Lercher bis zum Nobelpreisträger Günter Grass – um ihre Erinnerungen an den Dichter, Essayisten, Porträtisten und „Zeitmitschreiber“ gebeten. Die insgesamt zwanzig Interviews, ergänzt durch eine Vielzahl von Originaltonmitschnitten aus Rühmkorfs Vorträgen, Lesungen und nicht zuletzt den legendären Jazz & Lyrik-Auftritten mit Michael Naura und Wolfgang Schlüter, summieren sich in den drei Kapiteln „Kleine Reimfibel“, „Das lyrische ICH und Jazz & Lyrik“, „Abwege und Umwege“ zu einer vielstimmigen und überraschend kurzweiligen Einführung in Rühmkorfs Leben und Werk.
Sendetermine:
5./ 6. September 2009
Deutschlandradio Kultur sendet immer am Samstag von 00:05 bis 3:00 Uhr
der Deutschlandfunk von Samstag auf Sonntag von 23:05 bis 2:00 Uhr
Gleichzeitig erscheint im Hoffmann und Campe Verlag als Produktion der Arno Schmidt Stiftung das Hörbuch „Zwischen Freund Hein und Freund Heine“ Es handelt sich um eine Einführung in Leben und Werk des Dichters Peter Rühmkorf. Das Hörbuch (3 CDs) ist noch 45 Minuten länger als die Radiosendung.
Mehr: Wiener Zeitung 3.9.
vom 3.9. bis 6.9.09
Kalte Buche/Rhön
ca. 10km von Ostheim/ Rhön zwischen Weisbach und Ginolfs. Anfahrt zum Berghaus Jungviehweide unterhalb der Kalten Buche.
Die Lesung wird veranstaltet vom Verlag Peter Engstler
Lesungen am 4.9.09 ab 19 Uhr & am 5.9.09 ab 13 Uhr
Film & Musik am 5.9.09
Änderungen möglich
Literatur:
Tone Avenstroup
Udo Breger
Jörg Burkhard
Stefan Döring
Sigrid Fahrer
Dirk Fröhlich
Egon Günther
Florian Günther
Michael Halfbrodt
Andreas Hansen
Caroline Hartge
Helmut Höge
Johannes Jansen
Michael Kellner
Theo Köppen
Cornelia Köster
Peter Ludewig
William Cody Maher
Bert Papenfuß
Eckhard Rhode
Sabina Rösch
Peer Schröder
Ulf Stolterfoht
Fatzo Seuberling
Johannes Ullmaier
Film:
Gunter Deller
Pola Reuth
Musik:
TOTES KAPITAL sequenz 7
Wie liest sich ein Gedicht von Paul Celan auf Serbisch? Oder auch: Wir würden einen Text der letzten Fachhochschul-Poetikdozentin Ulrike Draesner auf Arabisch nicht wiedererkennen. Es gäbe außerdem die Möglichkeit, die bulgarische Übersetzung aufzuschlagen, Draesner in chinesischer Zeichenschrift entschlüsseln zu wollen. Und: Die diesjährige Literaturpreisträgerin Nummer eins in Deutschland, Ursula Krechel, ist ins Japanische übersetzt.
Schon allein dafür wäre eine Festwoche in Berlin angesagt. Die angekündigte Veranstaltungsreihe bezieht sich freilich auf noch viel mehr: Seit zehn Jahren ist „lyrikline.org“ im Internet etabliert und hat sich inzwischen zur in 120 Ländern millionenfach angeklickten Website für Gedichte entwickelt. Das Projekt der rührigen Berliner Literaturwerkstatt wird in seinem Jubiläumsjahr von über 40 internationalen Partnern unterstützt: Lyrik ist – gut sortiert – überall und jederzeit auf der ganzen Welt am Bildschirm abrufbar. …
Der Lohn für Nutzer: Peter Rühmkorf – niederländisch auf einen Klick; umgekehrt Hugo Claus auf Deutsch und – erst all diejenigen, die man bisher überhaupt nicht kannte! Wer beispielsweise sind Vito Apüshana, Lebogang Mashile, Gaga Nakhutsrishvili – was und in welcher Sprache schreiben sie ihre Gedichte? Aufschluss im Internet. / Viola Bolduan, Wiesbadener Tagblatt 1.9.
Von Gerrit Wustmann, Neue Rheinische Zeitung
Axel Kutsch gilt als bedeutender Herausgeber von Lyrik in Deutschland. In dieser Woche erscheint mit „Versnetze_zwei“ der Nachfolgeband seines Übersichtswerks über die deutsche Gegenwartslyrik, in dem Poeten aller Generationen eine enorme Vielfalt präsentieren. Im Gespräch mit der NRhZ gewährt Kutsch Einblick in seine Arbeit, spricht über die deutsche Verlagslandschaft und erklärt, warum die höchste sprachliche Kunstform mehr Leser verdient hätte:
Kann man in diesen zwei Jahren ausmachen, ob es neue Tendenzen, Entwicklungen in der deutschsprachigen Lyrik gibt?
Im Laufe dieser zwei Jahre nicht so sehr. Es ist nach wie vor so, dass die junge Generation nach vorne drängt, was schon seit einigen Jahren in stärkerem Maße als in früheren Jahrzehnten der Fall ist. Man erkennt den Willen, Schreibweisen zu forcieren. Eine grundsätzlich neue Richtung wird man wohl nicht mehr kreieren können, aber die Jungen, die die Traditionen kennen, versuchen, eigene Noten und eigene Diktionen zu entwickeln, die die Lyrik in kleinen Schritten vorantreiben. …
Wie schon 2007 ist auch in „Versnetze_zwei“ eine gewisse Zentrierung erkennbar. Die junge Lyrikszene spielt sich vorwiegend in Berlin, Leipzig, Köln ab, viele drängen in die Hauptstadt. Manche widersetzen sich dem Trend. Die 27jährige Kölner Autorin Marie T. Martin sagte kürzlich, sie wolle nicht nach Berlin. „Das macht doch jeder.“
Eine Zentrierung auf nur eine einzige Stadt wäre nicht so gut. Leipzig, Berlin, Köln und Umgebung, auch München sind Schwerpunktstädte. Man darf dabei aber nicht übersehen, dass sich in ganz Deutschland, auch in der Provinz, viele Talente finden. Augsburg oder Hannover sind keine Städte, die man mit Literatur in Verbindung bringt. Brecht ist aus Augsburg abgehauen. Das sind Städte, aus denen manche junge Autoren schnell fliehen. Aber auch dort sitzen sowohl jüngere als auch ältere Poeten, die sehr gute Lyrik schreiben und durchaus Kontakt halten zu Autoren in den Schwerpunktstädten. Die Gefahr einer zu starken Zentrierung sehe ich nicht. Die Szene ist sehr vielfältig.
A close reading of Louise Bogan’s early poem, „A Tale.“
By Caitlin Kimball
Poetry Media Service
„That woman will be able to do anything,“ declared Robert Frost after reading Louise Bogan’s „A Tale,“ the opening poem in her first book, Body of This Death. At the time of the book’s publication in 1923, Bogan was just 26 but had already experienced marriage, motherhood, estrangement, and widowhood, as well as launched a career as an incisive critic and technically masterful lyric poet. Frost’s assessment was high praise, but as a casual prediction it seems impossible to fulfill. When Bogan’s definitive collected works, The Blue Estuaries, appeared in 1968, just two years before her death, the volume contained 105 poems—hardly a negligible output, but evidence that her periods of creative frustration far outnumbered those of productivity. She could „do“ anything—and did a great deal—but she did most of it with that first volume and even, arguably, with that first poem.
Bogan’s loyalty to conventional meters, rhyme schemes, and imagery may give a superficial impression of starchy high-mindedness set to music. In her first volume, you won’t find a lot of imagistic razzle-dazzle or ornamentation. The poems are relentlessly austere, scattered with shards, echoes, withdrawing tides, and mowed-down fields. She mistrusted the lily-gilding and lush sighs of the Romantic and Victorian verse that had nourished her as an adolescent, and she was equally suspicious of what she saw as the high-strung and erotic expressions of fellow „lady poets“ she otherwise admired. She kept a tight lid on the emotional occasions of her poetry. Her poetic personae are often found in aftermaths, playing out the brittle affections left after the sensuous assaults of passion. A poem, Bogan wrote in a 1923 issue of The New Republic, „must . . . be the mask, not the incredible face“ and „can never be more than a veil dropped before a void.“ In her view, this isn’t just a statement of poetic taste but a psychological necessity: the poem can’t embody rage or love—that’s already been done by the poet. „The poem is always a last resort,“ she insists. By the time of its composition, the intellect must be involved. She didn’t want her art to aggrandize sensation, but to subdue and transform it. Her language of restraint belies a passionate ambition for „surpassing the self through the self,“ as she once described it.
Her „tale“ is actually a short lyric framed as a fable-in-progress, rather than a recounting. As such, it feels both immediate and remote. We know the male protagonist not through his thoughts but through his actions: he is a symbolic figure rather than a habitable persona. His journey is rendered in short, small words that propel the mostly iambic rhythm. But Bogan’s careful linguistic counterpoints and echoes balance and enrich this terse quality. Rhymes of sound are also rhymes of meaning: „break“ and „make“ are opposites; „together“ (unity, consistency) plays against „weather“ (change); „lock“ and „clock“ are containers; „waits“ and „gates“ both suggest measure and control. Such delicate, careful word choices particularize the protagonist’s situation: he is not all youth, yet Bogan reveals little of his story’s origins or effects. His quest is described almost casually:
He goes to see what suns can make
From soil more indurate and strange.
He is not fleeing, but he is also not heading off on a carefree adventure. „He goes to see“ suggests both decisive action and passive curiosity. But this is not spring break. It is a breaking-off:
He cuts what holds his days together
And shuts him in, as lock on lock:
The arrowed vane announcing weather,
The tripping racket of a clock;
Seeking, I think, a light that waits
Still as a lamp upon a shelf,—
A land with hills like rocky gates
Where no sea leaps upon itself.
The first three stanzas propose a disturbing paradox: Mutability is monotonous. Change—of an hour or an era—has a cumulative effect of stasis (or, as the saying goes, the more things change, the more they stay the same). In this „land of change“ tides, weather, and the days themselves are oppressive, and made even more so by measurements. Bogan’s balking youth wants out of this place where he is doomed to witness and mark patterns in chaos. He cannot hold change back, so he puts his hope in total escape. The otherwise omniscient narrator’s arresting „I think“ feels like a distancing technique, a way to hold the youth’s distress at arm’s length and remind us that this is, actually, a „tale.“ But the self-consciousness of the brief gesture betrays Bogan’s investment in this crisis. Is this carefully compressed story one of her „last resorts“?
The narrator reaches the youth’s stark conclusion for him: this paradox really has no resolution. Striving toward enlightenment lands you in a kind of hell:
But he will find that nothing dares
To be enduring, save where, south
Of hidden deserts, torn fire glares
On beauty with a rusted mouth,—
Where something dreadful and another
Look quietly upon each other.
The final passage is a travesty of the hardscape outside of time that the youth first envisioned: the sun-baked ground now splits open and threatens to swallow the soul that dares to venture so far. Bogan’s inferno is actively sinister, with a face (glaring fire, rusted mouth) to mock our own. What „beauty“ is being scorned? It may be the very idea of beauty, or is it the youth’s energy and desire to throw off consciousness, the root of desire itself? The concluding couplet, with its lilting polysyllabic words and feminine rhymes (another/other), is both pat and riddling. The words gesture toward the resolution often found in the final lines of a sonnet, but what (or who) are these dreadful „somethings“? The two spooky figures could evoke a standoff—eternity as a confrontation—or they could suggest conspirators, looming over the young man in silent judgment of his attempt to shirk his fate. The youth (and the reader) will be denied any consoling insight or even a concrete vision. Bogan has placed her carefully staged drama so close to the void, perhaps as close as she could get.
„I broke my life, to seek relief / From the flawed light of love and grief,“ declares Bogan’s persona in „The Alchemist,“ another poem from her first volume. It is a more direct, intimate expression of the desire to surpass the self that she first approached in „A Tale.“ Those „flawed light[s],“ the emotions and surface tensions that govern our worldly, subjective experience, are fragments of an ultimate, unknowable tension. If she could indeed break her life, surpass the self and be absorbed into the force that outlasts it, would the force be benign or malignant? Or both? Or . . . nothing?
If Bogan really did see a poem as a last resort, her task would place her, again and again, at this limit. The compulsion to make language both convey experience and transcend it, not knowing what waited on the other side, could provoke a poet or stop her in her tracks. Perhaps this first poem enacts Bogan’s struggle to create all the poems that followed it.
Caitlin Kimball is a poet living in St. Paul, Minnesota. This article first appeared on http://www.poetryfoundation.org. Learn more about Louise Bogan, and her poetry, at http://www.poetryfoundation.org.
© 2009 by Caitlin Kimball. All rights reserved.
G&GN-Institut New Cologne Berlin / Exakt 10 Jahre nach seiner Entstehung ist nun das gesamte „Mini-Debut“-Album der Band „Das Rilke Radikal“ (mit Frontmann Tom de Toys) auf dem Musikportal „myspace“ hörbar, darunter auch das politische Gedicht „INFLATION“ von 1993, das bis heute nur auszughaft aus dem Kultbuch „VON ACID NACH ADLON UND ZURÜCK“ kennt, wer die DR2-CD von 1999 nicht besitzt. Diese erschien nur in einer limitierten Auflage in der Edition POEMiE, während die Tonspur des damaligen legendären Düsseldorfer Konzerts in voller Besetzung bis heute beim Tontechniker vergammelt, weil dieser plötzlich eine unglaubliche „Lösesumme“ verlangte… Nun hat sich die Band neu formiert und ein fulminantes Auftaktkonzert im Berliner Reuterkiez gegeben, dessen Tonspur diesmal glücklicherweise im Besitz der Bandmitglieder ist und daher bald öffentlich zugänglich. Pünktlich zum Weltfriedenstag wurde nun schon einmal als Preview ein Teil der „free-style“-Konzertgedichte auf der Bandseite veröffentlicht, um ein Beispiel für den poetologischen Ansatz des Sängers/Sprechers De Toys zu liefern: „Free Word Jam“ nennt er seine Methode der totalen spontan-telepathischen Improvisation während des laufenden Auftritts zur ebenfalls improvisierten Musik. Diese Methode entwickelte er bereits vor einigen Jahren für seine Beiträge auf Poetry Slams, von denen er sich dann gänzlich zurückzog, als diese immer mehr von Comedyliteratur dominiert wurden. Hier der englische Originalwortlaut, der das „allmählich verfertigte“ Sprachstück auf der Homepage einleitet sowie Auszüge aus dem Gedicht selbst:
In the „NO BIG BANG“ concert of „Das Rilke Radikal“ at Nikodemuskirche (Berlin-Reuterkiez, 27.6.2009) the spokenword performer De Toys celebrated his method of so-called „free word jam“ completely (the entire 56 minutes) by pretending reading prepared poems from a paper in his hand but indeed inventing all lyrics exactly in the moment of talking loudly. Especially the very last song after his piano solo included a row of thoughts that might be worth to be published as a „real“ poem now afterwards at the „world peace day“ (1.9.09). By that we wonna say once more THANK YOU VERY MUCH to our lovely audience [hey, little girl, did you ask your teacher how he knows what he knows?! thanx for listening and laughing!!!] that you (80 people, wow!) came to our late show although there were so many events parallel offered on the festival! As soon as we solved the technical difficulties we will upload the best parts of the concert to our myspace-page. Til then: please enjoy our old songs (taken from the album „free flesh“) that you can hear finally since today!
L&POE-EXTRACTS FROM:
Tom de Toys, 27.6.2009, 22:41h-22:56h improvised lyrics
GEDICHT „VON HINTEN“
(15 MINUTEN KOPF LEER FÜR DEN WELTFRIEDEN)
das letzte gedicht wird von hinten geschrieben
das letzte gedicht behandelt sich selbst
(…)
es hat einen sogenannten WORKSHOP gemacht
bevor es diesen workshop gemacht hat
hat es einen anderen workshop besucht
in dem es gelernt hat was das wort workshop bedeutet
dieser workshop wurde vom jobcenter gefördert
(…)
ICH PERSÖNLICH habe noch nie ein gedicht gesehen das in form is
Es Gibt Überhaupt Kein Gedicht In Form
sobald ein gedicht geschrieben is
ist es veraltet – und
vom veralterungsprozess kommt ja genau das desaster
(mit dem „aus-der-form-gehen“)
so wie mit dem universum, das geht halt aus der form
hat ja auch keiner ’n kosmischen leim erfunden
wär ja mal was für’n nobelpreis:
KOSMISCHER LEIM
(…)
aber zurück zu diesem wunderbaren kleinen gedicht
was es so in sich hat
hier schreibt es zum beispiel an der 16.zeile:
„ICH. BIN. NOCH. DA.
auch wenn du grade eben nicht die zeilen hier drüber gelesen hast“
dieses gedicht weiß wie man gedichte liest
mal ehrlich:
hat einer von ihnen schonmal ein gedicht von oben bis unten komplett gelesen?
jeden einzelnen buchstaben?
das geht überhaupt nicht
es gibt keine einzelnen buchstaben
das is ne lüge
(…)
es gibt keinen einzigen buchstaben
sie haben dich betrogen
sie haben dein gehirn verseucht
dein kleines 1-prozent-genutztes hirn genügt
um alle buchstaben hineinzupacken
(…)
von wem hat irgendwer die sprache
von wem hat irgendwer die buchstaben
DAS A DAS O DAS I DAS E !!!
DAS X DAS U DAS Z DAS VAU !!!
in meinem gehirn ist noch was anderes
ich kann es nicht sehen
(…)
irgendwo in meinem gehirn
ist eine lücke
eine lücke zwischen den buchstaben
(…)
das universum das ist noch krumm
das universum das bleibt auch krumm
(…)
ORIGINALQUELLE: www.myspace.com/DasRilkeRadikal – DURCHWAHL VOLLSTÄNDIG „VON HINTEN“:
http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=483273196&blogId=508241960
Etwa 150 Dichter aus allen Teilen der Welt beteiligten sich an den diesjährigen Struga-Poesieabenden in Makedonien. Darunter sind Tomaž Šalamun (Slowenien), Ousman Sar-Sarus (Senegal), Vesna Atschevska (Makedonien) und Maram-al-Masri (Syrien). Diesjähriges Thema ist „Musik und Poesie“. Zur Eröffnung wurde ein Gedicht des makedonischen Modernisten Konstantin Miladinow zu Klavierbegleitung vorgetragen. Der junge Dichter Sar-Sarusch erhielt den Struga-Brücken-Preis der Unesco für das weltbeste Poesiedebüt (wie das ausgewählt wird, wird in dem Artikel aber nicht erwähnt). Mark Shobolev erhielt den Preis für makedonische Diasporalyrik. / Southeast Europe Times 31.8.
Es kam einer Erweckung gleich, als Jonathan Meese nach einer Stunde Durs Grünbeinschen Gedichtvortrages am Sonnabendnachmittag den Gründerzeitsaal des Naumburghauses enterte. Denn sofort war klar, dass mit dem Auftauchen dieses jungdeutschen „Erz“-Künstlers eine neue Veranstaltung in der von Vers zu Vers immer mehr ins Gediegene abschnurrenden Nachmittagsteelesung beginnen würde. Mit einem aus Verlegenheit etwas zu lautstarken „Hey!“ auf den Lippen, fiel der 39-jährige Meese mit der Tür in den Saal – und damit unter die Nietzscheaner, die in Naumburg einen Kongress abfeierten unter dem Titel „Nietzsche-Macht-Größe“.
Das beherzte „Hey!“ galt Durs Grünbein, der den Gruß – man sah es – mit dankbarster Herzlichkeit aufsog. Der Nietzsche-Preisträger des Jahres 2004 hatte den Nietzscheanern Gedichte aus zehn Jahren vorzutragen – gern im Bezug auf Philosophen wie Descartes oder Wittgenstein. Grünbein gab den Vorsänger zum Hauptereignis des Nachmittages: einer Podiumsdiskussion zum Thema „Philosophie, die jüngere Schwester der Poesie“. …
Meese spricht nicht, er feuert Silben wie Salven. Ein paar Sätze zu Nietzsche habe er sich am Morgen notiert. Die ruft er in den Saal – im Stakkato. Was Nietzsche, laut Meese, nicht ist: Kein heiliger Gral! Keine Religion! Kein Pathos! Keine Humanität! Keine Individualität! Keine Staatskultur! Keine Demokratie! Stattdessen: der „totale Metabolismus“, der selbstverständliche Stoffwechsel also zwischen Mensch und Mitwelt. Was Nietzsche, laut Meese, ist: der heillose Gral! Das totale Spiel! Der totale Kampf! Das totale Baby! Die totale Lebensnotwendigkeit! Denn: „Nietzsche ist total lieb. Nietzsche ist totale Kunst!“ / Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung 1.9.
Meese in L&Poe:
2008 Apr #78. Sammlung Jürgen Serke
2008 Dez #18. ANTIMEESE
2008 Dez #92. Dichtet zurück
Die Konservativen sind glaubensstarke Kulturkr(ieger)itiker. Alles im Verfall: Regietheater, Windräder, drohende Soziherrschaft im Thüringer und Saarland (und morgen, o Graus, gleich in D-Land). Und: Brüste und Ärsche in den Städten. In der Welt erklärt Jacques Schuster, „Warum die öffentliche Fleischbeschau nervt“:
Hochsommer in deutschen Städten. Das heißt: Grillfleisch in allen Parks, aber ohne Kohlen. Selbst auf breiten Mittelstreifen liegen die Nackten herum und brutzeln in der Sonne. Muss das sein? Offensichtlich schon. Die Deutschen haben die Diktatur der Fleischbeschau errichtet, und jeder hat sich ihr zu unterwerfen.
Selbstredend wird die Kritik an Brüsten und Ärschen mit ebensolchen garniert. 116 Kommentare seit gestern abend, wieviel 1000 Klicks? Die nerven gleich doppelt: wenn sie reden und wenn sie tun. – Ich mag Oskar Lafontaine nicht besonders, aber: als Kohl 1998 im Wahlkampf vor 5000 Pommern sprach, gabs Würstchen und Blasmusik, bei Lafontaine warn viel weniger Leute da und es gab keine Würstel, aber die Musik war auszuhalten. Und wenn Lafontaine jetzt diese miefige Gesellschaft ein bißchen aufstört, werd ich ihn nicht gleich wählen, aber ihm danken!
(original Die Welt, nur die Links hab ich entfernt)
Viele Lyrikleser – Schreiber sowieso – sind Wortsammler. Ein schönes liegt heute im Briefkasten. Nämlich seit Jahren bekomme ich täglich ein Wort von dem Onlinewörterbuch yourdictionary.com, heute dies:
Widdershins (withershins) (adverb)
Pronunciation: [‚wid-êr-shinz]
Definition: Moving in a direction opposite the usual; moving counterclockwise or in the contrary direction (of the sun, especially).
Usage: Today’s word is basically an adverb but may be used as an adjective without the final [s]. As a predicate adjective, however, the [s] is usually left on. D. H. Lawrence wrote in ‚Plumed Serpent‘ (1926) „She made up her mind, to be alone, and to cut herself off from all the mechanical widdershin contacts. He, too, was widdershins, unwinding the sensations of disintegration and anti-life.“
Suggested Usage: Today’s word is another wonderword from the land of kilts and bagpipes that we should all fight to keep alive: „Gerard does everything widdershins; he will either turn out a grandiose success or an abrupt failure.“ Niches for this word abound in everyday conversations: „Remember, the prophets agree that you get nowhere walking widdershins up the escalator.“
Etymology: Middle Low German weddersinnes based on wider „back,“ whence German wider „against“ and wieder „again.“ The English adverb wither „wrong, perverse“ is rarely used any more. The „shins“ is from earlier „sinnes“ and is related to Latin sentire „sense, feel“ since both go back to an original root *sent- „go in or choose a direction.“ We borrowed „sense“ from the noun of this verb. The same root also turns up in English send „to cause someone to go in a direction.“
–Dr. Language, YourDictionary.com
Es steht in Rudyard Kiplings Gedicht „Cruisers“ (kostenloses eBuch von 800 Seiten bei poemhunter.com):
As maidens awaiting the bride to come forth
Make play with light jestings and wit of no worth,
So, widdershins circling the bride-bed of death,
Each fleereth her neighbour and signeth and saith: —
„What see ye? Their signals, or levin afar?
„What hear ye? God’s thunder, or guns of our war?
„What mark ye? Their smoke, or the cloud-rack outblown?
„What chase ye? Their lights, or the Daystar low down?“
… und häufig bei Aleister Crowley. Anweisung an einen Magier, Encantations Liber V:
23. Perform the spiral dance, moving deosil and whirling
widdershins.
Each time on passing the West extend the wand to the
Quarter in question, and bow:
a. „Before me the powers of LA!“ (AL, to West.)
b. „Behind me the powers of AL!“ (LA, to East.)
c. „On my right hand the powers of LA!“ (AL, to North.)
d. „On my left hand the powers of AL!“ (LA, to South.)
e. „Above me the powers of ShT!“ (tS, leaping in the air.)
f. „Beneath me the powers of ShT!“ (tS, striking the ground.)
g. „Within me the Powers!“ (in the attitude of Phthah erect, the
feet together, the hands clasped upon the vertical wand.)
h. „About me flames my Father’s face, the Star of Force and
Fire.“
i. „And in the Column stands His six-rayed Splendour!“
(This dance may be omitted, and the whole utterance chanted in
the attitude of Phthah.)
In dem – wohl fälschlich Crowley zugeschriebenen – Hexerwörterbuch steht:
Widdershins: Counterclockwise motion used in some magickal workings or ceremonies.
(deosil ist die andere Richtung, also im Uhrzeigersinn)
– Schön auch der Zusammenhang von Sinn und senden. Die Bienen sind aus (imbi ist hucze)? „Ic dir nach sihe – Ic dir nach sendi“. Sendung geht nur, wenn man die Richtung kennt. „Sinn“ ja dann wohl auch. Im Widdershin ist der Widersinn drin. Lesen Sie bei Ledebur weiter, winning his way / seine Richtung finden.)
Die zitierten Althochdeutschen Texte: Lorscher Bienensegen – Weingartner Reisesegen.
Neueste Kommentare