Werner Dürrson
(* 12. September 1932 in Schwenningen am Neckar; † 17. April 2008, gestern vor 15 Jahren, in Neufra)
Pariser Spitzen 57 Ein flauer Wind weht in der Rue de Rivoli / da ritt einst (nein nicht Heine der an Deutschland litt) auf hohem Roß der Hauptmann Jünger // der hinterließ (nein kein Gedicht und wers nicht glaubt fällt selbst hinein) echt deutschen Pferdedünger
Aus: Werner Dürrson, Pariser Spitzen. Mit Figurinen von Jean Demélier. Waldburg: demand 2000, S. 59
Angelika Janz
Außen Niemand hat einen. Jemand hat keinen. Einer hat jeden. Jeder hat einen. Einer hat dich befunden so über- wunden bin ich draußen niemand
Rolf Dieter Brinkmann
(* 16. April 1940 in Vechta; † 23. April 1975 in London)
Na, irgendwie Leute verstehen nicht ein Begräbnis, Leute sind krude. Nimm ein paar Leute zusammen und stell sie fröstelnd um ein Feuer aus altem Pack Papier. Leute schlagen ihre Hände zusammen, Leute denken an was anderes als an Feuer : vielleicht denken sie an Bitte, die Haustür nach 22 Uhr verschließen, vielleicht an etwas Abgehacktes, sie denken an... Na, dann packen sie den alten Kram zusammen, der maln Körper war, falten ihn im Hausflur zusammen, in der Ecke, einer hält'n schwarzes Tuch davor, falls mal jemand in dem Mo ment ins Haus reinkommt, bei den Fahrrädern, und dann ab.
Aus: Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1 & 2. Gedichte. Mit Fotos und Anmerkungen des Autors. Erweiterte Neuausgabe. Reinbek: Rowhlt, 2005, S. 118
Gyula Illyés (* 2. November 1902 in Felső-Rácegrespuszta, Österreich-Ungarn; † 15. April 1983, heute vor 50 Jahren, in Budapest)
Frühes Dunkel
Vor den ruhelosen Wolken des Herbsthimmels tänzelt der Mond. Bevor er sich davonmacht, bevor er weggerissen wird, möchte er sich noch einmal im kühlen Wasser des Wiesenbrunnens spiegeln! Er ist ausdauernd, er hält stand wie die Frauen, aber es will ihm nicht mehr lange gelingen. Metallisch schlagen die Maisblätter aneinander. Nach einem irren Lauf hockt sich der letzte Hase auf die Hinterläufe, lauscht, und mit der nahenden Katastrophe erstarrt er zur Statue.
Deutsch von Bernd Jentzsch. Aus: Gyula Illyés, Mein Fisch und mein Netz. Berlin: Volk und Welt 1973 (Weiße Lyrikreihe), S. 67
Gabriele Stötzer
(* 14. April 1953 in Emleben)
fährfrau ich bin nicht mehr auf dem untergehenden boot ich bin nicht mehr auf dem untergehenden boot ich bin nicht mehr auf dem untergehenden boot ich brauch euch nicht mehr über den kopf zu streichen und zu sagen morgen gibt es besseres wetter ich brauch euch nicht mehr an den arm zu fassen bitte verliert nicht die fassung ich brauche euch nicht mehr an den haaren zu ziehen kopf hoch ich bin nicht mehr auf dem untergehenden boot ich bin nicht mehr auf dem untergehenden boot ich bin nicht mehr auf dem untergehenden boot ich nehme die flügel unter die arme beschau mir eure miseren meilenweit gegen den wind hab die beschimpfungen abgesetzt und frag mich nur noch wie ich da unten landen konnte macht was ihr wollt um euretwillen und beschimpft nicht die welt ob eurer anwesenheit frau sei dank fast wär mir das herz geplatzt hätt ich diese knoten nicht gelöst frei heit frei herz frei seele frei sicht frei mauer frei sager ich (1987)
Aus: Gabriele Stötzer, Ich bin die Frau von gestern. Mit Illustrationen von Gabriele Stötzer und einem Nachwort von Joachim Walther. Frankfurt/Main: Edition Büchergilde, 2005 (Die verschwiegene Bibliothek), S. 149.
Karl-Heinz Schreiber
dass all das bin habe ich denn eine chance wie kann ich denn beweisen dass ich ein guter kunde bin dass ich ein guter spieler bin dass ich ein guter säufer bin dass ich ein guter lover bin dass ich ein guter deutscher bin dass ich ein guter mensch bin dass ich alles verstehe alles alles dass ich alles verstehe alles alles ich verstehe wie kann ich denn beweisen dass ich verstehe alles alles dass ich alles verstehe dass ich alles habe dass ich alles bin dass ich keinen dass ich keinen dass ich keinen therapeuten brauche wie kann ich denn beweisen wie kann ich denn beweisen wie kann ich denn beweisen dass ich allein dass ich dass ich dass ich & das all dass ich das all dass ich das alles dass ich das all das all das all dass bin das all dass bin dass bin dass bin
Aus: Kaltland Beat. Neue deutsche Szene. Hrsg. Boris Kerenski & Sergiu Stefanescu mit einem Vorwort von Peter O. Chotjewitz. Ithaca Verlag 1999, S. 372
Jitka N. Srbová
Beobachtungsgabe Am besten können es Kinder: der Zug ist blau, die Frau ist dick, die Luft surrt wie aufgehäufter Schotter – Menschen auf Decken und Menschen auf Sitzen scannen sich gegenseitig. Am beschrankten Übergang hat der Fahrer einen zwischen die Kiefer geklemmten Kummer, die Fenster der Gleisstreckenhäuser glotzen sich an, aber wer schaut und wer sieht tatsächlich? Bildergefüllte Augen stapeln wir routiniert in geleerte Dosen exotischer Speisen.
Aus dem Tschechischen von Lena Dorn, aus: Jitka N. Srbová, Rate wie es ausgeht. hochroth Leipzig 2021, S. 35
Pozorovací schopnosti Nejlíp to jde dětem: vlak je modrý, paní tlustá, vzduch bzučí navezeným štěrkem — Lidé na dekách a lidé na sedadlech se vzájemně skenují. Řidič na přejezdu má v čelisti zaseknutý smutek, drážní domy si civí do oken, ale kdo se dívá a kdo doopravdy vidí? Oči nadívané obrazy rutinně štosujeme v plechovkách od exotických jídel.
Der Originaltext erschien in dem Band Svět, 2019
Karl Wilhelm Ramler
(* 25. Februar 1725 in Kolberg; † 11. April 1798, heute vor 225 Jahren, in Berlin)
An die Könige Soll wieder eine ganze Welt vergehen? Bricht wieder eure Sündflut ein? Und sollen wieder alle Tempel und Trophäen Berühmte Trümmer sein? Und alle Künste spät aus Asch und Moder Und Totengrüften auferstehn, Und aus der Nacht des regellosen Zufalls? oder Auf ewig untergehn: Wenn nun die weise Vorwelt ausgestorben, Das unerzogne Kindeskind Ein Räuber ist, die nicht zu Räubern angeworben, Armselge Pflüger sind? – O ihr, verderblicher als der entbrannte Vesuv, als unterirdische Gewitter! ihr, des magern Hungers Bundsverwandte, Der Pest Verschworene! Die ihr den schnellen Tod in alle Meere Auf Donnergaleonen bringt Und von Lisboa bis zum kalten Oby Heere Zum Wechselmorde dingt! Und ach! mit Deutschlands Bürgern Deutschlands Bürger Zerfleischet, einen bessern Held, Der Brennen weisen König zu betrügen, Würger Der Welt und Afterwelt! Wenn eurer Mordsucht einst ein Friede wehret, Der jedem das geraubte Land Und seine bangen Festen wiedergibt, verheeret, Entvölkert, abgebrannt: Ihr Könige, wie wird es euch nicht reuen (Wo nicht die fromme Reue fleucht, Durch Wollust, falsche Weisheit, laute Schmeicheleien Des Höflings weggescheucht), Wenn eurer Mordsucht einst ein Friede wehret, Der jedem das geraubte Land Und seine bangen Festen wiedergibt, verheeret, Entvölkert, abgebrannt: Ihr Könige, wie wird es euch nicht reuen (Wo nicht die fromme Reue fleucht, Durch Wollust, falsche Weisheit, laute Schmeicheleien Des Höflings weggescheucht), Daß euer Stahl unmenschlich Millionen Urenkelsöhne niederstieß; Daß keiner, satt des Unglücks, seine Legionen Das Blutfeld räumen hieß.
Aus: Mein Gedicht ist die Welt. Deutsche Gedichte aus zwei Jahrhunderten I: 1780-1912. Hrsg. Hans Bender. Frankfurt/Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, o.J.
Historisches Wissen über Ramler im Lyrikwiki
Richard Wagner
(* 10. April 1952 in Lowrin, Rumänien; † 14. März 2023 in Berlin)
Die Poeten Fest verwachsen mit Sitzgelegenheiten, Schreibmöglichkeiten, Liegestätten, Wohnraum und Bewegungsfreiheit verharren sie in diesen gut funktionierenden Städten. Die Stille saugt sie langsam auf.
Aus: Das Land am Nebentisch. Texte und Zeichen aus Siebenbürgen, dem Banat und den Orten versuchter Ankunft. Hrsg. Ernest Wichner. Leipzig: Reclam, 1993, S. 26. Zuerst erschienen in: Hotel California I, Bukarest: Criterion Verlag, 1980.
Johannes Bobrowski
(* 9. April 1917 in Tilsit; † 2. September 1965 in Ost-Berlin)
Der Muschelbläser Der schöne Luftgeist bläst auf dem Muschelhorn, dem rötlichen, gespitzten, er teilt den Schall mit seiner Hand, der hier- und dorthin fliegt, soviel anders als Ufervögel. Mein Freund, der Luftgeist, liebt in den Weiden dort zu schlafen, und ich lernte schon dies und dies bei ihm, nun lern ich nicht, wie er so leicht nur zu ruhn, an den Rand gelehnt nur der Dunkelheit und immer im Lichte noch, und kindich runden Augs zu erwachen bald. Wie soll ich meinem Freunde gleichen: nur mit der Lieb, ohne Schlaf, im Regen?
Aus: Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke in 6 Bänden. 1. Band. Die Gedichte. Berlin: Union, 1987, S. 100
Das Gedicht entstand am 8.6.1958, Erstdruck in: Eckart, Witten/Berlin 1959, H. 3
Heute vor 50 Jahren starb der spanische Künstler Pablo Picasso, der auch ein Dichter war – wenn auch erst spät. Er war schon 45, als er seinen ersten Text schrieb. Viele weitere sollten folgen. Hier jedenfalls der erste, den ich gefunden habe. Er schrieb in seinen beiden Sprachen, spanisch und französisch. Darum geht es auch in diesem Text.
Pablo Picasso
(* 25. Oktober 1881 in Málaga, Spanien; † 8. April 1973 in Mougins, Frankreich)
28. Oktober 1935
wenn ich in einer Sprache denke und schreibe »der Hund rennt dem Hasen hinterher in den Wald« und das in eine andere Sprache übersetzen will muss ich sagen »der weiße Holztisch drückt seine Pfoten in den Sand und stirbt fast vor Angst dass er so [dumm] sein könnte«
Si je pense dans une langue et que j’écris « le chien court derrière le lièvre dans le bois » et veux le traduire dans une autre, je dois dire « la table en bois blanc enfonce ses pattes dans le sable et meurt presque de peur de se savoir si sotte »
Deutsch von Holger Fock, aus: Pablo Picasso, Gedichte. Ausgewählt und mit einem Vorwort von Androula Michaël. Aus dem Französischen von Holger Fock. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2005, S. 21
William Wordsworth
(* 7. April 1770 in Cockermouth, Großbritannien; † 23. April 1850 in Rydal Mount, Großbritannien)
Als der Mensch Wordsworth 1850 stirbt, ist der Dichter Wordsworth, den viele für den größten englischen Lyriker seit Shakespeare und Milton halten, längst tot; doch die Nation verehrt in ihm den milden, edlen Dichterfürsten, der sich dem viktorianischen Lebensstil angepaßt hat und vom bürgerlichen 19. Jahrhundert als vorbildlich empfunden werden kann.
Siegfried Schmitz
Verse, geschrieben im Vorfrühling Umschwirrt von tausendstimmigem Lied, Lag ich im Grase hingestreckt, Mit sanfter Freude im Gemüt, Die leicht in uns die Trauer weckt. Ihr stolzes Werk verknüpft Natur Der Menschenseele, die hier wacht; Drum schmerzt es mich, zu denken nur, Wozu der Mensch den Menschen macht. Durch Primelbüsche jener Laube Schlingt seinen Kranz das Immergrün, Und jede Blume – ist mein Glaube – Freut sich der Luft in ihrem Blühn. Ich hört der Vögel frohes Singen, Ihr Denken war mir nicht bewußt. Der kleinste doch von ihren Sprüngen Erschien mir jauchzend helle Lust. Der Baum schwillt knospend in den Zweigen Und trinkt die Luft, die ihn umspielt, Und nie will meine Ahnung schweigen, Daß alles dies die Freude fühlt. Kann den Gedanken ich nicht hindern, Der diesen Glauben mir gebracht, Wie soll die Klage sich vermindern, Wozu der Mensch den Menschen macht?
Deutsch von Marie Gothein, aus: Lyrik der englischen Romantik. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Siegfried Schmitz. (Winkler, Die Fundgrube 31) München: Winkler, 1967, S. 23f
Lines Written in Early Spring I heard a thousand blended notes, While in a grove I sate reclined, In that sweet mood when pleasant thoughts Bring sad thoughts to the mind. To her fair works did Nature link The human soul that through me ran; And much it grieved my heart to think What man has made of man. Through primrose tufts, in that green bower, The periwinkle trailed its wreaths; And ’tis my faith that every flower Enjoys the air it breathes. The birds around me hopped and played, Their thoughts I cannot measure:— But the least motion which they made It seemed a thrill of pleasure. The budding twigs spread out their fan, To catch the breezy air; And I must think, do all I can, That there was pleasure there. If this belief from heaven be sent, If such be Nature’s holy plan, Have I not reason to lament What man has made of man?
Henry Parland
(* 29. Juli 1908 in Wyborg, Großfürstentum Finnland; † 10. November 1930 in Kaunas, Litauen), finnlandschwedischer Dichter
Herrgott, laß uns lieber in Geld dichten wie Ivar Kreuger oder Basil Sacharoff; die pfeifen auf den Nobelpreis. Reißen ein Blatt aus der Geschichte und quittieren: einmal Europa mit Dank erhalten.
Deutsch von Wolfgang Butt, aus: Auf der Karte Europas ein Fleck. Gedichte der osteuropäischen Avantgarde. Hrsg. Manfred Peter Hein. Zürich: Ammann, 1991, S. 90f
Herre Gud, låt oss hellre dikta i pengar som Ivar Kreuger eller Basil Saharoff; de kan ge fan i Nobelpriset. River ut ett blad ur historien och skriver ut kvitto: erhållit Europa vilket härmed erkännes.
Elsa Asenijeff (* 3. Januar 1867 in Wien; † 5. April 1941 in Bräunsdorf, Sachsen)
Nächtliche Erwartung Licht fällt in die dunkle Nacht Durch die offene Tür – Ach, wie schluchzt mein Sehnen Mit Macht Und wimmert nach Dir ...! O kämst Du aus dem Nichts herfür, In das die Bäume mit den Nebeln sanken. Meine Brüste hab ich mir weggesehnt nach Dir – Die tränenvollen Augen kranken ––– O komm geschwind durch die leere Tür, Und huschle Dein Sehnen in mich hinein! Dann flammt die Nacht vor Entzücken auf, Schmerz ist vergessen – verweht ––– Wenn das berauschte Zittern Durch die beglückten Glieder geht –
Aus:
VERSENSPORN
Heft für lyrische Reize
Nr. 19: Elsa Asenijeff
Jena: Poesie schmeckt gut, 2015
Inge Müller
(* 13. März 1925 in Berlin; † 1. Juni 1966 ebenda)
TRÜMMER 45
Da fand ich mich
Und band mich in ein Tuch:
Ein Knochen für Mama
Ein Knochen für Papa
Einen ins Buch.
Aus: Inge Müller: Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn. Lyrik, Prosa, Tagebücher. Mit Beiträgen zu ihrem Werk. Hrsg. Ines Geipel. Berlin: Aufbau, 1996, S. 34
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