104. Gegenstrophe. Blätter für Lyrik

Eine neue Zeitschrift ist anzuzeigen, ein Jahrbuch eher, etwas blässlich Gegenstrophe. Blätter für Lyrik getauft, herausgegeben von Michael Braun, Kathrin Dittmer und Martin Rector, und zwar im Zusammenhang mit dem im September 2008 erstmals in Hannover vergebenen Hölty-Preis. Die Herausgeber sind bemüht, über die Dokumentation des Preises hinaus ein Forum für Lyrik zu etablieren. Zwar mangelt es, angesichts der verschiedensten Zeitschriften, nicht an Möglichkeiten zur Publikation von Gedichten, doch erscheint das einflussreiche, von Christoph Buchwald 1979 begründete Jahrbuch der Lyrik seit 2009 nicht mehr, und vielleicht kann die Gegenstrophe ja diese Lücke ausfüllen.

Die neue Publikation scheint dafür gerüstet. Die erste Ausgabe ist jedenfalls kenntnisreich und übersichtlich gegliedert: Unter der Rubrik „Premiere“ werden Gedichte bislang wenig bekannter Autoren vorgestellt. Die „Porträts“ widmen sich Dichtern, die 2008 beim Lyrikfest in Hannover gelesen haben: Dorothea Grünzweig, Norbert Hummelt, Norbert Lange und Uljana Wolf. In der Rubrik „Essay“ analysiert Michael Braun unter dem schönen Titel Ein Lied aus reinem Nichts den „Sprachstoff“ der Jungen Lyrik. „Gute Dichtung“, heißt es dort etwas apodiktisch, beginne „mit dem Totalverlust aller Gewissheit.“ Sie müsse „vertraute Sprach-Strukturen aus den Angeln heben, sie dynamisieren und semantischen Zerreißproben aussetzen.“ / Michael Buselmeier, Freitag 22.1.

Gegenstrophe. Blätter für Lyrik: Nr. 1, 2009 (Literaturbüro Hannover, Sophienstr. 2, 30159 Hannover), 12,80 €.

 

8 Comments on “104. Gegenstrophe. Blätter für Lyrik

  1. Pingback: 42. Statistik « Lyrikzeitung & Poetry News

  2. Was meine fehlbare (soviel scheint mir immerhin gewiß, aber das wird sich auch noch dekonstruieren lassen) Imagination gebiert: ein fürchterliches Zusammenhocken der guten Dichter in Alzheim, wie sie sich, mit bösen Blumen spielend, zeugend, wasserfreie Starkgetränke in die Kehle schütten und aus randlosen Augen zuschaun beim Sichvollenden des Loriotschen Kreises, der sich (final betrachtet) als absolutes, vorerst ungewisses Loch entpuppt im erweiterten, semantisch gedehnten Nichts. (For the fuckin holy sake of transparency: who sponsored this message?)

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    • Falls das eine Frage ist, lieber Stan: no sponsor, none, never. Ich hab die Nachricht verlinkt, weil mir schien, es lohnt die Kenntnisnahme. Hier ist doch keine Verlautbarungsstelle.

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      • Die Frage bezog sich, lieber Michael, unter probeweisem (Selbst)Gewißheitsentzug, auf den geistigen Sponsor meiner eigenen Nachricht. (Ich habe den nicht ganz einfachen Test im Übrigen wahrscheinlich bestanden, mir fehlt nun jede Gewißheit und selbst dessen bin ich mir nicht sicher, heißt: werde nun mit gutem Dichten beginnen.)

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  3. Als Totalverlust aller Gewißheit möchte ich, in seiner poetologischen Klarheit unübertroffen, noch folgenden Vers zitieren:
    „Trübtauber Hain am Musenginst
    Krawehl, krawehl!“

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  4. „Gute Dichtung beginnt mit dem Totalverlust aller Gewißheit.“ Welch ein tendenziöser Humbug: „Nicht einmal daß ich nichts weiß, weiß ich und selbst das weiß ich nicht, was ich wiederum total vergessen habe, um endlich anfangen zu können, „gut“ zu dichten.“ So in etwa? Dazu hätte ich gern ein paar ernsthaft bekennende Dichterstimmen. Vorsicht: die nächste oder übernächste Modewelle (die ja in Wirklichkeit, unter totalem Raum- und Zeitverlust, parallel verläuft) wird genau solchen Stimmen Ignoranz, Positionslosigkeit, Realitätsflucht als Anwurf mitbringen. Aber vielleicht beginnt einfach nur die ein oder andere Rezeption mit einem hochgradigen Verlust an Weitblick. (Natürlich läßt sich auch schön suhlen im semantisch auf die Reißprobe gestellten Nichts, ich wäre hier aber strikt für einen Totalverlust an Ausschließlichkeitsansprüchen. Geht das überhaupt im Nichts? Sind wir da schon angelangt?)

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    • Die nächste Modewelle, lieber Stan, wird Lyrik von Alzheimer-Patienten sein. Das wäre m.E. die logische Folge. Lass uns einfach weiterschreiben. So lange, bis wir Alzheimer bekommen. Oder auch nicht.

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