29. Lyrik ist freier

Nirgendwo in China ist die Sehnsucht nach einer unverwechselbaren Sprache ausgeprägter als in der Gegenwartslyrik. In der chinesischen Öffentlichkeit freilich spielt sie allenfalls eine marginale Rolle. Womöglich ist es aber gerade die geringe Publikumsresonanz, die die Leidenschaft, mit der die poetische Spracharbeit betrieben wird, steigert. Immerhin bleibt man so unterhalb der Reizschwelle der Zensur und muss nicht auf Leser- und Verlagserwartungen schielen. In ihrer von niedrigen Buchauflagen und Veröffentlichungen in avantgardistischen Zeitschriften geprägten Nischenexistenz kann die Gegenwartslyrik nahezu beliebig experimentieren und auch Tabuthemen wie Sexualität oder die Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit angehen. Kurz: Im chinesischen Kulturbetrieb geniesst die Lyrik momentan den grössten Freiraum. …

Mustergültig veranschaulicht dies das «vielleicht berühmteste Gedicht der Volksrepublik China» (Wolfgang Kubin), nämlich Bei Daos «Die Antwort». Auf die verzweifelte Frage: «Die Eiszeit ist längst vorbei, / Warum herrscht noch überall das Eis?» antwortet ein selbstgewisses Ich: «Ich sage dir, Welt, / ich – glaube – nicht!» …

Um die Poesie vor jeglicher Instrumentalisierung zu bewahren, versucht die sogenannte «dritte Generation» (in Abgrenzung von der Aufbaugeneration und den hermetischen Lyrikern) sich ästhetisch und thematisch grundlegend neu zu erfinden. Paradigmatisch gelingt dies Haizi (1964–1989) mit seiner gleichsam persönlichen Mythologie. / Li Shuangzhi und Michael Ostheimer, NZZ 6.2.

Wolfgang Kubin und Tang Xiaodu (Hg.): Alles versteht sich auf Verrat. Gedichte von Haizi, Xi Chuan, Yu Jian, Ouyang Jianghe, Wang Jiaxin, Wang Xiaoni, Zhai Yongming und Chen Dongdong. Aus dem Chinesischen übertragen von Gao Hong und Wolfgang Kubin. Weidle-Verlag, Bonn 2009. 194 S., Fr. 36.50.

One Comment on “29. Lyrik ist freier

  1. Wer hierzulande auf fette Veröffentlichungsmöglichkeiten pfeift kann das genausogut wie in China, Schreiben. Mit einem Mal verfliegt der Muff zwischen den Buchdeckeln und erweist sich, wieviel Leben und Neugier abseits kapitalistischer Zensur existieren.

    Schönes Wochenende,

    Wan Tan

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