26. Elektropoetologie

Kein Dichter wirbt augenblicklich entschiedener für eine Wiedervereinigung von Naturwissenschaft und Poesie als Raoul Schrott. Erst seit Galilei und Newton, so meint er, habe das nüchtern prosaische Denken binärer Logik, widerspruchsloser Kausalität und beengender Systeme die gemeinsame Basis der „zwei Kulturen“ verschüttet. In Wirklichkeit beziehen beide aber aus dem Geist des Impliziten, Paradoxen, Bildlichen, Imaginären ihre entscheidenden Impulse. Beide Deutungssysteme beruhen letztlich auf Verfahren der Analogie. Nicht erst die Quantentheorie verdeutlicht die Produktivität von Widersprüchen, Licht etwa zugleich als Welle und Teilchen zu betrachten. Was die Natur wirklich ist – so zitiert Schrott gern Niels Bohr –, kann die Wissenschaft nicht herausfinden, sondern nur, „was wir über sie sagen können“.

Ohne Schrott zu erwähnen, verfolgt der Zürcher Literaturwissenschaftler Michael Gamper in einem ungeheuer gescheiten Buch die gleiche Denkfigur aus historischer Perspektive. / Alexander Košenina, FAZ 4.2.

Michael Gamper: „Elektropoetologie. Fiktionen der Elektrizität 1740–1870“. Wallstein Verlag, Göttingen 2009. 332 S., geb., 29,90 €.

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