Der Gedichtbaum

Ich bin der Gedichtbaum. Ich lache über das Vergängliche wie über die Ewigkeit. Ich bin lebendig.“ Abdellatif L. aus Marokko beschwört in dem Prosapoem Der Gedichtbaum für uns ganz ungewohnt gewordenes dichterisches Selbstbewußtsein. Es findet sich auch bei Tauf. S., einem in Palästina geborenen Protestanten, dessen Gedicht „Die Abrechnung Christus eine irdische Gegenrechnung aufmacht und nicht mit bitterem Spott spart: „… dass dich einer verriet? / Herzlichen Glückwunsch: einer von zwölfen bloß!“

Stefan Weidner (Hrsg.): Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung. Aus dem Arabischen von Stefan Weidner. Verlag C. H. Beck, München 2000, 350 Seiten, 48 DM. / FR 15.2.01

Kanten der Konsonanten

Ernst Jandl in der Akademie / Von Gernot Wolfram:

 

Bei Ernst Jandl kann man als Deutsch Sprechender eine einfache und zugleich schwierige Lektion lernen: Es gibt zwei Uferseiten im Flussbett unserer Sprache, eine vokalische und eine konsonantische. Und in Zeiten politischer Brutalität wie in Zeiten persönlicher Erstarrung ist es das harte, schneidende konsonantische Ufer, zu dem der Mensch übersetzt. / Die Welt 14.2.01

 

„Zeit“ und Lyrik

Obwohl zum Thema „Zeit“ und Lyrik vorerst alles gesagt ist, gibt es eine gute Pointe. In der Ausgabe 8 schreibt Benedikt Erenz 10,5 Zeilen über die Anthologie „Warenmuster, blühend“: „eine prima globale Anthologie, hervorgegangen aus der Schweizer WochenZeitung, mit neuesten Gedichten aus der ganzen Welt. Ein poetisches Pendant zu Davos: dort die, die das Sagen haben, hier die, die was zu sagen haben.“ (S. 54)

Hübsch gesagt: aber erklärt das, warum in der „Zeit“ für die, die was zu sagen haben sogut wie kein Raum mehr ist?

Who will write whose epitaph?

„Sir, you are tough, and I am tough. / But who will write whose epitaph?“

Joseph Brodskys prekärer Nachruhm:

Fünf Jahre sind seit Joseph Brodskys Tod am 28. Januar 1996 vergangen, und noch immer scheint der Ruhm des einstigen poeta laureatus der USA und Nobelpreisträgers für Literatur ungebrochen zu sein. Weltweit ist Brodsky, dessen Texte an den Leser höchste Ansprüche stellen, durch Übersetzungen in Dutzenden von Sprachen präsent, sein Werk liegt – russisch – in diversen mehrbändigen Editionen und zahllosen Einzelausgaben vor; seit kurzem gibt es auch Brodskys „Collected Poems in English“ (Farrar, Straus &Giroux, New York 2000), es gibt üppige Bildbände und einen 700 Seiten starken Reader, der erstmals seine Gesprächstexte zusammenführt. In Planung sind eine vollständige akademische Werkedition, eine russisch-englische Parallelausgabe sämtlicher publizierten Schriften, die Sammlung und separate Veröffentlichung von Brodskys weit verstreuten Gelegenheitsgedichten sowie die Herausgabe originaler Tondokumente (Lesungen, Vorträge, Gespräche) auf CD. / Felix Philipp Ingold NZZ 14. Februar 2001

 

Opium für Ovid und das „Es“ im Regnen

Yoko Tawada, Japanerin in Hamburg, Dichterin zwischen dunklen Mythen und heller Präzision, liest in Wien. Der „Presse“ erklärte sie, warum das Wörtchen traurig nichts erklärt. — Was könnte dahinter stecken, wenn einer auf seinen Bleistift schimpft? Was hat es mit dem „Es“ auf sich, das uns etwa in Formulierungen wie „es regnet“ begegnet? Wieso tragen manche Frauen Ohrringe? „Fiktive Ethnologie“ nennt das Yoko Tawada. Auch eine poetische Methode: der „Versuch, etwas „absichtlich falsch zu verstehen und dann bis zu seinem Ende zu denken“. Das Ergebnis solcher Mißverständnisse? Ist jedenfalls der Wahrheit oft näher, als wir es uns träumen ließen. / BETTINA STEINER, Die Presse (Wien) 13.2.01

Rhone Saga

Pierre Imhasly baut weiter am Kosmos der „Rhone Saga“. Kern und Basis des assoziativen Gefüges aus gemischten Sprachzellen, aus Bildern und Halbbildern, bleibt der Leib Bodreritos: „nacktestes Lichtgewand“, „schwebendes Brot“, „Tang meines Herzens“, „mon Marais des Songes“, „Sonnenfrau mit einer Seele“, „fast aus lauter Leib“. / Neue Zürcher 13.2. 01

Die lyrische Grenzgängerschaft

des G. PetriPetris Gedichte lassen sich kaum identifikatorisch vereinnahmen, da gibt es keine Strophen, die man auswendig lernen könnte, um sie als stabilisierenden Besitz zu verinnerlichen. Wenn Brecht nicht ohne Stolz von sich sagte: „In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen“, so gilt dieses Versprechen für Petri noch radikaler. Halt kann er wahrhaftig nicht geben, erst recht kein Fundament, doch seine Art, sich sprachlich einen Weg zu bahnen, kann ermutigen, es mit der Haltlosigkeit offen aufzunehmen. Das beginnt mit dem entscheidenden Schritt, sich Haltlosigkeit überhaupt erst einmal einzugestehen und sie zu benennen. In dieser Disziplin ist Petri allerdings ein an Kompetenz kaum zu übertreffender Freund und Helfer. Der Erotik und dem Alkohol mit der gleichen Heftigkeit verfallen wie den magischen Kräften gefundener Worte, hat er in seiner Dichtung wie auch biographisch ein Leben gewagt, das dem Absturz geweiht war, einem Absturz allerdings, der uns wie eine nach innen gewendete Weltraummission Bilder des Irdischen liefert, die wir ohne ihn nicht hätten. / Wilhelm Droste NZZ 12. Februar 2001

György Petri (* 1943 in Budapest; † 17. Juni 2000)

Blumenpark in memoriam García Lorca

Der spanische Dichter Federico Garcia Lorca erhält 65 Jahre nach seiner Ermordung durch die Faschisten eine neue Gedenkstätte in seiner Heimat Andalusien. Die Regionalregierung in Granada kaufte nach Presseberichten vom Wochenende ein 10.000 Quadratmeter großes Grundstück im Viznar-Tal, wo das Massengrab vermutet wird, in dem Lorca und bis zu 3000 weitere Bürgerkriegsopfer verscharrt wurden. Im Gedenken an die Toten soll in dem Gebiet nun ein Park mit Blumen und Sitzbänken entstehen. Damit wurde verhindert, daß dort eine Wohnsiedlung gebaut wird, berichtete „El Pais“. Der Lyriker („Zigeuner-Romanzen“) und Dramatiker („Bernarda Albas Haus“, „Bluthochzeit“) wurde am 18. August 1936 buchstäblich hingerichtet. Die Mühle La Colonia, in der er als Gefangener die letzte Nacht verbrachte, befand sich ebenfalls auf dem nun geschützten Grundstück. Gegen Lorca gingen die Falangisten mit besonderer Brutalität vor. Als er mit zerschmettertem Schädel tot in dem Massengrab lag, bespuckten und beschimpften sie ihn als „schwulen Roten“. © Die Presse | Wien 12.02.01

Russian poet, English essayist and American citizen

Joseph Brodsky, who died in 1996 at the terribly early age of 55, now enjoys at least three posthumous lives. First, and by far most important, is the Russian poet who was frequently called the best poet of his generation, the heir to Akhmatova, Mandelstam, and Tsvetaeva. This body of work is inaccessible to most American readers, this writer included, but Brodsky himself saw it as the heart of his achievement. In 1987, after he received the Nobel Prize, an interviewer asked him if he had won as an American poet of Russian origin or a Russian poet living in America, and he firmly replied: „A Russian poet, an English essayist, and, of course, an American citizen.“ Collected Poems in English, by Joseph Brodsky, edited by Ann Kjellberg, Farrar, Straus & Giroux, 540 pp / ADAM KIRSCH, The New Republic Online 10.02.00

Zu spät

Günther Schiwy meint in seiner voluminösen Eichendorff -Biografie, dieses „zu spät“ sei „das beherrschende Lebensgefühl“ des Dichters gewesen und liefert für diese Ansicht eine Fülle überzeugender Belege. Das Bild, das man sich in Deutschland von dem 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor (Oberschlesien) geborenen Joseph von Eichendorff gemacht hat, gründet sich nicht auf seinem Gesamtwerk, sondern auf einer Auswahl: Etwa zwei Dutzend Gedichte, den „Taugenichts“ und noch zwei weiteren Erzählungen und die Romane „Ahnung und Gegenwart“ (1815) und „Dichter und ihre Gesellen“ (1834). / Die Welt 10.2.01

Stein aus der Neuen Welt

Dieser Band enthält ältere, bislang unübersetzte und neueste Gedichte Ryszard Krynickis. Mit einer kontrapunktischen Zusammenstellung nimmt „Stein aus der Neuen Welt“ eine ganz besondere Akzentuierung vor: Sie lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf die existentialphilosophische Fragestellung im Werk von Ryszard Krynicki, die für seine Lyrik mindestens ebenso sehr von Bedeutung ist wie das politisch-gesellschaftliche Engagement. / Süddeutsche Zeitung 10.2.01

Ryszard Krynicki: „Stein aus der Neuen Welt.“ Gedichte. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky
Rospo Verlag, Hamburg 2000, ISBN 3930325330, Gebunden, 76 Seiten, 37.00 DM

Semiotischer Patriot

Eine neue Auswahl des italienischen Dichters Giuseppe Ungaretti, „dessen Werk wohl nach Nazi-Maßstäben als entartet gegolten hätte und der doch von Mussolini so geschätzt wurde, dass dieser ihn zum Pressesprecher im italienischen Außenministerium machte. Wehle findet für Ungaretti den schönen Begriff „semiotischer Patriotismus“, der den Dichter ins Zwielicht und um den Nobelpreis gebracht habe. Dennoch habe die Sprache seiner Verse allen Prüfungen standgehalten und sei später sogar von Paul Celan, Ingeborg Bachmann und Hilde Domin ins Deutsche übertragen worden“ (Perlentaucher) / FAZ 10.2.01

P. Kirchheim Verlag, München, 2000, Broschiert, 159 Seiten, 29.90 DM . übersetzt von Michael von Killisch-Horn unter Mitarbeit von Angelica Baader

Perl Poetry

Perl, C+ oder PASCAL als Text: Statt von Internet-Literatur zu schwafeln, sollte man regelästhetische Kriterien für eine literarische Qualität des Computercodes definieren. Überhaupt scheint die Programmiersprache PERL die größten literarischen Eigenschaften aufzuweisen: Als eine der flexibelsten Computersprachen verzeiht sie ihren produktiven Missbrauch in hohem Maß. Immer beliebter wird daher das Schreiben so genannter Perl Poetry. Als Pionierin dieser Kunst gilt die Amerikanerin Sharon Hopkins, die seit 1992 Perl-Gedichte verfasst: Inzwischen veranstaltet das „Perl Journal“ regelmäßige Poesie-Wettbewerbe. Die Teilnehmer können dabei sowohl traditionelle Gedichte in die Computersprache „übersetzen“ als auch Programme schreiben, die Gedichte erzeugen, sowie Haikus oder Limericks über PERL schreiben. Die interessanteste, weil gewissermaßen autonomste Variante dieser Computer-Poesie ist allerdings das Erstellen von Perl-Gedichten, die sowohl textlich poetische Qualitäten aufweisen wie auch als Programme funktionieren. Texte dieser Art könnte man nach der formalistischen Definition von Roman Jakobson ohne weiteres eine poetische Funktion zusprechen: Der Code selbst wird zum Thema des Textes, dessen Bestandteile nach ästhetischen Gesichtspunkten kombiniert werden. / Süddeutsche Zeitung 9.2. 01

Slowakischer poet maudit

Weil es so selten geworden ist, muß man es hervorheben: Im Literaturteil der „Zeit“ wird ein Gedichtband des slowakischen Lyrikers Ján Ondruš ausführlich besprochen. Ein beachtenswerter Autor, der endlich auch auf Deutsch zu lesen ist (bisher nur norwegisch und bulgarisch). Über ihn erfahren wir in Hans-Peter Kunischs Besprechung, daß er mehrmals für den Nobelpreis vorgeschlagen war und daß sein Leben und Schreiben Vergleiche mit Robert Walser nahelegen. „Der das Stolpern und den Wahnsinn mittels Sprache zur mal schweren, tiefen, aggressiven, mal heiter-leichten Tanzfigur gemacht hat.“ Und der sich – als einer der wenigen zu Recht, so der Autor – in die Tradition der poets maudits eingereiht hat. / Die Zeit Nr. 7 vom 8.2., S. 45 (Literaturteil).

Die Besprechung findet sich leider nicht in der Online-Zeit – und wird – leider hoch zwei – sogar im Inhaltsverzeichnis unter der Rubrik „Politisches Buch“ versteckt. Ist aber ein Dichter! (Und heißt, leider hoch drei, auch nicht Ondruc. Aber sonst stimmt’s!)

Ján Ondruš „Ein Hut voll Wein“ Deutsch von Angelika Repka. Edition Thanhäuser, Ottensheim 2000, 40,- DM

Rose Ausländer

Die Dichterin Rose Ausländer war während des Zweiten Weltkrieges mehrere Monate wegen angeblicher Spionage in sowjetischer Haft. Das sollen neue Geheimdienstprotokolle beweisen, die osteuropäische Wissenschaftler bei einem Symposium zu Leben und Werk Ausländers in Ludwigsburg präsentierten. Die Schriftstellerin hatte über die Monate im Gefängnis stets geschwiegen. Bekannt wurden in Ludwigsburg zudem vier bisher unbekannte Gedichte Ausländers. /dpa 7.2.01