In der FAZ vom 21.2. spricht Felicitas von Lovenberg mit dem aus Rumänien stammenden Schriftsteller Richard Wagner über weitere Details des Securitate-Netzes:
Nach dem Lyriker Werner Söllner, der sich im Dezember öffentlich zu seiner Securitate-Mitarbeit bekannt hat, ist dies binnen kurzer Zeit der zweite Fall eines als Spitzel enttarnten Schriftstellers. In einem weiteren Fall streitet der als IM „Voicu“ enttarnte Journalist Franz Thomas Schleich seine Securitate-Tätigkeit noch ab. In allen drei Fällen waren Sie selbst als Opfer betroffen, wenn auch in unterschiedlichem Maß. Welcher trifft Sie persönlich am stärksten?
Besonders trifft mich natürlich der Fall Söllner. Werner Söllner war mir seinerzeit in Rumänien ein wichtiger literarischer Gesprächspartner. Seine Gedichte gehören zum Besten der rumäniendeutschen Literatur. Was mich bei Grosz empört, ist vor allem die kriminelle Energie, die er bei seiner IM-Tätigkeit entfaltete. Er hat sogar die Details eines psychischen Zusammenbruchs meines Kollegen Gerhard Ortinau an den Geheimdienst weitergegeben, und der Gipfel ist, dass er jetzt sagt, er habe bewusst Privates in die Berichte geschrieben, um so wenig politischen Schaden wie möglich anzurichten.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Often when I dig some change out of my jeans pocket to pay somebody for something, the pennies and nickels are accompanied by a big gob of blue lint. So it’s no wonder that I was taken with this poem by a Massachusetts poet, Gary Metras, who isn’t embarrassed.
Lint
It doesn’t bother me to have
lint in the bottoms of pant pockets;
it gives the hands something to do,
especially since I no longer hold
shovel, hod, or hammer
in the daylight hours of labor
and haven’t, in fact, done so
in twenty-five years. A long time
to be picking lint from pockets.
Perhaps even long enough to have
gathered sacks full of lint
that could have been put
to good use, maybe spun into yarn
to knit a sweater for my wife’s
Christmas present, or strong thread
whirled and woven into a tweedy jacket.
Imagine entering my classroom
in a jacket made from lint.
Who would believe it?
Yet there are stranger things—
the son of a bricklayer with hands
so smooth they’re only fit
for picking lint.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by Gary Metras, whose most recent book of poems is Greatest Hits 1980-2006, Pudding House, 2007. Poem reprinted from Poetry East, Nos. 62 & 63, Fall 2008, by permission of Gary Metras and the publisher.
Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
„Ich empfinde es als Zumutung, so ein Heft in die Hand gedrückt zu bekommen“, schimpfte Mayer. Darüber hinaus sei es widersprüchlich, Mitglied im „Bündnis gegen Rechts“ zu sein und gleichzeitig eine Broschüre mit einem Gedicht von Eckart zu verteilen. Der im Jahr 1868 in Neumarkt geborene Dietrich Eckart war ein geistiger Mentor von Adolf Hitler und ist Dichter des „Sturmliedes“ der SA. Eckart war außerdem Chefredakteur des Völkischen Beobachters und Hitler widmete ihm sein Buch „Mein Kampf“.
„Diese Schattenseite der Broschüre ist mir entgangen“, bekannte Landrat Albert Löhner (CSU) und versprach, künftig genauer aufzupassen. / Donaukurier 22.2.
Die australische Liedermacherin (singer-songwriter) Ruby Hunter starb im Alter von 54 Jahren, meldet The Age am 18.2.
Revolutionstreu – heute vielleicht nur noch die Konservativen? Muß ein Zeichen sein, daß keine Revoluuschen droht. Wieder ein Beispiel, Die Welt 22.2. („Die Revolution läuft auch nicht bei youtube“):
Bereits vor 40 Jahren wusste ein New Yorker Musiker und Dichter, dass im Fernsehen nur das Fernsehen abgebildet wird. Und nicht das Leben. Gil Scott-Heron wurde 21, am 1. April 1970, damit standen ihm die Bars und Bühnen offen.
Seine Lyrik lag zwar auch gedruckt vor. Ein Gedichtband hieß „Small Talk at 125th & Lenox“ und wies auf die Straßenkreuzung hin, wo sich in Harlem die nach Martin Luther King und Malcolm X benannten Boulevards begegneten. Aber wer las schon Poesie in dieser Gegend?
Gil Scott-Heron trat also im Nachtklub an der Ecke auf. Zwei Freunde trommelten, Bob Thiele von der Plattenfirma Flying Dutchman ließ die Bandmaschine laufen, und der ungehaltene Poet saß am Klavier. „The revolution“, prophezeite er, „will not be televised. The revolution will be live.“ Revolutionen werden nicht im Fernsehen übertragen. Wer über das Leben unterrichtet werden möchte, sollte sich an aufmerksame Musiker und Dichter halten.
Gil Scott-Heron soll damals den Rap erfunden haben. Wie auch immer: Heute ist er 60 Jahre alt, während der HipHop sich am Ende nur noch um sich selber dreht. …
„I’m New Here“, die erste aktuelle Äußerung seit 16 Jahren, informiert über ein Leben unter sechs Milliarden: Es berichtet über Gil Scott-Heron. Einen müden Revolutionär, der immerhin noch daran glaubt, dass Lyrik und Musik wahrhaftiger berichten können, als es ein herkömmliches Unterhaltungsmedium jemals vermöchte.
«Willkommen und Abschied», «Mailied», «Heideröslein» – unzählige Generationen haben die eigenen Herzens-Angelegenheiten mit Goethes Sesenheimer Liedern verbunden, dem wohl ersten Ausdruck einer neuen, freien und verspielten Herzens-Poesie. Empfinden, Denken und Sprechen fanden da in einer neuen Form zusammen; die Lyrik erhält den Rang einer «natürlichen Reflexion». Hat Goethe in seiner Lyrik gleichsam den Prototyp der sprechenden Natur geschaffen? Goethes Gedichte – so Mathias Mayer in der anzuzeigenden Untersuchung – spielen Natur und Reflexion keineswegs gegeneinander aus. Vielmehr ist die Lyrik das Spiegelmedium einer «natürlichen» Empfindung. / NZZ 12.1.
Mathias Mayer: Natur und Reflexion. Studien zu Goethes Lyrik. Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2009. 373 S., Fr. 81.–.
Beirut war 2009 Welthauptstadt des Buches. Für viele Autorinnen und Autoren aus autoritären arabischen Staaten mit strenger Zensur ist Beirut bereits seit vielen Jahren eine Oase der Freiheit. Dies gilt besonders für Schreibende aus dem Nachbarland Syrien. / Susanne Schanda, NZZ 20.2.
Peter Altenberg (1859–1919) gilt als der schrägste Vogel der Wiener Moderne. Während seine genialischen Prosaskizzen in ihrer Lebensdichte noch heute bezaubern, wirkt seine obsessive Verehrung «süsser» Kindfrauen befremdlicher denn je. Heutzutage müsste sich Altenberg wohl wegen Pädophilie verantworten. …
Mag Karl Kraus auch manch allzu Anstössiges weggelassen haben, ein Skandalon bleibt dieser «Frauenlob» («ich bin nichts anderes als Gottes Aufbewahrungsort für alle verkümmerten und zerstörten Frauenseelen») auch in dieser Auswahl, zumal für den heutigen Leser. Denn häufiger als Frauen galten seine Minnegesänge minderjährigen Mädchen. Die schamlose Begeisterung, mit der Altenberg in seinen Skizzen und Briefen seiner Pädophilie freien Lauf lässt und stolz berichtet, wie er eine auf seinem Schoss sitzende Siebenjährige auf den Mund geküsst habe, verschlägt einem schlicht die Sprache.
So spottet er auch in der Kraus-Ausgabe über die damals gültigen (und verblüffend grosszügigen) Bestimmungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen: «Eine Frau ist immer zu alt und nie zu jung! Das Gesetz schreibt uns vor: von vierzehn an! Aber das Gesetz ist nicht von Künstlern entworfen. Unser Geschmack sagt: In jedem Alter, wenn du nur sehr schön bist! Freilich heisst es da, wie in der Bibel: <Er hatte ein Auge auf sie geworfen!> Aber wirklich nur das Auge, dieses ideale Lustorgan.» / Oliver Pfohlmann, NZZ 20.2.
Peter Altenberg: Die Selbsterfindung eines Dichters. Briefe und Dokumente 1892–1896. Hg. und mit einem Nachwort von Leo A. Lensing. Wallstein-Verlag, Göttingen 2009. 210 S., Fr. 39.40. Peter Altenberg: Das Buch der Bücher. Zusammengestellt von Karl Kraus. Hg. v. Rainer Gerlach. Mit einem Essay von Wilhelm Genazino. Drei Bände. Wallstein-Verlag, Göttingen 2009. 1006 S., Fr. 83.–.
Erinnerungen an Heinz Erhardt sind seit neuestem im Wittenberger Haus der Geschichte zu erleben / Mitteldeutsche Zeitung
Vier Frauen befreien die Werke etablierter Autorinnen aus ihren verstaubten Kokons der Literaturwissenschaft. Sie geben unbekannten, vergessenen oder angeblich ästhetisch minderwertigen Autorinnen eine neue Wertschätzung – mit Leidenschaft. …
Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März und Elke Schmitter stellen in ihrem 650 Seiten starken Buch „Leidenschaften“. 99 Autorinnen der Weltliteratur“ vor. Etablierte Dichterinnen wie Ingeborg Bachmann oder Annette von Droste-Hülshoff stehen neben kaum bekannten Namen wie Unica Zürn oder Leonora Carrington, schreibende Klosterfrauen wie Hildegard von Bingen neben Kinderbuchschreiberin Astrid Lindgren, Krimi-Legende Agatha Christie oder Trivialautorin Hedwig Courths-Maler. / Michaela Schmitz, DLF Büchermarkt 21.2.
Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter:
Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur. C. Bertelsmann 2009. 640 Seiten, 24,95 Euro
An der gleichen Stelle zum Anhören: über Gedichtbände von Tom Schulz und Werner Lutz
Na bitte, geht doch. Wir können uns halt nicht immer um alles kümmern im alltäglichen Ansturm des Angesagten. Also brauchen wir äußere Rahmen. Etwas Außergewöhnliches, ein Jubiläum, ein Unglück, eine Zeremonie.
Jetzt ist Schermbeck dran.
schreibt die lokale Zeitung und fährt fort:
Die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 strahlt seit Sonntag sichtbar bis mitten in den Ort aus: Gustav Sack, Schriftsteller und Eigentümler, wird mit der Einweihung einer Stele, mit Rezitation und Ausstellung zum örtlichen Helden.
Eigentümler ist eine gute Wortfindung. Ein einziges schmales „l“ macht aus einem Leistungsträger einen Leistungsverweigerer, also doch jemand, um den sich nicht jeder, z.B., FDP-Wähler jeden Tag kümmern kann. Ist der äußere Anlaß groß genug, kann aus einem solchen Verweigerer plötzlich ein local hero werden.
„Schermbecks Bürgerschreck-Schriftsteller Gustav Sack (1885-1916)“ wird nun fast 100 Jahre nach seinem Tod (er war einer von denen, die der erste Weltkrieg stark verkürzt hat, „gefallen“ und nicht wieder aufgestanden bei Bukarest) in seiner Heimar entdeckt und vielleicht gar von einigen gelesen? Jedenfalls eine Zeremonie, bei der in Anwesenheit von Honoratioren und anderen Wählern über den lang Verblichenen nur Gutes gesagt wird.
Ruhr-2010-Geschäftsführer Fritz Pleitgen war am Sonntag in Schermbeck zu Gast und enthüllte gemeinsam mit Hans Zelle vom Heimatverein die etwa einen Meter hohe Basalt-Stele mit der bronzenen Erinnerungstafel.
Einen besseren Einfall hat der lokale Berichterstatter:
Wenn man nun anerkennungsvoll die Mittelstraße in „Sack-Gasse” umbenennen würde – es wäre ein Unfug, wie er dem skurrilen Schriftsteller hätte gefallen können. Nun, die „Mi” bleibt die „Mi”, allerdings erinnert seit Sonntag dort eine Stele an Sack.
Die Stele gabs schon länger:
„23 Jahre lang lag die Bronzetafel jetzt im Rathaus“, erzählt Hans Zelle.
Nur fehlte der Anlaß und vor allem das Haus, an das sie paßte. Nun also gings, und schon in 6 Jahren kommt der nächste Anlaß. Oder im Oktober:
Gustav Sack würde am 28. Oktober 2010 125 Jahre alt.
Sack aber (der übrigens auch in Greifswald studierte, dort war er Mitglied in der Turnerschaft Cimbria, wurde aber entlassen) weiß über all das Bescheid. Sein Roman „Ein verbummelter Student“ beginnt so:
In einem flachen Kessel am Niederrhein liegt zwischen waldigen und heidigen Höhen ein Dorf, dessen Signum ein kurzer klobiger Backsteinturm ist und dessen Hauptstraße kurz und gut die Mittelstraße heißt, und die wird zu beiden Seiten begleitet von der Kaffeestraße und Kirchstraße und ist mit ihnen verbunden durch mehrere Sträßlein, deren offizielle Namen man nur in dem heimatkundlichen Unterricht der Schule hört; später vergisst man sie und bezeichnet die Sträßlein nach irgend einem irgendwie hervorstechenden Anwohner.
Die Bewohner aber neigen ein wenig zum Kretinismus und haben insbesondere vor ihren Nachbarn einen eigentümlichen hämischen und bissigen Witz voraus – sonst leben sie wie diese in den Tag und wissen nichts von der transzendenten Idealität der Zeit, der Verneinung des Willens, dem Pathos der Distanz und wären so glücklich wie ihr Vieh, wenn sie eben nicht den hämischen Witz hätten und so eingefleischte Ebenbilder ihres Gottes wären.
Bei zeno.org kann man den Roman lesen, und ein paar andere Texte. Gedichte hat er auch geschrieben.
Werke:
Sack-Ausstellung „Ich bin ein (Lebens-)Künstler” im Heimatmuseum.
Das DKP-Portal „Kommunisten“ berichtet über den Streik gegen den Verkauf des staatlichen Tabakmonopols an einen US-Konzern durch die türkische Regierung, der u.a. eine 50%ige Lohnkürzung mit sich bringen soll. Dabei spielt offenbar ein deutsches Gedicht eine Rolle. Der Gewerkschaftsfunktionär Selahattin Yildirim sagte:
Das Gedicht von Bert Brecht mit seinem Refrain „Alle oder keiner“ ist seit Wochen an jeder Straßenecke in Ankara zu hören.
Der (kommunistische) Schweizer „Vorwärts“ ergänzt:
Die TEKEL-Beschäftigten legen seit Tagen einen Zusammenhalt und Solidarität zutage, der weltweit seinesgleichen sucht. Hier wird B. Brechts Aussage “keine Befreiung des Einzelnen, alle, oder keiner!” und Nazim Hikmet’s Sehnsucht nach einem “Leben, alleine und frei, doch Brüderlich, wie ein Wald” zur Realität. Kurden, Türken, Lasen, Tscherkessen, alle befinden sich im selben Zelt.
Philologische Anmerkung
Das Gedicht heißt „Keiner oder alle“. In: Brecht, Werke XII (Gedichte 2), GKBFA, Berlin und Frankfurt 1988, S. 23. Es entstand 1934, wurde zuerst 1937 in Madrid gedruckt u.d.T. „Einer steht für alle“. Hanns Eisler hat es 1934 vertont. 1949 nahm es Brecht in sein Stück „Tage der Kommune“ auf. Im Internet wird es oft falsch zitiert:´.
Korrekt bringt den Refrain die Tageszeitung junge Welt, schon am 16.1.:
Eine immer wieder skandierte Parole der Tekel-Beschäftigten lautet: »Keiner oder alle. Alles oder nichts. Einer kann sich da nicht retten. Gewehre oder Ketten. Keiner oder alle. Alles oder nichts.« Bertolt Brecht würde sich freuen.
Stéphane Mallarmé schuf 1897, ein Jahr vor seinem Tod, das Langpoem „Un coup de dés jamais n’abolira le hasard“ – auf Deutsch etwa: „Ein Wurf mit dem Würfel wird niemals den Zufall abschaffen.“ Der Schriftsteller legte sein Gedicht wie eine Wortpartitur an: Im scheinbar zufälligen Rhythmus fließen die Zeilen über die Seite. Manchmal bestehen sie nur aus einem Wort, manchmal aus einer Phrase oder einem ganzen Satz.
Der amerikanische Künstler William E. Jones hat nun Mallarmés Zeilen einzeln in die Bildersuchfunktion von Google eingegeben. Aus den jeweils erzielten Treffern wählte er das prägnanteste Bild aus und stellte es neben den Text, sodass eine doch eher zufällige Illustration dieses Gedichts vom Zufall entstanden ist. Welt online 21.2.
Noch einmal zu Nicholson Bakers „Der Anthologist“. Im heutigen „Tagesspiegel“ schreibt Volker Sielaff:
Wenn Paul nicht an Rosslyn denkt und ihm auch seine attraktive Nachbarin Nan nicht über den Weg läuft, kann er endlos über englischsprachige Lyrik monologisieren: „Vier Takte pro Zeile. Das ist der klassische Rhythmus von Poesie wie von Popsongs“, ist Chowder überzeugt. Wer als Leser nicht mit im Takt klopfen möchte, sollte die allzu sehr von einem seminaristischen Furor getragenen Passagen einfach überblättern.
Chowders Stimme ist getragen vom leidenschaftlichen, manchmal auch leidenden Gestus eines die Poesie aufrichtig liebenden Literaturdozenten. Man sieht ihn förmlich vor der versammelten Studentenschaft stehen und im Plauderton seine Verteidigung der Poesie vortragen. In Wirklichkeit aber hat Chowder den akademischen Betrieb nach nur einem Jahr verlassen und sitzt nun die meiste Zeit auf dem Heuboden oder in einem weißen Plastikstuhl vor seinem Haus, beobachtet eine Maus oder sinniert über das tragische Moment im Leben vieler Dichter. Daß ihr Unglück sie kreativ mache, ist eine arg abgegriffene These unseres Helden, der sich auch fragt, warum er sich immer wieder selbst ungewollt kleine Verletzungen zufügt. Warum hat Nicholson Baker sein Buch nicht als Essay, sondern als Roman verfasst?
Eine Antwort könnte die Passage über Elizabeth Bishops berühmtes Gedicht „Der Fisch“ liefern. Nachdem der tödlichen Sauerstoff atmende Fisch von der Dichterin bis hin zum „Mechanismus seiner Kiefern“ beschrieben worden ist, kommt Bishop auf die „fünf gerissenen Angelschnüre“ zu sprechen.
Es ist beeindruckend, wie Baker seinen Protagonisten sodann die allegorische Bedeutung dieser Bilder für uns entwirren lässt: „Was sind das für Stränge? Die der Poesie. Denn wir ahnen, dass vor ihr schon andere angehende Dichter diesen sehr alten, realen Fisch gefangen haben. Ihre Schnüre sind da, verhakt im Fischmaul, die vielen früheren Versuche, diesen alten Fisch im Gedicht zu reimen.“ Bishop reimt jedoch nicht, sie erzählt uns in lapidarem Tonfall von dem Fisch – bis dorthin, wo sie ihn loslässt und er ins Meer zurückschnellt.
Nicht anders Bakers Blick auf die Poesie. Es ist der Blick eines wahrhaft Verliebten.
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