Das Problem

haben auch andere: Zwei Leserbriefe zu einem Artikel im Guardian:

If you could only give poetry more space

… few people in Britain now read poetry of any kind and, of those, the majority are locked into the sounds, rhymes, rhythms and tastes of their schooldays.

As a published poet, I don’t blame them for this, since they are rarely offered any information or encouragement to help them discover and enjoy contemporary poetry. The Guardian and Observer, for example, give us many interesting and informed articles and reviews on contemporary art, architecture, dance, films, music, novels, opera, plays, pop – but very rarely anything about poetry. Even when the subject does appear, it’s generally for some token or incidental reason.

… Since newspapers are the main source of information and education on the arts, why do they ignore poetry? The usual reply is because it’s too difficult and obscure, or that it doesn’t rhyme, but this is only said because poetry has found new and varied forms of expression, subjects, voices and sensibilities. The real problem is that people have not been popularly exposed or educated to these changes. Poems on the Underground is, perhaps, the exception, but it’s sad that poetry can only be openly displayed and encouraged when it is underground. Brian Hughes Lausanne, Switzerland, Guardian 31.3.01

Der zweite Brief geht der Frage nach, warum ein Gedicht wie „If“ von Kipling, der heute in England allgemein als Chauvinist und Rassist gilt, von Pinochet-Opfern in Chile geliebt wird. „Perhaps a case of the poem being greater than the poet.“

Archiv 2001 April a

The complete list

of 100 Favourite Irish Poems, as chosen by readers of the „I rish Times „, 3.4.01

The Guardian newspaper

has launched a poetry competition for mobile phone users.

The submitted poems have to be written as a text message and sent in via a mobile phone for adjudication.

The winning entry will receive £1,000 as a prize.

The text message format puts a limit of 160 characters on the poem, which the organisers hope will test the ingenuity and creativity of the poets.

The submitted poem can be in plain English or in the shorthand English favoured by many text message enthusiasts.

Guardian journalist Victor Keegan told BBC News Online: „A text message poem gives you total freedom.

„There is a lot of scope for the poets.“

Writing in the Online section of the Guardian, he said: „It is the first competition of its kind with a special interactive feature.“

The final short list of seven poems will be sent to all participants via their mobile phones to acts as judges.

Mr Keegan added: „This is a new literary form and it must be left to define its own parameters.

„In this competition the medium really is the message. / Victor Keegan, Guardian (found at BBC News, Thursday, 29 March, 2001, 11:13 GMT 12:13 UK)

Der Lyriker Bei Dao

zählt zu den großen Autoren Chinas. In seiner Heimat kennt man von ihm jedoch nur Texte bis 1989. Die Ereignisse auf dem «Platz des Himmlischen Friedens» hat Dao in Berlin vor dem Fernseher verfolgt. Seitdem lebt er im Exil.

Pause

Schließlich bist du angekommen
in einem Sonntag, da die Wolken anlegen
Eine Pause wie die Unwahrheiten
Vorsicht, jemand liegt auf der Lauer
Die Pause spielt die Klaviatur
Tag und Nacht
spielt morgen
Die Verkettung des Glücks
Die Toten haben ihre Schatten abgeworfen
und halten den Himmel verschlossen

/ Netzeitung 31.3.01

Lines to live by

The Duchess of York revealed this weekend that she always carries a copy of Rudyard Kipling ’s poem If with her, and is a firm believer in its ‚philosophy‘. But what, exactly, is its philosophy? And, while we’re about it, what are people who declare their love for Rupert Brooke’s The Soldier trying to tell us? Emma Brockes reads between the lines / Tuesday March 27, 2001 The Guardian

Der Ratinger Hof –

kein Nobelhotel, sondern eine Punk-Kneipe in Düsseldorf – erscheint in Kling-typischer Manier als Schauplatz und mehr noch als Klang- und Echoraum parodistischer Wortspielereien, zwischen «leber-» und «laberschäden», «yachtinstinkt», «blickfick» und «barbieverpuppung», deren Dynamik der Interpret als elaboriertes Beispiel einer «Pathetisierungs- und Gefühlserregungskunst» beschreibt. Scharf grenzt Kinder die Literatur von Franzobel, Beyer, Grünbein, Kling und einigen anderen gegen die «operative Gebrauchslyrik» der Vorgängergeneration ab: «Weg von der Ideologiekritik und hin zur komplexen sprachlichen Inszenierung» gehe der Trend bei den Neueren, während in der Prosa zurzeit «der Exorzismus des Experimentellen» vorherrsche.

Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Thomas Kling. Text + Kritik, Band 147, München 2000. 122 S., Fr. 26.-. / NZZ 31.3.01

Beyers umfangreiche Auswahl

stellt einen stillen großen Dichter vor, doch Stille, so schreibt Hofmann einmal, kann eine Einladung sein, sie zu stören. Das hat Beyer leider nicht oder nur selten wahrgenommen oder eben in einer sehr deutschen Weise, indem er der leisen untergründigen Anarchie von Hofmanns Zeilen eine Ordnung einzieht, die dem Satzbau des Deutschen sehr vertraut und ohne Not den ebenmäßigen Stil Hofmanns in Aufzählungen zergliedert. In dem Titelgedicht des Bandes „Feineinstellungen“ schreibt Hofmann von der Unruhe, die in der Ruhe liegt, die er zum Schreiben und zum Übersetzen braucht, und von einem Zittern, das nur dann hochkommt, „where I blurt in German, dissatisfied and unproficient“, was Beyer übersetzt mit „wo ich auf Deutsch radebreche, ein unzufriedener Stümper“. Von dem Druck, den das Deutsche auf Hofmann – als Übersetzer, aber eben auch als Sohn des deutsch schreibenden Vaters Gert Hofmann – ausübt, ist hier nicht mehr viel zu spüren, von dem Druck, der ihn die Worte nur wie zusammenhanglos hervorstoßen lässt, und der sich in weiteren ähnlichen Ausdrücken durch das ganze Gedicht zieht.

Michael Hofmann: Feineinstellungen. Gedichte. Zweisprachig. Aus dem Englischen von Marcel Beyer. DuMont Buchverlag, Köln 2001, 220 Seiten, 39,80 DM. / FR Spezial Literatur 21.3.01

Gedicht sei Gedicht,

haben Sie bisher immer gedacht. Und Schach sei Schach. Aber unter dem Blick des Basler Mathematikers François Fricker, der uns die folgende, sagen wir: Betrachtung hat zukommen lassen (die, so Fricker, viel den Papieren eines Dr. phil. Jeremias Mueller verdanke), geben die Buchstaben plötzlich als verkleidete Zahlen sich zu erkennen und was eben noch ein Konzert reiner, sinnfreier Laute schien, erweist sich als – Endspielstudie. Morgenstern als Vorläufer Becketts? / Basler Zeitung 31.3.01

2001 April Zeitschriftenschau

 

Veröffentlichungen von und über Lyrik in ausgewählten Zeitschriften

manuskripte 151/2001

Gedichte von Olga Martynova, Evelyn Schlag, Karin Kiwus, Richard Wall, Friederike Mayröcker, Mikael Vogel, Christel Mertens, Peter Horst Neumann, Bronislaw Maj, Marzanna Kielar, Krzysztof Koehler, Mariusz Grzebalski / Ingomar von Kieseritzky: Ernst Jandl – Die Aktentasche / Hans-Jost Frey: Ingolds Kürze

Wiecker Bote 11/2001

Gedichte von Sergiusz Sterna-Wachowiak, Czeslaw Milosz, Tadeusz Rózewicz, Leszek Szaruga / Sergiusz Sterna-Wachowiak: Lyrik als Widerstand und Erneuerung. Betrachtungen zur Dichtung der achtziger Jahre in Polen / Ans Licht: Poesie und Poetik der Polen

orte 121/2001

Gedichte des Obwaldner Mundartpoeten Julian Dillier / D. H. Lawrence: «Puma»-Gedicht

Zonic 11.5/2000

Ronald Lippok: Notizen zu Crowley und Pop / Dub Poetry / Marcel Beyer / Bert Papenfuß

die horen 201/2001

Thema: SchreibArten und LebensGeschichten. Dichtung im Gespräch: Ruth Klüger, Uwe Kolbe, Wolfgang Hegewald, Katja Lange-Müller, Hans-Eckardt Wenzel, Peter Härtling

Sinn und Form 2/2001

Gedichte von Elisabeth Borchers / Lutz Seiler / Ulrike Draesner / Iain Galbraith: Michael Hamburger und die Lyrik der utopischen Begegnung / Michael Hamburger: Philipp Larkin. Ein Rückblick / Adelbert Reif/ Michael Theunissen: Pindar, Hölderlin und die Aktualität der frühen Griechen / Ludvík Kundera: Erinnerungen (Erich Arendt, Franz Fühmann) / Peter Hamm über Wulf Kirsten

Lettre international 52/2001

Gedichte von John Kinsella / Ira Cohen / Christopher Edgar

Wespennest 122 /2001

Schwerpunkt Südafrika. Außerdem Gedichte von Gerhard Ruiss, Sabine Heilig, Semier Insayif / Ulrich Horstmann über Philip Larkin/ Texte von Larkin / Alexander Puschkin, Exegi monumentum

Edit 24 2000/2001

u.a. Patrizia Cavalli, Markus Stegmann, (kursiv: Online)

literaturkritik.de Februar 2001

u.a. Kaschnitz , Hacks , Draesner , B. Köhler , Gernhardt , Lyrikjahrbuch 2001

Gegner 7

Gedichte von Gregor Kunz / Bert Papenfuß / Andreas Paul / Sven Rohrbach / Jegor Letow / Aufsätze von Michael Lentz / Reinhard Jirgl / Bert Papenfuß / Kathrin Schmidt

wespennest 121

Frantisek Lesák, raumdeutsch / Kritik: Shakespeare, Czernin , Sonnets

neue deutsche literatur 1-2001

Gedichte von Wilhelm Bartsch, Norbert Weiß, Franz Wurm, Jean Krier, Christopher Ecker, Mirko Bonné, Matthias Dix, Oswald Egger, Reinhard Rakow, Markus Stegmann, Holdger Platta, Jürgen Israel / Sebastian Kiefer: Lesart Peter Huchel : Rom / Lionel Richard: Deutschsprachige Lyrik des 20. Jahrhunderts in Frankreich / Kritik: Christoph Meckel

Signum. Blätter für Literatur und Kritik (Dresden) 1-2001

Gedichte von Thomas Böhme, Kerstin Hensel u. a. / Junge Berner Lyriker: Raphael Urweider und Armin Senser

orte 1/2001

Spanische Lyrik (übertragen von Hans Leopold Davi) / Gedichte von Rui Knopfli (Moçambique)

Zwischen den Zeilen 16/2000

Tom Clarke / E. E. Cummings / T. S. Eliot / Kenneth Koch / Denise Levertov / Rosmarie Waldrop

2001 Mrz

Sonett

In der Frankfurter Anthologie vom 31.3. bespricht Norbert Mecklenburg Brechts Sonett „Über Goethes Gedicht „Der Gott und die Bajadere““


Gnaden

Daß im Atemholen zweierlei Gnaden sind, erfuhr jetzt auch Hanns-Josef Ortheil in der „ Welt „:

Ich war schon auf etwas Hochgestemmtes, Verkrampftes gefasst, als ich [bei Hummelt] las: „kein wachslicht, welches zu entzünden/ wäre. u. nur das fehlen jeglicher symbolik/ erinnert mich, so daß mir mulmig wird.“

Da atmet man richtig auf, denn oft haben Gegenwartsgedichte ja etwas entsetzlich Peinliches, und das nicht nur, weil sie meist zu betulich und wichtigtuerisch sind. Vielmehr liegen sie vor allem deshalb so oft grausam daneben, weil viele Lyriker in Gedichten unter ihr sonstiges Denk- und Empfindungsniveau gehen, gerade so, als könnte man mit Gedichten alles machen.

  • Frühlingsgedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam, Stuttgart 2001. 85 S., 5 Mark.
  • Norbert Hummelt:Zeichen im Schnee.Gedichte. Luchterhand,München 2001. 104 S., 18,50 Mark.
  • Rainald Goetz:Jahrzehnt der schönen Frauen.Merve, Berlin 2001. 213 S., 26 Mark.
  • Sergej Jessenin:Ein Rest von Freude.Gedichte. Aus dem Russischen von Paul Celan, Elke Erb,Rainer Kirsch u.v.a. Luchterhand, München 2001. 172 S., 19,50 Mark

/ (31.1.01)


Zeit goes Lyrik

Joseph Beuys hat einmal gesagt: „Jeder Mensch ist ein Künstler!“ Ich sage: „Jeder Mensch ist ein Dichter!“ Also bitte die linke Hirnhälfte entspannen und die Inspiration aus der rechten fliessen lassen, dann dichtet es sich ganz wie von selbst. Bitte die Gedichte anderer, wenn überhaupt, möglichst sachlich kritisieren, gegebenfalls höflich darüber hinweggehen. (Ohnehin wird ja vieles eher als Spass gemeint sein. Oder, um mit Ernst Jandl zu sprechen: Wo bleibt der Humooorrrrrr? ;-)) [na so ähnlich, mg]

Allerdings sind auch besonders geschätzte Gedichte berühmter oder weniger berühmter Poeten wie Shakespeare, Goethe, Mörike, Hölderlin, Rilke, Benn usw. usf. gerne gesehen, ebenso wie Liedtexte. (Lieder sind ja ursprünglich nichts anderes als gesungene Gedichte.) Alles ist herzlich willkommen.

Die Zeit Debatte Lyrik (kann man mitdiskutieren und mitdichten)


Spätentdeckung

Hamm ist mit dem Werk Pessoas , der „bei weitem wichtigsten Spätentdeckung der modernen Weltliteratur“, seit über dreißig Jahren vertraut. In den 80er-Jahren hat er einen Film über den großen Melancholiker gedreht, der ? nach einer Jugend in Südafrika ? zwischen 1905 und 1935 in Lissabon ein denkbar unauffälliges und ereignisloses Leben führte, sein Werk (dafür?) aber mit zahlreichen erfundenen Gestalten bevölkerte. Die Frage, ob die Erfindung dieser Heteronyme dem Lebensüberdruss eines grenzenlos Einsamen oder der Lust an der Vielgestaltigkeit und am literarischen Versteckspiel entsprang, mochte Hamm nicht beantworten. Wie ließe sie sich auch entscheiden? Pessoas Devise „Sei vielgestaltig wie das Weltall!“ und sein schöner hybrider Satz: „Gott ist nicht einer, wie könnte ich es sein!“ sind das eine; sein unglückliches, durch exzessiven Alkoholismus schon mit 47 Jahren beendetes Leben ein anderes. Kausalitäten zwischen beidem zu stiften, gehört in den Bereich der Spekulation. / Badische Zeitung 30.3.01


«Und während wir den Tod erwarteten,

wohnten manche von uns in Traumworten – unser traumatisches Heim in der Heimatlosigkeit.» So schrieb Rose Ausländer im Rückblick auf ihr Überleben im Ghetto von Czernowitz. Dorthin war sie 1941, als Rumänien an der Seite Nazideutschlands in den Krieg trat, zusammen mit ihrer Mutter deportiert worden. Es gelang ihnen, sich im Ghetto zu verstecken, und sie entkamen so dem Abtransport in die Vernichtungslager.  / Konrad Tobler, Berner Zeitung 28.3.01


Wunderland für Lyrik

Als Lyrikerin seit ihrem 17. Lebensjahr – „in den wilden Jahren“ – und mit sechs Bändchen neben „fast sechs Romanen“ lobt die Isländerin Deutschland als das „Wunderland für Lyrik, das einzige Land, wo Lyrik verkaufbar ist“, ebenso wie später für das hier vorhandene Umweltbewusstsein. (sagt die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardottir in der Fuldaer Zeitung 27.3.2001)


„Hätte ich begriffen,

dass ein Fuchs für alles steht / Was eine Ehe auf die Probe stellt und sie als Ehe erweist-, / Ich wäre nicht gescheitert. Wärst du es? / Aber ich versagte. Unsere Ehe hatte versagt.“ So endet das Gedicht. Er hat es „Epiphanie“ genannt. Denn für einen Schamanen ist ein Fuchs nie nur ein Fuchs.
Ted Hughes: Wie Dichtung entsteht. Essays. Ausgewählt und übersetzt von Jutta Kaußen, Wolfgang Kaußen und Claas Kazzer. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2001. 291 S., 39,80 DM. / Volker Sielaff, Potsdamer Neueste Nachrichten 28.3.01


Zu den dunkleren Traditionen

des Leonce-und-Lena-Wettbewerbs, der ja dem Dichter-Nachwuchs gewidmet ist, gehört auch die Ignoranz der Vorjurys, die mit blamabler Beharrlichkeit die interessanten jungen Dichter dieser Jahre einfach übersahen. So konnte Thomas Kling, der diesmal als Ehrengast des „Literarischen März“ geladen war, in schöner Ironie den Darmstädter Mundartdichter Ernst Elias Niebergall paraphrasieren, um seine eigene Chancenlosigkeit in Erinnerung zu rufen: „Ich kumm in Darmstadt uff kahn grihne Ast“. / schreibt Michael Braun in der FR , 27.3.01


Celan-Oper

Darf man über den großen Lyriker Paul Celan eine Oper schreiben? Man darf: „Celan“ von Peter Ruzicka und Peter Mussbach erfolgreich in Dresden uraufgeführt

„Der Dichter ist reiner Stahl, hart wie ein Kiesel.“ Das könnte auf den Lyriker Paul Celan gemünzt sein, hätte Novalis den Satz nicht unendlich lange vor Celans Leben niedergeschrieben. Aber – Zufall oder Fügung – just am zweihundertsten Todestag des romantischen Geistes, eines „Vorläufers“ der Dichtung der Moderne, wird Peter Ruzickas „Musiktheater in sieben Entwürfen“ mit dem schlichten Titel „Celan“ uraufgeführt. In Dresden, dem abgründigen Symbol des Kriegs, der Zerstörung, des Todes durch den von Deutschen verursachten Terror. „Todesfuge“ heisst das Gedicht von Paul Celan, Sprachmahnmal für das Unfassbare, den Holocaust. Es hat längst Aufnahme in die Lesebücher gefunden. / Süddeutsche 27.3.01

Dazu schreibt auch die Frankfurter Rundschau vom 27.3.:

Celan ist eine Schicksals-Chiffre. Der Name des Dichters Paul Celan steht für jene jüdischen (oder kommunistischen, homosexuellen, Roma-) Überlebenden der Nazi-KZs, die viel später noch von dieser Vergangenheit zur Strecke gebracht wurden (nach wiederholter psychiatrischer Behandlung stürzte er sich 1970 in die Seine). Celan war in seiner Dichtung prekär an die deutsche Sprache, die der Täter, fixiert. Mit der Todesfuge brachte er das Unsagbare, das schlechthin Nicht-Kunstfähige, den Holocaust, zu einer Ausdrucksform; das Gedicht hat in seiner einsamen Respräsentanz des nicht Repräsentierbaren in Deutschland fast auch so etwas wie eine Alibirolle (bis hin zur Lesebuchlektüre) eingenommen.  Die Zeit hörte dies: Von dem Regisseur und gelernten Neurologen Peter Mussbach hat er sich das Libretto schreiben lassen – 36 fiktive Schlaglichter aus dem Leben eines rastlos Getriebenen, die gesplittert, ohne konsistenten Erzählstrang zusammengepuzzelt sind: paranoide Begegungen in der Pariser Metro, Erinnerungsfetzen aus der rumänischen Jugendzeit, verrätselte Todesrauschfantasien, auch bizarre Szenen des Fremdenhasses, die die Celan-Ängste in unserer Gegenwart verorten. Ein undurchdringliches Spiegelkabinett aus mal mehr, mal weniger treffend erfundenen Celan-Reflexionen, dem Ruzicka eine Musik zur Seite gestellt hat, die sich ganz und gar nicht „am Rande des Verstummens“ bewegt. / Die Zeit 29.3.01  Und natürlich war auch die NZZ da. Und die FAZ (sogar mal im Netz ) / Berliner Zeitung 27.3. /Tagesspiegel 28.3. / tagesanzeiger 28.3. / Hannoversche Allgemeine 27.3. / taz 29.3. /

2001 Mrz

Über die Versteigerung

der Sammlung André Bretons berichtet die SZ am 31.3.


„stimmschlund, sibylle“

Nicolai Kobus, einer der intelligentesten Vertreter seiner Zunft, versuchte sich in einem hochfahrenden Dialog mit Baruch Spinoza und Ezra Pound. Der poetische Absturz war gewaltig. Zum Triumph führte das intertextuelle Spiel jedoch bei Anja Utler (Leonce-und-Lena-Hauptpreis, 8000 Euro), die ein Motiv der russischen Dichterkönigin Marina Zwetajewa aufnahm. Das klangspielerische Murmeln, Rätseln und Raunen um die legendäre Seherin Sibylle, die einst als Priesterin des Apoll das Orakel im italischen Cumae hütete, hat Utler durch stetige semantische und syntaktische Verschiebungen in ein hochmusikalisches Sprachereignis verwandelt: „sibylle so: gähnt sie, ächzt: schwingen die: stimmlippen, -ritzen sie / kratzen: hinweg übern kalk, scheuern, reißen ein: krater vom / becken zur kehle der: stimmschlund, sibylle, sie: zittert, vibriert…“. So konnte man die fast unglaubliche Verwandlung einer Dichterin bestaunen, die noch vor zwei Jahren in Darmstadt als eher unauffällige Verfasserin von Liebes- und Natur-Miniaturen auftrat. / Michael Braun zum Leonce-und-Lena-PreisFR vom 19.3.


det/das: Kling über Christensen

Ungleich wirkungsmächtiger als alle Exponate der deutschen Nachkriegsavantgarde war det jedoch für Dänemark – ein sensationeller Publikumserfolg.

Für die beiden Deutschlands: Fehlanzeige. Und Fehlanzeige für Österreich. Das mag daran gelegen haben, dass die von zynisch-witzelnden Gesten nicht freie Autoren-Mannschaft der Wiener Gruppe sich nie an der großen Gedicht-Form versucht hat. Nur aus der sprachphilosophisch beschlagenen Szene wäre ein Werk zu erwarten gewesen, das sich an die Seite von dashätte stellen können. Es bestand einfach kein Interesse für das lyrische Großformat, sieht man von einigen Arbeiten Konrad Bayers ab, der aber im Alter von 31 schon starb; mit seinem mathemathisch konstruierten der vogel singt aus den frühen Sechzigern, immerhin ein Liliput-Versuch zum langen Gedicht, das nicht schwafelt, hätte er immerhin als der kleine Bruder der großen dänischen Schwester durchgehen können.

Interesse fehlt. Und das Können. So bleibt das ein funkelnder Solitär, begonnen 1967 in Kopenhagen, nach längerer Pause in Rom zwei Jahre später beendet. Ein all-chemisches Gedicht. Eines das „schillert, changiert, wirbelt“. Ein Gedicht – Sprache ist Delphi –, das per Zufalls-Steuerung zur Welt-Anschauung gelangt ist. Etwa zu diesem Schluss: „Drehung um drehung bekommt eine andere drehung.“ / Thomas Kling, Die Zeit vom 20.3.

Inger Christensen: det/das

Gedichte; aus dem Dänischen von Hanns Grössel; Kleinheinrich, Münster 2002; 463 S., 45,- Euro

(Irgendwie auch ein Kommentar zur nächsten Nachricht!)



 

Spracherweiterungsprogramm

Den Darmstädter Leonce und Lena-Wettbewerb für Nachwuchslyriker haben am  Samstag Sabine Scho aus Hamburg und die Frankfurterin Silke Scheuermann  gewonnen. Sie teilen sich das Preisgeld von 15 000 Mark. Der Leonce und  Lena-Preis sei entgegen der Tradition geteilt worden, weil kein Autor herausgeragt  habe, sagte Jury-Moderator Wilfried Schoeller. Jedes der vorgetragenen Werke habe  Schwächen aufgewiesen. Einige Juroren hätten sogar erwogen, gar keinen Preis zu  verleihen. Die ausgezeichneten Lyriker hätten jedoch gute Anlagen und könnten ihren  Weg gehen. (dpa) Berliner Zeitung 26.3.01

Silke Scheuermann erhält ihn, so die Begründung der Jury, „in Anerkennung der Eigenständigkeit ihres Tonfalls, einer Melodik ironischer Melancholie, die genau gefügt ist und dennoch die Dinge fast wie beiläufig zu umfassen weiß“.

Und die Leonce-und-Lena-Preisträgerin Sabine Scho wird geehrt „für ein vielstimmiges, vielperspektivisches, hochkomplexes lyrisches Sprechen, das zeigt, was Lyrik zuallererst ist: ein schönes Spracherweiterungsprogramm. Auf bravouuröse Weise löst die Autorin die große alte Aufgabe der Dichtung, ein äußerst zufälliges in ein einzigartiges Leben zu verwandeln“.

Der Preis trifft zwei Dichterinnen, die während des Wettbewerbs auch durch die Art ihres Vortrags aufgefallen waren. Silke Scheuermann gab der Melodik ihrer Gedichte, die vom Wortklang ebenso getragen wird wie vom Rhythmus, durch ein tastendes Singen und hauchige Töne einen einzigartigen Reiz. Und Sabine Scho erinnerte in den eigenwilligen rhythmischen Setzungen, mit denen sie ihre rätselvollen Gedichte gliederte, an die raffinierte Vortragskunst Thomas Klings, der mit Sabine Scho einen Gedichtband herausgeben wird.

Die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise (je 5000 Mark) gehen an Hendrik Rost für „sachlich-zerebrale Lyrik“ und ein „poetisches Parlando“, das sich „lakonisch und ironisch“ gibt. An Mirko Bonné wird „die inhaltliche und sprachliche Engführung von Alltag und Pathos“ gelobt, Maik Lippert für den „plebejischen Mutterwitz eines hemdsärmeligen Barden“. Es wird nicht wenige Zuhörer geben, die an seiner Stelle lieber Anja Utler für ihre sehr präzisen, streng durchkomponierten lyrischen Miniaturen ausgezeichnet hätten. / Darmstädter Echo 26.3.01

2001 Mrz

Ansichten zu „Matthias“ BAADER Holst

„Matthias“ BAADER Holst. Untergrundpoet, Punk, Anarchist, Vagant, Dadaist, radikaler Künstler, Rebell. Das alles irgendwie. Und das alles irgendwie nicht.
Ein sicherlich singulärer Vorfall, der eine Symbiose mit seinen Texten eingegangen war und sie als Klangform der eigenen Unangepasstheit unters Volk schlug. Ein performender Dichter mit asketischem Körper, ungezügeltem Intellekt und dem Machtapparat einer Sprache, die nicht leicht mit ihm zu teilen war. Den Kopf kahl rasiert wie einer, der das Äußere ganz von sich abschneiden will. Ein Nosferatu-Typ, auratisch, mit einer hohl klingenden, dunklen Orakelstimme. Eine wie der Dadaist Johannes Baader „charismatische Begnadung“. /
scheinschlag , 24.3.01


Im Geburtszimmer von Novalis

neben der Vitrine mit seinem Taufhäubchen wird die Novalis-Stiftung zur Taufe gebracht werden. Für Gabriele Rommel ist dies ein weiterer Schritt in ihrer zehnjährigen Bestellung von Novalis’schem Neuland. 1992 hat die habilitierte Germanistin blutenden Herzens die Universität Leipzig verlassen und ist nach Wiederstedt gezogen. Hier fand sie das Schloss als eine Baustelle, die sie in Gummistiefeln betrat. Ihr erster Arbeitstisch stand beim Bestattungsunternehmer Wahrlich neben der Kammer, in der sich die Leichenwäscher umzogen. Novalis, sagt die blonde, entschiedene Frau, sei heute im Mansfelderland die letzte Möglichkeit, Identifikation zu schaffen. / NZZ 23.3.01


Brief auf nackter Haut

Die Tusculum-Ausgabe der Liebeskunst von Ovid als Taschenbuch / Burkhard MüllerBerliner Zeitung 24.3.01


Neue Bücher über Arthur Rimbaud bespricht The New Republic


English poetry begins

with runes and riddles and an illiterate herdsman told by an angel to make his own song in praise of God. This first named English poet, Caedmon, had the virtue of reluctance. Commanded by his angel to sing, he replied that he did not know how. „Yet you could,” said the angel. So Caedmon sang — nine heart-felt lines, strongly stressed, simple in thought and feeling, a variation on the Lord’s Prayer beginning „Nu scolon herigean heofonrices Weard” (Now praise we country heaven’s Warder). The Old English is strange to us, but said aloud slowly it still has the power to make the hairs prickle in the nape of the neck. As Michael Schmidt remarks, repeating the tale as told by Bede, Caedmon was thus not only the first English poet, but the first inspired poet in English. Schmidt’s The Story of Poetry is going to be a four-volume history of English verse. / The Times Onlinespecial 14.3.01


In der New York Review of Books schreibt Charles Simic über James Merrill („Miraculous Mandarin“) und JAMES FENTON über Philip Larkin: It is often casually said of Larkin’s poetry that it expresses common experience, that it has its origin in the commonplace, or even—I have seen this in newspapers—that the famous catchphrases that have been drawn from it („What will survive of us is love,” „Books are a load of crap,” „Life is first boredom, then fear,” „They fuck you up, your mum and dad”) express a common point of view. But what strikes us most about Larkin is not the commonness but the singularity of the point of view. /


Den Darmstädter Leonce und Lena-Wettbewerb für Nachwuchslyriker haben am  Samstag Sabine Scho aus Hamburg und die Frankfurterin Silke Scheuermann  gewonnen. Sie teilen sich das Preisgeld von 15 000 Mark. Der Leonce und  Lena-Preis sei entgegen der Tradition geteilt worden, weil kein Autor herausgeragt  habe, sagte Jury-Moderator Wilfried Schoeller. Jedes der vorgetragenen Werke habe  Schwächen aufgewiesen. Einige Juroren hätten sogar erwogen, gar keinen Preis zu  verleihen. Die ausgezeichneten Lyriker hätten jedoch gute Anlagen und könnten ihren  Weg gehen. (dpa) Berliner Zeitung 26.3.01  Silke Scheuermann erhält ihn, so die Begründung der Jury, „in Anerkennung der Eigenständigkeit ihres Tonfalls, einer Melodik ironischer Melancholie, die genau gefügt ist und dennoch die Dinge fast wie beiläufig zu umfassen weiß“.
Und die Leonce-und-Lena-Preisträgerin Sabine Scho wird geehrt „für ein vielstimmiges, vielperspektivisches, hochkomplexes lyrisches Sprechen, das zeigt, was Lyrik zuallererst ist: ein schönes Spracherweiterungsprogramm. Auf bravouuröse Weise löst die Autorin die große alte Aufgabe der Dichtung, ein äußerst zufälliges in ein einzigartiges Leben zu verwandeln“.
Der Preis trifft zwei Dichterinnen, die während des Wettbewerbs auch durch die Art ihres Vortrags aufgefallen waren. Silke Scheuermann gab der Melodik ihrer Gedichte, die vom Wortklang ebenso getragen wird wie vom Rhythmus, durch ein tastendes Singen und hauchige Töne einen einzigartigen Reiz. Und Sabine Scho erinnerte in den eigenwilligen rhythmischen Setzungen, mit denen sie ihre rätselvollen Gedichte gliederte, an die raffinierte Vortragskunst Thomas Klings, der mit Sabine Scho einen Gedichtband herausgeben wird.
Die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise (je 5000 Mark) gehen an Hendrik Rost für „sachlich-zerebrale Lyrik“ und ein „poetisches Parlando“, das sich „lakonisch und ironisch“ gibt. An Mirko Bonné wird „die inhaltliche und sprachliche Engführung von Alltag und Pathos“ gelobt, Maik Lippert für den „plebejischen Mutterwitz eines hemdsärmeligen Barden“. Es wird nicht wenige Zuhörer geben, die an seiner Stelle lieber Anja Utler für ihre sehr präzisen, streng durchkomponierten lyrischen Miniaturen ausgezeichnet hätten. / Darmstädter Echo 26.3.01


Frankfurter Anthologie der FAZ am 24.3.: Ludwig Harig über Novalis; Alle Menschen seh ich leben – Auf der gleichen Seite schreibt Lothar Müller zum 200. Todestag (Novalis als romantischer Enzyklopädist) Außerdem eine Besprechung des Astralis-Buches von Sophie Vietor (über einen sensationellen Handschriftenfund aus dem Nachlaß von Stefan Zweig) – In der NZZ schreibt Karl Heinz Bohrer und in der Süddeutschen Harro Zimmermann über den Dichter.
Mehr Novalis 1 / 2 /


Reservat Poesie: Betreten erbeten Heute ist UNESCO Welttag der Poesie.

Die Aufmerksamkeit richtet sich damit auf eine schützenswerte, weil aussterbende Gattung. Statt die Poesie jedoch als «Essenz der Kultur» heilig zu sprechen, bringen verschiedene Projekte sie im täglichen Leben wieder zur Geltung.
Zum UNESCO Welttag der Poesie muss man sich wohl auf das Verschwinden dieser Literaturgattung gefasst machen. Der nächste Schritt wird sein, sie zum Weltkulturerbe zu ernennen: Ankor Wat, Quedlinburg, Gizeh, Poesie. Man erinnert sich an Erzählungen der Großeltern, die etwas von Birnen im Havelland murmelten, und staunt über staatlich geschützte und alimentierte Dichter, die in mutigen Städten als Stadtschreiber hausen. Nicht füttern, warnt ein Hinweisschild – wenn doch, dann höchstens mit ein wenig Käse und Rotwein. /
Netzeitung 21.3.01


Über die Exilgedichte des chinesischen Lyrikers Bei Dao schreibt die Süddeutsche am 21.3.


Die Literaturzeitschrift „Wiecker Bote“

stellt ihre Autoren Angelika Janz und Richard Anders während der Leipziger Frühjahrsmesse im Gohliser Schlößchen vor. Angelika Janz liest aus dem in Vorbereitung befindlichen Lyrikband „Unter Strom im Frühlicht“. Richard Anders liest Gedichte und poetologische Texte unter dem nicht zufällig an André Breton erinnernden Titel „Wolkenlesen“.
Donnerstag, 22.3., 20.00 Uhr  Gohliser Schlößchen, Leipzig
Angelika Janz, geboren 1952 in Düsseldorf, lebt jetzt in Aschersleben (Vorpommern). Sie ist Autorin (Lyrik und Prosa) und bildende Künstlerin mit zahlreichen Ausstellungen. Ein bevorzugter Aufenthaltsort liegt für sie zwischen den Stühlen: sei es im Grenzbereich der Künste (visuelle Poesie, Bild-Text-Arbeiten, Fragmenttexte, Performance, Hörspiel) , sei es im Spannungsfeld zwischen ihrer West- (Rheinland) und Ost-Heimat (Vorpommern). Sie arbeitet im Landkreis Ucker-Randow seit Jahren an sozialen und kulturpolitischen Aufgaben und verarbeitet ihre west-östlichen Wahrnehmungen in Gedichten und Prosa (Barackenleben, Die Implodierten).

Richard Anders, geboren 1928 in Ortelsburg (Ostpreußen), lebt in Berlin. Prägend für sein literarisches Schaffen wurden – nach erster Bekanntschaft mit surrealistischer Literatur und Kunst in den 40er Jahren – Begegnungen mit Hans Henny Jahnn (50er Jahre) und André Bretons Surrealistenkreis (60er Jahre). 1998 erhielt er als erster Preisträger den Greifswalder Wolfgang-Koeppen-Preis. Er schreibt Gedichte, Prosa (autobiographischer Roman, Kurzprosa), Essays für Zeitschriften und Rundfunk und übersetzt aus dem Englischen und Französischen.  In der Edition des Wiecker Boten erscheint: Wolkenlesen. Essays und Rezensionen über Surrealismus und hypnagoge Bilder.
Mehr Anders
1 / 2 /


Ingrid Fichtners Gedichte

wehen von irgendwo her. Und einen Schlusspunkt setzen sie selten.
Wie so oft in der Sparte Lyrik, gilt es ein Bändchen anzuzeigen, dessen äussere Eigenschaft das Adjektiv schmal bezeichnet. Im vorliegenden Fall handelt es sich nicht nur um ein schmales, sondern zugleich auch um ein schönes Buch: Das Atelier Bodoni in Frauenfeld hat Ingrid Fichtners „Das Wahnsinnige am Binden der Schuhe“ im Handpressendruck produziert. Die individuelle Gestaltung gibt auch den unscheinbaren unter den Gedichten einen Rahmen, in dem sie sich entfalten können. Denn Platz braucht diese Lyrik – bedingt durch ihr hervorstechendstes Merkmal, offene Ränder zu haben. / Philipp Gut , Tages Anzeiger 21.3.01


Kito Lorenc schreibt im Widerschein des Sorbischen

Spricht man von sorbischer Literatur, so fällt der Name Kito Lorenc. Er ist ihr Hirn und, was er ungern zeigt, ihr Herz. «Man kann die Heimat gar nicht zu viel lieben» heisst ein Poem voller mokanter Reimereien. Es steht im schattig blauen handgehefteten Auswahlband «An einem schönbemalten Sonntag. Gedichte zu Gedichten» und zählt auf, was es an dieser Heimat so alles zu lieben gibt, «den Lurch in der Furch», den «Laich in ihrem Teich», «den sauren Regen . . . ohne zu überlegen», daneben «beim Heimspiel ins Reimziel» sogar «ihre Fussballelfen . . . um fünf vor zwölfen»
Kito Lorenc: An einem schönbemalten Sonntag. Gedichte zu Gedichten. Mit einem Nachwort von Christian Prunitsch und Original-Holzschnitten von Christian Thanhäuser. Edition Thanhäuser, A-4100 Ottensheim 2000. 54 S., Fr. 90.-.
/ Beatrice von Matt
NZZ 20.3.01
Mehr Lorenc
1 /


haariges bein so sehr behaart


Ulrike Draesners reicher Gedichtband „für die nacht geheuerte zellen“ Die Poetisierung des Banalen, besser: die Befreiung des Poetischen aus dem Banalen gelingt Draesner mit Leichtigkeit und Genauigkeit, eben mit „exakter Fantasie“. Die epilierten Haare verwandeln sich zu Hieroglyphen der Natur; man erinnert sich an Büchners Woyzeck, der die Pilzringe auf dem Feld zu verstehen versucht: „Wer das lesen könnte.“
Am erstaunlichsten an diesem Gedichtband ist wohl die Variierungsfähigkeit Draesners. Die düstere Tom-Waits-Großstadt-Ballade findet sich wie das nachdenkliche Landschaftsgedicht, Lyrik über die Eltern wie ein „fußballgedicht“, Neun-Zeiler wie Vier-Seiter, Witz wie Wut, Durchgeistigtes neben Leiblichkeit. / FR 21.3.01 Rolf-Bernhard Essig


TÜRSCHILD


Vorsicht, bissige Stille, was knarrt
sind nur ein paar verzogene Jahresringe,
die Königssuite einer Bruchbude ist hier,
und jeder Tag hat vierundzwanzig Überstunden.

Türschild ist ein im Dezember 2000 entstandenes, bislang unveröffentlichtes Gedicht des 1960 geborenen Walle Sayer, der so überhaupt nicht in die Schablonen bundesrepublikanischer Wirklichkeiten passt. Wohl deswegen sind ihm bereits eine ganze Reihe literarischer Preise verliehen worden, denn die saturierten Niemandslandwohlstandsbildungspolitiker mögen es, wenn statt ihrer der eine oder andere ein wenig aus der Reihe tanzt: alter ego? Wer weiß… / Theo Breuer, Titel , Magazin für Literatur, Film und Crossover


Alles umsonst, alles unsagbar.

Karel Hynek Mácha, der Heine der Tschechen, mit einer Auswahl aus Prosa, Poesie und Tagebüchern
Mácha, in Prag geboren, wuchs in kleinen Verhältnissen auf. 1829 veröffentlichte er – noch auf Deutsch – seinen ersten Gedichtband, beeinflusst von der Lektüre Goethes, Schillers, aber auch der fantastischen Romantiker. Im darauf folgenden Jahr erheben sich die Polen gegen die russische Vorherschaft. Nach Niederschlagung ihres Aufstandes unterstützt Mácha in Prag flüchtige Freiheitskämpfer. Er lässt sich von ihnen und den Werken der polnischen Romantiker politisch wie ästhetisch inspirieren. Mácha begreift sich als national gesinnter Schriftsteller. Die Pflege der Volkssprache wird ihm zur vorrangigen Aufgabe. Er vertieft und erweitert sie, spielt vor allem in der Lyrik mit ihren Doppeldeutigkeiten – und ist so ein Vorläufer der literarischen Moderne. Den Heine der Tschechen nennt ihn Klabund. / Süddeutsche Zeitung 20.3.01


Petersburger Nonkonformist

Am 17. März ist in St. Petersburg der Dichter und Essayist Viktor Kriwulin im Alter von 56 Jahren gestorben. Die Stadt an der Newa war für Kriwulin mehr als nur Wohnort – er trat während der siebziger und achtziger Jahre als eine der wichtigsten Figuren im literarischen Untergrund von Leningrad auf; in den neunziger Jahren engagierte sich Kriwulin in der Petersburger Demokratiebewegung, der auch die 1998 ermordete Abgeordnete Galina Starowojtowa angehörte. Es mutet wie eine körperliche Metapher der stabilitas loci an, dass Kriwulin seit seiner frühen Kindheit an einer Knochenkrankheit litt und deshalb an Krücken gehen musste – als ob das Schicksal sicherstellen wollte, dass der Dichter seine Stadt nicht verlassen konnte.  / NZZ 20.3.01

Novalis

Frankfurter Anthologie der FAZ am 24.3.: Ludwig Harig über Novalis; Alle Menschen seh ich leben – Auf der gleichen Seite schreibt Lothar Müller zum 200. Todestag (Novalis als romantischer Enzyklopädist) Außerdem eine Besprechung des Astralis-Buches von Sophie Vietor (über einen sensationellen Handschriftenfund aus dem Nachlaß von Stefan Zweig) – In der NZZ schreibt Karl Heinz Bohrer und in der Süddeutschen Harro Zimmermann über den Dichter.

Reservat Poesie

Betreten erbeten. Heute ist UNESCO Welttag der Poesie.

Die Aufmerksamkeit richtet sich damit auf eine schützenswerte, weil aussterbende Gattung. Statt die Poesie jedoch als «Essenz der Kultur» heilig zu sprechen, bringen verschiedene Projekte sie im täglichen Leben wieder zur Geltung.
Zum UNESCO Welttag der Poesie muss man sich wohl auf das Verschwinden dieser Literaturgattung gefasst machen. Der nächste Schritt wird sein, sie zum Weltkulturerbe zu ernennen: Ankor Wat, Quedlinburg, Gizeh, Poesie. Man erinnert sich an Erzählungen der Großeltern, die etwas von Birnen im Havelland murmelten, und staunt über staatlich geschützte und alimentierte Dichter, die in mutigen Städten als Stadtschreiber hausen. Nicht füttern, warnt ein Hinweisschild – wenn doch, dann höchstens mit ein wenig Käse und Rotwein. / Netzeitung 21.3.01

Über die Exilgedichte des chinesischen Lyrikers Bei Dao schreibt die Süddeutsche am 21.3.

Janz und Anders

Die Literaturzeitschrift „Wiecker Bote“ stellt ihre Autoren Angelika Janz und Richard Anders während der Leipziger Frühjahrsmesse im Gohliser Schlößchen vor. Angelika Janz liest aus dem in Vorbereitung befindlichen Lyrikband „Unter Strom im Frühlicht“. Richard Anders liest Gedichte und poetologische Texte unter dem nicht zufällig an André Breton erinnernden Titel „Wolkenlesen“.

Donnerstag, 22.3., 20.00 Uhr  Gohliser Schlößchen, Leipzig
Angelika Janz, geboren 1952 in Düsseldorf, lebt jetzt in Aschersleben (Vorpommern). Sie ist Autorin (Lyrik und Prosa) und bildende Künstlerin mit zahlreichen Ausstellungen. Ein bevorzugter Aufenthaltsort liegt für sie zwischen den Stühlen: sei es im Grenzbereich der Künste (visuelle Poesie, Bild-Text-Arbeiten, Fragmenttexte, Performance, Hörspiel) , sei es im Spannungsfeld zwischen ihrer West- (Rheinland) und Ost-Heimat (Vorpommern). Sie arbeitet im Landkreis Ucker-Randow seit Jahren an sozialen und kulturpolitischen Aufgaben und verarbeitet ihre west-östlichen Wahrnehmungen in Gedichten und Prosa (Barackenleben, Die Implodierten).

Richard Anders, geboren 1928 in Ortelsburg (Ostpreußen), lebt in Berlin. Prägend für sein literarisches Schaffen wurden – nach erster Bekanntschaft mit surrealistischer Literatur und Kunst in den 40er Jahren – Begegnungen mit Hans Henny Jahnn (50er Jahre) und André Bretons Surrealistenkreis (60er Jahre). 1998 erhielt er als erster Preisträger den Greifswalder Wolfgang-Koeppen-Preis. Er schreibt Gedichte, Prosa (autobiographischer Roman, Kurzprosa), Essays für Zeitschriften und Rundfunk und übersetzt aus dem Englischen und Französischen.  In der Edition des Wiecker Boten erscheint: Wolkenlesen. Essays und Rezensionen über Surrealismus und hypnagoge Bilder.

Offene Ränder

Ingrid Fichtners Gedichte wehen von irgendwo her. Und einen Schlusspunkt setzen sie selten.

Wie so oft in der Sparte Lyrik, gilt es ein Bändchen anzuzeigen, dessen äussere Eigenschaft das Adjektiv schmal bezeichnet. Im vorliegenden Fall handelt es sich nicht nur um ein schmales, sondern zugleich auch um ein schönes Buch: Das Atelier Bodoni in Frauenfeld hat Ingrid Fichtners „Das Wahnsinnige am Binden der Schuhe“ im Handpressendruck produziert. Die individuelle Gestaltung gibt auch den unscheinbaren unter den Gedichten einen Rahmen, in dem sie sich entfalten können. Denn Platz braucht diese Lyrik – bedingt durch ihr hervorstechendstes Merkmal, offene Ränder zu haben. / Philipp Gut , Tages Anzeiger 21.3.01

haariges bein so sehr behaart

Ulrike Draesners reicher Gedichtband „für die nacht geheuerte zellen“

Die Poetisierung des Banalen, besser: die Befreiung des Poetischen aus dem Banalen gelingt Draesner mit Leichtigkeit und Genauigkeit, eben mit „exakter Fantasie“. Die epilierten Haare verwandeln sich zu Hieroglyphen der Natur; man erinnert sich an Büchners Woyzeck, der die Pilzringe auf dem Feld zu verstehen versucht: „Wer das lesen könnte.“

Am erstaunlichsten an diesem Gedichtband ist wohl die Variierungsfähigkeit Draesners. Die düstere Tom-Waits-Großstadt-Ballade findet sich wie das nachdenkliche Landschaftsgedicht, Lyrik über die Eltern wie ein „fußballgedicht“, Neun-Zeiler wie Vier-Seiter, Witz wie Wut, Durchgeistigtes neben Leiblichkeit. / FR 21.3.01 Rolf-Bernhard Essig

Türschild

TÜRSCHILD

Vorsicht, bissige Stille, was knarrt
sind nur ein paar verzogene Jahresringe,
die Königssuite einer Bruchbude ist hier,
und jeder Tag hat vierundzwanzig Überstunden.

Türschild ist ein im Dezember 2000 entstandenes, bislang unveröffentlichtes Gedicht des 1960 geborenen Walle Sayer, der so überhaupt nicht in die Schablonen bundesrepublikanischer Wirklichkeiten passt. Wohl deswegen sind ihm bereits eine ganze Reihe literarischer Preise verliehen worden, denn die saturierten Niemandslandwohlstandsbildungspolitiker mögen es, wenn statt ihrer der eine oder andere ein wenig aus der Reihe tanzt: alter ego? Wer weiß… / Theo Breuer, Titel , Magazin für Literatur, Film und Crossover

2001 Mrz

Konflikte zwischen Christentum und indigenen Religionen

In der Weltkultur hat sich Afrika im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts langsam, aber sicher seinen Platz erobert. Nun sind es die Afrikaner selbst, die auf Grund religiöser Differenzen die einheimischen Werte torpedieren und zerstören. Der nigerianische Lyriker und Journalist Obi Nwakanma berichtet aus eigener Erfahrung
Eine neue Furie ist in Afrika am Werk: ein religiöser Fundamentalismus, der sich aus Armutund Verelendung, aus der Bedrohung durch Gewalt und tödliche Krankheiten – Aids, Ebola,Tuberkulose – nährt. In ihrer Verzweiflung stürzen sich die Menschen in extreme Glaubensformen, die sie im Extrem leben – um den Preis, die eigene Vergangenheit auszulöschen. Wenn ich heute mein Heimatdorf besuche, verspüre ich eine Art Fremdheit, eine Leere, einen kalten und unfreundlichen Lufthauch – als hätten unsere Vorfahren tatsächlich ihre heiligen Stätten verlassen, und uns damit. /NZZ 20.3.01


„Das große deutsche Gedichtbuch “ .

Conradys Gedicht-Sammlung ist Band des Jahres
Weßling (rpo). Der Kölner Germanistikprofessor und Herausgeber Karl Otto Conrady hat das Gedichtband des Jahres 2001 geschrieben. Die Sammlung „Das große deutsche Gedichtbuch“ist der Gedichtband des Jahres.
Die Redaktion „Das Gedicht“ hatte im Zeitraum von Herbst 1999 bis Frühjahr 2001 rund 600 Neuerscheinungen im Bereich der deutschsprachigen Gegenwartsdichtung ausgewertet, teilte der in Weßling bei München beheimatete Herausgeber Anton G. Leitner am Montag mit.
„Der Neue Conrady“ versammelt mehr als 2000 Gedichte aus über 1000 Jahren, vom berühmten „Wessobrunner Gebet“ bis hin zum Liebesgedicht „Kleine Einladung“ des 1974 geborenen Slam-Poeten
Bastian Böttcher. Die im Düsseldorfer Artemis & Winkler Verlag erschienene Anthologie (1307 Seiten, DM 78,–) lädt nach Meinung der Lyrik-Experten zu einer „poetischen Zeitreise ein und vermittelt einen plastischen Eindruck vom nahezu unermesslichen Formen- und Perspektivenreichtum unserer Lyrik“./ Neuß-Grevenbroicher Zeitung 19.3.01

Neu aufgenommen sind u.a. Ch. W. Aigner, Wilhelm Bartsch, Marcel Beyer, Thomas Böhme, Zehra Cirak, F.J. Czernin, Roza Domascyna, Anne Duden, Jan Faktor, Franzobel, F. Ph. Ingold, Kito Lorenc, Heiner Müller, Said, Werner Söllner, Peter Waterhouse, Unica Zürn.


Drei Stunden Lyrik im ZDF

Eine „Lange Nacht der Poesie“ mit Volker Panzer und Gaesten
Mainz (ots) – Aus Anlass des UNESCO Welttages der Poesie gibt es am Mittwoch, 21. März 2001, von 0.00 bis 2.30 Uhr ein ZDF-„nachtstudio“ der besonderen Art: „Die Stimme kommt zum Text“ heißt es dann bei Volker Panzer und seinen Gästen, die gemeinsam die „lange Nacht der Poesie“ bestreiten.  Die Veranstaltung, Lyrik-Lesungen, Performances und Diskussionen über Poesie, zeichnet das ZDF bereits am Samstag, 17. März 2001, ab 20.00 Uhr im glasbedeckten Atrium im Hauptstadtstudio Unter den Linden vor Publikum auf. Zu Gast sind Lautpoeten, experimentelle Dichter, Wortkünstler und Slamer aus Deutschland, der Schweiz, den USA, Holland und dem Irak: Oskar Pastior (Deutschland), Adolf Endler (Deutschland), Gerhard Rühm (Deutschland), Monika Lichtenfeld (Deutschland), Christian Uetz (Schweiz), Michael Lentz (Deutschland), Sapphire (USA), Uwe Kolbe (Deutschland), Amal Al-Juburi (Irak), Jan Off (Deutschland), Serge van Duijnhoven (Holland), Valerie Scherstjanoi (Deutschland), Hilde Kappes (Deutschland),  Die modernen Formen der Lyrik haben sich geweitet und geben nicht nur Raum für Worte und Laute, sondern auch für körperbetonte Ausdrucksweisen. Über die theoretischen Hintergründe dieser Entwicklung und die Auswirkungen für die Lyrik in der Zukunft diskutiert Volker Panzer mit Michael Lentz (Lyriker), Oskar Pastior (Lyriker), Thomas Wohlfahrt (Leiter der LiteraturWERKstatt Berlin), Claudia Schmölders (Kulturwissenschaftlerin, Humboldt Universität, Berlin) und Reinhart Meyer-Kalkus (Literaturwissenschaftler, Wissenschaftskolleg Berlin).  „Die lange Nacht der Poesie“ ist – wie schon im Vorjahr – eine Gemeinschaftsveranstaltung von ZDF, DeutschlandRadio Berlin und der LiteraturWERKstatt Berlin.


„Celan“,

Peter Ruzickas erste Oper. Die Zwei-Stunden-Oper, die am nächsten Sonntag an der Semperoper in Dresden uraufgeführt wird, ist Abschluss und Krönung von Ruzickas rund 30-jähriger intensiver Auseinandersetzung mit Celans verstörender Poesie. Qualvoll suchte dieser Heimatlose, der sich 1970 in Paris das Leben nahm, Halt in der Sprache, Poesie für das Unfassbare, Unvergessbare des Holocaust. Peter Ruzicka war 20, als er nach Tönen für die „Todesfuge“ tastete. Wenig später traf er den zermürbten Dichter in Paris. „Damals war ich sehr jung, ein Parsifal, und Celan schien mit seinen Gedanken schon in einer anderen Welt. Doch das wortlos-wortreiche Gespräch, das wir führten, hat mein Leben geprägt.“ / Die Welt 18.3.01


Neue Publikationen über und von Paul Celan

bespricht Christiane Zintzen:
Paul Celan zwischen Trauerarbeit, Infamie und Idolatrie: Aus Distanz betrachtet, erweist sich die Rezeption seines Werkes als Spiegelbild der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Seit immer mehr Privates öffentlich wird, ist das Interesse am Dichter neu erwacht. Eine kürzlich erschienene Dokumentation zeigt die ganze Niedertracht der «Goll-Affäre» auf, während sich mit Jean Bollack und Otto Pöggeler wieder einmal zwei Exegeten einen Kampf um die «wahre» Interpretation liefern.
Und konstatiert: Celans Dunkel leuchtet auch weiter – trotz oder gerade wegen der Fackelträger seiner Erhellung. / NZZ 17.3.01
Mehr Celan
1 / 2 /


„Die Verse sind so schön

wie einfach wie schrecklich. Nirgends sonst hat Storm, als Lyriker häufig sentimental und konventionell, die Konventionen lyrischer Rede vom Tod so radikal durchbrochen – mit sprachlich konventionellen Mitteln. Mancher lyrische Bastler und Neutöner muss davor erblassen.
Storms Gedicht, das Gedicht eines Hypochonders und Melancholikers, ist 1864 ohne markanten biographischen Anlass entstanden und 1868 veröffentlicht worden. Das sagt nicht, dieses Gedicht sei kein Erlebnisgedicht. Auch der hypochondrisch imaginierte Tod kann erlebt werden. 1888, zwanzig Jahre später, ist Storm an Magenkrebs gestorben.“ / Gerhard Kaiser, NZZ 17.3.01


Wenn wir nun die Meßlatte von Adonis´ Dichtung und ihres – an Hölderlin und Heidegger geschulten – Selbstverständnisses an die dürftige Zeit … anlegen, so äußert sich deren Armut und Armseligkeit ebendarin, daß Pathos und Vision unglaubwürdig, ja verächtlich geworden sind. (Schreibt Stefan Weidner über den syrischen Dichter. / FAZ 17.3.01


Osterglocken (Golden daffodils):

„When Wordsworth wrote his poem , most daffodils weren’t golden ? they were a very pale straw yellow, nearly white ? and many had a red rim round the cup in the middle,“ she says.
„The most prolific was called the Lent Lily ? Narcissus pseudo narcissus ? and it grew wild. We have always assumed this was the one Wordsworth saw. These days, growers will tell you they don’t bother with them because they don’t live long in a vase, are papery and floppy and they don’t sell.“
But the poem may be responsible for the choices daffodil breeders have made since it was written, because it became so well-known so quickly it affected the way people thought daffodils should look. / The
Independent 3.3.01


In der Frankfurter Anthologe vom 17.3. erinnert Marcel Reich-Ranicki daran, daß er vor 40 JahrenTucholsky nachdrücklich gelobt hat und gesteht ein mögliches Fehlurteil. (Also auch darin unschlagbar, Donnerwetter) FAZ 17.3. – Reinhard Lauer bespricht: Thun, Nyota: „Ich – so groß und so überflüssig.“ Wladimir Majakowski – Leben und Werk. Grupello Verlag, Düsseldorf 2000


Ein wenig versteckt – auf den Berliner Seiten der FAZ – berichtet Annett Gröschner von ihrer Zeit bei der Prenzlauer-Berg-Zeitschrift Sklaven resp. Slavenaufstand (die inzwischen zum Gegner geworden ist, siehe Zeitschriftenschau ). / FAZ 17.3.01


Das neue Gedicht: Peter M. Gräf über ein Gedicht des irakischen Lyrikers Sargon Boulus / Die Welt 17.3.01


Der paradigmatische Text hierfür sind einige berühmte Verse vom Schluss der Achten Pythischen Ode: „Eintagswesen! Was ist wer, was ist wer nicht? Eines Schattens Traum / ist der Mensch. Doch wenn Glanz, von Gott gegeben, sich einstellt, / dann ist strahlendes Licht bei den Männern, und lieblich ihre Lebenszeit.“ Was Wunder also, dass kein Gedicht so häufig erwähnt wird wie dieses – die Antithese zwingt griechischen Pessimismus und griechische Hoffnung auf engsten Raum zusammen.
Pindar. Menschenlos und Wende der Zeit. Verlag C.H. Beck, München 2000. XVIII und 1 094 S., 98 Mark. / Berliner Zeitung 17.3.01


Netzeitung-Antholigie: Jürgen Theobaldy, Ein Orakel in der Nähe / NZ 17.3.01


In der Süddeutschen vergleicht Alexander Menden die Bahandlung des Schweins in deutscher und englischer Dichtung (Töten, töten. Dichter können das Schweineschlachten auch feiern) / SZ vom 17.03.2001


Der Mond als „gelber Spötter“,

Libellen als „blaue Nadeln der Luft“ und der Bergmann ein   „Metzger am Bullen Fels“: Solche Metaphern kann man nur bei Johannes Kühn entdecken · in   seinem jüngstem Lyrikband „Mit den Raben am Tisch“, der eine Summe seines bisherigen   Schaffens zieht: In elf Abteilungen enthält er 180 Gedichte, die meisten eine Auswahl aus den   13 bisher publizierten Gedichtbänden, darunter aber auch 46 neue, bislang noch nicht in   Buchform publizierte Gedichte. Zu ihr gehören unter anderem Naturbilder,   Tageszeitimpressionen, Tierbetrachtungen und Beobachtungen von Menschen im Alltag,   Exzerpte des Gasthaus-Zyklus oder Eindrücke aus der Arbeitswelt. …
Nachdem die Resonanz auf seine frühen Gedichte ausblieb (dem ersten Gedichtband von 1955 folgte erst   1970 ein zweiter), resignierte Kühn, zog sich zurück und verstummte ab 1980 völlig. Dass es dabei nicht blieb,   hat man der Initiative und Rührigkeit seiner engen Freunde Benno und Irmgard Rech zu verdanken, die ihm den   Weg zum „Nachruhm zu Lebzeiten“ ebneten, indem sie seine Gedichte auf dem Speicher in gestapelten   Kartons aufstöberten, sichteten und zur Edition auswählten. Mit dem neuen Buch liegt im Hanser Verlag nun   bereits der fünfte Kühn-Titel vor · und weitere werden folgen
Johannes Kühn:
Mit den Raben am Tisch. Ausgewählte und neue Gedichte, Carl Hanser Verlag München, 208 Seiten, 28 Mark. Johannes Kühn liest Gedichte und ein Märchen, Gollenstein Hörbuch 2000, CD, 70 Minuten, 24 Mark. / Walter Buckl,  Donaukurier 16.3.01


Die Sterndeuter (7)

Was alt ist, ist neu Lyrikerin Inger Christensen über Zweifel an der Dichtung
Ich bin keine Sterndeuterin, ich bin eher eine Handwerkerin. Die Dichtung ist ja auch nur eine Stimme unter den vielen Stimmen der Welt. Und sie ist auch kein Medium, das besonders geeignet ist, auf Probleme aufmerksam zu machen. Aber man kann ja hoffen, dass Dichtung vielleicht ein Gesamtgefühl der Zustände erfahrbar machen kann. Dann und wann hat man den Eindruck, dass aus den vielen Punkten der Vergangenheit, aus den vielen Schichten des Lebens heraus etwas ausgedrückt werden kann, wovon man kaum etwas weiß. Ich glaube vor allem, dass man gerade deswegen schreibt, weil die Unlesbarkeit der Welt vorhanden bleibt. Man schreibt weiter. Während des Schreibens denkt man, dass man etwas entdeckt hat, man denkt, alles wird klar werden. Aber eigentlich ist es ja so, dass man nur schreibt, weil man weiß, dass alles unlesbar ist und bleibt. Man liest die Welt, um weiter zu lesen, und dabei bleibt immer dieser Rest. Über die Zukunft der Menschheit dagegen lässt sich überhaupt nichts sagen. Aber in jedem Moment gibt es eine Konstellation von Gedanken und Ausdrücken, die den Einzelnen auf die Spur von etwas bringen kann, das der Zukunft eine Form gibt. SZ vom 15.03.2001 Münchner Kultur


Literarischer März 2001

Anja Utler und Silke Scheuermann sind, 1973 geboren, die jüngsten Teilnehmerinnen, Mirko Bonné, Jahrgang 1965, der älteste. Außerdem werden Thomas Heinold, Thomas Klees, Maik Lippert, Hendrik Rost, Sabine Scho, Volker Sielaff und Jan Wagner zum öffentlichen Wettbewerb nach Darmstadt eingeladen. Am 23. und 24. März lesen sie ihre Gedichte in der Centralstation, wo die Veranstaltung zum ersten Mal ausgetragen wird; „eine publikumsfreundliche Ortswahl“, hofft Peter Benz. Der Raum wechselt, der Ablauf bleibt. Zur Eröffnung am Freitag (23.) um 17 Uhr wird der Lyriker Thomas Kling als Ehrengast gewürdigt, der Kritiker Hubert Winkels wird eine Laudatio auf den Dichter halten. Danach lesen die Kandidaten in einer Reihenfolge, die durchs Los bestimmt wird. Im Anschluss an jeden der Auftritte diskutiert die Jury öffentlich. Die Entscheidung darüber, wer am Samstagabend die 15 000 Mark des Leonce-und-Lena-Preises erhält und welche Autoren sich die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise (insgesamt ebenfalls 15 000 Mark) teilen, fällt in nichtöffentlicher Sitzung. Wieder hat Wilfried F. Schoeller die Leitung der Jury und die Moderation der Veranstaltung übernommen. Der Jury gehören die früheren Preisträger Dieter M. Gräf und Raoul Schrott an, außerdem die Kritikerin Sibylle Cramer, der Lyriker und Herausgeber Anton G. Leitner sowie die Übersetzerin und Lyrikerin Ilma Rakusa./ Darmstädter Echo 15.3.01


Die kubanische Dichterin

Rafaela Chacon Nardi ist in Havanna im Alter von 75 Jahren gestorben. Ihr erster Gedichtband war 1948 unter dem Titel «Viaje al sueño» (Reise zum Traum) erschienen. Ihre Werke wurden ins Englische, Französische und Russische übersetzt. (sda) Neue Zürcher Zeitung, Ressort Feuilleton, 14. März 2001

Kito Lorenc schreibt im Widerschein des Sorbischen

Spricht man von sorbischer Literatur, so fällt der Name Kito Lorenc. Er ist ihr Hirn und, was er ungern zeigt, ihr Herz. «Man kann die Heimat gar nicht zu viel lieben» heisst ein Poem voller mokanter Reimereien. Es steht im schattig blauen handgehefteten Auswahlband «An einem schönbemalten Sonntag. Gedichte zu Gedichten» und zählt auf, was es an dieser Heimat so alles zu lieben gibt, «den Lurch in der Furch», den «Laich in ihrem Teich», «den sauren Regen . . . ohne zu überlegen», daneben «beim Heimspiel ins Reimziel» sogar «ihre Fussballelfen . . . um fünf vor zwölfen»

Kito Lorenc: An einem schönbemalten Sonntag. Gedichte zu Gedichten. Mit einem Nachwort von Christian Prunitsch und Original-Holzschnitten von Christian Thanhäuser. Edition Thanhäuser, A-4100 Ottensheim 2000. 54 S., Fr. 90.-.

/ Beatrice von Matt  NZZ 20.3.01